Theatertipps: Theater Dortmund

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TURANDOT

22.3.2019 | Vielleicht lag es nur an der Tagesform von Chor, Orchester und musikalischem Leiter, an meinem Sitzplatz oder an meiner Form, aber was anfangs da zu hören war, war laut. Beim ersten Takt gab es gleich einen Patzer.
Gabriel Feltz leitete die Dortmunder Philharmoniker. Was dabei unangenehm auffiel waren die elektronischen Wiedergaben der Bühnenmusik und einiger Chöre, die sich mit den live aufspielenden Philharmonikern schlecht mischten.
Es klang eher an eine Radiosendung aus dem fernen Osten, wo wir auch bei den Regie- und Bühnenbildeinfällen wären.

Tomo Sugao war für die Regie verantwortlich; die Sänger haben alles gemacht, was sie machen sollten. Frank Phillipp Schlößmann baute ein in rot gehaltenen Bühnenraum. Um und auf eine kleine Spielfläche herum tummelten sich Chor und Solisten. Die Seitenwände engten den Spielraum ein. Die Öffnung im Hintergrund zeigte mal eine schöne, sich verändernde Mondsichel, einen großen Drachen und sie bot auch die Möglichkeiten für Auf- und Abtritte, wenn man eine Stufe nutzte. Bereits der erste Auftritt der Turandot dort war so verschenkt.

Vielleicht lag es auch an der Bühnendecke, daß der Chor etwas zu dominant klang. Wände und Decke gerieten nach dem gewonnen Ratespiel aus den Fugen und so auch der Thron des Kaisers.

Für die Minister-Szene im 2.Akt fuhr die Unterbühne hoch; hier scheinen die roten Lampions aus der anderen chinesischen Produktion des Hauses Verwendung gefunden zu haben. Auch für das Schlußduett hob sich noch einmal das Podium.

Über szenische Zusammenhänge und logische Erklärungen brauchte man sich keine Gedanken machen. Die Personenführung war unmerklich, es wurde viel herumgehopst und die Positionsseite gewechselt. Ideen wurden nicht vorbereitet. Wie Calaf mit den Kleidungsstücken umging, bis er im Finale sich vom toten Altoum den Kaisermantel nahm und dessen Herrschaft übernahm, war schon ein Weggucker. Auch für Vater Timur, der dann lieber starb.

Für Turandot gab es im Finale (Alfano gekürzt) keinen Platz mehr im Jubelchor.

Stéphanie Müther ist eine phänomenale Turandot. Höhen und Mittellage scheinen bei ihr kein Problem zu sein. Der Chor bemühte sich allerdings, sie im 2.Akt zu übertönen; da konnte sie aber dann doch noch gegenhalten. Ihre große Stimme klingt immer strahlend schön.
Ihr zur Seite stand Andrea Shin als Calaf und er war der weitere musikalische Höhepunkt des Abends. Sein Tenor klang immer sicher und schön in jeder Lage und zeigte auch keinerlei Scheu bei den dramatischen Stellen.

Wie hochwertig auch die weiteren Rollen besetzt waren, hörte man nicht nur bei Karl-Heinz Lehner als Timur, der seinen großen runden Bass wirkungsvoll einsetzte.

Bei den drei Ministern hörte man nur Wohlklang, was auch an den schön geführten Tenorstimmen von Fritz Steinbacher (Pang) und Sunnyboy Dladla (Pong) lag; da wurde nicht lautstark forciert. Morgan Moodys kerniger Bass konnte sich neben dem Minister Ping auch als Mandarin profilieren, was einen starken Beginn in die Handlung ermöglichte.

Sae-Kyung Rim war die Liu, die mit ihrem kräftigen Sopran fast eine Bewerbung für die andere weibliche Rolle dieser Oper bot. Da hätte ich mir einen mehr lyrisch geführten Ausdruck und Zurückhaltung gewünscht.

Das Publikum zeigte sich im nahezu ausverkauften Dortmunder Haus begeistert.


DAS LAND DES LÄCHELNS

18.1.2019 | Eine der beliebtesten Operetten von Franz Lehár überhaupt birgt zugleich für Bühne und Musik Probleme, die die so schöne Partitur und eine kitschige Handlung offenbaren können.
Nicht so aber im Dortmunder Musiktheater, wo unter neuer Theater-Leitung die Neuproduktion mit beachtlichem Ergebnis aufgeführt wird. Der GMD des Hauses Gabriel Feltz stimmte die Dortmunder Philharmoniker auf einen sauberen, klaren Klang ein, der in der Dramatik und mit dem Schmelz des Werkes eine klangvolle Wiedergabe bot und die Qualität der Partitur hörbar machte.
Zur Problematik des Werkes gehört aber auch die Geschichte. Regisseur Thomas Enzinger erarbeitete geschickt eine Fassung, die die kurz gehaltenen Dialoge im Wechsel mit den musikalischen Teilen der Operette eng verband. Keine Szene wurde zu weit ausgedehnt und keine unsinnigen Regieeinfälle wurden zur Musik ersonnen; denn da gab es ja noch die Tänzer.

Für Bühne und Kostüme war Toto verantwortlich. Auf der Drehscheibe boten drei Treppen zu einer höher gelegene Spielfläche Möglichkeiten zu Hauf, die Personen der Handlung, Solisten, Tänzer, Chor und Statisten, zu bewegen und zu positionieren. Im ersten Teil kamen Prospekte mit Pferdmotiven hinzu; Lisa hatte ja als Reiterin Erfolg, den es zu feiern galt. Im zweiten, chinesischen Teil, beherrschten rote Lampions den Bühnenhimmel. Vor einem großen chinesischen Motiv wurde später ein Gefängnisgitter mit bunten Birnen gehängt. Farbenfrohe Kostüme, wieder rot für China, ergänzten die optische Opulenz und machten mehr Realismus für den Raum überflüssig.

Die Choreografin Evamaria Mayer entwickelte mit ihren fünf Tänzern bereits in der Ouvertüre erklärende Bilder zu Musik und Szene, bei denen die Ballett-Doubles von Lisa und Sou-Chong viel von dem Seelenleben beider verrieten. Nie hatte man den Eindruck, daß in den Szenen, Arien und Duetten der optische Reiz fehlte. Beschwingt durch die Musik ergänzten die Tänzer erklärend die Szene.

Die Personen- und Dialogführung der Protagonisten ist deutlich, übertreibt nicht die zum Schluß auch gefühlvollen Szenen. Martin Piskorski als Prinz Sou-Chong spielt seine Figur zurückhaltend, nahezu unbeweglich und staut seine Gefühle in sich auf. Der Zuschauer kann am Ende eine Träne nicht verdrängen.
Aus gutem Grund wird auf das vorgegebene Finale des ersten Aktes verzichtet. Die Szene zwischen Lisa und Sou-Chong erklärt alles und macht bereits klar, daß ein glückliches Ende nicht zu erwarten ist. Spannend ist festzustellen, daß der gezeigte Konflikt zwischen europäischer und chinesischer Tradition auch heute zu finden ist. Noch vor der Pause wird danach im zweiten China-Akt weiter gespielt.

Auf der Dortmunder Bühne zeigt sich ein Ensemble, das keine Wünsche offen läßt. Martin Piskorski ist ein junger Prinz Sou-Chong der mit großer schlanker Figur nicht nur die Regie dezent umsetzt; seine Tenorstimme klingt so schön, mindestens so schön, wie man sie aus Tonaufnahmen von berühmten Kollegen kennt. Er besitzt eine klangvolle sichere Tenor-Höhe mit einer baritonalen Mittellage, die alle Facetten der Partie, auch die mit dramatischen Akzenten, optimal umsetzen kann; selbst kleine 'Schluchzer' machen seine gesangliche Darstellung zu einem Ereignis. Da freut man sich schon heute, Martin Piskorski in anderen Rollen auf der Opernbühne zu erleben.

Irina Simmes ist Lisa, die ihren großen Sopran sicher, gefühlvoll und strahlend einsetzt. Sie ist mit ihrer schlanken Gestalt die ideale junge Partnerin zum chinesischen Prinzen und versteht es, nicht nur sein Herz zu rühren.
Anna Sohn als chinesische Prinzessin Mi gelingt es mit ihrer schönen, sicheren Stimme, auch in der Schlußszene mit dem Bruder, die Herzen der Zuschauer zu rühren.
Zuvor hat sie das Herz des Grafen Gustav von Pottenstein erobert. Fritz Steinbacher ist ein phänomenaler Gustl, der seinen angeborenen österreichischen Charme sympathisch im Spiel einsetzt. Seine große Tenorstimme ist immer sicher und klingt schöner als nur für eine Bufforolle. Auch bei ihm kann man sich auf andere, auch größere, Tenor-Partien freuen.

Das Publikum im voll besetzten großen Dortmunder Haus zeigte sich, auch beim Zwischenbeifall, begeistert von dem, was man sah und hörte. Neue sympathische Sänger und Sängerinnen haben sich schnell in die Herzen aller gespielt und gesungen. Die Kollegen des Hausensembles entfachten mit ihnen einen glückseligen Operettenabend.


FAUST

9.10.16 | Mit der Spielzeiteröffnung von Gounods Oper hat das Musiktheater in Dortmund eindrucksvoll seine Spitzenposition im Ruhrgebiet bewiesen. Die von mir besuchte Aufführung war gut besucht. Verkaufstechnisch verzichtete man auf den 2.Rang, der nun Platz für den Chor im Finale für das "Gerettet" bot. Dem Publikum wurde allerbeste Opernkost geboten.
Die Inszenierung von John Fulljames spielt in einem Betonkeller, der Licht von Neonröhren und einer großen Öffnung in der Decke bot (Magdalena Gut). Da war nichts von deutscher Romantik, das mußte es für diese französische Oper auch nicht. Für den kurzen Moment der Liebe zwischen Faust und Margarethe kommt durch die Deckenöffnung eine Baumkrone auf 'den Kopf' gestellt mit der Krone zuerst, die die beiden in den scheinbaren Himmel hebt. Später sieht man nur noch einige Zweige herumliegen - da ist nichts mehr zwischen den beiden.
Der alte Faust sitzt am Tropf auf einem Ledersessel. Mephisto ist am Anfang und am Schluß eine rothaarige Krankenschwester. Ein zweiter Faust (David N. Koch) ermöglicht es, dem Zuschauer die Veränderung nach dem Teufelspakt zu verdeutlichen; beide Figuren stehen sich auch gegenüber. Die ganze Geschichte ist ein Traum von Faust, der als alte Person immer auf seinem beweglichen Sessel präsent ist und das Geschehen beobachtet.
Volk, Soldaten und Kinder sind bunt gekleidet, haben Masken, die das Irreale des Traums betonen. Siebel und Wagner bleiben Teil der Masse. Marthe Schwertlein konnte sich Dank der Szene mit Mephisto noch szenisch behaupten.
Die musikalische Leitung hatte Philipp Armbruster, der einen spannenden, teils dramatischen Gounod mit den Dortmunder Philharmonikern, Chor und Solisten bot. Das ging tief 'unter die Haut'.
Eleonore Marguerre gestaltet die Margarethe mit intensivem Spiel und schönster Stimme, ein Ereignis. Aber die Besetzung im Dortmunder Haus hat noch mehr Ereignisse zu bieten.
Lucian Krasznec ist Faust. Neben seiner blendenden Erscheinung bietet er einen wunderschönen, immer sicher wirkenden Tenor, der für diese französische Oper prädestiniert ist.
Die Dortmunder Besetzungsliste bietet gleich drei Sänger für den Méphistophélès auf. Ich hatte überraschend das großartige Vergnügen, Luke Stoker zu erleben. Er ist eine tolle Erscheinung mit großer schlanke Statur, der immer die Bühne beherrscht, wenn man auch nur seine Fußspitze sieht oder seine Stimme hört. Und diese große Stimme ist so was von phänomenal schön. Er hat einen 'satten' Bass und eine angenehm klingende Höhe, alles klingt homogen. Für mich ist er das Ereignis des Abends.
Gerardo Garciacano wartet mit seinen schönen lyrischen Bariton als Valentin auf, Almerija Delic beeindruckt auch mit schöner kräftiger Stimme als Marthe Schwertlein, Ileana Mateescu behauptet sich mit ihrem schönen Mezzo als Siebel. Margarethe verschwindet zum Schluß in den Hintergrund in ein helles himmlisches Licht, während der alte Faust von Mephisto im roten Anzug aus der Versenkung abgeholt wird. Das Musiktheater in Dortmund bietet eine Aufführung, die man unbedingt sehen und hören muß.


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