Theatertipps: Deutsche Oper Am Rhein

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SIEGFRIED

4-18 | Im Düsseldorfer Opernhaus geht es spannend und musikalisch hochwertig weiter mit der Ring-Inszenierung von Dietrich Hilsdorf. Dieter Richter baut hinter seinem Varieté-Bühnenportal eine modernd rostig wirkende Industriearchitektur mit all den Accessiores, die man im ersten Akt so zum Schmieden und Kochen benötigt. Im zweiten Akt dominiert im Hintergrund das Tor von Fafners Heim. Auf Schienen, die bis zum Portal reichen dampft dann eine riesig bedrohlich wirkende Lokomotive als 'Drache' nach vorne, in der sich der Riese verbirgt. Natur hat in diesem Raum nicht die Chance, sich auszubreiten. Zu Beginn des dritten Aktes ahnt man nur Brünnhildes Felsen durch eine geöffnete Tür. Der eiserne Vorhang des Hauses bildet den Hintergrund für Wotans Gespräch mit Erda und seinem Enkel. Ein schmales Sofa bietet eine Sitzgelegenheit, auf der sich später Mutter und Tochter kurz begegnen. Der Walkürenfelsen wird duch den abgestürzten Hubschrauber dominiert, in dem Brünnhilde auf ihre Erweckung wartet.

Die Inszenierung von Dietrich Hilsdorf ist erstaunlich unspektakulär. Sie besticht durch genaue Personenführung. Mime sieht sich auf alten VHS-Video-Aufnahmen Szenen von Früher an; der Kenner erkennt diese aus der 'Rheingold-Inszenierung' des Rheinoper Hauses. Der Waldvogel bleibt unsichtbar, sieht man von einem ausgestopften Tier ab, das schnell in einer Manteltasche verschwindet. Da muß die Regie auch nicht mehr viel dazu entwickeln, wenn die Dampflok als Drache speit; das wirkt.
Der opulente Hubschrauber wirkt für die ganze Siegfried-Brünnhilde Szene. Da kann die Regie sehr zurückhaltend die Entwicklung der Szene erarbeiten. Besonders hier helfen dem Regisseur die wallenden Kostüme von Renate Schmitzer; gilt es doch die großen Figuren der Sänger zu führen.

Familiäre Beziehungen stehen in der Geschichte um Siegfried im Mittelpunkt. Der eine will mehr über seine wirklichen Eltern wissen, der andere besteht auf seine Ersatzfunktion. Opa Wanderer sucht das Gespräch mit seinem Enkel, der zur Liebesbeziehung mit seiner Tante loszieht.
Da bietet es sich für den Regisseur an, daß auch Mutter Erda direkten Kontakt zu ihrer Tochter Brünnhilde hat. Nach dem Gespräch mit dem Vater ihrer Tochter verbleibt Erda lange Zeit in einem großen Tuch verhüllt auf der kleinen Bank sitzen. Als sich im späteren Gespräch mit Siegfried Brünnhilde auf diese Bank setzt, ergibt sich ein kurzer Blickkontakt zwischen Mutter und Tochter, ehe Erda die Szene träumerisch verläßt.

Axel Kober leitet wieder die Düsseldorfer Symphoniker zurückhaltend und dramatisch und läßt die Wagner-Partitur klar differenziert aufblühen. Hörbare Probleme bei den Bläsern sind ja nun international vorhanden; hier halten sie sich durchaus in Grenzen.

Michael Weinius gibt sein Debüt als Siegfried. Seine große kräftige Gestalt hilft ihm, diese Partie meist sicher mit schönem Tenorglanz zu füllen. Man hat selten das Gefühl, daß er seine Stimm-Kraft zurückhält oder diese ihre Grenzen erreicht. Leichte, lyrische und dramatische Momente werden von ihm in eine sichere, meist textverständliche Darstellung umgesetzt. Dabei helfen ihm Regie und Orchester.

Seine Partnerin im dritten Akt ist ihm auch optisch ebenbürtig. Mit großem warmen Sopran, der Tiefe und Mittellage voll ausfüllt, gelingt es Linda Watson, daß die Erweckungsszene musikalisch ein Genuß wird, selbst wenn wenige Spitzentöne nur anklingen. Zurückhaltend wird szenisch das Zusammentreffen der beiden gezeigt.

Die Nibelungen Alberich und Mime sind ein weiterer Höhepunkt dieser Neuinszenierung. Cornel Frey als Mime agiert und singt textverständlich phänomenal, hat er vor allem im ersten Akt genug mit seinen Partnern in seiner Industriehütte zu tun. Sein Körper wird nach seinem Bühnentod als Warnung vor Fafners Höhle an einem Seilhaken hoch aufgehängt.
Jürgen Linn ist ein lauernder Alberich, der seine schneidende Stimme stimmgewaltig einsetzt und so das Gespräch mit seinen Gegenspielern, seinem Bruder und dem Wanderer vor Ort, dominiert. Wenn man ihm zuhört, fallen dem Zuschauer sofort berühmte Kollegen ein.

Simon Neal ist wieder Wotan, der als Wanderer die Welt mit einem Fahrrad durchstreift und gelassen beobachtet, wie sich die Akteure in der auch von ihm verschuldeten Situation verhalten. Seinen hohen, wohlklingenden Bass-Bariton kann er immer textverständlich einsetzen. Die Szene mit Erda und Siegfried wird so zu einem musikalischen Genuß. Ist er in Aktion, dominiert er sie Szene.

Susan Maclean gestaltet die tiefe Altpartie der Erda sehr eindrucksvoll, in der neben einer satten Tiefe auch eine dramatische Höhe erwartet wird. Da sie in der Rheinoper auch als 3.Norn geplant wird, kann man jetzt schon gespannt sein auf diese hochdramatische Partie.

Elena Sancho Pereg kann ihren leichten Sopran für den Waldvogel textverständlich aus dem 'off' erstrahlen lassen. Thorsten Grümbels tiefer Bass wird -wie von Wagner vorgesehen- zu Beginn technisch verstärkt, ehe er wohlklingend 'unplugged' aus dem Bauch der Lokomotive seine Warnung an Siegfried weiter geben kann.

So findet man in dieser leicht-locker wirkenden Inszenierung im Gesamtkonzept des neuen Düsseldorfer Rings eine angenehme, wohltuende Atmosphäre. Wie das ausgeht, darauf darf man in Düsseldorf gespannt sein.


DIE WALKÜRE

1-18 | Mit einer glänzenden Fortsetzung wird in Düsseldorf am Rhein an Wagners neuer Ring-Inszenierung geschmiedet. Dietrich Hilsdorf konnte diesmal auf die Erfahrungen seiner ersten Inszenierung in Essen bauen und in dem Bühnenbild von Dieter Richter seine sehr präzise Sicht auf Wagners Werk fortführen und umsetzen.
Von der Rheingold - Varieté - Bühne ist in Richters wunderschönen Ausstattung das bunte Lampen-Portal übrig geblieben. Nur beim Feuerzauber werden die Birnen bunt; ansonsten leuchten dort kalte weiße Neonröhren. Kriegsgrau mit viel Beton beherrscht den Raum, der einem Militärbunker ähnelt und sich während des Geschehens kaum ändert. Neben Hundings Herd mit echtem Feuer ist im Hintergrund eine Säule für das Schwert; vorne links befindet sich eine lange Tischtafel mit Stühlen, auf der im dritten Akt Leuchter mit echtem Kerzenschein das Bild dominieren. Durch hohe Fenster im Hintergrund sieht man später Loges Feuer. Vorne gibt es Kisten mit Waffen, an der sich auch Siegmund zu schaffen macht.

Hilsdorf genaue Personenführung fällt wieder angenehm auf. Nach den ersten Takten wird klar, daß Sieglinde und Hunding nichts gemein haben. Umso offensichtlicher für alle, wie zärtlich-freundlich sie gleich mit dem fremden Gast umgeht.
Nahezu genial ist seine Personenkonstellation zu Beginn des 2.Aktes. Die ganze Wotan-Familie sitzt gemeinsam mit einigen Walküren an der Tafel; Sieglinde ist hochschwanger. Hunding sieht seine Chance, als Fricka dazu kommt. Es entsteht Spannung, wenn bei Frickas Vorwürfen Siegmund dabei ist und er durch Wotans Erklärungen merkt, daß er nur Spielball von machtpolitischen Interessen ist.

Der dritte Akt beginnt mit einer Erinnerung ans Kino, wenn man vor dem ersten Takt des Walkürenritts Hubschraubergetöse hört. Auf der Bühne sieht man dann einen leicht defekten Hubschrauber, aus dem die toten Helden kommen. Die Personenregie bei der Walküren-Schar ist wieder meisterlich.

Linda Watson ist die Titelfigur und es ist ein Genuß, diese starke Sängerpersönlichkeit mit ihrem Erfahrungspotential für diese Rolle zu erleben. Ausgestattet mit einer satten Mittellage ist ihre Stimme immer noch nahezu ideal für die Brünnhilde. Simon Neal ist der Göttervater; seinem hellen Bariton machen auch die tiefen Stellen vor allem in der Erzählung des 2.Aktes keine Probleme. Dazu kann er die Intentionen der Regie mit differenziertem Spiel sehr gut umsetzen und den Wotan zur zentralen Figur der Handlung machen.

Corby Welch ist ein ausgezeichneter Siegmund; er setzt seine hell timbrierte Stimme immer sicher ein und gestaltet einen jungen ausgestoßenen Menschen, der durch Sieglinde wieder Hoffnung schöpft. Elisabet Strid als Sieglinde kann ihren hellen, schön timbrierten Sopran voll entfalten und ist auch optisch eine zerbrechliche Wälsungentochter.

Sami Luttinen ist ein Hunding, der sich nur durch Waffengewalt durchsetzen kann; als Sieglindes Ehemann versagt er. Seine große Bass-Stimme setzt er mit Wohlklang ein, ohne bedrohlich schwarze Tiefe erzeugen zu müssen. Renée Morloc als Fricka besticht mit durchdringend vokalen und spielerischem Einsatz mit ihrer hellen Mezzostimme; einige Ausflüge in die Tiefe waren gewöhnungsbedürftig. Das Damenoktett im dritten Akt glänzte durch Kraft und Ausgewogenheit in Klang und Spiel.

Die Düsseldorfer Symphoniker unter Axel Kober deckten die Sänger nie zu. Auch bei den langsamen Tempi folgten die Sänger sicher und die Spannung der Partitur wurde wunderbar ausgespielt.

Walküre-Interessenten haben nun die Möglichkeit, die erste und zweite Inszenierung von Dietrich Hilsdorf kennen zu lernen. Das Aalto-Theater zu Essen wird in einer durchaus hörenswerten Besetzung am 30.6.18 wieder dieses Wagnerwerk aufnehmen. Da kann man mit Sicherheit schön vergleichen. Man sollte beide Aufführungen nicht versäumen.


DAS RHEINGOLD

6-17|An der Deutschen Oper am Rhein durfte ich noch Astrid Varnay als Brünnhilde oder Hans Hopf als Siegfried erleben. Danach gab es den Horres-Ring als Koproduktion mit der Oper Köln; Gabriele Schnaut und Wolfgang Schmidt waren dabei, um nur einige Erinnerungen aufzufrischen. Aber das ging ja gar nicht, daß beide Rhein-Opernhäuser den gleichen Ring hatten. Köln hat ihn schnell durch eine neue Inszenierung ersetzt; Düsseldorf-Duisburg hat diese Produktion noch lange gehalten; leider durften allzu viele Spielleiter sich an der Inszenierung von Kurt Horres versuchen.

Dietrich Hilsdorf entwickelt nun eine Neuproduktion am Rhein für die Häuser Düsseldorf und Duisburg. In Zusammenarbeit mit seinem Bühnenbildner Dieter Richter entstand ein so genauer, lustiger, phantasievoller und spannender Vorabend zu Wagners Trilogie, daß man voller Vorfreude gespannt sein darf auf die weiteren Werke.

Die Düsseldorfer Symphoniker wurden von Axel Kober umsichtig, packend, immer auch mit musiktheatralischem Blick für die Bühne geleitet. Die üblichen Patzer fehlten so gut wie, die für mich noch neue Akustik im umgebauten ehrwürdigen Saal ermöglichte ein musikalischen Genuß, zu dem natürlich die Sänger|innen ihren Anteil hatten, denn sie wurden vom Orchesterklang kaum übertönt.

Allen voran sind Simon Neal als Wotan und Michael Kraus als Alberich zu loben. Selten habe zwei so gute Sänger-Darsteller erlebt, die den Intentionen des Regisseurs folgten, sie auch mit musikalischem Leben erfüllten. Norbert Ernst, ein international und Bayreuth erfahrener Loge, konnte auch in Düsseldorf sich in diese Reihe einordnen. Bereits vor dem es-Dur-Vorspiel des ersten Bildes zitierte er Heinrich Heine mit "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..." und betont das es mehrfach. Ein Schelm, der sich etwas dabei denkt.

Aber auch die anderen Kollegen beeindrucken. So Cornel Frey als Nibelungenbruder Mime oder mit eindrucksvoller Stimme Bogdan Talos als Riese Fafner. Die Rheintöchter glänzten mit Anke Krabbe (Woglinde), Maria Kataeva (Wellgunde) und Ramona Zaharia (Flosshilde). Warum aber Susan McLean als Erda besetzt wurde, bleibt ein Geheimnis des Düsseldorfer Hauses; da hätte die Flosshilde doch besser eine Doppelrolle bekommen sollen. Zur Überraschung wird Susan McLean als 3.Norn angekündigt.

Dieter Richter baut zur Handlung ein zweites Bühnenportal mit Glühlampen und rotem Vorhang, das für jedes Varieté-Bühne gut stünde; dort entwickelt sich dann auch der Regenbogen. In dem dahinter befindlichen Raum stehen runde Spieltische unterschiedlicher Größe, an denen auch um die Welt gespielt wird. Eine Feuertreppe führt links nach oben, auf der die Rheintöchter ihr Spiel mit Alberich treiben. Ein Fenster im Hintergrund bietet eine besondere Tiefe des Raumes. Dort wird oft die davor spielende Szene als Film parallel gezeigt.
In Nibelheim durchbrechen schwere Transportloren mit dem gewonnen Rheingold die Wände. Herrlich, wenn aus diesen Loren das Gold vor Freia einfach ausgekippt wird, um die kniende Göttin von den Riesen auszulösen. Als das immer noch nicht langt, drückt Wotan seine Tochter nach unten, damit man sie nicht mehr sieht.
Grundsätzlich sind alle als problematisch zu sehenden szenisch-technischen Probleme Dank des Einheits-Raumes sehr gut gelöst. Hinter den fahrenden Loren geschieht Alberichs Verwandlung zum Drachen und zur Kröte. Der Drache guckt nur mal kurz durch die Decke von oben auf das Geschehen. Hinter einem Spieltisch verliert Alberich seinen Ringfinger.

Hilsdorf Regie ist sehr genau und die Sänger lassen sich von seiner Personenführung zu Höchstleistung inspirieren; die Charakterzeichnung der einzelnen Personen und die Umsetzung ist schon überwältigend. Es wird detailliert die Geschichte vom Rheingold, Raub und Fluch und den damit verknüpften Personen erzählt ohne aktualisierende Hinweise. Selten habe ich mich bei einem Rheingold so amüsiert wie jetzt in Düsseldorf; allein Frank Castorfs Deutung hat für mich gleichen Unterhaltungswert.

Ein wahnsinnig guter Einstand zum neuen Ring am Rhein. Da darf man sich auf die Fortsetzung schon jetzt freuen.


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