Theatertipps: Deutsche Oper Berlin

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LES CONTES D'HOFFMANN

4.12.2018 | Diese Produktion hat schon eine lange Reise als 'Koproduktion' hinter sich. 15 Jahre nach Lyon, Barcelona und San Francisco wurde nun in Berlin die Inszenierung von Laurent Pelly erstmals aufgeführt.

Die Bühne von Chantal Thomas wurde für den großen Berliner Bühnenraum angepaßt; das fällt schon auf. Große dezent uni-farbige Stellwände verändern ihre Positionen. Ergänzt wird das Bühnenbild mit realistischen Details, z.B. eine Backsteinwand mit Fenstern, in die Hoffman hinlugt, um Olympia zu sehen oder Antonias Schlafraum. Der unrealistisch gehaltene Raum ändert sich oft im Laufe der Handlung und ergibt immer neue optische Eindrücke. Das geht alles schnell; umso mehr verwundert es, warum vor dem Olympia-Akt eine Umbaupause notwendig wurde. Mit zwei Pausen hatte die Haustechnik aber genug Zeit, die Bühne für das Folgende einzurichten.

Eine Spielzeit von 4 Stunden verspricht eine großzügige musikalische Fassung von den immer mehr 'entdeckten' Musikstücken, die jahrelang nicht in der Aufführungstradition zu Gehör kamen. Andere Bühnenfassungen der letzten Zeit helfen sich mit Kürzungen innerhalb der Musik-Szenen, lassen Wiederholungen und Strophen weg, um so eine spielbare Länge des Werkes mit nur einer Pause zu ermöglichen, gab es doch so viel Neues zu Gehör zu bringen und mit der Szene zu erzählen. Am Niederrhein gab es die Pause nach 2 Stunden. Die Inszenierung im MiR machte die Pause in der Mitte des Antonia-Aktes, was durchaus funktionierte. Man kam mit einer Pause aus in einem abendfüllenden Stück.

So war ich mehr als gespannt, welche großzügige musikalische Fassung in Berlin (West) geboten wird. Die Liedstrophen wurden nicht gekürzt, auch gekappte Vorspiele und einige Kürzungen innerhalb der Szenen wurden kaum vorgenommen. Nicklausse bekam vor seiner Puppenarie im 2.Akt noch ein weiteres Arioso; die Spiegelarie wurde auch ersetzt.
Diese musikalische Fassung wirkte sehr rund und unspektakulär und wurde vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Enrique Mazzola, leicht, flott, schmissig und präzise realisiert. Im Venedig Akt fiel aber auf, daß andere Fassungen durchaus spannendere Vorlagen boten. So blieb z.B. die Figur des Schlemihl Nebensache. Letztendlich hatte ich mir bei dieser langen Spielzeit mehr versprochen.

Daniel Johansson gab die Titelpartie mit detailliertem, jugendlichen Spiel. Seine lyrische Stimme ist mit den dramatischen Momenten bestens für diese Rolle geeignet. Leider hat ihm wohl die Premiere zuvor etwas Kraft gekostet, so daß er sich im Antonia-Akt mit seiner Kraft zurück gehalten hat. Für ihn bin ich allerdings extra nach Berlin gekommen, auch, um seine dramatischen Höhen voll genießen zu können. Schade, aber auch Daniel Johansson hat nur zwei Stimmbänder, die man nicht überstrapazieren darf.

Die Figuren der vier Geliebten wurden von einer Sängerin gestaltet. Cristina Pasaroiu konnte spielerisch und musikalisch wunderbare Akzente setzen. Höhepunkt für sie war die Szene der Olympia mit Hilfe einer technischen Hebebühne. Zuerst schwebte sie nur vor schwarzem Grund; später durchschaute der Zuschauer die Technik. Das war alles grandios. Überraschend, daß auch Stella Text und Gesang zu bieten hatte.
Allerdings wurde auch klar, warum andere Bühnen zu Recht diese Frauenrollen von verschiedenen Sängerinnen gestalten lassen; denn Antonia sollte einen gefühlvollen Schmelz versprühen, Giulietta benötigt eine betörende Kraft als Verführerin.

Die Rollengestaltung der Bösewichter wurde von Alex Esposito aller bestens gelöst. Er besitzt eine fulminant große Stimme; Höhe und Tiefe verströmten Wohlklang. Im Spiel zeigte er immer genaue Präsenz.

Auch die große, schwarze Stimme von James Platt als Crespel ließ aufhorchen. Tobias Kehrer, inzwischen Bayreuth erfahren, konnte als Gastronom Luther ebenfalls Akzente setzen.
Gideon Poppe gestaltete die vier Diener-Rollen mit schön klingendem klaren Tenor. Allerdings hat die Regie auch ihn recht vernachlässigt.

Irene Roberts war Muse und Nicklausse mit schlanker, sicherer Stimme und präsentem Spiel. Ihr gelang auch Dank der Regie das Kunststück, auf offener Bühne sich von der Muse im weißen wallenden Kleid in die Figur des Hoffmann-Begleiters Nicklausse zu verwandeln. In kurzen Momenten, schien es, waren beide Figuren im gleichen Moment mit Stimme im Spiel zu vernehmen; wer die zweite Sängerin war, wurde im Besetzungszettel nicht erwähnt.

Die Regie vollbrachte einige eindrucksvolle Szenendeutungen. Die szenische Einstudierung dieser 'Wiederaufnahme' von Christian Räth ermöglichte genaues Spiel. Bis auf wenige Eindrücke war aber die Inszenierungs-Vorlage nicht so herausragend.

Das Publikum wurde eine halbe Stunde vor Mitternacht nach Hause geschickt; bedankt haben sich die Theaterbesucher aber mit kräftigem Beifall. In Berlin funktioniert auch zur späten Stunde noch der öffentliche Nahverkehr.


DER RING DES NIBELUNGEN

Im September 1984 begann mein ehemaliger Professor Götz Friedrich in Berlin-West mit seiner Berliner Neuinszenierung von Richard Wagners Ring. Seit dem galt diese Produktion in der Ausstattung von Peter Sykora als legendär und war Kult.
Ein Time-Tunnel bis zur Hinterbühne beherrschte das so opulent wirkende Bühnenbild. Sehr wenig Licht drang dort hinein. Die graue Stimmung wurde nur selten durch Licht- und Farbtupfer aufgelockert. So kamen die hell gestimmten Kostüme klar zur Geltung und damit die Personen, die doch die 16-stündige Handlung bestimmen. Aber nicht nur die Tiefe des Raumes wurde gezeigt; große grau strukturierte Wände oder eine hochgefahrene Unterbühne verkürzen das Bild. Auf den beiden Seiten der Tunnelverstrebungen waren über dem Boden kreisrunde Flächen, die als Durchgang genutzt werden konnten. Diese runden Flächen waren auch auf dem Boden und boten so für das echte Feuer eine beeindruckende Wirkung.
Das Stück begann im Rheingold mit verschleierten weißen Gestalten, aus denen sich die Rheintöchter entwickelten. Mittels großer Plastikplanen wurde das Spiel unter Wasser mit Alberich durchgeführt. In Nibelheim war die Tarnhelmverwandlung durch Licht- und Raumgestaltung sehr gut gelöst. Walhall war ein güldenes kleines rundes Gebilde am Ende des Time-Tunnels. Beim Einzug dorthin verfärbten sich die Tunnelbögen in den Regenbogenfarben.

Hundings Hütte war ein Hochsicherheitstrakt. Eine hohe Steinwand bot Schießscharten ähnliche Öffnungen. Der Walkürenfelsen mit tiefer Tunnelsicht hatte mittig einen Stein für Brünnhildes Schlaf und im Hintergrund triste Natur- und Bergreliefs zur Seite, auf denen auch die zwei Walküre Aussicht halten konnten.

In Mimes Behausung war ein Sammelsurium an allerlei Koch- und Schmiedeutensilien, alles ausgerichtet für die Aufzucht des jungen Siegfried. Wie ein großes buntes Kinderbild wirkte der Hintergrund einer gemalten Landschaft mit Natur. Campingutensilien mit Spielsachen für den Kleinen luden zum Aufenthalt vor seinem Haus ein. Wotan stand auf der hochgefahrenen Unterbühne, während Erda unten meistens saß. Was sich damals der Regisseur dabei gedacht hat, konnte man jetzt nicht mehr erahnen; hier verläßt er sich nur auf die Wirkung des Bildes.

Brünnhildes Stein auf dem Walkürenfelsen wackelte nach der Nacht mit Siegfried bei Begehung doch sehr. Bei den Gibichungen herrschte modernes Mobilar vor. Wände mit linsenähnlichen Scheiben verzerrten die Personen, die dahinter standen und die anderen beobachteten. Ein Steg führte zu den Rheintöchtern, die sich im Vordergrund räkelten. Ein stattliches Pferd und ein Adler beherrschten das Schlußbild. Viel Nebel leitete den Weltuntergang ein.

Die Spielleitung der vier Abende teilten sich Jasmin Solfahari und Gerlinde Pelkowski. Die erläuternden Worte des Regisseurs zur Personenzeichnung konnte natürlich niemand mehr überbringen. Daß die Inszenierung von Götz Friedrich noch eine so stark moderne Wirkung hatte ist das Erstaunliche; alte Autoreifen brauchte er für seine Bilder nicht. Die Stärke des Regisseurs ist das szenische Bild und die damit erklärenden Personenkonstellationen; je mehr Personen agierten, umso klarer konnten Zusammenhänge erläutert werden. Bei ein bis zwei Personen verließ er sich meistens nur auf die optische Wirkung des Raumes. Da ermüdete schon mal das Auges des Betrachters bei so viel Grau. Viele Situationen wurden sehr genau gesehen und gezeigt. Eine Schlüsselszene für mich ist bei "Hast Du Gunther ein Weib?", um zu sehen, wie genau eine Situation vom Regisseur erarbeitet wurde. Wunderbar umgesetzt wurde das von den beiden Protagonisten anno 2017. Wie ein einsames Hascherl saß Gunther auf dem Ledersofa, während Siegfried soeben einen neuen Kontakt mit dessen Schwester knüpfte. Ein besonders Kompliment bereits an dieser Stelle für Seth Carlco als Gunther.

Die musikalische Leitung der vier Abende hatte Donald Runnicles. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin setzten sein auf langsame Steigerung setzendes Dirigat klangvoll um; die üblichen Patzer beim Blech blieben aber auch hier nicht aus. Der Bläserklang wurde sehr forciert, während die Streicher etwas zu sehr zurück gehalten wurden. Die Tempi wurden meist sehr breit zelebriert; selten habe ich das Vorspiel und den 1.Akt der Götterdämmerung in einer Länge von über 2 Stunden gehört. Der Chor der Deutschen Oper wurde geschickt mit dem Extrachor ergänzt und klang schön und sicher.

13.4.2017 | Das Rheingold
Zum 54. und zum letzten Male seit der Premiere am 16.9.1984 gab es den Vorabend in einer erstaunlich guten bis sehr guten Besetzung. Derek Welton ist ein junger agiler Sänger mit großer BassStimme und sicherer Höhe. Ihm zur Seite Daniela Sindram als Fricka, bei der man sich freute, sie weiterhin hören zu können. Ihr schön klingende Stimme setzt sie ohne zu forcieren o.ä. in allen Lagen ein. Die beiden waren schon das gesangliche Ereignis zu Beginn. Eine ähnliche Vorfreude erweckte Ronnita Miller als Erda, die mit sattem Alt und sicherer Höhe ihre Stimme erklingen lies. Werner Van Mechelen bot einen beeindruckenden Alberich.

14.4.2017 | Die Walküre
Zum 57. und zum letzen Male seit der Premiere am 6.10.1984 gab es den ersten Tag mit wunderbaren Frauenstimmen. Eva-Maria Westbroek war als Sieglinde in Stimme und Spiel so brillant, daß man sie gern noch weiter gehört hätte. Ihr zur Seite im dritten Akt stand die Brünnhilde der phantastische Evelyn Herlitzius, die ihr in Stimme und Spiel in nichts nachstand. Stuart Skelton war ein kurzfristig besetzter Siegmund. Ein großer kräftiger Sänger mit ansprechend großer Stimme, der am Ende des 1.Aktes stimmlichen Probleme offenbarte. Vielleicht hätte er auf der Bühne noch mehr den Schleim wegtrinken sollen; aber mehr war wohl im Becher nicht mehr drin. Auch hier in Berlin zeigt sich, daß der Wotan nicht die Ideal-Partie für Iain Paterson ist; ihm fehlt das Bassfundament für den 2.Akt. Der Hunding von Tobias Kehrer war ideal gespielt und gesungen. Daniela Sindram glänzte wieder als Fricka. Die acht Walküren räkelten sich etwas ungeschickt im Pulk an ihren Speeren wie in einer Peep-Show und das Gesamtklangbild hörte sich etwas unausgewogen an. Erfreulich, daß auch hier Michaela Selinger wieder dabei war. Erstaunlich, daß meine Begeisterung für den Abend nach dem Feuerzauber sich in Grenzen hielt, trotz einer Evelyn Herlitzius.

15.4.2017 | Siegfried
Zum 56. und zum letzten Male seit der Premiere am 24.3.1985 gab es den zweiten Tag des Bühnenfestspiels mit einem Titelhelden, der wohl zur Zeit die Nr.1 auf deutschen Opernbühnen ist und der auch in Bayreuth eingesetzt wird. Nahezu perfekt gestaltete Stefan Vinke den jungen Siegfried. Ihm zur Seite konnte sich Burkhard Ulrich als Mime behaupten. Auch Werner Van Mechelen glänzte wieder als Alberich. Vergleicht man Elbenita Kajtazi mit ihren Kolleginnen, die ich in letzter Zeit als Waldvogel hören konnte, so gebührt ihr die Krone für die wunderschön geführte klare Stimme. Ronnita Miller als Erda war mit ihrem schönen Alt wieder ein Genuß. Leider hatte sie einen nicht so glanzvollen Partner als Wanderer zum Partner. Er hat mir in Köln und Bayreuth schon als Holländer nicht sonderlich gefallen. Sein Gunther in Köln und der Heerrufer in Bayreuth waren da schon besser für seine Stimme und meine Ohren. Samuel Youn war der Wanderer. Scheinbar auch einen Fachwechsel versucht Ricarda Merbeth als Brünnhilde. Ihr gelingt die Partie etwas besser als ihrer Kollegin in Leipzig; schön, wenn die hohen Töne leicht erreicht werden. Doch diese Partie benötigt doch Ausstrahlung und mehr Kraft auch für die Mittellage. Andrew Harris mit seinem kräftigen Bass als Fafner darf man nicht vergessen, wohlwollend zu erwähnen.

17.4.2017 | Götterdämmerung
Zum 52. und zum letzten Male seit der Premiere am 6.10.1985 gab es den letzten Tag des Geschehens. Wieder mit einer phantastischen Evelyn Herlitzius als Brünnhilde und einen Stefan Vinke als phänomenalen Siegfried. Beide waren die Idealbesetzung in Stimme und Spiel. Albert Pesendorfer, er durfte 2016 in Bayreuth als Hagen einspringen, war mit großer Stimme und Spiel mit Stierhörner-Helm ein weiterer Höhepunkt. Besonders erfreulich war es, den Gunther von Seth Carico zu erleben. Das Spieltalent des jungen Sängers ist augenfällig und erfreut den Zuschauer. Musikalisch glänzte seine Baritonstimme; vielleicht ist diese Partie für ihn etwas zu früh. Aber so oft singt man nicht den Gunther und in zwei Jahren hat er hoffentlich wieder in Berlin die Gelegenheit dazu. Eine musikalisch wunderbare Zugabe bekamen die Besucher bei der 2.Norn. Da die Kollegin erkrankte, sang Daniela Sindram vom Blatt von der Seite. Als Waltraute kam sie in Kostüm und Maske wieder und bot so einen weiteren Hörgenuß. Ronnita Miller als 1.Norn war mit satter Altstimme präsent; die 3.Norn von Seyoung Park glänzte mit dramatischem Sopran. Ricarda Merbeth kam mit der Partie der Gutrune viel besser zurecht als am Vorabend. Ausgewogenen Klang boten die drei Rheintöchter und auch Werner Van Mechelen als Albereich beeindruckte wieder mit seiner klaren, oft scharfen Stimme.

Der Weltuntergang vollzieht sich mit viel Nebel. Die weißen Urgestalten aus dem Rheingold erscheinen wieder. Als Gegenpol eingehüllt in schwarzen Gewändern beobachten die Menschen den Götteruntergang und die Reinigung des Ringes vom Fluch, den die Rheintöchter wieder triumphierend hochhalten. Der Time-Tunnel zeigt sich zum letzten Mal in seiner beeindruckenden Tiefe.

Die Berliner Opernbesucher dürfen gespannt sein, was sie dann in einer Neuinszenierung in zwei Jahren erwartet. Allen Beteiligten wurde mit stürmischem Beifall, vielen Vorhängen und Blumen gedankt.


DIE SACHE MAKROPULOS

Karel Capek schrieb auch heute noch erschreckend aktuelle Science-Fiction-Geschichten für seine damalige Zeitkritik. In R.U.R. (1921) ging es ihm um die Welt der Roboter, in "Die weiße Krankheit" (1937) um einen tödlichen, nicht heilbaren Virus!!! "Die Sache Makropulos" (1922) erzählt vom medizinischen Projekt der 'ewigen Jugend' oder sogar Unsterblichkeit. Leos Janacek machte (1926) aus dieser Komödienvorlage mit seiner Musik einen spannenden Krimi.
Eine Musiktheater-Aufführung steht und füllt mit einer spannend genauen Inszenierung und einer musikdramatischen Umsetzung der Sängerdarsteller. Die Neuinszenierung in Berlin konnte mit allem erfreuen.
David Hermann inszenierte eine sehenswerte Aufführung. Er beschränkte sich nicht nur auf einen realistischen Ablauf. Gleich zu Beginn laufen als Schnellfilm auf einem weißen Vorhang die verschiedenen Namen der Elena Makropulos, um als Initialen E.M. zu enden. Der erste Bühnenraum (Christof Hetzer) ist zweigeteilt, in dem die Vergangenheit im linken Bereich zu sehen ist mit einem modrigen Hintergrund. Hier werden die Erzählungen von Emilia Marty mit Personen der Vergangenheit erläutert. Diese wechseln die Räume; E.M.'s Figur der Vergangenheit ist auch im Raum der Gegenwart, ohne von den Akteuren als solche wahrgenommen zu werden - Emilia geht zurück in den Raum der Vergangenheit. Eine große Treppe führt in den Hintergrund, in den die Figuren der Elena Makropulos ziehen. Hauk-Sendorf (Robert Gambill) ist ein Harlekin, der immer wieder auftaucht, wenn es um das medizinische Geheimnis der Unsterblichkeit geht. Der Raum scheint sich dann optisch Dank Lichttechnik 'aufzulösen'. Der zweite Akt ist ein feudaler Salon bei Prus. Der dritte Akt zeigt im Hintergrund eine breite Treppe, abgeschlossen mit weißem Vorhang. Dieser öffnet sich zum Schluß wie der Spielvorhang vorn und man erblickt den gleichen Bühnenraum mit Treppe vom ersten Akt in eine Unendlichkeit, in der auch Emilia Marty verschwinden wird.
Als Dienerpaar im 2.Akt bieten der Andrew Harris und Rebecca Raffell als Prus' Angestellte pointierte Gestalten. Eigentlich sind alle Personen der Handlung wunderbar genau geführt und sind bis zum Ende auf der Bühne präsent. Sehr beeindruckend, wenn sie mit den Figuren der E.M. die Handlung erläutern. Derek Welton macht als Jaroslav Prus musikalisch und darstellerisch mehr als eine gute Figur, so - wenn er z.B. in seinem Haus eine Party feiert und es mit Krista -Jana Kurucová ist auch musikalisch sehr stark- 'treiben' will. Da spielt es keine Rolle, wenn sein Sohn Janek (Gideon Poppe) dabei ist und eigentlich Kristas Freund ist. Aber der Sohn bringt sich später ja sowieso um - aus Liebe zur berühmten Sängerin Emilia Marty.

Zentrale Figur der Handlung ist natürlich Emilia Marty. Bei Evelyn Herlitzius ist diese Partie aller bestens aufgehoben. Musikalisch großartig mit großer Stimme versteht sie es auch, der tragischen Hauptfigur Profil zu verleihen: eine Sängerdarstellerin erster Klasse, die auch mit Ladislav Elgr einen achtbaren Tenorkollegen als Albert Gregor zu Seite hat.

Donald Runnicles gestaltete mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin einen wunderbaren Klang der Janacek-Partitur. Mit der ausgezeichneten Leistung aller Sänger gelang ihm ein musikalischer Hochgenuß.
Das Publikum am 30. April 2016 sparte für die 5. Vorstellung nach der Premiere nicht mit jubelndem Beifall. Wer spannendes Musiktheater auf höchstem Niveau liebt, sollte nach Berlin fahren.


LOHENGRIN

Seit 2012 steht die Inszenierung von Kaspar Holten auf dem Spielplan des alt ehrwürdigen Hauses an der Richard-Wagner-Straße in Berlin-West, das Anfang der 60er Jahre d.v.J. neu erbaut wurde. Ein schönes großes Haus mit dem Charme der damaligen Zeit, das dem internationalen Anspruch auch heute noch gerecht wird, obwohl man schon die Altsubstanz des Gebäudes sieht. Zuletzt sah ich dort Marita Napier als Senta mit Hans Beirer, der auch mal dort für mich den Tannhäuser sang. Regisseur Kaspar Holten war für mich ein guter Grund, meine Wagner-Eindrucke dort zu erneuern; seinen Kopenhagen-Ring gilt es schließlich, auf you-toube zu bestaunen. Am 14.2.2016 gab es nun die 16.Aufführung seiner Inszenierung von dem Schwanenritter.
Für mich fehlte das szenische Ereignis auf der Bühne. Bereits im Vorspiel sieht man eine braun-triste Landschaft mit vielen Toten; Frauen betrauern diese. Im Hintergrund naht ein Komet; hat er für dieses Unheil gesorgt oder ist er Hoffnung? Die Erwartung an einen spannenden Abend wurde genöhrt, leider aber nicht erfüllt. Ein dunkler Schleier mit der Aufschrift 'Lohengrin' und zwei weißen Kometpunkten füllt langsam zu den letzten Takten des Vorspiels über dieses Bild.
Der Schleier öffnet sich pünktlich zum 1.Akt und auf brauner Landschaft mit seinem tristen Charme sieht man Chor und Solisten das Stück beginnen, wie es im Buche steht. Eine intelligente Personenregie vermag, die Menge geschickt von Ort zu Ort zu positionieren, mal sitzend, mal stehend; man vermeidet das rum stehen. Dazwischen die Solisten mit dem Tipp, die Rampe nicht aus den Augen zu lassen; eine präzise Charakterzeichnung ist das aber nicht. So wirkt alles von der Choreographie als bekannt bieder. Zu wenig kommen von der Regie erhellende Aspekte zur Interpretation der Aufführung; eine genaue Zeichnung der Figuren ist nicht ersichtlich. Da wirkt es schon fast brutal, wenn die Mannen nach dem letzten Ruf nach einem Streiter für Elsa, diese gleich vor Gott und der Welt köpfen wollen. Mit großem theatralischen Effekt erscheint der Retter aus dem Hintergrund, auf dem ein Schwan projektiert wird. Aus Schwanenfedern gefertigt trägt Lohengrin zwei große Flügel, die ihn als rettenden Engel ausweisen. Seinen Kampf mit Telramund gewinnt er durch theatralische Tricks. Durch plötzlich aufkommende Nebel verliert Telramund die übersicht und Lohengrin triumphiert.
Der 2.Akt wird von einem großen Kreuz dominiert, das im Raum hängt. Zu Beginn ragen blaue Lichtröhren gen Himmel; das ist Ortruds magische Welt. Auf dem Kreuz kann auch Elsa ihr Gespräch mit Ortrud 'von oben' starten. Auch Lohengrin mit König und Heerrufer erscheinen dort; Lohengrin muß noch mal zurück, hatte er doch seine Schwanenflügel vergessen. Im Hintergrund ist ein Theaterportal; nachdem dort der rote Vorhang sich öffnet, sieht man als Bild ein Kirchenportal. über dem inzwischen auf dem Boden liegenden großen Holzkreuz zieht man nun ein zur Hochzeit. Alles Theater auf dem Theater?
Für die Hochzeitsnacht steht im 3.Akt ein zu kleines Ehebett - da paßte gerade mal der Lohengrin des Abends drauf. Das Bild wechselt mit dem Blick auf unzählige Sarkophage. Den Herzog von Brabant bringt Lohengrin in einem grauen Bündel und legt ihn auf einem Sarkophag ab. Elsa wickelt dort ihren toten Bruder aus, der vorher als Schützer angekündigt wurde. Elsa ist die einzige, die noch Gefühle zeigt, Lohengrin verabschiedet sich von allen, von Elsa, von Ortrud wie nach einer verlorenen Theater-Wette.
Musikalisch war alles auf höchstem 'Staatsopern-Niveau'. GMD Donald Runnicles leitete inspiriert mit eigenen Akzenten die Aufführung; und das Orchester der Deutschen Oper Berlin folgte ihm grandios. Der Chor des Hauses war ohne Fehl und Tadel. Selten erlebt man, dass im 2.Akt die Szene mit dem Heerrufer 'offen' ist; so konnte der Herrenchor seine Qualität zu Gehör bringen. Im 3.Akt gab es den beliebten Strich, der oft aber eher als Rücksicht auf Lohengrin als auf den Chor gemacht wird. Aber dem Regisseur wäre auch nicht viel erhellendes eingefallen.
Eine Aufführung steht und fällt mit der Titelpartie. Der Eindruck war ein wenig zwiespältig. Michael Weinius singt den Lohengrin sicher und schön in jeder Lage wie kaum ein anderer; schwierige Phasen meistert er bravourös. Da ich 2013 schon seine Stimme als Siegmund hören konnte, war ich auf seinen Lohengrin sehr gespannt. Meine Wahl für Berlin viel auf eine Aufführung mit ihm und nicht mit dem Star-Kollegen, der im Mai eingeplant ist.
Kräftig ist die Stimme von Michael Weinius, wenn es sein muß, oder sie klingt zart, was gerade gebraucht wird und natürlich wohlklingend schön und textverständlich; 98% ohne hörbare Anstrengungen; wann erlebt man das denn noch?! Er ist für die Deutsche Oper am Rhein der Siegfried in der Neuinszenierung im nächsten Jahr. Bei seinem Duisburger Siegmund dachte ich schon, 'der junge Mann muß aber mit seiner Figur aufpassen'. Das Gegenteil ist eingetreten. Eine große volle runde Gestalt in einem für diese mollige Figur unattraktiven Kostüm bewegte sich über die Berliner Bühne. Musiktheater wird da schwierig.
Gertenschlank dagegen wirkte Rachel Willis-Sorensen als Elsa. Sie machte diese Partie mit zartem Piano oder kräftiger Mittellage zu einem Hörerlebnis. Grenzen hörte man nur ansatzweise im 3.Akt in den dramatischen Phasen.
Da die vorgesehene Ortrud Visaprobleme in Moskau hatte, kam die auch im Haus bestens geschätzte Petra Lang kurzfristig zum Einsatz. Mit klaren, kräftigen Sopran und der notwendigen Tiefe war sie wieder ein Ereignis. Ihr Bühnenpartner Telramund alias Thomas J. Mayer war für sie ein adäquater Partner; beide habe ich in diesen Partien in Bayreuth erlebt. Besser geht es kaum.
Von der bei Albert Pesendorfer angekündigten Indisposition war nichts zu hören; sein König Heinrich war souverän. Ebenso dessen ständiger Begleiter der Heerrufer alias Bastiaan Everink, der ebenso für das hohe Niveau des Berliner Ensembles zeugte.
Erstaunlich, dass der Zuschauerraum einige leere Plätze bot. Die Schlange an der Kasse war wohl eher einem Preisvorteil kurz vor Beginn geschuldet. Das Schild eines Interessenten "suche Karte" wirkte so etwas verlogen. Vielleicht sollte es ja auch eine Freikarte sein; das Schild sah schon alt aus. Musikalisch wird in Berlin Welt-Niveau geboten.


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DER FREISCHÜTZ
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LES CONTES D'HOFFMANN
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November

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OEDIPUS REX
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Oper Leipzig

LA FANCIULLA DEL WEST
Oper Leipzig

JAZZ FOR THE PEOPLE 2018
Katakomben-Theater Essen


Oktober

GÖTTERDÄMMERUNG
Deutsche Oper Am Rhein

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Aalto Theater Essen

DAS RHEINGOLD
Staatstheater Kassel