Theatertipps: Theater Chemnitz

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DIE WALKÜRE

23.2.2020 |Das Theater Chemnitz hat alle vier Teile von Wagners "Der Ring des Nibelungen" im Repertoire. Die Premiere der "Walküre" war anno 2018; der erste Tag des Bühnenfestspiels wurde jetzt wiederaufgenommen. Die 'Besonderheit' aller vier Inszenierungen ist es, verschiedene Teams einzusetzen; dazu sollte das Werk aus 'weiblicher' Sicht gezeigt werden, also durch die Arbeit von Regisseurinnen.

Monique Wagemakers hat für die Inszenierung der 'Walküre' ein exzellentes Ausstattungsteam mit internationaler Erfahrung gewonnen; Claudia Weinhart erarbeitete für die Drehbühne ein wirkungsvolles und wunderbar bespielbares Bühnenbild und Erika Landertinger entwarf phantastisch realistische Kostüme. Die gemeinsame Arbeit war, eine phantasievolle Sicht des Geschehens in einem wunderschönen Raum zu zeigen, ohne sich durch eine realistische Erzählweise festzulegen.

Die Bühne besteht aus hölzernen Säulengängen, die durch Drehung immer neue beeindruckende Bilder schaffen. Ein schwarzer Portal-Gazevorhang öffnet sich je nach Bedarf ganz oder nur teilweise. Das ermöglicht auch eine geschickte optische Trennung der Handelnden.
Wenige feste Bühnenteile -wie ein kleiner Felsen, Bänke- ergänzen die Optik, um den Raum als Spielfläche zu nutzen.
Die Personenführung hält sich sehr genau an die Situationen und die präzise Darstellung der Handelnden ermöglicht eine spannende Erzählung. Da wurde für das Auge viel geboten.

Der Verzicht auf eine realistische Erzählweise bedeutete auch auf den Verzicht der vorgeschriebenen Requisiten wie Schwert und Speer; dazu hätten durchaus Becher und Teller zur Nahrungsaufnahme im 1.Akt wegfallen können.

Das Feuer auf dem Walküren-Felsen wurde mit dem Gaze-Vorhang gezeigt, der vom Portal zum Hintergrund als Dach hoch gezogen wurde und so einen neuen Blick auf den nur blau geleuchteten Raum bot.
Die hervorragende Lichtgestaltung von Mathias Klemm war auch hier wie in allen Szenen fester Bestandteil, um einen großen phantastischen Raum für das Geschehen zu zeigen.

Die Robert-Schumann-Philharmonie unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo folgte präzise dem Dirigat; die fast schon üblichen Patzer der Bläser waren schnell verziehen. Dafür wurde eine schöne Interpretation der Partitur erspielt, die dem Hörer scheinbar 'neue' Erfahrungen bot. Die Tempo-Gestaltung bot nicht nur einen grandiosen Klangraum, sondern gab auch den Sängern Gelegenheit, optimal ihre Rolle zu präsentieren.

Victor Antipenko als Siegmund lies mit seinem großen, sicher geführten schönen Tenor aufhorchen. Man hatte bei seinen lang anhaltenden Wälse-Rufen den Eindruck, daß der 1.Akt fünf Minuten länger dauern wird; aber wer kann, der darf und macht. Ihm zur Seite als Sieglinde war Nadja Stefanoff mit ihrem großen Sopran eine adäquate Partnerin, die sowohl in den tiefen Lagen aber auch bei den 'hehren Wundern' ihre Stimme strahlend erglühen lassen konnte.
Magnus Piontek mit großer schwarzer Stimme war als Gegenspieler ein idealer Hunding.

Der Eindruck zu Beginn des 2.Aktes mit Brünnhilde und Wotan war sensationell und blieb bis zum Ende der Aufführung erhalten. Mit Iordanka Derilova und Aris Argiris standen zwei Sänger auf der Bühne, die Tochter und Gott-Vater optimal verkörperten.
Iordanka Derilova hat einen sicher geführten Sopran mit grundierter Mittellage, für die auch die tiefen Stellen kein Problem waren. Die strahlende Höhe wird von ihr perfekt erreicht. Dazu kommt ihre genaue, sensible Darstellung, die ein Geschenk für jeden Partner auf der Bühne ist.

Aris Argiris bot mit seinem kultiviert geführten Bariton einen Wotan, bei dem man aus dem Staunen nicht heraus kam. Sowohl seine kräftigen Höhen, als auch die tiefen Lagen während seiner Erzählung im 2.Akt erklangen wunderschön. Die Walkürenszene, das Gespräch mit Brünnhilde und sein Abschied von ihr im 3.Akt wurden dank seines weich geführten Baritons zu einem Ereignis.

Monika Bohinec als Fricka komplettierte den starken Eindruck des 2.Aktes. Ihre große, eindrucksvolle Mezzo-Stimme unterstützte ihr genaues Spiel einer um ihre Ehre kämpfende Ehefrau im Streitgespräch mit Wotan.

Selten habe ich die acht Walküren so optimal besetzt erleben können. Von Gerhilde (Lena Kutzner) bis Schwertleite (Nora Steuerwald) erklangen acht große Stimmen und boten ein Klangereignis der Extraklasse. Dazu wurde eine lebhafte Personenführung geboten, die keine toten Helden benötigte und jede Statik vermied. Nach diesem grandiosen Auftritt kamen aber noch Brünnhilde und Wotan zu ihrer großen Szene.

Die Zuschauer im Chemnitzer Opernhaus zeigten sich zu Recht begeistert. Denn es hatte Gelegenheit, eine optisch beeindruckende Bühnen-Erzählung mit herausragenden Sängern und dem Chemnitzer Orchester zu bewundern.


GÖTTERDÄMMERUNG

26.1.2019 | In Chemnitz ist der komplette Ring des Nibelungen entstanden. Mit vier verschiedenen Teams für Regie und Ausstattung bot die Theaterleitung unterschiedliche Ansätze für die Aufführung. Guillermo Garcia Calvo sorgte mit der Robert-Schumann-Philharmonie für eine musikalische Klammer von Wagners Tetralogie mit drei Tagen und einem Vorabend.

Mit dem Aufführungs-Team der 'Götterdämmerung' hat die Chemnitzer Theaterleitung einen Coup gelandet. Elisabeth Stöppler war für die Inszenierung verantwortlich. Ihr zur Seite standen Annika Haller (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme). In der letzten Zeit habe ich nicht eine so interessante und optische reizvolle Aufführung erlebt.
Der Walkürenfelsen war ein Berg aus Eis; das Feuer ringsum konnte der Kälte kaum etwas entgegensetzen. Die Gibichungen wohnen in einem noblen holzgetäfelten Haus. Nur Oberfenster lassen Licht herein; ein großes Rolltor verschließt den Weg in die Außenwelt.
Erst im dritten Akt dreht sich das Haus und offenbart Details die grausamen Realität draußen. Für das Wasser des Rheins gab es nur noch schmierige Leitungen und Plastikbehälter, mit denen sich auch die Rheintöchter begnügen müssen. Walhall beherbergt die gefallenen Helden in düsteren Kammern; kein Grund für niemanden, dorthin zu gelangen.
Während die Gibichungen sich gepflegt und schick im Innern mit Eisbärenfell und gut sortierter Bar bewegen können, sind für Außen Wetterjacken und Felle angesagt. Der Gag, einmal über den Kopf des Eisbärenfells zu stolpern, konnte sich die Regisseurin nicht verkneifen.
Die Kluft der Walküren besteht aus Lederwams und -kappe.

Die Personenführung von Elisabeth Stöppler ist genau und animiert die Personen der Handlung zu spannendem Spiel. Siegfried wird süchtig nach seinem Vergessenstrank und muß ihn sich immer wieder einflössen. Das wird ihm zum Verhängnis, als Hagen ihn daran hindert, bei seiner Erinnerungserzählung davon zu nehmen. Das wird zu einer grandiosen Leistung von Daniel Kirch als Siegfried, der grundsätzlich sehr differenziert die Situationen durch sein Spiel erklärt.
Brünnhildes Wechsel von der Liebenden zur Rachegöttin wird durch das Spiel von Stéphanie Müther ebenso deutlich. Gutrune (Cornelila Ptassek) muß sich von ihr das Fehlverhalten Siegfrieds erklären lassen. Den toten Siegfried bereitet Brünnhilde auf den Weg zu den toten Helden Wallhalls mit einer Körperreinigung vor. Hierzu ist sie sich wieder zur Walküre geworden. NIcht mehr im Gewand einer Ehefrau, sondern in Lederkluft der Walküren beendet sie ihr Werk.
Es schneit pausenlos in ihrer großen Finalszene. Ausgestattet mit einem Benzinkanister resümiert sie das Geschehen. Doch verzichtet sie auf den Weltenbrand. Zusammen mit Frauen der Handlung gibt sie ein Zeichen, wer die Zukunft besser gestaltet; auch Gutrune und Brünnhildes Mutter gehören dazu.

Stéphanie Müther gestaltet auch musikalisch die Brünnhilde einfach großartig. Sie besitzt eine große Stimme, hat Glanz in der Höhe und eine satte Mittellage. Da hat man man nie Angst, das etwas fehlen könnte. Daniel Kirch ist ein jugendlicher Siegfried. Zu den strahlenden Tenorhöhen kommen auch bei ihm die baritonal gehaltenen Lagen.
Dazu kommt, das beide durch Gesang und Spiel optimal ihre Figuren gestalten. Was will man da noch mehr.

Das Publikum verabschiedete mit besonders starkem Applaus alle Mitwirkenden.


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