Theatertipps: MUSIKTHEATER IM REVIER - Gelsenkirchen

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FRANKENSTEIN

28.9.2019 | Im großen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters erlebte die Oper 'Frankenstein' von Jan Dvorak in seiner revidierten Fassung die Erstaufführung. Die Uraufführung des Werkes gab es ein Jahr zuvor in der Kampnagelfabrik Hamburg als Auftragsarbeit der dortigen Staatsoper. Als Vorlage galt dem Komponisten der Roman von Mary Shelly, der für das Schauspiel auch seine Bühnenfassung fand.

Die Musik läßt zu Beginn kammermusikalisch kleine Elemente erklingen, zu der rezitativische Sprachmelodien der Solisten und Chorpassagen des Kammerchores die Handlung vom Monster erzählen, der nach dem Sinn seiner Identität sucht. Diese Person wird von einer großen Gerippe-Figur dargestellt, die als supergroße Puppe von drei weiblichen Mitwirkenden eindrucksvoll geführt wird; die drei Puppenführerinnen interpretieren auch durch Sprache und Gesang die Gedanken und Worte des Monsters und schaffen sogleich eine Distanz zum singenden und sprechenden Menschen. Auf Dauer lenkt die große Puppenfigur von der Handlung und deren Personen ab.

Bele Kumberger versteht es mit ihrem immer angenehm klingenden Sopran Elisabeth Delacey zu gestalten, zu der sich das Monster hingezogen fühlt. Urban Malmberg und Michael Tews gelingt es in den unterschiedlichsten Rollen, den tiefen Partien der Komposition Gewicht zu geben. Tobias Glagau setzt seinen leichten Tenor immer sicher und klangvoll für zahlreiche kleinere Rollen ein.

Piotr Prochera ist Viktor Frankenstein, dessen Namen den Titel dieser Oper trägt; Frankenstein hat das Monster geschaffen. Doch das Libretto hat diese Figur vernachlässigt; in Stück und Inszenierung müßte es 'Das Monster' heißen. Procheras Bariton klingt kräftig, bestechend schön. Die Regie von Sebastian Schwab kann die Figur Frankenstein nicht aufwerten. Die Regie erzählt gradlinig in dem Einheitsraum von Britta Tönne, einem großen Hörsaal, die Stationen des Geschehens.

Die Figur des Monsters wirkt immer dominant. Selbst die Musik und seine 'Puppenführerinnen' können sein Leiden, seine Gefühlswelt, die er als künstliches Produkt besitzt, nicht auf den Zuschauer übertragen; es fehlt auf Dauer Spannung.

Je mehr sich die Handlung um Mord und Leben entwickelt, umso stärker wirkt die Komposition mit starken Akzenten für das große Orchester, die die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Giuliano Betta mit großem Klang und sicher interpretiert.

Etwas ratlos bedankte sich das Premierenpublikum mit großem Beifall.


SCHWANDA - DER DUDELSACKPFEIFER

22.9.2019 | Ein Besuch im Gelsenkirchener Musiktheater lohnt sich immer. Die Spielplangestaltung bietet immer Raritäten der Opernliteratur, so wie Jaromir Weinbergers 'Schwanda', dessen tschechische Oper die dritte war, die am Anfang des 20. Jahrhunderts über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Warum diese Oper mit dem Libretto von Milos Kares nicht fester Bestandteil der internationalen Bühnen wurde und Weinbergers einziges bekanntes Opernwerk blieb, kann man wegen der nicht einfachen Realisierung des Werkes durchaus erahnen.

Die märchenhafte Geschichte vom Dudelsackspieler, der seine junge Frau Dorota verläßt, um mit dem Räuber Babinsky in die Welt zu ziehen, um diese von seiner Dudelsackmusik zu beglücken, verlangt neben den zauberhaften Spielorten auch eine große Besetzung.
Die Musik von Jaromir Weinberger entwickelt erst spät, im Bild der Königin Eisherz, spannende Momente. Zuerst plätschern die Melodien dahin, geben aber später den Sängern oft Gelegenheit zu melodischen Schmelz. Die Vorspiele zu den einzelnen Bildern werden dichter und die Ensembles, Arien und Chor-Szenen verströmen klanglichen Prunk.

Guiliano Betta entwickelt in Gelsenkirchen mit der Neuen Philharmonie Westfalen die Partitur mit steigendem Glanz. Der Haus- und Extrachor bemüht sich um Wohlklang, singt leider manchmal nur laut; da hat der Chordirektor immer noch viel zu tun.

Die Besetzung der Oper verlangt von den Sängern große Gesangskultur und -kunst. Die Titelfigur Schwanda ist ein Bariton, der von Petro Ostapenko mit großer und schöner Stimme dargestellt wird.
Größer und wirkungsvoller ist die Tenor-Partie des Räubers Babinsky; Uwe Stickert meistert besonders in den hohen Lagen diese heikle Partie famos - mit Stimme und Spiel. Da bedauert man ihn, daß Dorata ihrem Mann Schwanda treut bleibt.

Ilia Papandreou ist Dorata und kann mit ihrem klaren, leichten Sopran nicht nur ihre Partner auf der Bühne, sondern auch mit ihrem anmutigen Spiel das Publikum beglücken.
Petra Schmidt ist die Königin Eisherz mit blühendem Sopran und versteht es, die Trauer um ihre eisige Situation zu verdeutlichen.

Besonders Joachim G. Maaß als Teufel bietet mit seiner Figur eine herausragende Leistung; sowohl die Höhen als auch Tiefen dieser Partie gestaltete er mit pointenreichem Gesang aller bestens.
Aber auch die kleineren Partien sind musikalisch schwer herzustellen. Tobias Glagau hatte damit nun gar keine Probleme und es machte Spaß, ihn als Famulus des Teufels zu erleben.

Michiel Dijkema gestaltete für seine Inszenierung auch die Bühne und legte Wert auf optische Wirkung; die Personenführung ordnete sich dem unter und erzählte gerade hinaus das Geschehen von dem Dudelsackspieler, der nach seinen Abenteuern zum glücklichen Ende mit seiner geliebten Frau wieder vereint ist. Gut wurde auch der Zwiespalt erarbeitet, in dem Dorata sich befand, da sie dem Werben von Babinsky nicht abgeneigt war. Doch der Räuber half Schwanda immer wieder 'aus der Patsche' und hatte so das Nachsehen.

Die Kostüme von Julia Reindel waren märchenhaft volkstümlich. Besonders das Bild in der Hölle bekam Sonderbeifall, in dem Chor und Solisten in Höllen-Rot auf einer Pyramide thronten.

Das Publikum bedankte sich nicht nur zum Schluß mit kräftigem Beifall in der sehr gut besuchten Vorstellung, in der auch viele Jugendliche waren.


DAS RHEINGOLD

11.5.2019 |Das Musiktheater in Gelsenkirchen hat wieder einen Höhepunkt im Reigen der glanzvollen Aufführungen im Revier gesetzt. Intendant Michael Schulz inszenierte losgelöst von der Aufgabe, einen kompletten Ring schaffen zu müssen, mit Humor und Detailgenauigkeit, wie man es sonst selten sieht. Heike Scheele schuf das Bühnenbild und Renée Listerdal die Kostüme, um eine runde Erzählweise zu schaffen.

Nicht auf dem Grunde des Rheins, sondern im Rheingold Express beginnt die Geschichte vom Raub des Goldes. Wotan und Alberich sitzen zu Anfang an einem Tisch, Loge lugt unauffällig in der hintersten Ecke des Speisewagens und beobachtet das Geschehen. Die Rheintöchter arbeiten hier; Flosshilde muß sich mit ihrer prächtigen Schwimmflosse mühen, ehe ihre Schwestern sie davon befreien. Eindrucksvolle Licht-Projektionen zeigen die Welt unter Wasser.

Im nächsten Zug-Waggon wohnen die Götter; der Zug hält in der Station Walhall. Wotan kommt in der Nacht heimlich heim, nimmt seine Augenklappe ab und legt sich auf die unbequeme Bank zum Schlaf. Donner und Froh zocken in ihrem Abteil; Freia schläft unruhig in ihrem schmalen Bett. Die Riesen erscheinen zuerst als große Film-Projektion über den Zug-Waggon und singen aus dem off, ehe sie als muskelbepackte Arbeiter erscheinen.

In Nibelheim thront Alberich hinter einem Schreibtisch. Wotan und Loge kommen mit einer großen Lore dorthin gefahren. Bildprojektionen zeigen Nebel und Dampf aus großen Kühltürmen. Für den Einzug in Walhall halten Kinder ein Plakat mit einem Regenbogen hoch. Ein großer Würfel mit der Aufschrift 'Myhtos' bildet den optischen Schluß.

Alle Darsteller sind in bester Spiellaune. Selten habe ich so genau gearbeitete Situationen erlebt, die sich oft in humorvollen Aktionen zeigen. Das Gelsenkirchener Ensemble wird von wenigen Gästen ergänzt und das ist auch musikalisch eine großartige Leistung für das Musiktheater im Revier, wenn man nicht das weltstädtische Maß als Messlatte anlegt. Sänger aus dem Jungen Ensemble können sich sehen und hören lassen.

Bastiaan Everink ist ein schlanker Wotan mit beweglicher Stimme und dominiert stets die Lage. Almuth Herbst ist Fricka und steht ihm in Stimme und Spiel in nichts nach; großartig, wie sie diese Rolle herstellt. In einer geschickt schnellen Verwandlung mahnt sie als Erda vor dem Fluch mit eindringlich tönendem Mezzo.

Piotr Prochera ist in enger Lederhose und Muskelhemd mit großem Hammer ein gesanglich klangschöner und optisch ansehnlicher Donnergott; sein Bruder Froh alias Khanyiso Gwenxane glänzt neben einer schwarzen Lockenfrisur mit einer schön geführten leichten Tenorstimme.
Ein Ereignis ist Cornel Frey als Loge, der in Stimme und Spiel die Situationen beherrscht.

Da stehen den Göttern die Nibelungen in nichts nach. Urban Malmberg kann als Alberich seinen hellen, durchdringenden Bariton einsetzen. Der junge Tobias Glagau ist mit seinem Mime für manche eine Entdeckung. Er setzt seinen Spieltenor immer sicher ein. Die Regie gibt ihm viele Möglichkeiten, sein Spieltalent unter Beweis zu stellen. Da spielt es für ihn keine Rolle, wenn er den Wischmopp in die Gasse werfen muß; mit diesem kommt er sogleich als Argumentationshilfe zurück.

Joachim Gabriel Maaß setzt seinen hellen Bass als Riese Fasolt immer sicher ein, ebenso sein Riesenbruder Michael Heine als Fafner. Da kann der Zuschauer die Trauer der Göttin Freia verstehen, die an Fasolts Muskeln gefallen gefunden hat. Petra Schmidt ist immer präsent in Stimme und Spiel und ein weiterer Pluspunkt in der Ensembleleistung; sie hat zwar nicht viel zu singen, aber ihrem Spiel zuzusehen, ist immer ein Genuß.

Die Rheintöchter können sich hören und sehen lassen. Bele Kumberger mit strahlendem Sopran führt das Terzett als Woglinde an. Lina Hoffmann ist mit ihrer großen Stimme eine sehr gut agierende Wellgunde. Die tief timbrierte Stimme von Boshana Milkov als Flosshilde macht das Klangbild der Rheintöchter perfekt.

Giuliano Betta führt die Neue Philharmonie Westfalen mit ruhigen Tempi zu einem Klangerlebnis, bei dem man scheinbar neue Strukturen zu hören scheint. Auch sind die Sänger und damit deren Textverständlichkeit immer zu hören.

Das Publikum zeigte sich begeistert und jubelte.

18.5.2019 | In der zweiten Aufführung durfte Zhive Kremshovski für den Donner den Hammer schwingen und zeigen, das das Gelsenkirchener Musiktheater in ihrem 'Jungen Ensemble' großartige Sänger hat. Mit großer Stimme konnte er auch die strahlenden Höhen sicher erreichen. Mit präzisem Spiel beteiligte er sich engagiert an dem Geschehen.
Warum aber Fricka im vierten Bild den heißt ersehnten Apfel von Freia unauffällig-auffällig in die linke Nullgasse wegwirft, erklärt sich dem Betrachter nicht.
Als Flosshilde konnte Nohad Becker mit klarer Mezzostimme ihren Beitrag zum Wohlklang der Rheintöchter leisten.

Ein weiterer Besuch lohnt sich auf jeden Fall, denn es gibt immer wieder neues zu entdecken und zu hören. Es passiert so viel auf der Musiktheaterbühne in Gelsenkirchen.


EUGEN ONEGIN

16.3.2019 | Peter I. Tschaikowskis Meisterwerk lebt neben der seelenvollen Liebes-Geschichte vor allem auch von den glutvollen Orchesterfarben seiner Komposition.
Davon kann man zur Zeit im Gelsenkirchener Musiktheater nur wenig erleben; die Geschichte um den Lebemann Onegin und der jungen Tatjana vom Land wird im Kleinen Haus aufgeführt. Dort ist für das Orchester in der Originalversion kein Platz. Auch aus diesem Grund hat man die musikalische Kammerfassung von André Kassel gewählt. Thomas Rimes dirigiert ein kleines Ensemble u.a. mit 2 Violinen, 1 Bratsche, Kontrabass, Klarinette, Horn, Akkordeon, Klavier und Cembalo und entwickelt so einen Klang, der sich von einer Klavierprobe bis hin zum Zigeuner-Swing präsentiert.

Dazu kommen die akustischen Unzulänglichkeiten des Kleinen Hauses. Das kleine Orchester überdeckt tatsächlich in dramatischen Passagen die Solisten. Der -tatsächlich ohne Extrachor auskommende- Hauschor, der mit 9 Damen und 9 Herren verkleinert wurde, tönt doch schon mal zu kräftig. Sitzt man direkt vor dem Orchester, klingen die Stimmen auf der Bühne manchmal sehr fern.

Dieter Richter baut ein schönes, vor allem breites Bühnenbild, in dem eine Birkenlandschaft den ländlichen Raum zeigt. Die Kostüme von Renée Listerdal können sich vor allem zu Beginn nicht von dem Bühnenhintergrund absetzen. Der zentrale Blick auf die Sänger fehlt.

Großartig ist der Wechsel zum Festbild; die Hintergrundwand mit Wald senkt sich nach vorn und gibt den Blick zur feiernden Gesellschaft frei. Nach der Pause zeigt sich ein beängstigender Birkenwald in düsterem Licht. Ein Steg von der Bühne über den Zuschauersaal zum Balkon ermöglicht auch Chor und Solisten, den ganzen Raum zum Spiel zu nutzen. Viele Chorstellen werden vom Balkon geboten.

Die Inszenierung von Rahel Thiel wirkt vor allem zu Beginn sehr bescheiden. Auf der sehr breiten Bühne, anfangs ohne viel Tiefe, fehlt der Bezug der Handelnden untereinander; da wird zu wenig 'nach vorn' gespielt. Der spielerische Umgang mit den Stühlen erinnert eher an mein erstes Semester, als ein eine spannend erklärende Personenführung.

Bei den Sängern kann vor allem der farbige Khanyiso Gwenxane als Lenski voll überzeugen. Sein dunkel gefärbter Tenor klingt immer ansprechend schön und er kann die Figur des gekränkten Freundes von Olga auch darstellerisch eindrucksvoll umsetzen; zu Recht erhält er vom Publikum den meisten Applaus. Lina Hoffmann ist seine Olga, die vor allem in den Höhen den Glanz ihrer Stimme voll zur Geltung bringen kann; auch darstellerisch ist sie die ideale Partnerin von Lenski. Es ist immer wieder eine Freude, diese Sängerin vom 'jungen Ensemble' in einer großen Rolle zu erleben.

Bele Kumberger ist eine Tatjana, die vor allem in der Darstellung als das junge Mädchen vom Lande überzeugt; als reif gewordene Frau und Ehefrau des Fürsten fehlte ein wenig ihre Veränderung. Ihrer klarer Sopran kommt mit der Partie gut zurecht; für die dramatischen Ausbrüche ist ihre Stimme noch nicht so weit.

Petro Ostapenko ist Eugen Onegin, der mit seinem leicht geführten Bariton vor allem zum Schluß überzeugen konnte. Darstellerisch könnte ich mir bei ihm deutlichere, erklärende Details wünschen; das liegt vielleicht auch an der Personenführung.

Der Nachteil für alle Sänger ist die fehlende Grundlage des Orchesterklangs. Vor allem die parlando-artigen Szenen zu Beginn klangen so sehr oberflächlich. Der Tschaikowski-Sound fehlte und ich konnte mich auch nicht bis zum Ende daran gewöhnen.

Dem Publikum gefiel's und es sparte am Schluß nicht mit Beifall, der allerdings zwischendurch spärlich blieb.


DIE PERLENFISCHER

22.12.2018 | Andere Opernhäuser bringen wiederholt Carmen als Neuinszenierung auf die Bühne, als ob Georges Bizet kein anderes Werk geschaffen hat. Das Musiktheater im Revier gestaltet mutiger seinen Spielplan, wenn es Bizets Jugendwerk 'Les Pecheurs de Perles' auf den Spielplan setzt.

Bizets Werk nach dem Libretto von Michael Carré und Eugen Cormon ist nicht leicht zu realisieren. Zuerst gibt es die märchenhafte Geschichte in der Welt der Perlenfischer und dann sind für die Sänger durchaus schwere Aufgaben zu bewältigen, die man bisher meist nur konzertant oder auf Tonträgern hören bekam. Und die Komposition von Bizet ist alle mal kostbar und schön anzhören.

Das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen bot eine Premiere, die sich hören und vor allem sehen lassen kann.
Die Geschichte um das Treuebündnis zweier Männer, Nadir und Zurga, und deren Liebe zur gleichen Frau, Leila, ist für die Bühnenerzählung die eine Seite. Die Welt der Fischer, die nach dem wertvollen Gut tauchen und die religiösen Rituale um den Tempel der Kandy bereichern die Handlung; dies allerdings wurde nicht besonders spannend von den Librettisten gesponnen.

Giuliano Betta leitet die Neue Philharmonie Westfalen zu glutvoller Leistung und präzisem Spiel an und der Zuhörer ist dankbar, dieses kostbare Bizet-Juwel zu hören. Aufschwelgend oder zurückhaltend, damit die Sänger zu hören bleiben, meistern alle ihre Aufgabe.
Dongmin Lee ist die Priesterin Leila, die wegen der Liebe zu Nadir ihr Amt opfert. Ihr leichter, schöner klarer Sopran meistert meist die schwierigen Passagen. Ihr Spiel ist beeindruckend.
Stefan Cifolelli ist Nadir mit leichtem schön timbrierten Tenor, dem Bizet eine der beliebtesten und schwierigsten Arie 'auf die Kehle' geschrieben hat. Ohne hörbare Probleme gestaltet er mit feurigem Spiel seine Rolle.

Piotr Prochera ist Nadirs Jugendfreund Zurga. Er scheint mit großer Stimme und Spiel prädestiniert zu sein für diese Aufgabe. Sowohl die dramatischen als auch lyrischen Momente klingen mit seiner Bariton-Stimme optimal. Wenn er zuletzt nach dem Verzicht auf Leila allein zurückbleibt, rührt das.
Michael Heine ist der Dorfälteste Nourabad. Er wirkt in dieser durchaus undankbaren Rolle mit seinem großen voll klingenden Bass immer präsent.

Der Hauschor des Musiktheaters wurde wie immer mit dem Extrachor verstärkt, was vor allem dem optischen Gesamteindruck zu Gute kam.

Was diese Aufführung vor allem Sehens- und damit Hörenswert macht ist die Realisierung dieser doch etwas kruden Geschichte. Manuel Schmitt ist für die Inszenierung verantwortlich; Bernhard Siegel ist der Bühnenbildner und Sophie Reble entwarf die Kostüme. Da hat ein gutes Team beste Arbeit geleistet.

Während des kurzen Vorspiels sieht man hinter einer Folie einen Taucher in die Tiefe gleiten; zum Schluß ist er noch einmal beim Auftauchen zu sehen.

Doch die Menschen gehen hier nicht dem gefährlichen Perlentauchen nach, sondern müssen in einer Textilfabrik mit giftig blauen Werkstoffen arbeiten, um den Profit anderer zu mehren. Das fordert den Widerspruch der Menschen heraus.
Alle sind mit dem blauen Giftstoff kontaminiert. In zwei Video-Einspielungen beklagt eine Mutter den Tod der Kinder nach einem Unglück in einer Textilfabrik aus der Jetztzeit. Wer der Zuschauer fühlt sich da nicht angesprochen, ist doch der blaue Jeans-Stoff allgegenwärtig?

Manuel Schmitt führt die Handelnden sehr präzise durch die Geschichte bis hin zum 'happy end'. Durch die Verlagerung in die Jetztzeit gelingen ihm, auch durch Protestaktionen der Bevölkerung, eindrucksvolle Bilder der sich 'bewegenden Massen'; Chor und Statisterie erzählen wirkungsvoll die Situation.

Aber besonders seine Gestaltung der Einzelszenen machen die Figuren mit deren Motivation spannend, was an einer so großen Oper mit nur 4 Solisten unumgänglich ist. Solch' ausdrucksstarke Personenführung sieht man selten.

Der Bühnenraum von Bernhard Siegel ist mit Folie ausgehängt und gibt ihm so große Tiefe. Vier hohe Aufbauten mit Häusern und Produktionsstätten lassen sich sowohl auf der Drehscheibe als auch individuell drehen und bewegen und geben einen immer wieder beeindruckend neuen Blick für den Zuschauer.
Die grau-blaue Tristesse wird nur durch den farbigen Raum der Priesterin aufgelockert.

Das Publikum hat sich schnell mit dieser Geschichte angefreundet, was man durch spontanen Zwischenbeifall honorierte.
Besonders stürmischen Beifall gab es für alle Beteiligten zum Schluß. Damit dankte man nicht nur dem Orchester, den Sägern und dem Regie-Team, sondern auch der Leitung des Hauses, die, nach einem lang geäußerten Wunsch, diese Oper so hervorragend realisieren ließ.


DER LIEBESTRANK

19.5.2018 |Das Gelsenkirchener Musiktheater bietet mit Donizettis Meisterwerk eine sehenswerte und vor allem hörenswerte Neuproduktion. Unter der aufmerksamen musikalischen Leitung von Thomas Rimes begleitete die 'Neue Philharmonie Westfalen' sicher und gefühlvoll die Aufführung; viele Nuancen der Partitur wurden trefflich verwirklicht. Nie wurden die Sänger zugedeckt und immer erklang ein zarter leichter und in den Steigerungen kräftiger Musikklang. Erstaunlich in dieser Abendbesetzung, daß zwei Protagonisten noch 'Mitglieder des Jungen Ensembles am MiR' sind, die nun gar keine Probleme hatten, mit ihrer schönen Stimme auch über dem Orchesterklang zu glänzen und so gleichwertige Partner in Stimme und Spiel wurden.

Die Inszenierung von Hausherr Michael Schulz konnte in der Ausstattung von Dirk Becker und Renée Listerdal auf die Erfahrungen der Dresdener Inszenierung des Regisseurs bauen. Die Bühne in der Semperoper hat in der Höhe vier Meter und in der Breite 3 Meter mehr Raum und somit Platz für Chor und Solisten. Irgendwie hat man das auf der Gelsenkirchener Bühne gemerkt.
'E'elisir d'amore' ist ja nun keine große Choroper; vielfach reicht einem Aufführungshaus die 'halbe Chorbesetzung'. In Gelsenkirchen scheint es Tradition zu sein, auf jeden Fall den Hauschor mit Mitgliedern des Extrachors zu ergänzen - warum auch immer. Das machte leider die Bühne beim Liebestrank proppenvoll und die beschränkten Möglichkeiten eines Auf- und Abgangs der Menge waren vor allem eins - Gedränge, rechtzeitig weg.

Das bunte Bühnenbild von Dirk Becker zeigte einen heruntergekommenen Saal. Die Fenster waren zugenagelt, die Türen zugemauert; in der Decke klaffte ein großes Loch; zog man an einem dicke Seil in der Decke, schoß ein Kronleuchter effektvoll in die Tiefe. In diesem Saal lebte eingeschlossen eine große Volksmenge. Nemorino -immer mit Jutebeutel- umschwärmte Adina, die als Leseratte wie die Prinzessin auf der Erbse auf zahlreichen Matratzen ihre Bücher verschlang, so die Geschichte von Isoldes Liebestrank.
Wie ein Rammbock durchbricht Dulcamara mit seinem Gefährt die Wand und offerierte in einer Show mit Varieté-Licht und Treppe seinen Wundertrunk. Belcore mit seinen Mannen kommt mittels einer Säge durch den Fußboden in den scheinbar hermetisch abgeriegelten Raum.

Regisseur Michael Schulz zeigt nicht wie in der Vorlage eine ländliche Idylle, sondern eine isolierte Gesellschaft. Der Klavierspieler vor Ort (Askan Geisler) sendet regelmäßig eine Hilfs-Botschaft per Luftballon durch das Deckenloch gen Himmel; leider kommt der Brief mit geplatztem Ballon immer zurück. Nur beim glücklichen Liebes-Finale Aldina|Nemorino entschwindet dieser Brief in die Freiheit und bedeutet Erlösung für alle. Die Varieté-Bühne von Quacksalber Dulcamara verschwindet; die Fenster und Türen können geöffnet werden. Man ist durch die Liebe befreit - von was auch immer. Dieser Inszenierungsansatz gibt für alle viel Gelegenheit, das komödiantische Spiel um die Wirkungen des Liebestrankes Rotwein ablaufen zu lassen. Die Handlung bleibt optisch immer in Bewegung, dabei hilft sogar ein Tanzpaar, um den Walzertakt zu bebildern. Schade, daß durch die oft zu voll wirkende Bühne eine klare Struktur des Geschehens verloren ging.

Besonders hoch zu loben sind die jungen Sänger. Ibrahim Yesilay ist Nemorino mit schönem klaren Tenor, der keine Probleme mit seiner Partitur hörbar machte. Nach seiner Paradearie tobte das fachkundige Publikum.
Zhive Kremshovsky ist ein charmanter Belcore, der seinen großen Bariton in der Höhe erstrahlen lassen konnte und für den auch die tieferen Passagen kein Problem waren. Dazu noch seine starke, komödiantische Bühnenpräsenz; hatte er doch gegen acht Soldaten als ständige Begleiter sich zu behaupten. Jede Bewegung, jeder Gang, jede Geste, jeder Blick kam von allen gleichzeitig und hatte dadurch eine große Wirkung.
Selten kann sich eine Giannetta, eigentlich eine Nebenrolle, so musikalisch und szenisch trefflich entfalten wie Lina Hoffmann. Sie hat einen schönen Sopran, der in den Ensembles immer hörbar bleibt und die Szenen so musikalisch adelt. Dazu ihr Spiel, das ebenso eine eigene Geschichte erzählt, wie ihre Partner, z.B. Dulcamara, dem sie gleich zu Diensten sein möchte oder den nach Liebe suchenden Klavierspieler.

Dongmin Lee sang und spielte eine liebreizende, selbstbewußte Adina, die keine Probleme mit den Koloraturen und Höhen kannte. Joachim Gabriel Maaß konnte sein Spieltalent als Dulcamara voll entfalten.

Das Publikum bedankte sich durch kräftigen Zwischenbeifall und Schlußapplaus bei dem Ensemble für dessen gesangliche Leistung und beim Orchester, das diese Leistung unterstützte und so zu einem musikalischen Genuß machte. Die Spielfreudigkeit und Umsetzung der Regieeinfälle durch die Sänger|innen sorgten dafür, daß das Publikum einen komödiantischen Abend genießen konnte.


DIALOGUES DES CARMÉLITES

Gespräche der Karmeliterinnen

10.2.18 |Der Intendant des Gelsenkirchener Hauses hat vor allem damals mit seiner Inszenierung als Spielleiter in Essen mit Poulencs Werk Furore gemacht. Nun hat er im wunderschönen Opernhaus des MiR das Werk auf den Spielplan gesetzt. Inszenieren durfte Ben Baur, der auch das Bühnenbild schuf. Die 'Neue Philharmonie Westfalen' dirigierte Rasmus Baumann mit einem wunderschönen Klangkosmos.

Ben Baur setzte in seiner Regie vor allem auf optische Reize und Statuarik der Handelnden und weniger auf detailliert gezeichnete Personenführung. Auf einer hohen Hintergrundwand mit Tür wurden die traumatischen Figuren von Blanche als Schatten projiziert; Lichteffekte taten ihr übriges zum Sphärenraum. Später nach der Pause verschoben sich diese Wände. Während zuvor pro Ortswechsel sich die schwarze Decke senkte, wurden nun diese Wände sichtbar zum jeweiligen Ort des Geschehens von Statisten, Chor und Technikern verschoben, was die opulente Optik erhöhte und auch kleine, geschlossene Räume ermöglichte.
Zur Hinrichtung auf dem Schafott stehen alle Schwestern vorn mit einer Kerze in einer Reihe. Ihr Ende wird weniger spektakulär, eher einfach nachvollziehbar dargestellt; mit einem kräftigen Knall aus den Lautsprechern erlischt die Kerze und somit ein Leben.

Gesungen wurde mehr als ordentlich. Als Gast aus Nordhausen profilierte sich Zinzi Frohwein als Blanche mit einem in allen Lagen schönen Sopran, der sowohl in der Dramatik als auch in den innerlichen Momenten Wohlklang bot. Im Spiel mit den Partnern bot sie auch in der Charakterzeichnung eine glaubwürdige Blanche; die Umbesetzung konnte bei ihr nicht nachteilig festgestellt werden.

Noriko Ogawe-Yatake ist die alte Priorin und war in Stimme und Spiel ein weiterer Höhepunkt in dem großen Damenensemble. Auch Petra Schmidt konnte sich mit ihrer großen hellen Stimme als neue Priorin auszeichnen, ebenso Dongmin Lee als Constance. Almuth Herbst als Marie setzte ihren Mezzosopran in den dramatischen Phasen etwas zu kräftig ein. Auch fehlte ihr eine intensive Darstellung für diese dominante Rolle.

Der junge Piotr Prochera ist mit seinem hellen Bariton ein eindrucksvoller Vater von Blanche. Ibrahim Yesilay als Blanches Bruder fällt mit seinem sicher geführten Tenor auf und ist so herausragend in dem Gelsenkirchener Männer-Ensemble.
Edward Lee als Beichtvater setzt seinen leichten Tenor in Stimme und Spiel für seine kleinen Szenen effektvoll ein; schade, daß er seine Brille immer nach oben schieben mußte - das hätte aber vorher oder in der Puase korrigiert werden können, damit diese Unruhe sich nicht auf den Zuschauer überträgt. Zhive Kremshovski konnte mit seiner kräftigen Baritonstimme seinen kleinen Rollen Profil geben.

Es lag vielleicht an dem Stück oder am Karneval-Samstag, daß einige Theaterbesucher zur Pause den Abend anderswo verbringen wollten. Nach dem Ende gab es kräftigen Beifall für alle Mitwirkende.


MATHIS DER MALER

28.10.2017 | Paul Hindemiths Oper gehört nicht zu den oft gespielten Werken der Musiktheater-Bühnen. Umso mehr ist es dem Gelsenkirchener Haus zu danken, dem Publikum diese -auch mir- unbekannte Oper in sieben Bildern wieder zu Gehör und vor allem vor Augen zu bringen.
Rasmus Baumann gelang am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen eine grandiose musikalische Umsetzung des dramatischen Werkes. Die Chöre studierte Alexander Eberle ein. Der Haus- und Extrachor meisterte die Aufgabe wie so oft mit kräftigem Einsatz.

Die Besetzung der Oper ist auch nicht ohne. Die Titelpartie ist mit Urban Malmberg sicher besetzt. Seine helle offene Baritonstimme, kombiniert mit sicherem klaren Spiel, zeigt eine interessante Charakterzeichnung des Malers, dessen Leben zwischen Kirche, Politik und der Kunst geprägt ist.
Ihm zur Seite seine Muse Ursula Riedinger, die Yamina Maamar mit hellem, dramatischen Sopran blutvoll ausfüllen kann. Bele Kumberger ist Regina mit sicherem, leichten Sopran, zu der Mathis ebenfalls mehr als Zuneigung zeigt; durch die Erfahrungen mit ihr läßt er die Malerei und den Kontakt zur Kirche hinter sich.

Ebenso dominant sind aber die zwei großen Tenorrollen, die Präsenz und sichere musikalische Umsetzung erfordern. Da war man vor allem bei Tobias Haaks als Reginas Vater Schwalb aller bestens aufgehoben; er glänzt mit kräftiger sicherer Stimme. Aber auch bei Martin Homrich als Albrecht von Brandenburg ist man über seinen hellen, klaren Tenor mehr als erfreut; seine herausragende Statur gibt ihm in seinem dominanten Spiel starke Präsenz.

Als dritte starke männliche Figur kann Luciano Batinic als Riedinger seinen kräftigen Bass wirkungsvoll einsetzen. Aber auch die vielen anderen Partien sind genau besetzt, wie z.B. Joachim Gabriel Maaß als Lorenz von Pommersfelden, bei dem seine stimmliche und darstellerische Präsenz auffällt. Edward Lee ist ein agiler Capito, der seinen leichten Tenor sicher für diese Partie führt.

Hausherr Michael Schulz zeichnet für die Inszenierung Verantwortung. Heike Scheele baute ein flexibles Bühnenbild, mit dem sich verhältnismäßig schnell Veränderungen des Spielortes einrichten konnten. Renée Listerdal unterstützte mit seinen Kostümen die zeitlose Optik, die aber viel Atmosphäre Dank der Ausleuchtung schafft. Mathis Bilder sind modern gestaltet; seine Lichtinstallationen bereichern den Raum.

Der Regisseur zeichnet mit seiner Personenführung die komplexe Handlung genau, ohne aber in tiefe Details zu leuchten. Optisch aktuelle Hinweise auf die Gegenwart mit Requisiten und Kostümen helfen ein wenig, die doch vielschichtige Handlung zu erläutern; sie sind aber doch zu grob.

Dem Publikum wird eine packende szenisch-musikalische Aufführung geboten. Mit starkem Beifall wurden alle Mitwirkenden und das Leitungsteam belohnt.


HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

22.6.2017 | Die Neu-Fassungen von Offenbachs phantastischer Oper nach Michael Kaye/ J.-Chr.Keck bringen für den Opernbesucher immer wieder Überraschungen. So gab es zum Spielzeitende in Gelsenkirchen eine sehens- und in französischer Sprache hörenswerte Neuinszenierung von Michiel Dijkema, der zu seiner Regie auch das Bühnenbild und somit eine gelungene Einheit schuf. Für die bunten typisierenden Kostüme gab Jula Reindell ihren phantastischen Beitrag zu einer wunderbaren Inszenierung. Die Szene schien wie ein Gemälde gestaltet.
Ohne realistische Bezüge zu den einzelnen Spielorten spielt die Handlung auf einer Schräge mit weißen Wänden im Hintergrund. Ein großer Tisch, Stühle , ein kleiner Tisch darauf beherrschen die Fläche. Dort sammelt sich die Gesellschaft, um Hoffmanns Erzählungen von seinen drei Geliebten in zu lauschen.

Zu den einzelnen Bildern senkt sich der Zwischenvorhang. Hebt er sich wieder, steht immer noch statuarisch die Gesellschaft und folgt der Geschichte, die ihnen erzählt wird. Erst langsam merkt man, daß die Herren in Gehrock, Zylinder und Gehstock nun starre Puppen sind. Den sich so anbietenden Gag läßt sich später der Regisseur nicht entgehen. Diese Figuren werden unmerklich wieder durch die Darsteller vom Chor übernommen und spenden Antonia auf einmal Beifall für ihr Lied von der Taube.
Meist auf dem Tisch spulen sich die Geschichten um Olympia, Antonia und Giulietta ab. Auf eine realistische szenische Erzählung wird meist verzichtet und öffnet so für den Zuschauer dessen eigene Phantasie. Je länger die Geschichte erzählt wird, umso spannender wird es.

Thomas Rimes entwickelte mit der Neuen Philharmonie Westfalen einen schlanken beweglichen Offenbachklang. Sein Dirigat hielt immer Kontakt zu den Sängern und konnte so die französisch-leichte Vorlage entfalten. Der wieder -warum auch immer- mit dem Extrachor erweiterte Hauschor folgte ihm.

Die ersten Akte der aufgeführten Fassung mit oft gekürzten Rezitativen hielten sich sehr an der allseits bekannten Kogel | Oeser-Vorlage; es fehlte bei Olympia die Brillen-Arie. Die Kaye|Keck-Fassung setzt den Venedig-Akt, der nach Offenbachs Tod in der Uraufführung gar nicht gespielt wurde, ans Ende der drei Geschichten.
Will man nicht zwei Pausen haben, wird häufig erst nach dem Antonia-Bild die Pause gemacht, die in einer anderen Inszenierung schon mal nach 2 Stunden Spielzeit des ersten Teils kam. Da war es in Gelsenkirchen eine gute Idee, einfach während des Antonia-Aktes nach 90 Minuten vor dem Auftritt der Mutter die Pause zu machen; nach der Pause ging es dann mit Antonia wieder weiter.

Im Venedig-Akt gab es -bei Kaye|Keck käme dann die 'Brillenarie'- doch die Diamenten-Arie und das selten gespielte Septett. Dafür fehlte dort Hoffmanns Arie von der süßen Tändelei, die Offenbach aus seinen Rheinnixen übernommen hatte; natürlich blieb die Barkarole von dort erhalten.

Die Titelpartie sang Joachim Bäckström so hell, schön und klar, daß sich allein wegen ihm der Besuch dieser Aufführung lohnt. Die musikalische Fassung ermöglicht ihm einen lyrischen Umgang mit der Partie, ohne mit deutsch-heldischem Forte auftrumpfen zu müssen.
Hoffmanns Geliebte konnten sich sehen und hören lassen. Besonders Dongmin Lee als Olympia wurde wegen ihrer Koloraturen bejubelt. Solen Mainguené als Antonia verfügte über lyrischen Schmelz; sie durfte sogar als 'schwebende Jungfrau' von Miracle verzaubert werden. Petra Schmidt gab der Kurtisane sinnliche Verführung. Bei ihrer Giulietta konnte man sehen, welches Opfer sie für den Bösewicht bringen mußte, ihr fehlte ein Auge.

Die Bösewichter brachte Urban Malmberg mit gepflegtem Helden-Bariton zu Gehör; seine strahlende Höhe war beeindruckend. Almuth Herbst war die Muse|Nicklausse. Ihrer Stimme merkte man die Brangäne noch an; Offenbachs Partie verlang elegante lyrische Führung.

Für Antonias Mutter, dramatischer Mezzo, wählte das Gelsenkirchener Haus einen Kompromiss. In Essen als Gast sang Almuth Herbst die Mutter, in Gelsenkirchen jetzt wurde Norika Ogawa-Yatake eingesetzt, die ich noch als tolle Tosca dort in Erinnerung habe. Ihr musikalische Einsatz kam über Micro aus dem off und ihre schöne Stimme konnte so mittels Regler immer gehört werden.

Das Publikum zeigte sich zu Recht begeistert; wer eine sehr interessante Deutung dieser im doppelten Sinne phantastischen Oper von Jacques Offenbach erleben möchte, sollte auf jeden Fall ins MiR nach Gelsenkirchen.


TRISTAN UND ISOLDE

13.5.2017 | Die Wagner-Aufführungen haben eine lange Tradition im wunderschönen Gelsenkirchener Haus. So kann ich mich an die 'Meistersinger' mit Manfred Schenk als Sachs erinnern, an einen Tannhäuser mit Sue Patchell oder an einen 'Tristan' mit Ursula Schröder-Feinen, die ja dort den Weg vom Extra-Chor auf die internationale Bühne gemacht hatte. Oder mit Burkhard Fritz als Parsifal, der aktuell ein allseits gefragter Sänger auch in Sachen Wagner ist.

Hausherr Michael Schulz hat sich auch schon international mit dem 'Parsifal' als Wagner-Regisseur erprobt. Nun gab es im MiR eine diskussionswürdige Inszenierung unter seiner Regie im Bühnenbild von Kathrin-Susann Brose und in den Kostümen von Renée Listerdal.
Unter der musikalischen Leitung von Rasmus Baumann bot das Orchester einen schlanken Klang ohne viel zu schwelgen; die Partitur wurde nicht zelebriert sondern sicher und klar durch Wagners grandioses Werk geführt, ohne die Sänger unnötig zu übertönen.

In der von mir besuchten Aufführung war Gerhard Siegel der Tristan, der in Bayreuth oder Dresden den Mime interpretierte. Er besitzt eine schöne, kräftige, helle Stimme die er meistens sicher einsetzte. Kleine Schwächen am Ende des 2.Aktes konnte man ihm verzeihen. Die Regie ermöglichte ihm, im 3.Akt vorn an der Rampe zu agieren und den Kontakt zum Dirigenten und der Soufflage von Heike Gierhardt, die ich übrigens in Essen mal als wunderbare Sieglinde oder Donna Anna erleben durfte, nicht zu verlieren. Rollenspiel und -Interpretation waren für Gerhard Siegel zweitrangig.

Mehr auf die gesangliche Bewältigung als auf eine durchdringende Rolleninterpretation konnte man auch bei Almuth Herbst als Brangäne feststellen. Sie setzte immer wohlklingend auch in den kräftigen Stellen ihre satte Mezzo-Stimme ein.

Die Entdeckung für mich war Yamina Maamar als Isolde. Sie gestaltete mit immer sicherem, in allen Lagen einwandfrei gestalteten Sopran ihre Rolle. Ihre Rollengestaltung war intensiv und es war ein Erlebnis, ihre Figur auf der Bühne zu verfolgen. Ihre Darstellung ist für mich die Sensation des Abends. Urban Malberg ist Kurwenal, der seine Rolle mit kräftigem, offenen Bariton sicher gestaltete. Seine Rolleninterpretation war die eines robusten, einfachen Kumpels, die er eindrucksvoll bis zu seinem Bühnentod durchhielt.

Auf gesanglichen Wohlklang konnte man sich bei Ibrahim Yesilay als junger Seemann aus dem 'off' verlassen. Sicher und eindrucksvoll ebenfalls Marvin Zobel als Melot, der seine kurzen Momente auf der Bühne ohne Fehl und Tadel gesanglich und darstellerisch bestens ausfüllte.
Jacob Eisa als Steuermann durfte viel Fechten, hatte aber mit der Mini-Partitur anfangs Probleme. Größere Probleme konnte man bei Phillip Ens vernehmen, der die intensive Partie des König Marke mit seiner eigentlich schön klingenden Bass-Stimme nicht vollständig gleichwertig interpretieren konnte.

William Saetre war der Hirt des 3.Aktes; ein alter Mann mit grauem Bart. Bereits im 1.Akt tauchte diese Figur auf dem Schiffsdeck in der ersten Etage auf; im 2.Akt war er eine weibliche Aufsichtsperson. Im 3.Akt war der Hirt so gut wie immer präsent, als ob der Tod auf sein nächstes Opfer wartet; er lauerte immer an der Grenze zwischen Weiß und Schwarz, Leben und Tod. Nach dieser Rolleninterpretation fiel es dem Zuhörer schwer zu entscheiden, warum seine lyrische Tenorstimme sehr brüchig klang; sie hatte aber auch kaum Zeit, sich zu einem Wohlklang zu formen.

Der Herrenchor des Hauses unter der Leitung von Alexander Eberle wurde durch Mitglieder des Extrachores ergänzt, damit man besonders laut die wenigen Choreinsätze im ersten Akt 'brüllen' konnte. Aber viele Leute für die Optik sind ja auch schon was.

Der Bühnenraum des 1.Aktes zeigte auf der hoch gefahrenen Unterbühne die Schiffskabine; darüber war das Schiffsdeck. Bereits hier wurde die Drehscheibe häufig eingesetzt.
Im 2.Akt gab es Dank der Drehscheibe viele Spiel-Ebenen, Spiegel, ein Schlafzimmer, in dem zuerst Kinder, dann erwachsene Personen das interpretierten, was die Hauptfiguren gefühlsmäßig durchlitten. Schön, als der Hauptvorhang sich öffnete, sah man noch die sich schnell entfernenden Füße der Beobachter. König Marke klagte in einem Saal. Die Regie bot also viel Optisches für das Auge; warum dann eine 'Weltkugel' auch dabei war, wurde nicht erklärt, vielleicht symbolisierte sie den Tag; ein Lichtermeer von Glühbirnen stand für die Nacht.
Der dritte Akt wurde optisch von einem sich nach links und rechts wandernden und sich auch öffnenden weißen 'Strich' beherrscht, der immer den Blick in die weiße Lebens-Tiefe ermöglichte; hier an der schwarz-weißen Grenze hielt sich immer der Hirt auf. Im Hintergrund vor einer weißen bis nach vorn sich ausbreitenden Stoff-Fläche stand eine schwarze Stele. Schwarze Flächen waren im Vordergrund die Abgrenzung zum Weiß.

Etwas einfallslos wirkte das Finale, wenn Isolde vor der Stele ihren Liebestod vor großem Weiß wunderschön sang. Die weiße Lebens-Fläche wurde dann von den von oben und der Seite sich schließenden schwarzen Wänden eliminiert. Schön - diesen Effekt gab und gibt es auch schon nebenan in Essen.

Nichts desto Trotz ist das eine sehens- und Dank der wunderbaren Yamina Maamar vor allem hörenswerte Aufführung.


DER FLORENTINER HUT

19.11.16 | Das MiR Gelsenkirchen ist mit seinen 'Opernausgrabungen' immer für eine Überraschung gut. Nino Rotas Komödie "Der Florentiner Hut" aus dem Jahre 1955, ergänzt von seinem späteren Miniwerk "Die Fahrschule" (1959) erlebte eine glänzende schwungvolle Premiere vor gut gelauntem Publikum. Rota, bekannt wurde er vor allem als Film-Komponist. Seine Musik kam dem begeisterten Zuhörern immer irgendwie bekannt vor, entweder aus seinen Filmen -z.B. 'Der Pate'- oder als Zitate aus alter musikalischer Stile; so kam z.B. eine Gewittermusik à la Rossini zu Ehren. Schöne große Melodiebögen oder rhythmisches Fortune; das Ohr des Zuhörers war so immer auf Entdeckungsreise.
Eugène Labiches Geschichte vom aufgefressenen Florentiner-Hut wurde für Rotas Librettisten eine Steilvorlage für ein turbulentes Geschehen und vielen skurrilen Rollen, bei der auch der Chor immer effektvoll eingesetzt werden konnte. Da ist das Ensemble des MiR prädestiniert, eine solche Vorlage umzusetzen.

Musikalisch war die verhältnismäßig sparsame Orchestrierung mit der "Neuen Philharmonie Westfalen" unter der Leitung von Thomas Rimes in den besten Händen. Der schmissige Wohlklang und die Spiellaune im Orchester wurde auf die Bühne übertragen und von Chor und Solisten weiter umgesetzt. Wie sehr der neue Chordirektor Alexander Eberle bei der Sache war, sah man immer in der ersten rechten Bühnengasse bei seinem Dirigat; aber das kannte der Opernbesucher ja schon von seinen Besuchen im Essener Opernhaus.
Auch die Solisten 'ließen sich nicht lumpen'. Allen voran Ibrahim Yesilay als Fahrschullehrer Fadinard, der auf die Schnelle eine nach der anderen in seinem Oldtimer 'flach legt'. Sein leicht ansprechender Tenor klingt auch in den dramatischen Lagen immer schön und sicher, dazu noch seine Spielfreude, was will man von einer Titelpartie mehr. Sein Schwiegervater ist ein drittklassischer Mafia-Boss und bei Joachim G. Maaß spielerisch und musikalisch 'in den besten Händen'. Besonderen Eindruck hinterließ Urban Malmberg als betrogener Ehemann Beaupertuis mit schön klingender großer Bariton-Stimme.
Von den beteiligten weiblichen Opfern der Begierde war Anke Sieloff als Besitzerin des Hutes Anaide besonders mit Stimme und Spiel immer voll präsent. Bele Kumberger ist die Mafia-Tochter Elena, die sich bei ihrem Taxiabenteuer voll ins Zeug legt; musikalisch sind bei ihr Grenzen erahnbar. Der Vater ertappt das Fräulein Tochter und zwingt sie sogleich, Ferdinand zu heiraten. Daß sie sofort einwilligt hat auch den Grund, den man im Hochzeitskleid später mit schwangeren Rundungen sieht. Noriko Ogawa-Yatake als Baronessa gelingt es nicht, Ferdinand zu einem Abenteuer zu motivieren, hat sie doch leider den falschen Hut als Tausch im Angebot. Musikalisch ist sie hervorragend; da fällt dem Zuhörer ein, daß sie auf dieser Bühne früher eine formidable Tosca war.
Bei den männlichen Mitstreitern darf man nicht vergessen, Piotr Prochera als Liebhaber Anaides zu erwähnen. Erscheinung, Spiel und Gesang sind vorbildlich. Auch fiel Marvin Zobel positiv als Korporal mit großer Stimme auf; auch er darf den Liebhaber Emilio in dieser Inszenierung darstellen.

Die Inszenierung von Sonja Trebes war genau und leitet das Ensemble zu großem, flotten Spielwitz an. Das Bühnenbild von Dirk Becker ist optisch ansprechend; die Wände lassen durch verschieben schnell in einen neuen Spielort verwandeln. Die opulenten Kostüme von Jula Reindell wirken einfach wunderschön.

Mit großem Vergnügen hat sich das Premieren-Publikum in Gelsenkirchen unterhalten. Die spontanen Lacher sind ein Beweis, daß diese selten gespielte komische Oper nicht zu unrecht wieder 'ausgegraben' wurde.


LA GIOCONDA

Dem geübtem Musikkonsumenten ist von Almicare Ponchielli eigentlich nur das Ballett "Tanz der Stunden" bekannt. Zu seiner Zeit war er auch als Komponist für das symphonische Werk bekannt und als Lehrer, der Puccini und Mascagni als seine Schüler hatte. Diese mit süßlichem Schmelz bedachte Balletteinlage aus seiner bekanntesten Oper, "La Gioconda", spiegelt aber nicht die große musikalische Linie dieses dramatischen Werkes wieder; denn es gibt dort große Arien und dramatische Szenen. Allein das ist ein Grund, dieses 1876 in Mailand uraufgeführte Werk wieder als Musiktheaterinszenierung in Erinnerung zu bringen. In Gelsenkirchen hatte man in einer ausgefallenen Aufführung Gelegenheit dazu.
Die Geschichte, die in Padua spielt, ist krude: jeder liebt eine|n andere|n. Es geht um Politik, Mord und Totschlag und die Titelheldin opfert sich. Als Vorlage galt damals ein Drama von Victor Hugo. Das Regie-Team im 'MiR' Alexandra Szemerédy | Magdolna Parditka erarbeitete aus dieser Vorlage eine zeitnahe Parabel aus Liebe, Eifersucht und Macht in einem 'totalitärem Staat', der in Fernost angesiedelt sein könnte. Das Volk jubelt mit roten Fahnen dem Herrscher Alvise zu; das Militär steht allzeit bereit. Unter einfachen Verhältnissen lebt die Sängerin "La Gioconda" mit ihrer blinden Mutter. Sie liebt den inkognito in Padua lebenden Enzo, der leider Laura, der Ehefrau des Herrschers, seit langer Zeit im gegenseitigen Einvernehmen zugeneigt ist. Laura wird daher von ihrem Mann vergiftet um im letzten Moment Dank eines Tricks der Sängerin 'La Gioconda' wieder zu erwachen; der 'Tanz der Stunden' untermalt Lauras 'Todeszeit'. Das das alles nicht gut ausgeht, dafür sorgt auch der als Spitzel agierende Bösewicht Barnaba, der eigentlich der Sängerin zugeneigt ist.
Sechs Personen werden in Stimme und Spiel gefordert. Petra Schmidt ist die Titelheldin und gestaltet das mit ihrer klaren schönen Stimme großartig; ihr zur Seite als blinde Mutter Almuth Herbst mit starkem Profil. Derek Taylor ist Enzo, der Liebhaber zwischen den Fronten. Besonders in seiner Arie kann er mit seinem sicher geführten Tenor auftrumpfen und ist eine Bereicherung auf der Gelsenkirchener Bühne. Auf höchstem Niveau bewegt sich Nadine Weissmann als Laura in Stimme und Spiel. Dong Won Seo mit großem Bass ist als Richter und Herrscher Alvise im totalitären Staat die ideale Figur. Zwischen allen Fronten bewegt sich leicht Piotr Prochera als Spitzel Barnaba und bewältigt souverän diese große dramatische Baritonpartie; vor allem mit seiner strahlenden Höhe setzt er glanzvolle Momente.
Die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi untermalt und steuert das Geschehen auf der Bühne mit glanzvollen Akzenten, unterstützt vom Chor unter der sicheren Leitung von Christian Jeub. Das Publikum im sehr gut besuchten 'MiR' am Freitag, dem 13.5.16, geizte nicht mit Beifall und freute sich, wieder einer besonderen Aufführung beigewohnt zu haben.


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