Theatertipps: Oper Leipzig

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ELEKTRA

11.11.2018 | Peter Konwitschny hat zu seiner Zeit als Intendant in Leipzig Anfang dieses Jahrhunderts Richard Strauss' Oper Elektra spektakulär Inszeniert. Auch heute noch hat diese klare Deutung in der Ausstattung von Hans-Joachim Schlieker eine extrem starke Wirkung, selbst wenn man davon ausgehen muß, daß die intensive Personenführung von damals fehlt. Dafür gibt es aber herausragende Sänger mit ihrer Rollendeutung.

Vor einer Spiegelwand beginnt auf der Vorbühne als Rückblick vor dem ersten Musikton die Handlung. Mit seinen spielenden Kindern albert Agamemnon in und vor der Badewanne herum, bis vor aller Augen Klytämnestra ihren Mann und deren Vater Agamemnon von Aegisth im Bad erschlagen läßt.

Die Bühne öffnet sich und es bleibt mit einigen Farbschattierungen ein heller, großer Raum. Auf den Spiegelwänden im Hintergrund und zur Seite werden Wolken und Himmel projiziert. Die Mägde wischen den Boden. Die Badewanne mit dem toten Agamemnon bleibt im Raum und mit den Teiler der hellen, ledernen Sitzgruppe wird alles bewegt, um den Palast von der Vergangenheit zu säubern. In den Träumen von Elektra bewegt sich ihr Vater und sucht die Nähe zu ihr.

Catherine Foster gestaltet eine Elektra, die phänomenal packend in Spiel und Stimme ist. Ihr heller, leuchtender Sopran scheint mit der großen Partie keine Probleme zu haben - eine Sensation. Im schwarzen Hosenanzug und roten Haarschopf gestaltet sie klar und deutlich Elektras Geschichte von der Rache an den Mord an ihrem Vater und Catherine Foster beherrscht die Bühne.
Ihr zur Seite ist Melandie Diener als Schwester Chrysothemis ebenbürtig. Mit großem gefühlvollen Sopran gestaltet sie ihre Rolle; ihre Textverständlichkeit ist besonders zu loben.
Dagegen hat es Karin Lovelius als Klytämnestra mit ihrer schönen Mezzo-Stimme etwas schwerer, im Gespräch mit Elektra den Gegenpol zu behaupten.

Tuomas Pursio ist Orest. Im Anzug erscheint er schlank und schick. Die dezente Erkennungsszene mit Elektra ist ein weiterer Höhepunkt dieses Antikendramas. Mit klarer großer Stimme gelingt ihm eine mehr als glaubwürdige Gestaltung; sowohl die Tiefe der Partie als auch die Mittellage gestaltet er mit Wohlklang.

Jürgen Müller macht aus dem kurzen Auftritt des Aegisth einen weiteren Höhepunkt. Seine große helle Tenorstimme bringt er wirkungsvoll mit seinem präsenten Spiel textverständlich ein.

Von den zahlreichen weiteren Mitwirkenden ist besonders Olena Tokar als 5. Magd und Jean-Baptiste Mouret als Pfleger zu erwähnen.

Ulf Schirmer leitet das Gewandhausorchester kräftig und klangschön, ohne auch nur die Sänger einmal zu übertönen. In dem akustisch besonders herausragenden Theatersaal klingt das so grandios, daß ich bei seinem Dirigat zum ersten Mal besondere Facetten der Partitur erkennen konnte. Das war ein Ereignis für Ohr und Sinne.

Das Publikum zeigte sich nach 1h50 musikalischer Spannung begeistert. Gerade auch der jugendliche Teil der Besucher ließ sich von der modern wirkende Inszenierung überzeugen.
Diese Neuauflage der Inszenierung von Peter Konwitschny hat sich auf jeden Fall für den Spielplan der Leipziger Oper gelohnt.


LA FANCIULLA DEL WEST

10.11.2018 | Die 5. Aufführung nach der Premiere von Puccinis 'Mädchen aus dem goldenen Westen' konnte sich in der Leipziger Oper vor allem hören lassen. Hausherr Ulf Schirmer leitete das Gewandhausorchester und machte so die Partitur zu einem Klangerlebnis, an dem der Saal der Leipziger Oper mit seiner phantastischen Akustik seinen Anteil hatte.
Meagan Miller ist Minnie das Mädchen, das sich in einer Männergesellschaft durchsetzen muß. Sie gestaltet mit ihrem sicheren, leuchtenden Sopran auch die dramatischen Szenen eindrucksvoll. Im Laufe des Abends gewann auch ihre Stimme den 'typischen Schmelz einer Puccini-Partie'.
Gaston Rivero ist Dick Johnson, setzte sicher seinen strahlenden Tenor ein, reichte aber an der großartigen Gestaltung seiner Partnerin nicht ganz heran.

Simon Neal ist der Gegenspieler Jack Rance, der in Polizeiuniform und Scherriff-Hut nicht nur optisch durch sein Spiel, sondern auch durch seine große, klare, auch dramatische Stimme die Szene beherrschte.

Weitere 14 Männerfiguren hat Puccini für seine Oper eingesetzt. In Leipzig kamen noch einige Statisten hinzu, die das dortige Leben illustrierten. All diese Sänger, auch die mit herausragender Stimme, gesondert zu erwähnen, erübrigt sich; denn sie waren bestens dabei in Stimme und Spiel. Erwähnenswert auf jeden Fall seien Partick Vogel, Randall Jakobsh mit sattem Bass, Jonathan Michie und Matthew Pena.

Marta Swiderska, die ich vor einiger Zeit als Erda erleben konnten, gab der Wowkle mit ihrer großen, wohlklingenden Stimme im 2. Akt entsprechendes Profil.

Für die Inszenierung von Cusch Jung baute Karin Fritz ein großes Bühnenbild, das vor allem im 1. Akt eine enorme Wirkung entwickelte. Eine große Waschkaue, die den Ruhrgebietler sofort an seine Zechen erinnert, dominiert den Raum. Hier wird in einsamer Gegend Gold gefördert. Ein Fahrstuhl fährt in die Tiefe, aus dem auch Minnie entsteigt. Es passieren bei Cusch Jung in dieser Männergesellschaft Dinge die passieren, wenn man gemeinsam duschen geht. Die Männer vergnügen sich sexuell miteinander; einige besonders attraktive Lustknaben locken mit nacktem Oberkörper ihre Partner. Das alles wird dezent gezeigt und lockert die Personenregie mit so viel Menschen auf.

Minnie ist dort als Kantinen-Wirtin für viele Ansprechpartnerin und Hoffnung auf Liebe. Scherriff Jack Rance macht sich Kraft seines Amtes besonders starke Hoffnung und will dies auch durchsetzen.

Der gesuchte Bandit Dick Johnson wird im 2. Akt in Minnies Wohnhütte gestellt. Ein großer hölzerne Wohnraum mit Dachboden steht halbhoch im Bühnen-Raum; im opulenten Realismus fallen nagelneue Pappkartons auf.

Zum 3.Akt fährt das Haus auf offener Bühne in die Tiefe und macht den Blick auf den großen leeren Raum vom 1.Akt frei; auf Holzpaletten an den Seiten stellen sich schnell dekorativ einige Männer. Der Fahrstuhl im Hintergrund ist Plattform für den Galgenstrick an großem Haken, mit dem Johnson hingerichtet werden soll.

Die Regie von Cusch Jung nutzt geschickt die Spannung, die das Stück im 3.Akt bietet. Nachdem als glückliche Wendung Minnie für die Freiheit von Dick Johnson und damit um ihre Liebe zu ihm gekämpft hat, verläßt sie mit ihm die Gold-Mine. Die zurückbleibenden Männer lassen beide ziehen; auch den Scherriff scheinen sie überzeugt zu haben.

Wäre nicht zuvor die Musik zu Ende und das Bühnenlicht ausgeblendet, könnte man noch erfahren, ob Scherriff Jack Rance den Revolver auf Minnie & Dick abfeuert und trifft oder nicht.

Das Publikum bedankte sich für ein großes musikalischen Abend mit kräftigem Beifall.


LULU

24.6.2018 | Unter der musikalischen Leitung von Intendant Ulf Schirmer hat die Oper Leipzig eine phänomenale Produktion von Alban Bergs unvollendeter Oper 'Lulu' als Leipziger Erstaufführung herausgebracht. Damit das Werk nicht unvollendet blieb, wurde die komplettierte Fassung von Friedrich Cerha gewählt. Auch Dank des Gewandhausorchesters wurde diese Aufführung zu einer selten zu vernehmenden musikalischen Einheit, da man über die Cerha-Fassung durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann. Ulf Schirmer leitete das Orchester zu präzisen grandiosen Höchstleistungen an. Die einmalige Akustik des Leipziger Opernhauses ermöglichte in den zarten und kräftigen Partiturstellen einen extremen Klangkosmos. Je nach Vermögen, war die Textverständlichkeit der Mitwirkenden immer gegeben.

Lotte de Beer inszenierte auf der großen, nahezu leeren, schwarz gehaltenen Bühne von Alex Brok eine genaue Darstellung des Handlungskrimis. Auf dem großen Hintergrund lief bereits zu Beginn der Oper ein Film-Rückblick mit der Vorgeschichte der Handlung, als Lulu als kleines Mädchen von den Männern sexuell missbraucht und von Schigolch 'stundenweise verkauft' wurde. Die kleine Lulu-Darstellerin beendet auch die Erzählung nach dem bitteren Ende.

Bereits in der Tierbändiger-Szene fällt auf, daß die Regisseurin nicht unbedingt alle Details, die Text und Bühnenanweisungen vorgeben, übernimmt. Nur wenige Bühnenbildteile und Requisiten sind notwendig, um mit illustratorischen Projektionen die Optik zu bereichern. Der Film im Hintergrund als zusätzliche Information ist weiterhin Mittel der Inszenierung.

Das hat den Vorteil, daß das Spiel der Beteiligten immer im Vordergrund steht und nicht von nebensächlichen Aktionen abgelenkt wird. Die Personenführung mit den Sängerdarstellern ist genau und erklärt sie Situation.

Es ist eine kluge Entscheidung, nach dem I. und II.Akt eine Pause zu machen, selbst wenn der Abend für die Besucher länger wird. Nicht nur die Gastronomie des Hauses wird sich darüber gefreut haben. So steht im II.Akt der Niedergang von Lulu nach dem Mord an Dr. Schön mit ihrer Flucht im Mittelpunkt. Der III. Akt mit den Paris- und London-Bildern ist mit der Cerha-Ergänzung eine nahezu homogen musikalische Einheit.

Getragen wird die überragende Leipziger Aufführung von den Sängern, die sich als ausgezeichnete Schauspieler zeigen können. Lulu ist Rebecca Nelsen, die optisch und musikalisch mit großer leichter Stimme eine Idealbesetzung ist. Ihr zur Seite dazu Simon Neal als Dr. Schön, der als Jack the Ripper auch für das Ende der Titelfigur sorgt. Er besitzt eine markant hohe Baritonstimme; da stimmt nicht nur jeder Ton, man versteht bei ihm auch noch jedes Wort. Dazu seine Präsenz im genauen Spiel mit den Partnern; das macht den Zuschauer sprachlos, der bis zum Ende mit seinen Beifall-Dank warten muß.

Aber auch die anderen Figuren der Handlung sind mehr als lobenswert. Bei Martin Blasius als Schigolch und Patrick Vogel als Maler ist Spiel und Gesang mit großer Textverständlichkeit zu loben; Kathrin Göring ist Gräfin Geschwitz mit leichtem Mezzo und Randall Jakobsh als Athlet mit vollem wohlklingenden Bass. Yves Salaens glänzt mit großem sicher klingenden schönen Tenor als Alwa.

Das Publikum ist mehr als beeindruckt von Musik und Spiel. Es ist zu hoffen, daß im Laufe der Zeit das präzise Spiel nicht -durch notwendige Umbesetzungen- leidet. Leipzig hat da nämlich einen musiktheatralischen Hit gelandet.


DER REBELL DES KÖNIGS - Cinq-Mars

20.6.2018 | Charles Gounod hat ein scheinbar unermessliches Musikrepertoire hinterlassen, das bis auf einige Werke in den Archiven ein Dornröschen-Schlaf fristete. Erst in den letzten Jahren entwickelte sich eine Renaissance und Wiederentdeckung seiner Bühnenwerke, so 'Cinq-Mars', das 1877 in der Opéra-Comique uraufgeführt wurde.

Leipzigs Intendant Ulf Schirmer spielte 2015 in München eine konzertante Fassung von Cinq-Mars für die Tonindustrie ein. Was liegt da näher, als im eigenen Leipziger Haus diese große Oper zur szenischen Aufführung auf die Bühne zu bringen.
Als Vorlage galt Gounods Texter Poirson|Gallet der historische Roman 'Cinq-Mars' von Alfred de Vigny aus dem Jahre 1826. Eine große Geschichte um den Marquis de Cinq-Mars, mit Liebe und viel Politik, König und Kirche, mit Handelnden der damaligen Zeit.

Drahtzieher im Hintergrund ist Richelieu, dem Gounod allerdings keine Partie schrieb. Das hinderte den Regisseur Anthony Pilavachi aber nicht daran, ihn in einer stummen Rolle agieren zu lassen. Große Chorszenen illustrieren die Handlung, die eher in der Musik als im Szenischen dramatischen Ausdruck findet. Eindrucksvoll ist die große Schäferszene im zweiten Akt.

Der tragische Schluß erinnert an Puccinis Tosca, als Cinq-Mars und sein Freund de Thou hingerichtet werden, während die Prinzessin Marie de Gonzague die Flucht vorbereitet.
Regisseur Pilavachi inszeniert wirkungsvoll eine große Kostüm-Oper. Die Ausstattung von Markus Meyer bietet szenischen Glanz. Eine feine szenische Personenzeichnung und Darstellung fällt da nicht auf; die Sängerdarsteller bemühen sich durchaus erfolgreich um entsprechenden Ausdruck.

Das Gewandhausorchester wurde von David Reiland zur Höchstform geführt. Die Musik von Charles Gounod verströmte großen französisch romantisch-dramatischen Charme. Die Sänger auf der Bühne ergänzten diese musikalische Leistung auf das angenehmste, vom Chor der Oper klangvoll unterstützt.

Es ist eine personenstarke Oper; daher seien nur einige Protagonisten genannt, die den dreistündigen Abend besonders prägten. Mathias Vidal singt klangschön die Titelpartie, Charlotte Despaux ist seine Geliebte Marie mit sicher geführten Sopran. Jonathan Michie als Ciny-Mars' Freund de Thou und Mark Schnaible als Gegenspieler Père Joseph gestalten ebenso stark ihre Partien, wie Danae Kontora, die ihren Sopran in die höchsten Höhen beim Schäferspiel sicher erklingen lassen kann.

Das Leipziger Publikum erlebte einen großen Opernabend eines selten aufgeführten Werkes und bedankte sich mit heftigem Beifall.


TANNHÄUSER

27.5.2018 | Der Wagner-Verband Leipzig rühmt sich mit einem Wagner-Programm an 365 Tagen im Jahr, gilt es doch, die Heimatstadt des Künstlers ins rechte Licht zu rücken. Daß der Maestro aber in seiner Geburtsstadt sich nicht so wohl aufgehoben fühlte, macht ja fast nichts. Die Oper Leipzig hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Wagner Werke für die Bühne im Spielplanangebot zu haben. Dieser Ehrgeiz ist hoch, leider ist das Ergebnis dieser Wagnerpflege dank mancher Umstände nicht immer euphorisierend.

Der Tannhäuser fehlte z.B. für das ehrgeizige Vorhaben. Katharina Wagner sollte diese Inszenierung beisteuern. Daraus wurde nichts. Ihr Engagement soll nun später den 'Lohengrin' realisieren. Wer ihren Budapester Lohengrin auf 'you tube' sieht, ahnt was da kommen könnte.
Kurzfristig mußte daher geplant werden; so kam nun die Inszenierung von Calixto Bieito auf die Leipziger Bühne. Eine Arbeit, die bereits vorher in Antwerpen und Venedig im Bühnenbild von Rebecca Ringst und in den Kostümen von Ingo Krügler zu sehen war. Hätten alle Leipziger Entscheidungsträger sich das mal angesehen.

Die Dresdner Fassung des Komponisten erklang auf hohem musikalischen Niveau. Ulf Schirmer leitet das Gewandhausorchester und wer die phantastische Akustik des Leipziger Opernhauses kennt weiß, welch Klangerlebnis den Zuhörer erwartet. Gewählt wurden oft 'breite tempi', die einen angenehmen Wohlklang auslösten; da konnte man oft die Augen schließen, wenn einem das Geschehen auf der Bühne nicht gefiel.
Kleine Einschränkungen kann man nur bei der Bühnenmusik und den Pilgerchören machen, die manchmal kaum vernehmbar aus dem 'off' erklangen; die Balance zum Orchester war so nicht optimal.

Die szenische Einstudierung der Bieito-Inszenierung lag in den Händen von Barbora Horáková. Ihr diese unglückliche Inszenierung anzulasten wäre unfair; hoffentlich wurde sie nach der Premiere nicht dafür bestraft. Sie stellte die Sänger auf die Regie-Ideen ein, die präzise diese Aufgabe erfüllten; vor allem von Venus und Elisabeth wurde große szenische Präsenz und intensives Spiel verlangt, was diese beeindruckend erfüllten.

Bereits für die Ouvertüre öffnete sich der Vorhang. In einem schwarzen Bühnenraum beherrschte grüne Natur den Boden. Später hob sich das Grün und hing vom Himmel und symbolisierte wohl die Welt des Hörselberges. Venus beherrscht im schwarzen Negligé die Szene und durchlebt mit der Musik ihre weibliche Lust am Liebesleben, dem sich später Tannhäuser entziehen wird. Da wäre es fast sinnvoller gewesen, die Pariser Fassung des Bacchanals zu wählen, was optisch und musikalisch eher eine Einheit geboten hätte.
Von der einen Frau gelangt der Minnesänger zu nächsten, die sich ihm freundlich zu neigte. Auch der Hirt ist ein attraktives weibliches Wesen; schließlich wird diese Rolle auch von einer Frau gesungen.

In dieser Inszenierung wird optisch jeglicher kirchlicher Bezug vermieden. Die Pilgerchöre im ersten und dritten Akt werden hinter die Bühne verbannt. Die Jagdgesellschaft unter Leitung von Landgraf Hermann ist eine auf kräftiges Männergehabe eingestellte Gruppe. Kommt es im ersten Finale doch noch zur Aufnahme Tannhäuser in dieses Bündnis, wird das mit einem Blut-Ritual aller verdeutlicht. Der schwarze Bühnenboden wird von den Sängern weggezogen, um einen weißen Boden freizulegen. Mit kräftigem Gebrüll der Männer wird dieser Freudentaumel beendet.

Im zweiten Akt beherrscht nun dieses Weiß die Bühne. Weiße Säulen stehen symmetrisch; dahinter verbergen sich schon die Sänger. Elisabeth durchlebt ihre Freude auf das Treffen mit Tannhäuser zu Beginn auch im schwarzen Negligé und zieht erst danach einen Morgenmantel an, der aber später immer mehr zerfleddert wird und sogar genutzt wird, um sie zu würgen. Optisch ist sie so für die Männerwelt auch Objekt der Begierde; ein rauher Brauch, sie als Preis auszuloben. Da halten sich die männlichen Teilnehmer auch nicht zurück, Elisabeth zu begrabschen. Es wäre sicherlich zu noch schlimmeren gekommen, hätte sich Tannhäuser nicht 'ge-outet'; ein Tannenzweig fällt da vom Himmel. Später haben alle auf der Wartburg einen Zweig in der Hand und schlagen damit hörbar kräftig zu. Onkel Landgraf hält sich dabei zurück, hat er doch einen kleinen Edelknaben auf dem Schoß.

Im dritten Akt stehen die weißen Säulen quer und das Schwarz des Bodens verfärbt auch sie als Symbol der heilen Welt. Nach dem Mordversuch von Wolfram an sie, legt sich Elisabeth auf einen schwarzen Hügel. Im Schlußchor kommt sie aber nach vorn und steht neben Venus, zwei vergleichbare Fraun im schwarzen Negligé.

Auffallend, daß die musikalische Gestaltung der Rollen durch die Sänger oft im Gegensatz zur szenischen Realisierung steht. Wolfram von Eschenbach singt vor allem schön und da war die Partie bei Mathias Hausmann bestens aufgehoben. Walther von der Vogelweide sollte mit einem lyrischen Tenor in seinem Lied und in den Ensembles über allen mit Wohlklang schweben. Patrick Vogel konnte da eher mit seinem Charaktertenor glänzen. Randall Jakobsh konnte mit seinem wohlklingenden Bass dem Biterolf Profil geben. Alle Ritter haben eins gemeinsam, die brutale Gewalt gegenüber anderen und schutzlosen Frauen.

Es war ein Vergnügen, Karl-Heinz Lehner als Hermann mit seinem schön geführten Bass zu erleben, ist diese Partie alles andere als einfach zu gestalten.

Der Höhepunkt es Abends war neben der Titelrolle vor allem Elisabet Strid als Elisabeth. Sie setzte nicht nur die von ihr geforderte Rollengestaltung eindrucksvoll um; dazu sang sie mit sicher geführtem, gefühlvollen Sopran ihre Partie, die bei ihr keinerlei Probleme hörbar machten.

Stefan Vinke verkörperte den Tannhäuser, eine Partie, bei der viele Kollegen Grenzen zeigen. Nicht aber bei Stefan Vinke, der neben seiner kräftigen auch immer seine schön klingenden Stimme zur gut gelungenen Rollengestaltung aufbieten konnte.

Kathrin Göring konnte mit ihrem leichten Mezzo-Sopran die Venus wirkungsvoll mit weicher Stimme und Spiel gestalten. Der Sopran von Danae Kontora als Hirt klang jugendlich herb.

So bietet die Oper Leipzig mit dem 'Tannhäuser-Sängerkrieg auf Wartburg' eine vor allem musikalisch hochwertige Wagner-Aufführung. Dem Ziel 2022 alle Wagner Opern im Spielpanangebot zu haben, ist man auf jeden Fall näher gekommen. Die drei bereits realisierten Jugendwerke vor dem Holländer bieten zur sehr guten musikalischen Realisierung auch sehenswerte Inszenierungen. Das kann man vom Ring nicht sagen, was die Szene betrifft. Da hat man bis 2022 noch was vor; 2018/19 steht der Holländer auf dem Plan. Es fehlen dann noch der Lohengrin, Tristan und die Meistersinger - soweit ich das überblicken kann. Da wünsche ich der Oper Leipzig mehr Glück bei der szenischen Umsetzung, um den großen Sohn der Stadt zu würdigen.


GÖTTERDÄMMERUNG

26.3.2017 | Das Gewandhausorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer war wieder bemüht, aus der Wagner-Partitur ein akustisches Ereignis in diesem schönen Leipziger Theatersaal zu machen. Teilweise zelebrierte Tempi und Patzer bei den Bläsern schmälerten den Höreindruck. Der Chor unter der Leitung von Alessando Zuppardo klang sicher und schön.
Besonders eindrucksvoll war die Brünnhilde des Abends von Rebecca Teem. Ihre volle, satte Sopranstimme glänzt auch in der dramatischen Höhe und sie hatte die Kondition, auch ihre große Schlußszene ohne Kraftverlust zu gestalten. So herausragend hatte ich sie in Essen und Mannheim nicht in Erinnerung.
Thomas Mohr war der Siegfried und kam mit seinem Tenor nahezu bestens zurecht. Seine kräftige Stimme klang schön hell und klar und konnte auch die Mittellage ausfüllen.
Rúni Brattaberg gefiel vor allem, wenn er seinen satten tiefen Bass einsetzen konnte, ohne in die kraftvolle Höhe zu müssen. Tuomas Pursio charakterisierte den Gunther durch sein Spieltalent sehr genau; da sah man ihm sehr gern zu und überhörte einige Schwächen. Wenn seine Bühnenschwester fertig war, ihr Kleid zu drapieren, konnte Gal James auch ihre schöne Sopranstimme als Gutrune zur Geltung bringen, die in allen Lagen optimal von ihr geführt wurde.
Auch die anderen Rollen waren ansprechend besetzt. Darunter fiel besonders Olena Tokar als dritte Norn mit ihrem schönen, klaren Sopran auf, der auch die dramatischen Stellen eindrucksvoll gestalten konnte oder Magdalena Hinterdobler als Woglinde, die wohlklingend ihren Sopran für diese Figur einsetzen konnte.
Die Inszenierung und Choreographie von Rosamund Gilmore blieb auch am letzten Tag des Rings eindrucksvoll bescheiden. Das Bühnenbild von Carl Friedrich Oberle bot modernistische Säulen, die in allen Bildern den großen Raum bestimmten, ehe sie beim Weltuntergang in die Tiefe verschwanden. Michael Röger leuchtete das alles gut aus. Peinlich wurde der optische Eindruck wieder, als in den Kostümen von Nicola Reichert fünf GötterDarsteller im Finale auftraten; sie hatten die Kostüme aus dem Rheingold an - als ob es seit dem keine Entwicklung bei den Personen gegeben hätte, wie wir aus der Walküre und Siegfried wissen.
Auch in dem abschließenden Abend der Wagner-Trilogie mit einem Vorabend konnte mir das szenische Leitungsteam nicht erklären, warum sie so diese Geschichte dem Publikum erzählen. Die Funktion der Tänzer | Pantomimen war darauf beschränkt das zu erklären, was Personenführung und Gestaltung in der Szene nicht vermochten. Da hat man den Künstlern keinen Gefallen getan, diese überhaupt als 'Stück-Interpretation' einzusetzen.
Die szenische Umsetzung der Rollenträger blieb deren eigenem Vermögen überlassen, mit ihrer Figur umzugehen, was einige durchaus ansprechend taten.
Leipzig, das sich gern auch als Wagner-Stadt ausgibt, hat nun in seiner Oper einen Wagner-Ring, der noch über Jahre im Spielplan gehalten werden wird und der in der aktuellen Form szenisch erhebliche Mängel aufweist. Musikalisch kann man ja immer neu punkten. Aber vielleicht hat ein neuer Intendant den Mut, die ganze Szene so zu ändern, daß man gerne hinsieht und eine spannende Geschichte 'nach einer Inszenierung von Rosamund Gilmore' erzählt bekommt. Den Leipziger Opernbesuchern ist das zu wünschen.


SIEGFRIED

25.3.2017 | Unter der musikalischen Leitung des Hausherrn Ulf Schirmer kam es zur 9.Aufführung des zweiten Tages von Wagners Ring des Nibelungen. Wie schon in der Walküre bemerkt, waren die Bläser nicht alle optimal disponiert, schlimm, wenn in herausragenden Stellen ein Patzer passiert. Das Verhältnis zum GMD soll aber nicht getrübt sein, wie man mir versichert hat. Die Tempi wurden sehr breit zelebriert und so konnte in der wunderbaren Akustik des Leipziger Opernhauses ein großartiger Wagner-Klang erzeugt werden, bei dem scheinbar jede kompositorische Finesse erarbeitet wurde. Leider entstand so oft keine musikalische Spannung. Da mußten sich die Sänger schon was anstrengen.
Allen voran war der Titelheld die herausragende Figur. Andreas Schager verfügt nicht nur über eine wunderschöne Tenorstimme, sondern hat auch Technik und Stimm-Material, diese große Heldentenor-Partie zu gestalten, ohne an stimmliche Grenzen zu stoßen. Nie hat man das Gefühl, daß er für den 3.Akt spart - im Gegenteil. Seine lyrischen Passagen stellt er ebenso Dank guter Technik mit schönstem Klang her wie die heldischen, z.B. bei den Schmiedeliedern. Andreas Schager ist unter den allerbesten seines Fachs einzuordnen.
In ähnlicher Qualität ist Egils Silins als Wanderer zu hören. Seine große Stimme ist für den 3.Akt nahezu ideal. Mit ihm zur Seite als Erda gab es Nicole Piccolomini zu hören, die mit ihrer volltönenden Altstimme ohne Höhenprobleme den Beginn des Aktes fast zu einem Höhepunkt werden ließ, wären da nicht die zu breiten Tempi des Dirigats ohne dramatische Intensität des Orchesters.
Warum Elisabet Strid nach den Erfahrungen für diese Partie weiterhin die Brünnhilde singt, ist auch nach diesem Abend nicht ersichtlich. Ihr schön geführter hoher Sopran ist zu klein für die doch mit dramatischen Impulsen bespickten Partitur, wo auch in der Mittellage Stärke erwartet. Da bringt es nichts, wenn sie die hohen Stellen wunderschön erreicht, ansonsten aber immer im Schatten des Tenorkollegen steht - mangels Masse.
Alle anderen Rollen sind mit Hausmitgliedern gut, aber nicht herausragend besetzt.
Über Inszenierung und Choreographie von Rosamund Gilmore gibt es weiterhin nichts gutes zu berichten. Personenführung ist weiterhin ein Fremdwort für diese Aufführung; mal geht der Sänger nach links - mal nach rechts, der andere bleibt lieber gleich die ganze Zeit in der Mitte stehen. Am Peinlichsten wurde der Schlußauftritt der Pantomimen-Tänzer, wenn sie in der Schlußszene freudig hüpfend 'Leuchtende Liebe - lachender Tod' unterstützten.


DIE WALKÜRE

8.1.2017 | Einen Tag später war das Gewandhausorchester Leipzig unter Ulf Schirmer hörbar nicht ganz so eindruckvoll. Besonders die Patzer beim 'Blech' störten den Hörgenuß oder etwa der zu frühe Einsatz eines anderen Blas-Instrumentes in einer Generalpause. Das darf eigentlich einem Orchester dieser Güteklasse nicht passieren. Aber das passiert auch anderswo.
Auf der Bühne gab es Sänger der ersten Güteklasse, die auch im Frankenland bei den Festspielen zu hören sind. Allen voran Irene Theorin als Brünnhilde und Thomas J. Mayer als Wotan, die das Finale im 3.Akt sensationell für den Abend abrundeten; aber auch im 2.Akt gaben sie darstellerisch und musikalisch den stärksten Eindruck.
Umgeben waren sie von gut disponierten Kollegen. Karin Lovelius war an diesem Abend eine überzeugende Fricka, die ihren großen Mezzo klangschön einsetzte; sie hätte ich auch am Vorabend gern gehört. Rúni Brattaberg kam mit seinem großen schweren Bass besser mit der Partie des Hundings zurecht als am Vorabend.
Das Zwillingspaar war geradezu exzellent besetzt. Simone Schneider gab eine wunderbare Sieglinde mit großer Stimme und einer kräftig runden Mittellage. Auch ihr präzises Spiel machte den ersten Akt mit ihrem Partner zu einem Genuß. Leider kniete oder stand sie in der folgenden Zeit nur noch vorn und hielt Kontakt zum Orchester.
Burkhard Fritz war Siegmund und für mich ein mehr als freudiges Wiedersehen und -hören, hatte ich doch im Revier ihn in vielen unterschiedlichen Rollen erleben können. Inzwischen ist er bei den Festspielen im Frankenland und international aktiv. Seine Stimme setzt er klar, textverständlich ohne scheinbare Anstrengung, sicher, immer schön klingend ein. Dazu noch seine Bühnenpräsenz, die die Rollengestaltung zum Ereignis macht. Das war ein absoluter Pluspunkt in der Leipziger Besetzung.

Das Walkürenoktett war musikalisch und szenisch bestens aufgestellt. Erfreulich, die mir aus Essen bekannte Anja Schlosser als Waltraute wieder zu erleben.

Die Inszenierung von Rosamund Gilmore wirkte besonders im 2.Akt unattraktiv. Ihr Tanzensemble war mal das Ross Grane, mal Frickas Widder, tote Helden; zu Beginn symbolisierten sie das Unwetter. Gut, daß sie das weitere Geschehen im ersten Akt nicht mehr so stark begleiteten.

So bleibt der Wagner-Abend ein Sänger-Ereignis in dessen Geburtsstadt im fast voll besetzten Haus. Wußte der Komponist und Texter doch schon damals, was man szenisch alles auf der Bühne anstellen könnte und was man nicht sollte!

in Erinnerung an:
29.5.2015 | Leipzig ist die Geburtsstadt des großen Meisters. Es gibt dort ein wunderschönes Opernhaus mit opulentem Foyer und einer ganz großen Garderobe. Ein großer Zuschauerraum mit Platz, der auch jedem Besucher in der Reihe Beinfreiheit garantiert. Eine große Bühne und ein großer Orchestergraben, der auch voll besetzt für jeden Musiker Raum bietet. Die Akustik ist ausgesprochen gut. Leider war auch am 29.5.15 der Saal nur gut zur Hälfte besetzt. Vielleicht hat man gewußt, was einen erwartet. Der große Meister wäre enttäuscht.
Rosamund Gilmore war für die Regie verantwortlich. Selten habe ich gesehen, daß eine Inszenierung keine detaillierte Personenregie bietet. Da verließ die Regisseurin sich lieber auf neun Tänzer/Statisten, die mit ihrer Bewegung etwas fürs Auge bieten sollten. Aber diese Idee ging meist nach hinten los. Einzig Ziv Frenkel als Ross Grane konnte man in seiner Darstellung noch etwas zur Erklärung der Szene abgewinnen. Die anderen boten bewegend - erklärende Unterstützung zur Musik. Die beiden Fricka-Stiere erhielten auf offener Szene ein ärgerliches "buh". Höhepunkt für die nicht stimmige Regie-Idee der Tänzer waren die Figuren im II.Akt. Im stark nach einem Krieg zerstörten Saal zu Walhall lagen sie unter weißen Tüchern; man konnte sie bereits als tote Helden ansehen. Scheinbar unbeweglich, bewegten sie sich doch sehr langsam; denn auf der Bühne mußte ja was passieren, da die Sänger meist am Tisch saßen, mal nach links, mal nach rechts und dann in die Mitte gingen. Doch als der Ortswechsel zum Auftritt des Zwillingspaare kam, wußte man, warum die 'Tänzer' da waren: sie räumten Requisiten weg, denn ein neues Bild mußte ja her.
Rumsitzen tat man viel, vor allem im I.Akt, der in einem kargen Betonhaus spielte, auf dem sich auch die Tänzer tummelten. Allein der III.Akt mit dem Walkürenfelsen versprühte optische Attraktivität. Eine Hausfassade mit vielen Etagen und Rundbögen dominierte das Bild. Der Boden erinnerte mit seinen vielen weißen Schuhen eher an die Meistersinger. Um den Felsen, der zur Verbannung diente, loderten echte Flammen. Da stapften nun die neun Walküren herum. Musikalisch war die Aufführung alles andere als rund. Man hatte das Gefühl, daß das tolle Orchester unter der Leitung von Ulf Schirmer bei den breiten Tempi zu Beginn uninspiriert spielte. Das färbte wohl auf die Bühne ab, da die Sänger nicht spielten sondern meist nur sangen. Der III.Akt mußte her, um den Hörer zu versöhnen.
Vor allem Iain Paterson kam als Wotan mit dem breiten Tempo in der für ihn sehr tiefen Monologszene des II.Aktes nicht zurecht. Seine baritonale Höhe und Kraft, vor allem im III.Akt, war mehr als hörenswert. Sein Kollege Guy Mannheim als Siegmund hatte für diese Partie aller bestes Stimm-Material. Schade nur, daß die Regie ihn ganz alleine ließ. Rúni Brattaberg war ein nobler Hunding mit schöner, tiefer Stimme.
Höhepunkt der Aufführung war das Damenensemble. Allen voran Irene Theorin als Titelfigur. Stimme und Spiel waren festivalwürdig. Mit ihrer Erfahrung konnte sie sich auch in dieser mageren Inszenierung mehr als positiv in Szene setzen; die breiten Tempi des GMD machten ihr nichts aus, hat sie doch eine sehr ansprechende Mittellage. Der III.Akt war ja dann Gott sei Dank etwas flotter für alle.
Christiane Libor als Sieglinde war in Stimme und Spiel ihre adäquate Partnerin auf der Bühne. Auch sie verfügt über eine gute Mittellage mit strahlender Höhe. Beide Stimmen ergänzten sich auf dem Walkürenfelsen. Bei den acht Walküren gab es erfreulich hochdramatische Sängerinnen. Besonders hörenswert das "hojotoho" der Helmwige von Josephine Weber. Kathrin Görings Fricka blieb da etwas bescheidener und konnte auch den II.Akt nicht aufwerten, wo allein die Todesverkündung heraus ragte.
Wäre nicht Irene Theorin gewesen, wäre für mich die Reise nach Leipzig nicht befriedigend gewesen.


DAS RHEINGOLD

7.1.2017 | Nach der legendären Hertz-Inszenierung im wunderschönen Leipziger Opernhaus und einigen konzertanten Aufführungen des erstklassigen Gewandhausorchesters, gibt es jetzt dort eine Neuinszenierung. Verantwortlich für die Inszenierung zeichnet Rosamund Gilmore, für die musikalische Leitung der Hausherr Ulf Schirmer. Gut, daß die meisten Besucher beide Aufführungen nicht vergleichen können -auch ich nicht. Aber allein der Vergleich zu Aufführungen anderenorts fällt nicht immer positiv für Wagners Geburtsstadt aus, wo man doch in der offensiven Selbstdarstellung so stolz auf seinen berühmten Sohn ist. Hätte man den jungen Richard im alten Opernhaus doch mal arbeiten lassen!
Die Bühne von Carl Friedrich Oberle zeigt das Innere eines riesigen Hauses mit einer großen Treppe die von der Tiefe um einen großen Pfeiler nach oben in weite Höh' führt. Das gebaute Portal hat als Decke eine runde Lichtleiste für unterschiedliche Effekte. Ein großes rechteckiges Podest dient im ersten Bild als Wasserfläche, danach als Spielfläche für Götter, Riesen und Nibelungen. Vergitterte Öffnungen am Podest führen als Schwefelkluft in die Unterwelt, die von Alberich, Wotan und Loge benutzt werden müssen.

Rosamund Gilmore führt für ihre Regie 'Mythische Elemente' ein, die verhältnismäßig sinnvoll im Vorspiel mit tänzerischem Bewegungsspiel die Entstehung des Lebens zeigen. Je länger alles dauert, umso mehr werden diese zahlreichen Tänzer Gehilfen einer hilflosen Inszenierung, bei der fast jegliche Personenführung vermißt wird. So müssen sie das Wasser im Becken wegwischen, damit die Handelnden des zweiten Bildes keine nassen Füße bekommen. Praktisch ist es auch, wenn man Fafner dabei hilft, das erbeutete Gold wegzuschaffen; als Nibelungen müssen sie ja mit dem Gold sowieso hantieren. Ansonsten stören diese Figuren nur, wenn sie versuchen, die Handlung zu erläutern; nun gut - sie unterstützen mir ihren Bewegungen die Musik.
Die Aufführung steht und fällt mit den Sängerdarstellern. Besonders Tuomas Pursio als Wotan und Thomas Mohr als Loge zeigen, daß sie nicht nur ausgezeichnete Sänger, sondern auch sehr gute Schauspieler sind. Da macht es Freude, deren Spiel zu verfolgen. Anderen Kollegen wird durch Rolle oder Situation nicht viel Möglichkeit gegeben, sich szenisch zu profilieren.

Musikalisch lieg alles in den Händen von Ulf Schirmer, der die wunderbare Akustik des Saales für seine 'breiten' klangvollen Tempi nutzen kann; der Zuhörer konnte Wagners Instrumentation der einzelnen Gruppen oft eindrucksvoll lokalisieren.
Die Sänger waren hörbar mit unterschiedlicher Qualität im Einsatz. Neben Tuomas Pursio und Thomas Mohr konnte auch Henriette Gödde mit schöner großer Stimme als Erda sich erfreulich in Erinnerung bringen. Der Alberich von Jügen Linn hatte vor allem im dritten Bild einen herausragenden Anteil am Geschehen; leider konnte er beim Fluch später diese Dämonie nicht mehr erzeugen. Bei den Riesen fällt James Moellenhoff als Fafner mit großem ausgeglichenen Bass angenehm auf, während Rúni Brattaberg als Fasolt die Legato-Phasen nicht so schön gestalten konnte. Gleiches gilt bei Jürgen Kurth als Donner, der seinen großen Schlußbeitrag Dank fehlender Möglichkeiten verschenken muß.

Der tote Fasolt bleibt im Schlußbild für alle sichtbar liegen, während die Rheintöchter aus dem 'off' klagen. Selbst Loge schreitet mit den Göttern die Treppe hinauf. So endet ein wenig spektakuläres Geschehen, das doch als Vorspiel für das spätere Geschehen Grundlage ist.


TURANDOT

22.10.2016 | Premiere | Puccinis unvollendete Oper von der chinesischen Prinzessin wurde auch im wunderschönen Leipziger Opernhaus nur in der ergänzten Fassung von Alfano gezeigt; und die war wie oft gekürzt. Schade, in der Original-Länge von Alfano oder in der neuesten Vollendung des 3.Aktes von Berio hätte das der durchaus interessanten Deutung von Regisseurs Balázs Kovalik weitere Aspekte gegeben. Nun blieb die Neuinszenierung im zeitlos abstrakten Bühnenbild von Heike Scheele eine Vorlage für eine durchaus international erfahrene Sängerelite und dem erweiterten Chor des Hauses.
Weiße eckige durchschaubare Waben-Rahmen bilden den Hintergrund ins Schwarze; diese Öffnungen bilden Platz für Chor und Statisten, um die Beobachtung des Geschehens bedrohlich zu gestalten. Die Szene bildet einen zeitlosen Ort irgendwo. Stege und Treppen nach oben, in die Tiefe und in den Abgrund bilden beste Gelegenheit, die Massen des Geschehens schnell kommen und gehen zu lassen, ohne den Grund für die Bewegung zu erläutern. Das Volk ist uniform in schwarzer Kleidung ausgestattet. Der Mandarin mit seiner Ordnungs-Mannschaft kommt in militantem Dunkelgrau. Unter der schwarzen Kleidung verbirgt sich das bisher vergangene Leben des bewachten Volkes. Beispiele sieht man bei Liu und Timur, die anfangs zum Teil, zum Schluß ganz ihre grün-uniforme Kleidung offenbaren. Ein guter Ansatz der Inszenierung, der aber nicht weiter erklärend verfolgt wird. Zum Schluß bleibt ja neben der Leiche sowieso alles wie gehabt; für die Gesellschaft bleibt alles wie vorher.

Der Kaiser des Landes Timur ist eine helle Lichtgestalt im langen weißen Mantel, der alles andere als siech, immer begleitet von der Wachmannschaft, das Geschehen verfolgt. Calaf ist mit seiner modern wirkenden Kleidung optisch attraktiv und der einzige des Volkes, der sich noch nicht in schwarz kleiden muss.
Größtes Problem für den Kostümbildner Sebastian Ellrich war die Titelfigur, war doch die Premiere von einer optisch sehr dominanten Sängern besetzt. Da mußte man sich schon was einfallen lassen. Bilder der Hauptprobe 1 zeigten die chinesische Prinzessin noch im prallen kurzen Minifaltenrock, auch mit langem Mantel. Auf dem Plakat war die Dame noch mit schwarzer Perücke, auf der Bühne dann in weißer. Da wurde zu Recht viel experimentiert, um eine attraktive Partnerin für den -schon privat- adrett erscheinenden Calaf zu schaffen. Die Premierenlösung der Figur Turandot war interessant und durchaus plausibel akzeptabel. Unter einem langen Mantel sah man eine figurbetonte Kleidung, die die Prinzessin optisch sehr dominant mächtig erscheinen ließ. Da ziehen sich zwei Gegensätze an.
Die Regie konzentrierte sich vor allem auf die Beziehung zwischen den Hauptpersonen. Die schwarzen Volksmassen wurden, je nach Bedarf, immer von dem militanten Wachpersonal in die Auf- und Abgänge gescheucht. In der Mondlichtszene des ersten Aktes wurde auch das Volk miteinander zärtlich. Bereits hier sieht man Turandot; sie mischt sich unters Volk und hat ihren ersten Blickkontakt zu Calaf und liefert somit die Grundlage des weiteren Geschehens. Der arme Prinz von Persien ist noch ein kleiner Junge in roter Kleidung, der in späteren Traumsequenzen immer wieder erscheint; er wird von einem großen Ventilator im Hintergrund enthauptet.
Fernöstliches Kolorit wird nur im 2.Akt gezeigt, als die drei Minister in einem chinesischen Bad Entspannung suchen und von alten Zeiten träumen; die drei sehnen sich nach einer besseren Welt. Wie in einem Junggesellen-Abschiedsabend ist auch Calaf dabei. Und siehe da - in großen elliptischen Eiern werden die Rätsel Turandots mit den Lösungen aufbewahrt und von den drei Ministern Calaf bei der Junggesellenparty zugänglich gemacht.

Aber leider ist Calaf kein Hoffnungsträger für die Zukunft mehr, wie es sich die Minister erhoffen. Der Mandarin ermordet den Kaiser und läßt ihn dekorativ auf dem Geländer hängen. Während Turandot die tote Liu ahnungsvoll betrachtet, ist von Calaf nichts mehr zu sehen. Es bleibt alles so wie es war, nur unter neuer Schreckensherrschaft.

Musikalisch wurde Puccins letztes Opernwerk vom Gewandhausorchester unter der Leitung von Matthias Foremny großartig realisiert. Vielleicht verfehlten einige dramatische Akzente durch die manchmal langsam wirkenden Tempi ihre Wirkung. Der große und großartige Chor tat sein Bestes; schade, daß der Kinderchor elektronisch verstärkt aus dem 'off' seinen Beitrag leisten mußte.
Jennifer Wilson, in Bayreuth als Sieglinde noch ausgeladen, war in Wagners Geburtsstadt die dominante chinesische Prinzessin. Mit Kraft erreichte sie auch die extremen Höhen. Ihr zur Seite ist ein Calaf, der auf kultivierte Art alle -auch die dramatischen Lagen- erreichte und so für einen wunderbaren ausgeglichenen Eindruck sorgte. Leonardo Calmi bot neben dem Hörgenuß seiner Gesangskunst auch szenisch-optisch einen positiven Eindruck; konnte er doch im Spiel seine schlanke Gestalt wirkungsvoll als Gegenpol zu seiner Traumfrau einsetzen.
Eindrucksvoll ist Olena Tokar als Liu, die durch Stimme und Spiel eine ideale Besetzung für diese Rolle ist. Ihr zur Seite stand Randall Jakobsh als Timur; es war auch sein Hausdebüt in Leipzig. Die Regie vernachlässigte diese Figur etwas und der Sänger konnte auch mit kleinen musikalischen Schwächen so nicht besonders auf sich aufmerksam machen.
Martin Petzold als Altoum nutzte die Chance mit profilierten Spiel und sang den sonst greisen Kaiser mit schön klingender Stimme; leider sieht und hört man woanders so eine Deutung nicht oft.
Die drei Minister, Jonathan Michie, Sergei Pisarev, Keith Boldt, klangen homogen. Beim Mandarin von Sejong Chang hätte ich mir vielleicht mehr dramatische Durchschlagskraft gewünscht.
Vielleicht auch Dank meines überdachten Sitzplatzes unter dem Rang, fehlte mir letztendlich die Wirkung des großzügigen Raumklangs in dem riesigen Zuschauerraum. Ein Grund mehr, nochmals eine Aufführung dieser Turandot in Leipzig aufzusuchen, diesmal auf einem anderen Platz, wenn einer frei ist. Die Leipziger Opernfreunde sollten sich diese Produktion nicht entgehen lassen.


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