Theatertipps: Aalto Theater Essen

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DER FREISCHÜTZ

12 - 2018 | Eine der 'deutschesten Opern' ist die Neuproduktion im Essener Opernhaus kurz vor Weihnachten. Tatjana Gürbaca hat sich da für ihre Inszenierung viel einfallen lassen. Was optisch gut tat, war die szenische Realisation der Personenführung und die abstrakten Orte des Geschehens. Da gab es keinen romantischen Realismus mit deutschen Wald für Carl Maria von Webers Freischütz.

Klaus Grünberg schuf ein Bühnenbild mit sieben grauen Häusern im CinemaScope-Format; ein großer kahler Ast liegt herum. Spitze Giebel recken sich in den Himmel, der aus schillernden grauen Fäden besteht; die Türen in den Häusern bieten ausreichend Gelegenheit zum Spiel. Die breite Aalto-Bühne wurde in der Portal-Höhe verkleinert, so daß sie noch breiter wirkte und man sich in einer Kinovorstellung wähnte. Hier spielt sich alles ab, auch die Wolfsschlucht-Szene oder Agathes Zimmer. Agathe und Ännchen stehen schon mal weit auseinander. Das heruntergefallene Bild von Ur-Vater Kuno wird von der kecken Anne gleich mit einem schwarzen Schnäuzer versehen, was auf den deutschen Hintergrund dieser Inszenierung verweist.

Sänger, Chor und Statisten sorgen für erklärenden Trubel und Wirbel, vor allem in der Wolfsschluchtszene, wo skurrile Figuren ihr Unwesen treiben. Der Jägerchor des letzten Aktes wird gleich nach der Pause geboten; das von Weber vorgesehene Vorspiel konnte so entfallen. Agathe wirkt mit ihrer bösen Ahnung in der Menge sehr allein.

Im letzten Akt entfernten sich Regisseurin und Bühnenbildner ganz von einer realistischen Darstellung. Projektionen auf dem Portalschleier wechselten sich ab mit dunklen Lichteinstellungen auf der Bühne; das wurde durch die langsamen Tempi des Dirigats unterstützt. Ein Besuch der Stückeinführung durch die Dramaturgie vor Vorstellungsbesuch und|oder die Lektüre des Programmheftes könnte dem Zuschauer diese Deutung näher bringen.

Tomas Netopil führte die Essener Philharmoniker zu einem schlanken Weber-Klang ohne zu bombastisch wirkende Akzente. Durch ein langsames Tempo fächerten die Essener Philharmoniker die Partitur deutlich mit Wohlklang auf.

Die Sänger waren so auch immer präsent und konnten ihre Qualität hörbar über die Rampe bringen. Jessica Muirhead ist Agathe. Ihr leichter Sopran hat besonders in ihrer Arie prächtigen Glanz; der dramatischen Ausdruck, den diese Partie auch fordert, fehlt ihr ein wenig.

Eigentlich hört man in der Partie des Ännchens den leichter klingenden Sopran; hier ist es umgekehrt. Tamara Banjesevic ist mit ihrem dunkler gefärbten Sopran tatsächlich eine angenehm hörbare Ergänzung zu ihrer Partnerin.

Heiko Trinsinger ist mehr als eindrucksvoll als Kaspar, sowohl durch Dialog, Spiel und musikalischer Gestaltung. Seine Stimme klingt in allen Passagen groß und bedrohlich. Samiels Stimme wurde mit verfremdeter Technik-Stimme und Chor für ihn ein böser Gesprächspartner. Als Samiel erscheint, ist es ein kleines Mädchen.

Maximilian Schmitt als Max ist mit seinem leichten Tenor einen schöner Gegenpol zum kräftig auftrumpfenden Kaspar. Auch paßt er mit sicher geführter Stimme und jugendlichem Spiel ideal zu seiner Agathe, mit der es dann doch kein glückliches Ende gibt.

Baurzhan Anderzhanov als Eremit und Karel Martin Ludvik als Erbförster Kuno runden das wohlklingende Aalto-Ensemble ab. Zu loben sind auch die Chor-Solistinnen beim Jungfernkranz und der Chor, der nie forciert.

Da können die Essener Opernbesucher viel erleben! Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.


CARMEN

10|2018| Warum nach einer mehr als erfolgreichen Inszenierung gleich wieder eine Neuinszenierung im Essener Opernhaus des gleichen Werkes gezeigt werden muß, mag die Leitung des Hauses etwas besser erklären, als es ihr bei der Vorstellung des Spielplans 18/19 möglich war. Die neue Carmen liefert dafür keine Ansätze.

Prosper Mérimées Novelle, die Bizet als Vorlage galt, strotzt in seiner Libretto-Vorlage vor folkloristischer Elemente, die auch die Komposition schmissig und gefühlvoll erklingen läßt und das Werk so berühmt und beliebt machte. Eine szenische, optische Umsetzung der Folklore ist durchaus problematisch, möchte man nicht einen Reiseprospekt illustrieren, was lange auf Opernbühnen gemacht wurde.

Reduktion auf das Wesentliche ist in aktuellen Inszenierungen angesagt. So auch in Essen, wo Lotte de Beer mit ihrem Ausstattungs-Team Clement & Sanou eine neue Interpretation des Werkes anging.

Die große Aalto-Bühne mit voller Portalbreite und -höhe bot genug Platz und Tiefe für ein Bühnenbild, das schwarz in schwarz gehalten wurde. Eine helle Spielscheibe war der Mittelpunkt, die gehoben, gekippt und gesenkt wurde. Der Hintergrund-Prospekt zeigte manchmal einen hellen Streifen. Der Bühnenbildner lies es sich auch nicht nehmen, nach Alt-Bayreuther Ring-Tradition diese Boden-Scheibe mit einem Halbrund auf dem Hintergrund zu ergänzen. Wurden nicht alle Bodenpodeste gehoben, kippte ein Teil des Kreises der Bodenscheibe nach vorne. Je nach Einsatz der Podeste bot sich eine eindrucksvolle Ansicht des Raums. Auf hoher Ebene agierte es sich manchmal auch für den Zuschauerblick in Schwindel erregender Höhe.

Regisseurin Lotte de Beer führte gleich zur Ouvertüre zwei Kinderdarsteller für Carmen und Don José ein; auch Escamillo wurde so gedoubelt; bei Gelegenheit tauchten diese Figuren im Geschehen auf; erklärt wurde damit aber nicht viel.

Die Chöre marschierten im Takt der Musik im Kreis was das Zeug hielt oder standen in der Reihe auf hohem Podest; mit den Solisten sang man dann auch nur nach vorne.

Die Kostüme waren für die Menge und die Solisten alle unisono mit dem Effekt, daß man in der Masse gar nicht den Solisten zuordnen konnte. Wenn man gesungen hatte, war man schnell weg, um für den nächsten Einsatz wieder zurück zu kehren.

Die Solisten hatten auf dieser riesigen dunklen Bühne ausreichend Platz für Gesang und Spiel und wirkten im großen schönen Raum allein; und das war ein grundsätzliche Problem dieser Inszenierung. Hier funktionierte kaum ein Kontakt zueinander trotz möglicher Personenführung; vieles wirkte statuarisch. Michaela durfte eine Decke für ein Picknick mit Don José ausbreiten; man saß und sang.

Die französische Sprache von Meilhac/Halévy gab es auch in Essen. Einige Szenen hatten gesprochene Dialoge, wenige ein gesungenes Rezitativ. Die Sprechtexte hätte man bei Notwendigkeit durchaus weglassen können, nicht aber so in Essen. Im Gegenteil gab's etwas besonderes: die Sänger sprachen nicht, sondern die Kinder-Darsteller. Deren kindliche Sprache erklang über die Tonanlage. Das ging dann gar nicht mehr auf, da auch erotische Gefühle den Text begründeten. Der vorher aufgebaute Spannungsboden durch Musik und Gesang verpuffte wie Luft aus einem Reifen.

Die Essener Philharmoniker spielten präzise und klangschön unter der Leitung von Sébastien Rouland, ohne zu kräftig zu klingen; manchmal gab es zu rasche Tempi.
Wollte man das Bühnengeschehen nicht optisch verfolgen, könnte der Besucher sich bequem zurücklehnen, nur um die schön gespielte Musik der Philharmoniker und den durchaus schönen Gesang der Sänger zu lauschen (sieht man mal vom Kinderchor ab). Aber auch dieses alternative Vergnügen wurde nicht optimal geboten.
Das Bühnenbild war für die Sänger ein offener Raum; keine Bühnenbildteile, Seiten- und Plafondwände lenkten die Stimme nach vorne, sondern auch in den Bühnenraum. Die Sängerstimmen kamen nicht im vollen Klang an in die Ohren der Hörer. Unter diesem akustischen Mangel hatte jeder Sänger auf der Bühne zu kämpfen.

Das merkte man besonders, wenn es auch anders ging; als Don José für seine Blumenarie die Schräge nach vorn zur Rampe trippelte, war auf einmal die wunderbare Tenorstimme von Luc Robert in vollem Glanz zu hören.

Bettina Ranch in der Titelpartie fehlte die glutvolle Mittellage; auch szenisch konnte sie als Verführerin keine Akzente setzen.

Jessica Muirhead setzte ihren klaren Sopran mit gefühlvollem Timbre für Micaela ein. Auf hoher Bühnenebene hatte es Almas Svilpa besonders schwer, seine große Stimme, die einem Wotan besser steht, entsprechend zur Geltung zu bringen. Karel Martin Ludvik konnte seinen schön geführten hellen Bariton als Zuniga wirkungsvoll in Szene setzen.

Einige Besucher, die eine andere Carmen in Erinnerung hatten, wünschten sich sicherlich die Kneipe aus Gelsenkirchen zurück.


DIE WALKÜRE

Aalto-Theater Essen 30.6.2018 |Vergleicht man diese Essener Produktion mit der der Duisburg/Düsseldorfer des gleichen Inzenierungs-Teams, so fällt die optische Opulenz auf der Aalto-Bühne in Essen sofort auf. In Essen konnte Dieter Richter die volle Portalbreite von etwa 17 Metern nutzen; an der Rheinoper fehlten dem Bühnenbildner später für ein ähnliches Konzept etwa sechs Meter in der Portalbreite, was dann doch für einige Ideen etwas eng wurde.

Die jetzt neun Jahre alte Inszenierung von Dietrich Hilsdorf wirkte überraschend frisch und Dank des großzügigen Bühnenbildes klar und eindrucksvoll.
Rebecca Teem war wieder die Brünnhilde, die sie schon 2015 in Essen gestalten konnte. Ihre warme Stimme erklingt in allen Lagen groß und schön und kann auch über den großen Orchesterstellen strahlen; ihr Spiel ist genau und intensiv. Was will man von einer Brünnhilde mehr?

An dem Wotan von Almas Svilpa kommt so schnell niemand vorbei. 2011 hat er unter Soltesz sein Rollen-Debüt in Essen gegeben und sein Wotan klingt heute so kräftig, schön und eindrucksvoll, daß man ihm einen internationalen Durchbruch nur wünschen kann. Seine intensive Darstellung ist so phänomenal, daß Regisseur Hilsdorf seine Freude daran hätte, würde er noch einmal in eine Vorstellung gehen.

Deirdre Angenent debütierte mit der Sieglinde in Essen. Sie hat einen schön timbrierten Sopran, der auch in den großen dramatischen Stellen im dritten Akt wohlklingende Wirkung zeigt. Ihr schlankes jugendliches Aussehen hilft bei ihrem Rollen-Debüt, um eine dominante Bühnenpräsenz zu haben; allerdings schien es, als ab sie im 2.Akt schon im 10.Monat schwanger ist - nun gut.

Bettina Ranch glänzte als Fricka mit schönem runden Mezzosopran, der in allen Lagen kräftigen Eindruck hinterließ. Sie verstand es so wirkungsvoll, sich als Gegenspielerin zu Wotan zu profilieren.

Jeffrey Dowd als Siegmund wirkt in Stimme und Spiel jung und ist in dieser Rolle doch ein trauriger Held. Eine sängerische Leistung ohne Fehl und Tadel. Tijl Faveyts als Hunding kann wieder seinen glühend hohen Bass bedrohlich einsetzen.
Tomás Netopil dirigierte und leitete die Essener Philharmoniker zu zurückhaltendem Spiel an. Er entwickelte lange, große Bögen zur dramatischen Phrase. Da hatte man doch den Eindruck, daß viele Feinheiten der Partitur untergingen. Eine kleine Gruppe an Beifall-Jublern sorgte aber dafür, daß beim Schluß-Applaus das Orchester und sein Leiter gefeiert wurden. Dem kundigen Walküren-Ohr fehlte bei der Orchestermusik doch einiges.

Auf jeden Fall sollte man die Essener Hilsdorf-Inszenierung mit der aktuellen Aufführung an der Deutschen Oper am Rhein vergleichen. Da gilt es doch, kleine und große Unterschiede zu entdecken, was sich auf jeden Fall lohnt.


LOHENGRIN

6.5.2018 | Der Abschluß der Wiederaufnahmeserie von Wagners großem romantischen Werk konnte sich vor allem im Essener Opernhaus hören lassen. Die Essener Philharmoniker boten einen extrem wunderbaren Wagner-Klang unter dem Dirigat von Tomás Netopil. Eher breite Tempi wurden von ihm vom Orchester und den Solisten gefordert, was vor allem im 3.Akt einen sensationell blau-silbernen Klang ergab. Allerdings wurden so die Sänger manchmal sehr gefordert; vor allem zu Beginn des zweiten Aktes gaben die gedehnten Tempi den Sängern kaum Gelegenheit, den gesungenen Text auch verständlich zu gestalten.

Sergei Skorokhodov hat sich in der Titelpartie musikalisch und szenisch weiter gesteigert. Er hatte Glück, daß ihm zur Seite Jessica Muirhead als Elsa stand; sie spielte differenziert und deutlich und glänzte mit wunderschönem Sopran. Beide wirkten wie ein Traumpaar, wäre da nicht der unglückliche Ausgang der Geschichte, die Tatjana Gürbaca genau inszenierte und die von Carolin Steffen-Maaß szenisch erfrischend wiederaufgenommen wurde.

Ein anderes Traumpaar boten die Gegenspieler Ortrud und Telramund. Rebecca Teem sang und spielte phänomenal genau und kantabel mit den geforderten dramatischen Ausbrüchen. Heiko Trinsinger war ein ihr ebenbürtiger Partner; die Puccini-Belastung des Vorabends konnte man aber einmal erahnen.

Almas Svilpa als König Heinrich klang und spielte phänomenal; auf seinen Wotan in Essen kann man sich schon jetzt freuen und damit auf die Walküre von Rebecca Teem. Auch die Neubesetzung von Karel Martin Ludvik als Heerrufer ist ein Idealfall, da seine Bass-Stimme auch in der Höhe glänzt.

Allerdings stand szenisch der Abend unter einem schlechten Stern. Vielleicht lag es an dem verspäteten Beginn der Aufführung wegen einer Autobahnsperrung; aber was dann in allen Akten szenisch-organisatorisch passierte, dürfte dem anwesenden Intendanten des Hauses nicht gefallen haben.
Im Vorspiel des ersten Aktes wird die Vorgeschichte in kurzen Licht-Szenen gezeigt. Aber die Darsteller waren nicht pünktlich zur Stelle; als das erste Licht kam, kletterte man noch die hohen Treppen zum Tisch hinab, um dort Platz zu nehmen; Ortrud hatte noch ihre Schürze umzubinden.
Bei der Einrichtung zum zweiten Akt fehlte Elsas 'Hexen-Mantel', mit dem Ortrud zu spielen hatte. Nichts leichter als das: auf einmal warf jemand von rechts vorn den schön zusammengelegten Mantel für Ortrud unerreichbar auf die Bühne. Da Rebecca Teem diese tiefe Treppe nicht mal eben im Spiel herunter konnte, gab sich die helfende weibliche Hand zu erkennen, kam in Zivil auf die Bühne und gab der Sängerin ihr Requisit.

Fehler können passieren, aber bewußt störende private Aktionen, die durch nichts abgedeckt sind, vor allem nicht durch die Inszenierung, gehören nicht in eine professionelle Theateraufführung. Ein Mitglied des Herren-Chores, der vor Jahren noch als Offizier in der alten Barbier-Inszenierung auf sich aufmerksam machen konnte, suchte diesmal die Aufmerksamkeit auf andere Weise. Beim Aufzug des Heergefolges im dritten Aufzug war er in der zweiten kommenden Gruppe vorne rechts in der ersten Reihe. Seine leicht tänzelnde Bewegung mit freudig strahlendem Gesicht fiel auf, während die anderen stolz marschierten. Als das Heergefolge einen militärischen Schwenk nach rechts vornahm, dreht dieser 'Bass-Chorist' eine Pirouette vor den Kolleginnen des Chores, die das wohl lustig finden sollten, und tänzelte weiter.

Das Publikum im nicht voll besetzen Aalto-Saal dankte allen mit stürmischen, nicht enden wollenden Beifall für diese in dieser Spielzeit letzten Aufführung. Da können alle nur hoffen, daß diese wunderbar phantasievolle Inszenierung weiter in Zukunft die Essener Besucher erfreuen wird.


MADAMA BUTTERLFY

5.5.2018 | Im Essener Opernhaus folgt eine Wiederaufnahme der nächsten. Zwei Wochen nach der 'Traviata' konnte eine immer noch sehens- und hörenswerte Produktion das Scheinwerferlicht der Bühne erneut erblicken. Die Inszenierung von Tilman Knabe ist klar, nimmt Position für die Situation der Japaner; selbst die bei ihm eigentlich nie fehlenden kopulierenden Szenen finden erklärend im Hintergrund statt; da hat der Dramaturg Nils Szcepanski gute beratende Arbeit geleistet, um die Geschichte in der heutigen Zeit stattfinden zu lassen.
Die Bühne von Alfred Peter beherrscht eine Container, in dem zu Beginn der Handlung noch die Maler mit Pinsel am hellen weiß der neuen Wohnung arbeiten. Es ist immer noch beeindruckend, wenn zwischen dem 2. und 3. Akt dieses Haus sich aufrichtet, um später senkrecht auf der Seite zu stehen, während Cio-Cio-San ihren Traum vom amerikanischen Helden erlebt. Marijke Malitius sorgte für eine präzise szenische Wiederaufnahme.

Musikalisch wurden die Essener Philharmoniker diesmal durch Giuseppe Finzi hochkonzentriert zu einem betörenden Klang animiert, bei dem auch feine Differenzierungen erarbeitet wurden. Das "Runterdreschen" der Vergangenheit vergaß man gerne.

Die Besetzung konnte bekannte, bewährte Kräfte und neue Mitglieder des Hauses aufweisen. Es war ein Genuß, Sandra Janusaite wieder in der Titelpartie zu erleben; sie gehört dem Ensemble nur noch als Gast an.
Ihr neu zur Seite glänzte Carlos Cardoso als Pinkerton. Hatte er zwei Wochen zuvor noch den Alfredo mit stimmlichen Schmelz zu gestalten, durfte er dazu als amerikanischer Soldat auch zeigen, daß leuchtende Puccini-Töne zu seinen Qualitäten gehören.

Heiko Trinsinger zeigt sich wohlklingend als Sänger für alle Fächer mit seinem kantablen Bariton. Aber auch hier in dieser Wiederaufnahme galt für ihn wie vor 14 Tagen, daß er einen Tag später in einem ganz anderen Fach auf der Bühne sich bewähren durfte.

In den Nebenrollen konnte wieder Baurzhan Anderzhanov als Onkel Bonze glänzen; zwei Tage später konnte er mit seinem Liederabend im Aalto-Foyer die Zuhörer mit seiner großen volltönenden Bass-Stimme verwöhnen.

Das Publikum zeigte sich im nicht voll besetzten Saal begeistert über eine Produktion, die einen festen Platz im Repertoire des Essener Aalto-Theaters behalten sollte.


LA TRAVIATA

21.4.2018 | Am 5.5.2012 gab es die Premiere in der Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger. Diese Aufführung damals war mir so gut nicht mehr in Erinnerung. Als ich die Wiederaufnahme-Premiere unter der musikalischen Leitung von Friedrich Haider sah und hörte, wußte ich warum. Daniel Witzke hat sich um die szenische Wiederaufnahme bemüht, aber an der Grundidee der Inszenierung konnte er nichts korrigieren. Frühere Korrekturversuche hatte man wohl aufgegeben?!
Die Geschichte spielt hier in einem großen Krankensaal mit viel Patienten und Betten. Violetta Valéry erlebt dort ihre letzten Stunden. Ihre Geschichte wird so vom Ende her erzählt. Pausenlos herrscht reges Treiben von Patienten, Ärzten und Besuchern. Chor und Statisten bemühen sich erfolgreich, um dies alles zu erklären; selbst die Besetzung von 2012 wie z.B. mit Marion Borkowsky und Fabian Schmitz war dabei, um der Intention der Regie nahe zu kommen. Ob man aber bei diesem Treiben Kopulation mit nacktem Fleisch bieten mußte, ist bei dieser unglücklichen Inszenierung schon gar nicht mehr wichtig.

Hier fehlt einfach die im Mittelpunkt stehende 'La Traviata', ihre echte Liebe zu Alfredo und das Problem ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. Das wurde nicht erarbeitet und durch vielerlei Brimborium verwirrend vermittelt. Da half auch das Bühnenbild von Johannes Leiacker nicht, der einen schönen Raum mit kalter Landschaft entwarf.

Aber da gab es ja noch die musikalische Seite des Abends. Die Essener Philharmoniker unter ihrem 1.Gastdirigenten Friedrich Haider sorgten für eine schmissige, aber auch gefühlvolle Verdi-Interpretation.

Elbenita Kajtazi sang die Titelpartie; sie war eine Ideal-Besetzung in Stimme und Spiel. Ihr klarer Sopran erreichte klangschön mühelos jede Höhe; ihr Spiel rührte den Zuschauer trotz der unglücklichen Regie.
Carlos Cardoso war ihr ein ebenbürtiger Partner mit schönem Tenor und zurückhaltendem Spiel als Alfredo.
Mit seinem etwas deutsch klingenden Bariton konnte Heiko Trinsinger Vater Germont würdevoll gestalten und dieser Partie auch italienischen Belcanto-Charme verleihen. Für ihn war es eine gute Übung, denn einen Tag später galt es, den Telramund auf gleicher Bühne zu interpretierten - das nennt man praktisch.
Aber auch bei den zahlreichen Nebenrollen fielen einige Sänger aus dem Essener Ensemble angenehm auf, so Liliana de Sousa als Flora und Baurzhan Anderzhanov als Dottore.

Diese Aalto-Produktion ist vor allem Plattform für die Sänger, in ihren Partien zu glänzen, was die Zuschauer mit starkem Beifall honorierten.

Schade - Elbenita Kajtazi wird nur noch diese Spielzeit dem Essener Ensemble als festes Mitglied angehören. In der nächsten Spielzeit ist sie nur ein Mal !!! als Gretel besetzt.


LOHENGRIN

8.4.2018 | Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Tatjana Gürbaca stand auf der großen Essener Opernbühne in allen Belangen unter einem guten Opernstern. Die Essener Philharmoniker, unter der Leitung von Tomás Netopil, verzauberten das Publikum mit einem sphärisch-dramatischen Wagner-Klang, der bereits im ersten Vorspiel zur bewegenden Geltung kam. Das Publikum bedankte sich bei den Musikern mit besonders starken Beifallsbekundungen.

Aber da wurde ja auch noch gesungen. Als Gast präsentierte sich Frank van Hove als König Heinrich mit schönem, hellen Bass, der auch die extremen Stellen meisterte. Ihm zur Seite aus dem Essener Ensemble ein neuer Heerrufer, der bereits bei der Premieren-Matinee auf sich aufmerksam machte. Karel Martin Ludvik konnte mit seiner sehr ansprechend klingenden Baritonstimme dieser Partie sowohl in der Höhe strahlenden Glanz geben als auch in der Mittellage Durchsetzungskraft verleihen.

Mit Rebecca Teem als Ortrud konnte ein weiteres Ensemblemitglied demonstrieren, welch eine grandiose Sängerin dem Haus zur Verfügung steht. Ihr großer Sopran klang schön, klar und verständlich mit einer Mittellage, die keine Wünsche offen lies. Wenn es erforderlich war, bot ihre Stimme eine dramatische Wucht, die alle neben ihrer darstellerischen Präsenz beeindruckte.
Neben ihr konnte der Telramund von Heiko Trinsinger glänzen, der bereits in der Premiere keine Wünsche offen lies und so den zweiten Akt mit seiner Partnerin zu einer beeindruckenden Wirkung verhalf.

Die besonders angenehme Überraschung war aber ein neuer Gast in der Titelpartie. Sergey Skorokhodov war ein stimmstarker Lohengrin, der scheinbar mühelos über alle schwierigen Stellen der Partie hinweg sang. Er hat seine immer schön klingende Stimme in allen Lagen wirkungsvoll eingesetzt und hatte noch die Strahlkraft für den dritten Akt. Dazu kommt noch sein positives Erscheinungsbild, das ihn zusätzlich zu einem der führenden Sänger in dieser Partie machen wird.
Fans seines Kollegen, der die Essener Premiere bravourös sang und den man immer noch sensationell in anderen Partien woanders hören kann, wurden etwas unsicher.

Jessica Muihead als Elsa von Brabandt zeigte wieder, daß diese Rolle ihrem Spiel und ihrer Stimme besonders liegt. So kann vor allem das Brautgemach als Sternstunde des Abends angesehen werden, gäbe es da nicht noch die Gralserzählung.

Caroline Steffen-Maaß war für die szenische Wiederaufnahme verantwortlich, die nicht wie ein Aufguß wirkte. Geschuldet auch durch die teilweise Neubesetzung, erkannte man scheinbar neue Details im Spiel und in der Rollengestaltung, die den besonders aufmerksame Betrachter besonders erfreuten.

Das Publikum zeigte sich zu Recht begeistert. Noch zwei mal wird in dieser Spielzeit Gelegenheit sein, diesen besonderen Opernabend zu genießen.


SALOME

31.3.2018 | Eindeutiger Pluspunkt der Premiere von R. Strauss' Musikdrama 'Salome' war die musikalische Realisierung durch die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Tomás Netopil. Klar und differenziert wurde die Partitur aufgefächert, ohne die große Linie zu verlieren. Die Sänger waren meist präsent textverständlich zu vernehmen. Die Essener Philharmoniker sorgten so für einen wunderbaren Klangkosmos, der besonders in den langsam gestalteten Passagen zur Geltung kam.
Annemarie Kremer gestaltete die Titelpartie mit ihrem leichten Sopran, der die Höhen spielerisch meisterte; allein bei wenigen Phasen merkte man, daß sie keinen dramatischen Sopran hat. Zuvor wurde sie im Essener Opernhaus als Butterfly und Rosalinde eingesetzt, was ihr in Stimme und Spiel besser lag. Ihr mehr als ebenbürtig gestaltet Almas Svilpa den Jochanaan. Für ihn schien diese Rollen kein Problem zu sein. Seine große, wohlklingende Stimme konnte in Höhen und Tiefen textverständlich erstrahlen. Da freut man sich schon auf seinen Essener Wotan im Sommer 2018.

Herausragende Leistungen aus dem Ensemble kamen vor allem von Carlos Cardoso als Narraboth, Lilian de Sousa als Page und Tijl Faveyts als 1.Soldat. Im Juden-Quintett fiel Dmitry Ivanchey als 1.Jude mit seinem hohen sicheren Tenor angenehm auf. Im Gesamteindruck der Szene fehlte aber bei seinen Kollegen stimmliche Präsenz.

Marie-Helen Joel konnte in der Rolle der Herodias vor allem mit ihren spielerischen Möglichkeiten der Figur Profil verleihen. Ihr doch leichter Mezzo konnte sich nicht immer durchsetzen.
Dagegen hatte Rainer Maria Röhr mit seinem Charaktertenor deutlich stärkere, hörbare Probleme als Herodes. Da half ihm auch nicht immer seine starke Bühnenpräsenz. Es wirkte fast schon wie Mitleid, als seine Kollegen ihm auf der Bühne beim Schlußbeifall applaudierten.

Mariame Clément war für die Regie verantwortlich. In der Ausstattung von Julia Hansen entwickelte sie ihre Inszenierung aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur Salome. Ehe der erste Partiturton erschallte, sah man als Film zuerst Salome als kleines Mädchen, das von Papa Herodes zum Geburtstag einen Karton mit einem Ballettkleid geschenkt bekommt. Beim nächsten Geburtstagsfilm war das Mädchen schon eine große Frau; das Geschenk das gleiche - nur größer. Eine Vorlage für ein gestörtes Vater-Kind-Verhältnis. Die Mutter kann dem nichts entgegen setzen.

Das Bühnenbild zu Beginn zeigt sehr geschickt das Geschehen in einem Aufenthaltsraum des Dienstpersonals. Soldaten, Nazarener usw. sind Security-Angestellte, Diener des Hauses und beobachten das Geschehen um Salomes Geburtstagsfeier. Die von ihrer Party angeödete Salome macht hier Bekanntschaft mit der Mann aus dem Keller. Jochanaan wird durch die Pistole von Narraboth in Schach gehalten; später wird er sich mit ihr das Leben nehmen.
Die Bühne wechselt Dank der Drehscheibe in einen Lagerraum. In hohen Regalwänden lagern Kartons; ein Bett steht vor einem kleinen Fenster; ein zwielichtiger Raum, in dem auch Herodes sein Unwesen treibt. Hier ist das Gespräch zwischen Salome und Jochanaan, ehe das Dienstpersonal diesen unwirtlichen Ort für die Geburtstagstafel herrichtet. Die Gäste kommen per Polonaise zum Feiern und müssen sich bei diesem 'Kindergeburtstag' zu Salomes Tanz verkleiden. Als Geschenk erhält Salome wieder einen Karton mit dem Kleid, in dem sie später auch tanzt. Hinter dem großen Tisch vergeht sich Herodes an seiner Tochter, wohl nicht zum ersten Mal. Die Gäste schauen verschämt weg oder auch nicht; Herodias sieht das einfach nicht.

Jochanaan scheint in dieser Gesellschaft der einzige Mann zu sein, der es mit Salome nicht treiben will; das spornt sie immer mehr an. Mit der Pistole von Narraboth will sie ihren Willen durchsetzen; denn sie will Liebe, will seinen Mund küssen. Den Beginn ihrer Schlußszene hat Salome noch mit dem lebenden Jochanaan, der kniend auf sein Schicksal wartet. Erst als er weggeführt wird, kann es danach zum vorgesehen Kuss mit seinem abgeschlagenen Kopf kommen; ein Kompliment an die Maskenabteilung des Hauses.

Nachdem sie erschossen wird, verschwindet für Salome die Realität. Der Bühnenraum fährt auf schwarzem Grund langsam in den Hintergrund.

Das Publikum bedankte sich bei allen mit freundlichem Beifall; einige Protagonisten wurden zu Recht besonders bejubelt. Das spiegelt den Eindruck wieder, daß man sich in vielen Belangen mehr von einer Neu-Inszenierung erwartet hatte, die allzu brav trotz des interessanten Ansatzes über die Rampe kam.

Aber da gibt es ja noch die Essener Philharmoniker, die einen Richard-Strauss- Klang boten, der den Besuch dieser Salome-Aufführung belohnt.


DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

4.3.2018 | Auch sechs Jahre nach der Premiere ist die Inszenierung von Mozarts Singspiel in der Inszenierung von Jetske Mijnssen als psychologisches Spiel zwischen Mann und Frau sehr spannend und richtig; ihre Dialogfassung konzentriert sich auf das Wesentliche.

Kein orientalisches Spiel, sondern nur das Verhältnis untereinander wird auf der wunderbaren Bühne von Sanne Danz gezeigt; keine Entführung, sondern freie Entscheidung der Frauen stehen im Focus des Geschehens.

Große weiße, symmetrische Flächen, werden je nach Bedarf zusammen- oder auseinandergeschoben. Die Figuren wirken auf der riesigen Bühne allein und verletzlich.
Für Bassa Selim wird eine Geburtstagsfeier vorbereitet. Er wird 40 und ist immer noch Single. Er fühlt sich zu Konstanze stark hingezogen, die auch seine Gefühle erwidert. Allein die älteren Rechte von Belmonte an Konstanze beeinflussen ihre Entscheidung, Bassa Selim zu verlassen.

Blonde entscheidet sich für den gefühlsvoll polternden Osmin. Er steht ihr näher als der mit Machogehabe agierende Pedrillo; da wundert man sich nicht, daß dieser das Nachsehen hat.

Musikalisch war die Wiederaufnahme unter der Leitung von Tomás Netopil in den besten Händen. Die Essener Philharmoniker spielten schön leicht und fließend und entwickelten einen wunderbaren klaren Mozartklang.

Nahezu alle Darsteller waren mit der Inszenierung bereits vertraut und konnten so in der szenischen Wiederaufnahme von Daniel Witzke sich auf Zusammenspiel und Gesang konzentrieren. Intensives Zusammenspiel ist für diese Inszenierung Voraussetzung.

Simona Saturová sang und spielte die Konstanze; ihre Arien waren der musikalische Höhepunkt der Aufführung. Dmitry Ivanchey war auch optisch ein optimaler Partner. Seine Tenorstimme ist nicht groß, klingt schön und man hat nie die Angst, ein Patzer könnten den Hörgenuß stören.*s.u.

Tijl Faveyts' Osmin ist auch optisch ein adäquater Liebhaber für Blonde; er setzt seinen vor allem in der Höhe wunderschönen Bass bestens ein. Christina Clark als Blonde kann sowohl in Stimme als auch im Spiel sich optimal bewegen; da blieb kein Wunsch offen. Bei Albrecht Kludszuweit wirkt der Pedrillo trotz seines schnellen Laufpensums und seiner launigen Bierdosenpyramide nach der Pause zu behäbig. Auch bei seiner Paradearie fehlt es an dem notwendigen Glanz; es klang da manchmal rau und nicht strahlend. Da wundert man sich nicht, daß Blonde sich für Osmin entscheidet.

Maik Solbach spielt den Bassa Selim als Softie mit prächtiger Sprachkultur und Körpersprache, die auf der großen weißen Bühne mit seiner schlanken Gestalt überzeugend zur Geltung kommt.

Wie die Geschichte ausgeht, bleibt in dieser Inszenierung offen. Sie endet nicht mit dem Schlußchor. Es erklingt noch einmal als Wiederholung die Ouvertüre; vielleicht geht es diesmal anders aus...

Das Publikum bedankte sich auch durch Zwischenbeifall für die Leistung aller mit kräftigem Applaus, selbst wenn einige eine Geschichte aus dem Orient erwartet hatten. Viele jugendliche Zuschauer waren zu sehen, für die diese Wiederaufnahme im Essener Opernhaus packendes Musiktheater bot.

*P.S.: Der Kollege, den ich vor 3 Jahren in einer Aufführung als Belmonte hörte, hat in seiner aktuellen Biographie jegliche Bühnentätigkeit auf der Essener Aalto-Bühne nicht erwähnt. Da hat er damals wohl oft das falsche Fach gesungen und möchte diese Zeit nur noch vergessen. Zu recht!


HANS HEILING

24.2.2018 | Da hat die Essener Oper mit Heinrich Marschners Werk einen richtigen Impuls gehabt, diese romantische Oper für die Bühne zu realisieren. Als das Werk in Berlin vor 185 Jahren uraufgeführt wurde, feierte Richard Wagner zwei Tage zuvor seinen zwanzigsten Geburtstag; bereits im Juli darauf wurde 'Hans Heiling' mit großem Erfolg in Leipzig gespielt. Nicht nur Wagner hat sich szenisch und musikalisch von Marschners großer romantischer Oper beeinflussen lassen; auch Albert Lortzing hat sich das Werk genau angeschaut.

C.M.v.Weber stand mit seinen Werken wiederum für Marschner Pate, der Hans Heiling weiter in Richtung Musiktheater entwickelte. Die leichte Spieloper mit Dialogen und volkstümlichen Szenen sind verknüpft mit musikdramatischen Szenen, die einen großen Raum für die Handlung aufbauen. Sieht man sich die Vorgaben von Marschner an, mochte er auch szenisch nichts dem Zufall überlassen. Genaue Angaben zum Bühnenbild, zu Auftritten und Positionen sollten die Geschichte von der Königin der Erdgeister und ihrem Sohn Hans Heilung zu einem großen Bühnenwerk machen. Dies Geschichten waren damals beliebt und aktuell. Die Aufführungstradition der Opernbühnen machten später aber einen Bogen um die Werke von Heinrich Marschner. Sei es wegen der Handlung, sei es wegen der Mischung zwischen Spieloper und Dramatik.

Umso mehr ist die Essener Oper zu loben, dieses Werk dem Publikum wieder zu präsentieren. Szenisch konnte die Inszenierung von Andreas Baesler nicht überzeugen. Die inhaltliche Übertragung der Geschichte von einer Geisterwelt und dem Konflikt mit der Menschheit in die nahe Vergangenheit des Kohlebergbaus, in die größte Bergbaustadt des Ruhrgebiets Essen, funktionierte nicht schlüssig in der Deutung des Regisseur. Zu viel wurde da von Text und Musik der Vorlage auf die neue Intention geopfert.

Aber musikalisch ist die Essener Aufführung ein Hochgenuß. Unter der musikalischen Leitung von Frank Beermann lassen die Essener Philharmoniker die Partitur von Marschner aufblühen. Der Zuhörer hatte nie das Gefühl, Zitate der oben genannten Komponisten vorgeführt zu bekommen. Musikalisch gelingt ein großer spannender Bogen, der sowohl die mystische Geister-Sphäre als auch das volkstümliche Leben und Treiben der Menschen mit schönstem Klang illustriert Nein - so filigran und doch dramatisch kommt die Musik mit eingängigen Melodien daher, daß es gar nicht des Bergsteigerliedes 'Glück auf' als Einlage bedurft hätte, welches im letzten Bild erschallte statt Marschners Vorlage; aber wenn lokaler Patriotismus, dann schon richtig oder auch nicht. Aber auch hier hat der Aalto-Opernchor sich bestens bewährt, ist doch 'Hans Heiling' eine Chor-Oper.

Frank Beermann motivierte alle Sänger zu kultiviertem Gesang. Allen voran war Heiko Trinsinger als Hans Heiling mit seinem kräftigen, doch kantablen Bariton die herausragende Figur. Ihm zur Seite stand als Mutter der Erdgeister Rebecca Teem. Da müßten sich inzwischen die Essener freuen, eine solch herausragende Sängerin im Ensemble zu haben, die diese dramatische Figur mit schönstem Sopran erfüllen kann, ohne dramatische Kraft einsetzen zu müssen, die bei Wagner gefordert wird.

Aber da gibt es noch Heilings zukünftige Braut Anna, die Jessica Muirhead mit schönem lyrischen Sopran und Reserven in den dramatischen Phasen erklingen läßt. Ihr zur Seite kann sich Jeffrey Dowd als Gegenspieler zu Heiling mit der Figur des Konrad behaupten.

Bettina Ranch ist Annas Mutter Gertrud; ihr Mezzo-Sopran kommt mit der Spiel-Alt-Partie bestens zurecht, auch darf sie Ruhrgebiet-Platt reden. Karel Martin Ludvik darf bis zu seiner Arie als Schmied Spiellaune versprühen, bis sein heller Bariton in der Arie des Spiel-Basses Stephan glänzt.

Im Bühnenbild von Harald B.Thor wird jeglicher romantischer Naturalismus einer Geisterwelt vermieden. Das Vorspiel scheint in einer prunkvollen Villa auf dem Essener Hügel zu spielen. Holzgetäfelte Wände, großer Schreibtisch auf rotem Teppich. Mutter und Sohn sind elegant gekleidet (Kostüme Gabriele Heiman). Die Erdgeister sind Bergleute auf einem schrägen Kohlestreben im Hintergrund. Heiling erledigt seine Büroarbeit mit seinen Mitarbeitern, die ebenfalls in Schlips und Kragen ihre Arbeit in der Villa Heiling verrichten.
Sein Haus auf der Oberwelt ist eine edle, kühl gehaltene Villa mit Vorhängen, bequemen Sitzmöbeln und einer großen Schallplattensammlung samt Braun-Stereoanlage. Hier sind natürlich Anna und besonders Mutter Gertrud beeindruckt. Daß Heiling seinen Kontakt zur Geisterwelt per Telefon abbricht, ist da schon etwas banal.

Aber da gibt es noch die wundervolle Ouvertüre. Da wird ein alter schwarz-weiß Film, über die Entstehung der Kohle, über den Kohleabbau an der Ruhr gezeigt. Auch die Arbeiterkampf gegen geplanten Stellenabbau kommt und gibt für den Regisseur die Vorlage für seine Interpretation des Werkes. Die Texte von Philipp Eduard Devrient (der übrigens in der Uraufführung den Heiling sang) wurden für die Dialoge vom Essener Regisseur mit Ruhrgebiets-Dialekt bearbeitet. Nicklas der Schneider darf perfektes Platt plaudern. Bei einigen, auch internationalen Sängern klang diese Landessprache nicht so perfekt; da war man froh, die Dialoge zu verstehen.
In der Gasthofszene, hier ein große Kneipe der 50er Jahre, ertönt über ein Radio die Berichterstattung vom Kampf der Bergleute gegen das Zechensterben, von dem wir ja schon im Film gesehen haben. Der Dialog der Zuhörer nimmt das Thema auf, ohne das in der Vorlage vermutete Wissen um die mythische Erdgeisterwelt zu reflektieren.

Annas Begegnung mit den Geistern und Heilings Mutter geschieht auf der Essener Bühne im Grugapark; drei Parkbänke mit einem Papierkorb und einem Schriftzug des Restaurants Blumenhof reichen zur Bebilderung dieser Szene. Ein hochfahrendes Podest mit der Königin mit leichten Licht- und vielen Nebeleffekten mußte für die Geisterwelt herhalten. Auf der großen Aalto-Bühne verfehlte das aber nicht seine Wirkung, unterstützt von der tollen Marschner-Musik des Essener Orchesters.

Die Schlußszene spielt vor der Villa aus dem Essener Süden; eine breite Treppe bildete den Hintergrund mit Blick auf eine Zeche, auf der später die Königin der Erdgeister in ihrem eleganten roten Kostüm erscheint, um ihren Sohn zu vergeben. Hans Heiling, ihr Sohn und der eines Irdischen hat den Kampf um sein Erdendasein mit Anna verloren. Aber er will nicht zurück zur Mutter sonders sprengt alles in die Luft. Ein Film auf die Bühnenfläche dokumentiert dies. Das gute Ende von Marschner-Devrient, Hochzeit mit Konrad und Anna, wird diesem Bild entgegengesetzt. Einige Zuschauer sind leicht verwirrt, fehlt doch für dieses katastrophale Ende eine logische Entwicklung.

Die Personenführung der Sänger-Darsteller verlies sich meistens auch nur auf statuarische Zuordnung; es mangelte an deren intensivem Zusammenspiel und der Entwicklung von Szenen und Figuren durch die Regie; da stand man schon viel rum. Einige Zuschauer honorierten dies beim Schlußbeifall.

Große lautstarke Zustimmung gab es zu Recht für Sänger und Orchester.


TURANDOT

18.2.2018 | Nach elf Jahren kommt die Inszenierung von Tilman Knabe auch 'in die Jahre'. Das Konzept, daß Kalaf als Revoluzzer Turandot zu ihrerm Elend im Finale als funktionierende Mutter mit Kleinkind vorführt, ergibt für die Bühne optischen Inhalt. Die Massen bewegen sich uninspiriert, oft platt wie von Studenten des ersten Semesters geführt. Warum das Volk erst gegen dann für den Revoluzzer ist und sich von ihm einnehmen läßt, wird nicht logisch erklärt. Optischer Glanz aus China fehlt auf der kargen Bühne, die das Innere eines Betonbunkers zeigt. Die toten Prinzen bieten etwas für das Auge; Fahnen schwenkende Kinder ergänzen die farblichen Aspekte. Gott sie Dank nur halbherzig, vollführen Chor und Solisten die von der Regie verlangten kopulierenden Aktionen.

Musikalisch ist die Wiederaufnahme mit exzellenten Sängern auf hohem Niveau. Allen voran die international erfahrene Rebecca Teem als chinesische Prinzessin Turandot und Elbenita Kajtazi als Liu; beide sind neuerdings fest dem Hause in Essen verbunden.
Selten habe ich eine Turandot gehört, die neben der strahlenden Kraft in der Höhe auch eine fundamentale Mittellage einsetzen kann; diese Partie klingt bei Rebecca Teem großartig. Dazu wird diese Figur von ihr differenziert durch Stimme und Spiel gestaltet.
Elbenita Kajtazi glänzt wieder mit ihrem wundervollen Sopran in Stimme und Spiel. Mit ihr erlebt man eine lyrische Puccini-Sängerin, die sich für andere Partien, z.B. die Mimi, mehr als empfiehlt. Besonders bei ihr jubelt das Publikum.

Michael Wade Lee lies sich wegen einer Indisposition in der Pause entschuldigen. Die berühmte Arie danach erklang von ihm aber mit Schmelz und Kraft.

In der Wiederaufnahme fallen die drei Minister besonders angenehm auf. Sebastian Noack a.G., der sich auch als Liedsänger profiliert hat, ist Ping und glänzt mit seinem lyrischen Bariton. Die Tenöre Dmitry Ivanchey und Carlos Cardoso werden im Essener Haus zu Recht in vielen großen lyrischen Partien eingesetzt. Da hörte man keine verbrauchten Stimmen oder die eines Buffo, so daß auch die Ministerszenen durch die beiden mit dem Kollegen aus Berlin ein musikalischer Höhepunkt wurden.
Wo hat man das noch, daß der Heldentenor des Hauses Altoum singt. Jeffrey Dowd hat dieses Jahr wieder mit dem Tristan brilliert und wird noch Siegmund gestalten, wie die Jahre zuvor auch.

Das Publikum bedankte sich mit starkem Applaus, der auch dem Chor galt, nachdem dieser den Weg auf die Bühne fand, hatte er doch vom Zuschauer-Parkett das Alfano-Chor-Finale (ungekürzt) gesungen. Bei einer so tollen Besetzung kann das Aalto-Theater Essen auch weiterhin diese Inszenierung dem Publikum anbieten, egal was da so passiert.


SCHWANENSEE

1-18 | Da hat der Ballett-Direktor und Choreograph Ben Van Cauwenbergh voll in die Geldschatulle seines eigenen Ballett-Etats gegriffen, um Tschaikowskis Meisterwerk opulent in Szene zu setzen.
Die Ausstattungsabteilung des Hauses setzte die Entwürfe von Dorin Gal bestens um; Licht und Videos taten ein übriges, damit man immer das Geschehen auf der Bühne mit Interesse verfolgen wollte. Der Gästeetat wurde strapaziert, um 18 Schwäne im zweiten Akt auftreten zu lassen. Der zahlreich große choreographische Mitarbeiterstab realisierte die Petipa-|Iwanow-Vorlage mit dem Essener Ensemble bis zur letzten Sekunde; gab es doch wichtige Besetzungen erst nach ausgiebigen Überlegungen.

So gut wie alle Solisten des Hauses wurden zumindest im dritten Akt eingesetzt. Obwohl im Spielplan nicht gerade mit klassischem Ballett gefordert, mußte das Aalto-Ballett-Ensemble Leistung zeigen. Das Publikum wurde nicht enttäuscht.

Vor allem gilt es, Mika Yoneyama als Odette/Odile und Liam Blair als Siegfried zu loben, die im Mittelpunkt der Handlung stehen. Beide konnten so technisch und optisch wunderbar ihr tänzerisches Können unter Beweis stellten.

Die 18 Schwäne waren präzise und boten so den Höhepunkt im zweiten und vierten Akt. Spitzentanz, Sprünge mit Kraft und Eleganz waren bei allen Solisten und der Gruppe kein Problem.

Je länger die Aufführung dauerte, umso effektiver wurde die Choreographie, auch Dank der Ausstattung. Die Wechsel der Bilder wurden mit Video-Phantasien überbrückt.
Besonders eindrucksvoll war der Wechsel zum letzten Bild, als die Videoaufnahmen der Schwäne von dem realen Tanz auf der Bühne fortgesetzt wurden.

Die Technik des Hauses durfte das 'Happy End' der Geschichte perfekt in Szene setzen. Das 'Wasser' überschwemmt mittels großer blauer Stoffplanen die Bühne und Siegfried versinkt. Rotbart verliert seinen Zaubermantel und somit seine Kraft. Während Odette ihren Siegfried rettet, schweben die anderen Schwäne dank des letzten Hubpodiums in den Himmel.

Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Johannes Witt begleiteten das Essener-Ballett präzise mit wunderbarem Klangrausch. Ein musikalischer Höhepunkt war das Violin-Solo von Florian Geldsetzer.

Das Publikum zeigte sich zu Recht begeistert.


DIE FLEDERMAUS

6.1.2018 | Anno 2011 gab es im Essener Opernhaus die Premiere der "Fledermaus" in der Inszenierung von Gil Mehmert und unter der musikalischen Leitung von Stefan Soltesz. Die Dialogbearbeitung des Regisseurs und die Verlegung der Pause in den 2.Akt machte die Strauss-Operette zu einer kurzweiligen Aufführung, wie es sich für mich in der Repertoire-Aufführung am 8.3.13 zeigte. Davon war jetzt nicht mehr viel übrig geblieben.

Bei den sauber aufspielenden Essener Philharmonikern fehlte unter der musikalischen Leitung von Johannes Witt oft der die Szene unterstützende leichte Schwung. Doch auch auf der Bühne fehlte die Leichtigkeit, sei es durch einige Umbesetzungen der Solisten oder durch die schleppende szenische Wiederaufnahme. Da hat oft der Anschluß der einzelnen Szenen die Handlung 'gebremst', sei es, daß der nächste Auftritt nicht schnell genug war oder daß man auf einen technischen Wechsel gewartet hat, der länger dauerte als gewünscht. Das sind alles eindeutig Mängel bei einer Wiederaufnahme.

Gesungen wurde, wie man es in Essen eigentlich erwarten kann, gut bis sehr gut. Vor allem die Übernahme der Adele von Elbenita Kajtazi gab der Aufführung musikalischen und szenischen Glanz. Bei Jessica Muirhead als Rosalinde war die Musik in guten Händen, bzw. in perfekter Kehle. Leider hätte die Kostümabteilung die vorgeschriebene Vorlage von Dagmor Morell mehr auf die optischen Reize der Sängerin anpassen können.
Fritz Steinbacher als Dr.Bild war ein mehr als ebenbürtiger Partner von Gabriel Eisenstein - in Stimme und Spiel. Als Advokat des Privatiers gestaltete er die Szene im 1.Akt mit großem, schön und textverständlichen Tenor und lies sich vom Kollegen Eisenstein alias Rainer Maria Röhr und dessen kräftigem Charaktertenor nicht irritieren, der früher in dieser Inszenierung den Rechtsanwalt spielte.
Man freute sich, Fritz Steinbacher in der für ihn kurzen Szene im 3.Akt noch mal erleben zu können.

Karin Strobos als Prinz Orlowsky sang wunderbar, doch fehlte ihr die optische Präsenz, die dieser Figur im 2.Akt zusteht.
Karl Martin Ludvik war Frank, der mit Gesang und Text dem Gefängnisdirektor Würde und spielerische Eleganz gab; auch seine Pointen hat er mit dem wunderbaren Thorsten Krohn als Frosch gut gesetzt; die Froschszene war nicht zu lang und weiterhin ein Höhepunkt der Aufführung.

Martijn Cornet als Dr.Falke setzte auf seine kräftige Stimme; seine Dialoge waren aber mit seiner optischen Präsenz gut gestaltet. Der Heldentenor vom Haus war jetzt der Tenorliebhaber vom Stück. Jeffrey Dowd konnte als Alfred seine vorherigen Glanzpartien, wie den Lohengrin, erklingen lassen, was seiner großen Tenorstimme besser gelang, als die musikalische Beweglichkeit der vorgegebenen Rolle.

Dem Publikum gefiel es und sparte nicht mit Beifall für alle. Die Leitung des Theaters sollte sich aber doch überlegen, wie sie die nächsten Wiederaufnahmen vorbereitet.


DER TROUBADOUR - Il trovatore

2.12.2017 | Verdis Operngeschichte um den Troubadour wird nicht immer so gradlinig wie jetzt auf Essens Opernbühne erzählt. Dazu noch ein gutes Opernensemble mit einer packende Orchestermusik, die Giacomo Sagripanti als musikalischer Leiter den Essener Philharmonikern entlocken konnte. Das sind alles beste Voraussetzung für einen großen Opernabend.

Das Regie-Duo Patrice Caurier und Moshe Leiser bot im aktuell wirkenden Bühnenbild von Christian Fenouillat eine Erzählung um Bruder-Mord, Krieg, Feuertod, Rache und Liebe in einer klaren packenden Inszenierung.

Es geht um ein Kleinkind das vertauscht und verbrannt wurde - in schwieriger politischer Situation. Daß die Zeiten für manche nicht viel besser geworden sind, sieht man gleich zu Beginn, wenn flüchtende Leute, vielleicht Zigeuner, das Bild beherrschen. Es ist ein Einheitsraum mit Betonwänden, dessen Decken-Pfeiler nach einem weiteren Krieg den Raum verwüsten. Stühle, Sofa und ein Bett reichen, um mit schnellen Umbauten die Spannung zu halten. Die Kostüme von Agostino Cavalca zeigen das Militär in Tarnlook; einzig die Gesellschaft um Graf Luna, er in schönem blauen Anzug, ist neutral chic gekleidet. Vertriebene um Kämpfer Manrico bewegen sich in Straßenkleidung.

Daß die Geschichte sich so entwickelt liegt an Lunas neurotisch geprägter Liebe zu Leonora. Es darf nicht sein, daß ein Mann mit seiner gesellschaftlichen Position nicht die begehrte Frau bekommt und diese einen hergelaufenen Straßensänger bevorzugt. Manricos Mutter Azucena wiederum lebt mit dem Trauma des Feuertodes ihrer Mutter und des Babys. Da die politischen Lager immer noch in Fehde sind, macht das die Handlung um die Liebe zwischen Leonora und Manrico und dessen Mutterliebe nicht einfacher. Rache steht an.

Die Inszenierung versteht es, diese Geschichte nicht verwirrend, sondern mit einem klaren Blick auf die Personen, die alle nicht glücklich werden, zu lenken. Da trifft es sich gut, daß die Sänger sich bestens in Szene setzen können. Allen voran Nikoloz Lagvilava als Luna mit kräftigem Bariton, der auch diese italienische Partie zum glühen bringt; und für dessen Bühnen-Bruder Manrico alias Gaston Rivero ist auch die gefürchtete Stretta kein Problem. Baurzhan Anderzhanov verleiht mit seinem schönen großen Bass der Rolle des Ferrando Aufmerksamkeit; er schafft aus einer nicht so großen Rolle durch Stimme und Spiel eine starke Persönlichkeit.
Aurelia Florian ist Leonora; sie hat als Grundlage eine schöne Mittellage, die auch in der Höhe glänzen kann, mit kleinen Ausnahmen. Carmen Topciu führt mit ihrem leicht geführten Mezzo-Sopran die Azucena zu großen Höhen, ohne dabei mit Kraft aufzutrumpfen. Dritte im Bunde eines starken weiblichen Ensembles ist Liliana de Sousa als Ines, die ihren großen immer schön klingenden Mezzosopran für diese doch kleinen Rolle mehr als wirkungsvoll einsetzen kann.

Eine Aufführung steht und fällt mit einem Chor, den Jens Bingert bestens einstudiert hat. Dazu kommt, daß die Regie die Situation mit Soldaten und Zigeunern immer genau musikalisch sinnvoll führt.

Das alles macht die Neuinszenierung im Essener Opernhaus zu einem herausragenden Ereignis. Einigen Premierenbesuchern gefiel nicht alles. Aber gerade durch den jetzigen Blick auf die historische Geschichte von Gutiérrez/Cammarano macht diese Aufführung auch für das junge und jung gebliebene Publikum interessant.


RIGOLETTO

19.11.2017 | Die Wiederaufnahme in dieser Spielzeit hat sich musikalisch sehr gesteigert. Unter der genauen und glutvollen musikalischen Leitung von Matteo Beltrami spielten die Essener Philharmoniker sicher auf. Auch der Chor des Aalto-Theaters Essen unter der Leitung von Patrick Jaskolka gliederte sich in das feurige musikalische Konzept bestens ein; es wurde von ihm immer schön gesungen und nicht wie in der Nähe - forciert dargeboten.

Eindeutig hochwertig war die Titelpartie mit Nikoloz Lagvilava auf der Bühne präsent. Mit großer Stimme, glanzvollen Höhen war er musikalisch und szenisch Garant für eine großartige Rollendarstellung.
Carlos Cardoso gestaltete mit leichter sicherer Höhe und Kraft seinen Herzog bis zum bitteren Ende von Rigolettos Tochter. Auch optisch bot er mit Olesya Golovneva ein junges schlankes Paar. Ihre Gilda gestaltete sie mir sicherem Sopran, der neben der notwendigern Leichtigkeit auch Kraft besaß, immer schön und gefühlvoll klang.
Tijl Faveyts gab einen gefährlichen Sparafucile. Toll, wie er als schwarzer Doppelgänger zu Rigoletto die Szene betrat und dessen zweites Ich verkörperte. Musikalisch verkörperte er diese Figur mit brennender Höhe und klarer böser Tiefe.
In den weiteren Rolllen fiel vor allem Bettina Ranch als Maddalena mit kräftigem Mezzo und Baurzhan Anderzhanov als volltönender Monterone mit rundem Bass auf.

Im Bühnenbild von Volker Thiele entwickelte Regisseur Frank Hilbrich einen schnellen Wechsel der Spielorte; nur der Wechsel zum Schlußbild brauchte etwas Zeit. Auf schwarzen Lackflächen fielen die roten Vorhänge für die Schlußphase ins Auge; wie ein Theaterspektakel schaute sich der Chor als sitzender Zuschauer das 'bad end' an. Die Personenführung war genau und führt durch die Handlung. Schon schlimm, wie der Herzog Gilda einfach nach Gebrauch rauswirft. Alle bisher missbrauchten Frauen klagen ihn und die Männergesellschaft an. Die Herren versprühen mit Clowns-Masken einen dekadenten Charme.

Die zu Kostüm und Bühnenbild eingesetzten Luftballons sieht man dann doch etwas zu oft; eindrucksvoll ist, wie zum ersten Finale eine Ballon-Puppe klagend aus Gilda's Bett aufsteigt. Aber auch Ballons und Lackflächen schmälerten auf Dauer den optischen Glanz dieser Aufführung, deren Handlung spannend bis zum bitteren Ende mit wunderbarem Gesang und Orchesterbegleitung abläuft.

Das Publikum bedankte sich mit kräftigem Beifall im gut besuchten Essener Opernhaus. Die, die bisher diese Produktion nicht besuchen konnten, sollten auf eine weitere Wiederaufnahme hoffen.


HÄNSEL UND GRETEL

11 | 2017 | Pünktlich vor Weihnachten wurde im Essener Aalto-Theater eine Neuproduktion des Opern-Klassikers vorgestellt. Musikalisch kamen die Besucher voll auf 'ihre Kosten', gab es auf der Bühne teilweise eine hervorragende Besetzung zu hören. Die Essener Philharmoniker spielten unter Friedrich Haider einen wunderbaren Humperdinck. Nicht dick aufgetragen sondern, schlank klangvoll. Die Hörner boten bereits im Vorspiel sauberstes Spiel.
Die Eltern waren mit Rebecca Teem und Heiko Trinsinger so optimal besetzt, daß man sich schon jetzt auf deren Wagner-Interpretationen im nächsten Jahr freut; Humperdinck hat schließlich für große Stimmen diese Partien geschrieben. Heiko Trinsinger singt diesmal ohne große Kraftanstrengung und Rebecca Teem gestaltet eindrucksvoll die Mutter mit großer Stimme.

Die Titelfiguren sind ebenso optimal zu hören. Karin Strobos bietet einen schlanken Hänsel und ihre Bühnenschwester Elbenita Kajtazi ist eine Gretel mit hellem, klaren Sopran, der wunderschön zu berühren weiß.
Christina Clark als Sand- und Taumännchen kann ebenso ihren klaren Sopran sicher einsetzen. Albrecht Kludszuweit als Knusperhexe begann mit schön klingendem schlanken Tenor, während ihm später in der Charakterzeichnung Schärfe fehlte.

Die Inszenierung stammt von Marie-Helen Joel. In anderen Produktionen kümmert sie sich neben kleinen Rollen auf der Bühne um Stückeinführungen für Groß und Klein und gestaltet szenische Beiträge für den Zuschauernachwuchs. Das scheint sie für die szenische Verantwortung einer großen Oper zu prädestinieren.

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck ist nun mal keine Kinderoper, selbst wenn Kinder die Hauptrollen spielen. Die Musik ist groß romantisch komponiert und die Handlung ist voller sozialkritischer Hinweise, die die Kinder von zu Hause wegbringen, während die Eltern für den Lebensunterhalt aufkommen müssen. Das wird deutlich durch Handlung und Text.
Da zeigen sich die Besucher in vielen Aufführungen immer überrascht, daß für die Kleinen gar nicht so viel dabei ist und diese unruhig auf den Sitzkissen herumrutschen. Gerade die Diskussion bei den Vorbereitungen um die aktuelle Produktion in Stuttgart kann das deutlich machen.

Die Essener Inszenierung tut alles, um das Manko der Kinderferne zu beseitigen. Bereits in der Ouvertüre sieht man ein modernes Kinderzimmer. Aus einem großen Märchenbuch kommend wird von der Figur Sand- und Taumännchen ein kleines Märchenbuch auf ein Regal gestellt. Die gar nicht so armen Eltern bringen die Kinder ins Bett; der Vater liest nun aus diesem Buch die Geschichte von Hänsel und Gretel vor, wie sie eben im bekannten Märchenbuch steht. Und im Schlaf träumen die beiden Kinder dieses Märchen weiter und verändern es mit ihrer kindlichen -sorry der Phantasie der Regisseurin- weiter.

Alle Figuren des Traumes kommen und gehen durch das große Märchenbuch. Es wird eine eigenwillige Interpretation des Märchens gezeigt, in der das Zielpublikum der kleinen Theaterbesucher immer was zu sehen bekommt, egal, was gerade gesungen wird. Armut, Hunger und Elend spielen da keine Rolle. Das Hexenhaus wird aus großen Kekstafeln gebaut, die Hexe selbst wirkt nicht so hexenhaft. Ulrich Lott hat teilweise schöne Kostüme geschaffen. Nur bei den Engeln müssen ihm Flügel gefehlt haben, was zu seltsamen Regielösungen führte.
Dem Bühnenbild fehlt viel an optischer Präsenz. Die größtmögliche Portalbreite bietet nur Raum für großflächige Tristesse; einige Weihnachtsbäume, Sterne und Möbelstücke finden dort Platz. Die Unterbühne hatte Platz für einen großen Hexen-Herd wo auch die Kinderchen des Chores mit ihren Backfiguren hantieren durften.
Je länger die Aufführung dauerte, um so mehr unausgereifte Aktionen liefen vor dem Zuschauerauge ab.

Nicht desto trotz, allein wegen der tollen Sänger, der tollen Orchestermusik und auch wegen der kindgerechten Umsetzung sparte das Publikum nicht mit Beifall, was wohl im Sinne aller ist.


DIE VERKAUFTE BRAUT

14.10.17 | Ein tschechisches Leitungsteam war für die Neuproduktion im Essener Aalto-Theater verantwortlich. Martin Kukucka und Lukas Trpisovsky zeichnen sich als SKUTR für die Regie verantwortlich. Das Bühnenbild entwarf Martin Chocholousek und die wunderbar phantastischen Kostüme entwarf Simona Rybáková. Die Ausstattungstechnik des Hauses baute einen wunderbar bespielbaren Bühnenraum; die hauseigene Maske und Schneiderei sorgte mit tollen Kostüme für die Optik der Protagonisten. Die Essener Philharmoniker spielten präzise und mit Elan unter der Leitung von Tomás Netopil.

Für die Besucher wäre es ein Fehler gewesen, der exzellent aufgespielten Ouvertüre mit geschlossenen Augen zu folgen. Es ist wirklich ein Hörgenuß, diesen schnellen Tempi zu lauschen. Aber bereits in der Ouvertüre wurde der szenischen Grundstein für die Geschichte um die verkaufte Braut gelegt.

Alles spielt in einer Turnhalle, in der das gesellschaftliche Leben des Landes oft gespielt hat. Die Mitglieder der Komödiantentruppe entwickeln die Geschichte um Marie. Aus einem Wald wird der Traummann Hans herbeigezaubert. Beide sind auch optisch ein gepflegtes Paar, das zusammen gehört.

Alle anderen Mitglieder der Gesellschaft sind Dank wunderschön typisierender Masken und Kostüme eine Augenweide und bieten den Solisten und den Mitgliedern des Chores jedwede Gelegenheit zu skurrilen Bewegungen; hier zeigt sich die ausgezeichnete Personenführung, z.B. beim Chor.

Die Inszenierung entwirft mit den Bildern kein klassisch folkloristisches Geschehen, sondern zeigt eher eine in der Jetztzeit angesiedelte Handlung. Die Turnhalle bietet durch kleine Veränderungen immer wieder neue überraschende Lichtpunkte, die das Geschehen auch optisch erweitern.

Gerade die Aktionen des Chores sind nicht nur realistisches Verhalten; aber auch die Solisten erarbeiten über schöne, oft aufgesetzte Gesten, eine optisch wirksame Typisierung. Da werden die beschaulichen folkloristischen Momente nicht mehr vermißt. So hat es mir auch nicht gefehlt, daß die 'Tanzeinlagen' durch gut erdachte Situationen und dem daraus ergebenen Spiel ersetzt wurden. Die Personenführung der Regie ist präzise und immer nah an der Handlung, die von allen Mitwirkenden mit viel Freude umgesetzt wird.

Zu dem phantastischen klaren, leichten Orchesterspiel gesellte sich ein Sänger-Ensemble, das nahezu keine Wünsche übrig lies. Jessica Muirhead ist eine Marie mit leuchtendem leichten Sopran, der auch in den dramatischen Momenten aufblüht. Ihr Tenorpartner Richard Samek ist ein junger smarter Liebhaber, dessen leichte Stimme auch in heldischen Höhen glänzt. Tijl Faveyts glänzt als Kezal vor allem mit seiner wunderschönen Höhe; eine satte Tiefe fehlt ihm leider.

Die Überraschung für mich ist Dmitry Ivanchey als Wenzel. In Essen hat er schon große Tenorpartien gesungen; jetzt adelt er mit seinem leichten, lyrischen Tenor die Rolle des unglücklichen Bewerbers; dazu sein sympathisches Spiel, das Michas 2.Sohn in den Vordergrund katapultiert.

Aber auch einige Eltern können sich durchaus hören lassen. Bettina Ranch und Peter Paul sind Maries Eltern. Karel Martin Ludvik nutzt wenige Passagen der Partie, um seine große Stimme mit Wohlklang zu füllen.

Nicht zu vergessen die Komödianten, die mit Christina Clark, Rainer Maria Röhr und Norbert Kumpf von Beginn an präsent sind, um das Geschehen voranzutreiben. Gerade hier fällt die deutliche deutsche Aussprache angenehm auf. In Essen wird ja diese "tschechische Nationaloper" in deutscher Sprache gegeben, wg. der deutschen Tradition. Die anderen Kollegen hatten, der eine mehr, die andere weniger, schon artikulatorische Einschränkungen zu bieten.

Schade, daß das Publikum, in den Zwischenszenen und beim Schlußapplaus, sich zurückhaltend zeigte. Gerade die schön erarbeiteten Szenen, dazu der musikalische Genuß, hätten mehr euphorische Reaktionen verdient. Unverständlich für mich, daß das szenische Leitungsteam für seine Leistung nicht mit stärkerem Applaus honoriert wurde. Denn ich könnte mir durchaus eine weitere Arbeit der Tschechen im Aalto-Theater vorstellen.

Einen starken Zuschauerzuspruch ist dieser Smetana-Produktion in Essen auf jeden Fall zu wünschen.


DER LIEBESTRANK - L'elisir d'amore

12.5.2017|Donizettis Oper behauptet sich seit sechs Jahren auf dem Essener Spielplan. Zu Recht, wenn man an die Möglichkeiten denkt, den hauseigenen Sängern eine Plattform zur musikalischen Profilierung zu bieten. An der unglücklichen Inszenierung von Andreas Baesler kann es daher nicht liegen, selbst wenn sich Spielleiterin Marijke Malitius bemühte, auf der optisch angenehme Bühne von Harald Thor ein lustiges Geschehen zu organisieren.
Musikalisch kann sich die Aufführung auf jeden Fall hören lassen. Francesco Lanzillotta leitete die Essener Philharmoniker leicht, locker und durchsichtig in der Partitur; nur manchmal mußte der Zuhörer die allesamt schönen Stimmen suchen, die das Orchester zu übertönen suchte.
Der hauseigene Dulcamara war erkrankt und er wurde vom Essener Premieren-Kollegen aus dem Jahre 2011 durchaus würdig ersetzt. Es war ein großes Vergnügen Roman Astakhov, wieder auf der Bühne präzis und mit starker Spiellust zu erleben. Dazu sein in jeder Lage durchsetzungsfähiger Bass, der in der Höhe besonders glänzte, der mit der satten Tiefe ebenfalls in den Parlando-Passagen die Donizetti-Partitur ausfüllen konnte.
Die weiteren Hauptpartien wurden von neuen Mitgliedern des Essener Ensembles gestaltet und da konnte sich das Aalto-Publikum über die neuen Stimmen freuen.
Elbenita Kajtazi, die ich in Berlin als Waldvogel erleben konnte. ist die neue Adina mit immer sicheren, leicht geführten Sopran, der auch in der Höhe glänzen konnte. In dem Kostüm von Gabriele Heimann war die junge Sängerin dazu noch eine Augenweide.
Ihr zur Seite eine weitere mehr als angenehme Überraschung. Der junge Dimitry Ivanchey lies seinen in allen Lagen sicher klingenden, immer schönen Tenor erklingen. Dazu seine auffallende Spielfreude, die in dieser braven Inszenierung angenehm zur Kenntnis genommen. Zusammen mit dem Kollegen Asthakhov waren beide nicht nur im Spiel eine weitere Augenweide.
Ein neuer Belcore komplettierte die neue Hausbesetzung. Ivan Thirion hatte mit seiner leichten Stimme vor allem in der Höhe mit seiner charmanten Art keine Sorgen, die Partie des Sergeanten mustergültig auszufüllen.
Christina Clark als Giannetta war Garant für strahlenden Soprantöne in den Ensembles; ihr Spieltalent, das sie in den Produktionen für Kinder des Hauses unter Beweis stellen darf, war auch für diese nicht großen Partie erfreulich.

Mit dieser aktuellen Besetzung bietet das Essener Musiktheater eine mustergültige musikalische Umsetzung.
Mit einer unbefriedigenden Szene muß sich nicht nur das Essener Haus zufrieden geben. Das passiert auch an Häusern der allerersten Liga, wenn mal wieder die Wiederaufnahme eines beliebten Werkes realisiert werden darf.
Die wenigen Zuschauer honorierten auch durch Szenenbeifall die Leistung aller und sie sind sicher gespannt auf weitere Rolleninterpretationen der neuen Sänger auf der Aalto-Bühne. Ein weitere Anreiz dazu, Roman Astakhov auf einer anderen oder der Essener Bühne zu erleben.


LOHENGRIN

4.12.2016 | Solch einen einhelligen Jubel hat das Aalto-Theater in Essen seit langem nicht erlebt - und das zu recht!!! Wagners Geschichte vom Gralsritter mit dem Schwan wurde in einer Neuinszenierung erstmals in der Ära Mulders aufgeführt. In einer Besetzung, die kaum woanders besser geboten wird und in einer Inszenierung, die mehr als eine interessante Sicht zu bieten hat, Fragen stellt und die immer -manchmal beim Chor zu viel- etwas für das Auge bietet und nie langweilig wird. Was will man da noch mehr.
Tatjana Gürbaca ist für diese genau erarbeitete Inszenierung verantwortlich. Marc Weeger schuf ein praktikables und in der optischen Wirkung eindrucksvolles Bühnenbild, bei dem er sich von Leopold Jeßners Ideen oder von denen der aktuellen Regisseurin inspirieren ließ. Eine weiße Treppe, eingerahmt von zwei hohen weißen Wänden bildet einen nach hinten immer mehr einengenden Rahmen. Die Stufen sind viel zu hoch, als daß man diese einfach begehen kann.
Silke Willrett entwarf die Kostüme. Hier auf dieser neutral gehaltene Szene leben eingeengt die Brabanter, schick angezogen mit Hemd, Bluse, gepflegter Stoffhose oder Rock, aber ohne Jacke. König Heinrich erscheint im teuren Anzug mit Pelzschärpe, seine Soldaten im eleganten grauen Militäranzug; sein smarter Heerrufer unterscheidet sich von den Mannen nur durch sein rotes Barett. Ortrud und Telramund betonen durch ihre Kleidung schon ihre herausragende Position im Lande, sie im blauen Merkel-Blazer und schwarzer Hose, er im dunklen Blazeranzug; Orden zieren als Auszeichnung für das bisherige erfolgreiche Wirken Telramunds Revers. Bei der Begrüßung des Königs zeigt Ortrud gleich, wer hier das Sagen hat - nämlich sie.
Lohengrins Erscheinungsbild wirkt nicht so elegant. In Hut und Mantel in braun gehalten hat er sich von außen kommend auf einmal unter die Leute gemischt; er sieht anders aus als die anderen, aber er ist keine strahlende Erscheinung, wirkt eher drittklassig. Elsa wird zu Beginn gleich als Hexe gekennzeichnet und zum Scheiterhaufen gezerrt. Erst als der König ihr das Hexenkleid entfernen läßt, sieht man Elsas reines weißes Kleid.
Treppen und Wände des Bühnenraums sind weiß, weißer geht's nicht. Die nächtliche Stimmung des beginnenden zweiten Aktes wird nur durch erleuchtete Fenster der Häuser erläutert; es ist also schön hell und man sieht, was zwischen den Handelnden passiert. Kleine 'Spielzeughäuser' und eine Kirche sind zu Beginn zu sehen, ehe Soldaten zum Einzug ins Münster die kleinen Häuser zu Stufen umfunktionieren, damit man überhaupt die hohen Stufen hoch kommt. Die Gesellschaft in Brabant lebt so klaustrophobisch eingeengt in schönem Weiß.
Als Volk wirkt manipulierbar - von welcher Seite her auch immer. Erst als Telramund verbannt wird, sehen alle, daß es auch eine Welt außerhalb der ihnen bekannten in Weiß gibt, aus der übrigens auch Lohengrin gekommen ist. Telramund, inzwischen auch in einer schlichten Kleidung, verschiebt bei seiner Anklage während der Hochzeit die das weiß einengenden schwarzen Portalwände. Auf einmal wird die Konstruktion der weißen Wände sichtbar; darum sieht man einen Raum, in dem sich dieses Weiß befindet und das gar nicht so standfest wirkt. Voller Staunen betrachtet die Gesellschaft diese neue Welt.
Im Vorspiel zum dritten Akt sieht man das architektonisch wunderbare Gebilde des weißen Jeßner-Weeger-Raumes. In der Verwandlung im dritten Akt zum Heeresaufmarsch dreht sich das ganze und man sieht auf der Rückseite die dunkle andere Seite der brabantischen Welt. Auf einer schwarzen Treppe wartet wieder einen Scheiterhaufen, auf dem später Elsa mit dem Tortenmesser Selbstmord begeht. Ein Rednerpult wird für König Heinrich bereit gestellt.
Die Vorgeschichte des Geschehens sieht man als Szenen bereits im Vorspiel des 1.Aktes. In einer heilen Welt kümmern sich Ortrud und Telramund um die Waisen Elsa und Gottfried. Es wird klar, Telramund will Elsa als Frau, Elsa aber nicht, sie liest lieber ein Buch und etwas von ihrem Helden.
Es wird nicht klar, warum auf einmal der Knabe Gottfried vermißt wird, er ist einfach weg. Er ist nach Lohengrins Ankunft während des Geschehens immer präsent; er ist eine gekennzeichnete Knabenfigur, die immer die Nähe zu seinem Lohengrin sucht und auch schon mal eifersüchtig wird. Bei Lohengrins Ankunft wird er von den Anwesenden als 'Schwanenfigur' auf Händen über die Köpfe aller von oben nach unten zu Lohengrin getragen. Im Brautgemach wird Gottfried vom Bräutigam dazu geholt: das kann ja nichts werden mit der ersten Nacht. Da hilft es auch nichts, wenn Elsa dieser Schwanengestalt die Bettdecke über den Kopf hängt. Als Schützer von Brabant wird Gottfried wieder im Knabenanzug den Brabantern vorgeführt. Aber das ist für den Jungen in seiner Entwicklung zu früh; er ist kaum in der Lage, richtig zu gehen; er versucht schon zu marschieren.
Musikalisch liegt alles in den Händen von Tomás Netopil. Er wählt einen wunderbar klar gegliederten Klang auch in den Übergängen, schafft riesige 'silberblaue' Klangräume, ohne derb zu wirken. Die Essener Philharmoniker folgen ihm bravourös, während zum Chor der eine oder andere Kontakt noch verbessert werden könnte. Da hat der neue Chordirektor Jens Bingert noch ein hörbares Einarbeitungsdefizit.
Die Spitzenpositionen unter den Solisten bewegen sich auf aller höchstem internationalen Niveau. Allen voran ist Daniel Johansson als Lohengrin zu nennen; es ist für ihn ein Rollendebüt. Sein lyrisch ausgestatteter Tenor ist geradezu prädestiniert für diese Rolle. Er klingt immer schön und edel; auch die dramatisch-heldischen Phasen kommen ihm scheinbar mühelos über die Lippen. Anfängliche Unsicherheiten sind schnell verziehen. Sein jugendliches Erscheinungsbild ist mehr als attraktiv; er ist ein großes schlanker Held. Die zahlreichen Aufführungen in Essen geben ihm Gelegenheit, in diese Partie 'hinein zu wachsen'; hoffentlich läßt er sich danach nicht von weiteren Angeboten für dies Partie 'verheizen' und schont seine wunderschönes 'Tenormaterial'.
Dem Titelhelden zur Seite präsentiert das Essener Haus eine Elsa aus dem Ensemble - Jessica Muirhead. Lange ist es her, daß ich eine Elsa von Brabant gehört und gesehen habe, die mit so einem schönen klaren lyrischen Sopran diese Partie gestalten kann. Sie erreicht die dramatischen Stellen ohne störendes Vibrato. Dazu ihr Erscheinungsbild und Spiel, das sie zu einem weiteren Ereignis in der Aufführung macht.
Die Gegenspieler sind 'aus gleichem Holz geschnitzt'. Heiko Trinsinger ist mit großer Stimme auch im Spiel optimal besetzt. Katrin Kapplusch ist seine Gattin Ortrud. Sie setzt ihren klaren Sopran mit schöner großer dramatischer Wirkung immer sicher ein und ist so eine würdige Gegenspielerin zum Titelhelden.
Almas Svilpa ist König Heinrich und kann seinen kernigen Helden-Bass vor allem im 3.Akt optimal einsetzen. Leider hat ihn die Regie mit seinem schönen Anzug und der dicken Brille ein wenig allein gelassen, was man von seinem Heerrufer Martijn Cornet nicht sagen kann. Der bekommt schon mal von Telramund 'eins auf die Nase'. Musikalisch konnte Martijn Cornet seinen hellen lyrischen Bariton erstaunlich gut einsetzen.

Lohengrin verschwindet verärgert und läßt alle ratlos zurück. Ortrud trauert um Elsa.
Das Publikum hat eine erstklassige Aufführung von Wagners Jugendwerk erlebt, bei der es so viel zu hören und zu sehen gibt, daß man durchaus nochmals das Aalto-Theater in Essen besuchen sollte, um die Geschichte vom Schwanenritter zu verfolgen.


HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

18.9.16 | Die Neuedition von Offenbachs phantastischer Oper ist vielerorts auf deutschen Bühnen zu sehen und hat die Theatermacher zu neuen Taten im Orchestergraben und auf der Bühne inspiriert. Viel opulentes Neues gab es seither zu sehen und zu hören.
Die Essener Fassung von Soltesz / Hilsdorf macht bereits nach dem Olympia-Akt nach einer Stunde die Pause - gute Idee. Andere Häuser warten, bis einen Akt später Antonia ihre letzten Töne ausgehaucht hat. Das hat schon mal zur Folge, daß der Zuschauer erst nach 2 Stunden in die Pause gehen kann. Bei Wagner ist man das ja schon gewöhnt; bei der Götterdämmerung habe ich da auch noch nie einen Strich erlebt.
Bei Offenbachs neuem Notenmaterial geht man lockerer mit dem Rotstift um. Scheinbar Unermeßliches der Key|Keck-Edition steht den Theatermachern zur Verfügung und verwöhnt so den Zuhörer, der manch für ihn betörend Neues hört. In Stuttgart bot man eine musikalische Fassung von ca. 158 Minuten, in Krefeld etwas 152 Minuten, in Münster ca. 135 Minuten. Da wurde fürs Auge und Ohr viel geboten.
In Essen kam man auf eine 'reduzierte' Fassung von 122 Minuten und verzichtete dazu auf die Rezitative. Gewählt wurden ausufernde französische Dialoge, was manchmal einen harten Übergang zur Musik zur Folge hat. Aber warum überhaupt die gesprochene französische Sprache? In Deutsch hätte man zumindest etwas vom Inhalt verstanden und Spannung erzeugt. Der Blick zu den Übertiteln bliebe erspart, der auch noch von der Bühne ablenkt.
Claudia Isabel Martin war für die präzise Wiederaufnahme der Dietrich-Hilsdorf-Inszenierung verantwortlich und die Protagonisten haben das mit viel Spieltalent umgesetzt. Rainer-Maria Röhr in den Dienerrollen und Marie-Belle Sandis als Muse konnten auf ihre Erfahrungen aus früheren Jahren bauen; auch musikalisch boten beide Wohlklang.
Alle anderen Hauptrollen waren neu besetzt. Umso höher ist die Arbeit aller zu werten. Besonderer Lichtblick war der junge Sébastian Guèze in der Titelrolle. Seine große und doch leichte Stimme setzt er wunderschön ein und er verzichtet nicht auf wohlklingende Spitzentöne. Mit großer Spielfreude setzt er die szenischen Anforderungen um. Es macht eine Riesenfreude, ihn in seinen Erzählungen zu verfolgen.
Baurzhan Anderzhanov ist der Bösewicht. Seine große Bass-Stimme erklimmt scheinbar mühelos jede Höhe und Tiefe; leider muß er auf die "Spiegelarie" verzichten -sie gehört ja nicht in diese Neuedition- und singt dafür aber diabolisch schön die "Brillenarie" im Venedig-Akt. Auch dieser junge Sänger ist ein weiterer Höhepunkt in dieser Wiederaufnahme.
Karel Martin Ludvik kann mit seiner leicht beweglichen Baritonstimme vor allem als Spalanzani, aber auch als Schlémil, Crespel oder Lutter punkten.
Elena Sancho Pereg besticht als Olympia mit schönen und sicheren Koloraturen und hat bei ihrem technischen Missgeschick die Lacher auf ihrer Seite.
Jessica Muirhead glänzt mit lyrischem Schmelz als Antonia; in der dramatischen Phase macht man sich etwas Sorgen, wenn man an die Elsa von Brabant denkt.
Katrin Kapplusch als Kurtisane verströmt großen Wohlklang sowohl in den dramatischen als auch in den leichten Passagen; da können sich die Essener freuen, diese Sängerin am Haus zu haben.
Friedrich Haider dirigiert die 2h02 zügig und doch locker; die Essener Philharmoniker folgen ihm mit einem großen Klangerlebnis, ohne die Sänger 'zuzudecken'. Der Opernchor meistert auch die sehr schnellen Tempi ohne Probleme und ist neben dem Orchester Garant für eine optimale Umsetzung der Offenbachschen Musik.
Die Inszenierung von Dietrich Hilsdorf in der Ausstattung von Johannes Leiacker erzählt genau mit einigen individuellen Ideen die Geschichte von Hoffmanns Erzählungen. Das Verhältnis Muse-Hoffmann interessiert ihn weniger. Bühnenbild und Kostüme verzichten auf opulente Bilder und Umsetzungen; nur kurz kommen phantastische Momente auf. Alles wirkt etwas karg, dafür aber klar.
Die von mir besuchte Aufführung -die zweite nach der Wiederaufnahme- war nicht besonders gut besucht. Schade!


IL BARBIERE DI SIVIGLIA

Als letzte Premiere der Spielzeit 2015/16 kam Rossinis 'Barbier' Anfang Juni auf die große Bühne des Aalto-Theaters. Bereits zur Ouvertüre ging es auf der Bühne zur Sache. Figaro zeigte sich gleich zu Beginn als Strippenzieher der ganzen Geschichte und dirigiert auf dem Souffleurkasten das Orchester. Aber das Publikum sollte lieber dem 'echten' Dirigenten zusehen. Denn im Orchestergraben mit den Essener Philharmonikern gab es unter der musikalischen Leitung von Giacomo Sagripanti den wirklichen Höhepunkt dieser Essener Neuproduktion.
Dem Dirigenten zuzusehen ist schon ein Genuß; aber was er aus der Partitur herausholt ist allen Lobes wert. Die Essener musikalische Fassung verzichtet auf die -für mich narkotisierenden- Wiederholungen. Aber das dauert eben alles irgendwann zu lang und man hat es, wie woanders auch, weggelassen; aber wunderbar, daß in einigen Soli und Ensembles 'kleine Striche' aufgemacht wurden. So bekam auch das geübte 'Barbier-Gehör' etwas neues. Das Orchester deckte die Solisten nie zu; jede Farbe schien der musikalische Leiter 'herauszukitzeln' und gab so den Solisten die Gelegenheit, die Stimme sicher zu führen und so ihr Können unter Beweis zu stellen. Musikalischer Höhepunkt allein durch die Orchestermusik war die 'Gewittermusik'. So differenziert habe ich das noch nie gehört; scheinbar jede Orchestergruppe lies das Wetterereignis erklingen. Die Steigerung bis zum Höhepunkt war so enorm.
Die Sänger auf der Bühne waren vom Dirigenten Giacomo Sagripanti bestens inspiriert. Allen voran die beiden Bässe Bartolo und Basilio. Der junge Baurzhan Anderzhanov als Arzt führt seinen Bass leicht und kultiviert ohne jegliche Anstrengung; seine Umsetzung der schnellen Passagen ist ein Hochgenuß. Und er fand Zeit, die Figur des Dr. Bartolo differenziert auch spielerisch zu gestalten, was ihn zur Hauptfigur der Männer-Riege macht.
Tijl Faveyts ist der Musiklehrer und stand ihn kaum in seinen Leistungen nach; sein Bass glänzt mit einer bestechenden schönen Höhe. Sein skurriles Spiel ist immer ein Hingucker.
Der junge Juan José de León ist der Graf Almaviva und glänzt mit einem sicher geführten kräftigen Tenor. Seine Stimme ist nicht optimal für Rossini, der auch locker leichte Koloraturen verlangt. Das schmälert aber nicht seinen Gesamteindruck; man hat nie Angst, daß die Stimme versagt und man hört ihm gern zu.
Georgios Iatrou ist Figaro mit einem schönen Bariton in der Mittellage. Aber seine Stimme hat zu wenig Kraft für diese Partie. Die geforderten strahlenden Töne -vor allem am Ende einer musikalischen Nummer in der Höhe- kommen kaum an. Bei den Ensembles fällt das besonders auf, da seine Kollegen ihr Bestes geben.
Kai Preußker als Fiorello machte mit seiner kleinen Bariton-Partie sehr angenehm auf sich aufmerksam; er bot eine schöne präsente Stimme, die man gerne in größeren Partien hören möchte. Karin Strobos ist Rosina, um die alles geht. Sie führt ihre schöne Mezzostimme leicht und locker durch alle Koloraturen und Arien. An de Ridder ist für den Sopran als Berta zuständig. Ihre Arie fügt sich ein in die Gesamtqualität des Ensembles; ihr Spiel als verrückte Haushälterin wertet diese Rolle enorm auf.
Jan Philipp Gloger inszeniert die Vorgeschichte zu 'Figaros Hochzeit'. Mit der Bühne von Ben Baur verzichtet er auf eine realistische Optik. Kisten, große und kleine, bestimmen den Raum. Wunderschön, wenn zu Beginn eine kleine Kiste mit roter Schleife auf der schwarzen Riesenbühne des Aaltotheaters steht, in der Rosina verschwindet und dann sich zu einer Riesenkiste mit Schleife wandelt. Fiorello hat dann Gelegenheit, in der zu überbrückenden Umbauphase sich etwas zu profilieren; daß macht Kai Preußker höchst souverän. Denn danach sieht man den Innenraum einer großen Kiste, in der sich wieder kleine Kisten tummeln - größere, in denen man sich verstecken kann, winzige für Requisiten. Lichteffekte werfen große Schatten auf die beiden großen sichtbaren Kistenwände.
Nur das 2.Finale verliert an optischer Attraktivität. Die beiden Kistenwände des Hauses öffnen sich nach hinten, was als Aktion sehr beeindruckend ist. Dort im Hintergrund stehen viele, zu viele Kisten herum und der Chor als Handwerker mit Helm posiert im Hintergrund als Handlanger von Figaro. Da waren die Herren als Musikanten eine doch schönere Augenweide in den Kostümen von Marie Roth, die auch die Solisten phantasievoll ausstaffierte.
Die Personenführung der Solisten war sehr präzise und führte erklärend durch das Geschehen in modernem Gewand. In skurrilen Posen bleiben die Solisten stehen, 'kleben' an der Wand und lassen auch 'die Zeit stehen'. Basilio taucht mit seinem mobilen Keyboard in langem Ledermantel als 'Gruftie' auf, eine Steilvorlage für Almaviva, der im 2.Teil seinen Schüler mimt.
Rosina im roten Kleid hantiert oft mit ihrer Schleife. Höhepunkt für sie ist -nachdem sie für die Hochzeit mit Bartolo dieses Kleid mit einer Abendrobe ergänzt hat-, wenn sie diese Entscheidung während der Gewittermusik durchleidet. Beeindruckend, wie Karin Strobos die Bühne dominiert.

Grundsätzlich fällt auf, daß jeder Sänger vom Regisseur sehr gut in Rolle und Spiel eingestellt ist. Leichtigkeit und Charme wird bei den Solisten im Laufe der zahlreichen Vorstellungen hinzukommen. Denn das ist der Essener Rossini-Produktion zu wünschen, die sicherlich erfolgreich für einige Jahre den Spielplan zieren wird.


ELEKTRA

Nicht vor allzu langer Zeit stand Richard Strauss' Musikdrama sehr erfolgreich auf Essens Opernbühne. Die 'Opernsängerin des Jahres' gab die Titelpartie. Auch die anderen Mitwirkenden aus dem Haus konnten sich unter Leitung des damaligen Hausherrn Soltesz sehen und hören lassen. Unter neuer Leitung muß sich dieses Werk auf der Aalto-Bühne neu beweisen.
Aber - sehr beeindruckend leitete GMD Tomas Netopil die Essener Philharmoniker im rappelvollen Orchestergraben. Nicht Tuttikraft, sondern langsam gewählte Tempi bestimmten den opulenten Musikklang. Das gab dem Hörer Gelegenheit, auch kleinere Schattierungen der Partitur zu genießen; die dramatischen Passagen knallten umso mehr in den Klangraum hinein. Ohne Fehl und Tadel folgten die Essener Philharmoniker dem Dirigat und machten so den Musiktheaterabend zu einem Erlebnis.
Aber da gab es auf der Bühne auch noch Sänger, die in der Regie von David Bösch agierten. Da das eine Kooperation mit der Oper Antwerpen|Gent ist, durfte der Essener Spielleiter Frederic Buhr die Essener Szeneneinstudierung leiten; hatte er doch in Belgien dem Regisseur assistiert.
Irgendwie hatte man das Gefühl, daß der letzte Feinschliff in der Personenführung und die Einstellung der Sänger fehlte. Die größten Akzente für die Inszenierung kamen von dem Ausstattungsteam Bannwart|Wolgast und dem Lichtdesign von Michael Bauer. Leichen fallen vom Himmel und hängen in einer blutrot beengt wirkenden Halle; sie bestimmen nun die Atmosphäre in dem großen Einheitsraum. Elektras Kinderzimmer nebst Bett ist dort untergebracht. Eine große Treppe zu Klytämnestras Tür bildet den Hintergrund in der riesigen Rückwand, an der zu Ende Blut herab rinnt. Nicht das Beil, sondern Messer sorgen für den Tod fast aller Protagisten. Endlich mal ein Bühnenraum, der meist hell war und kein Einheitsdunkel bot.

Gut, daß Übertitel für den gesungenen Text parat waren; denn kaum jemand glänzte durch Textverständlichkeit.
Rebecca Teem profilierte sich in der Titelrolle, je länger sie sich in die Rolle hineinfand. Sie wirkte wie ein kleines zartes Wesen mit großer Stimme, an dem auch die Kostümbildnerin Meentje Nielsen erheblichen Anteil hatte. Sowohl in den stillen Phasen, als auch in den dramatischen Momenten konnte sie ihre schöne Stimme als Elektra entsprechend einsetzen.
Den Kostümvorteil konnte ihre Bühnenschwester Katrin Kapplusch für die Rolle als Chrysothemis nicht ausspielen. Sie wurde im Stil der 50er Jahre mit Petticoat ausstaffiert, was ihrer Physiognomie im Zusammenspiel mit ihrer Bühnenschwester nicht entgegenkam; da hätte man sich für die Rollenträgerin in Essen etwas anderes ausdenken können. Sie setzte ihren klaren Sopran sicher für diese Partie ein; eine Paradepartie für diese Strauss-Oper ist das für sie aber nicht.
Aber da gibt es ja noch Doris Soffel als Klytämnestra. Ihr Auftritt war das Ereignis des Abends auf der Bühne. Sie dominierte durch Stimme und Spiel die Szene. Die herabhängenden Nabelschnüre der Leichen gaben ihr Nahrung für ihre grausamen Taten; aber diese Opfer rächten sich bei ihr ja bereits durch qualvolle Träume. Die Szene mit Elektra wurde durch Doris Soffel zum spannenden Höhepunkt des Abends.
Da konnte Almas Svilpa als ersehnter Orest noch so seine bewährte Stimme für diese Partie einsetzen; die Regie lies diesen wichtigen Rollenträger ein wenig blass wirken. Bart Driessen als sein Pfleger wirkte in Stimme und Spiel sehr präsent. Auch Rainer Maria Röhr als neuer Hausherr Aegisth konnte sich sehr gut behaupten. Wie bei ihm, bei Bart Driessen und dem alten Diener von Michael Haag fiel die Textverständlichkeit positiv auf.

Dem Musiktheaterfreund sei diese Aalto-Aufführung gerade dann empfohlen, wenn er die Eindrücke der alten Inszenierung noch ein wenig in Erinnerung hat. Die Essener Philharmoniker sind dazu neben Doris Soffel der Höhepunkt im Essener Opernhaus.


DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

Die Inszenierung von Jetske Mijnssen hält sich nicht an die inhaltliche Vorgabe von Mozarts Librettisten Gottlieb Stephanie dem Jüngeren. Kein damals populärer orientalischer Handlungsrahmen, sondern ein neuer Ansatz, um die komplizierte Beziehung zwischen Mann und Frau aufzurollen. Zwei Frauen stehen im Beziehungs-Konflikt zu jeweils zwei Männern. Konstanze zieht ein in Bassa-Selims Haus mit voll gepackter Tasche; diese bleibt aber unausgepackt bis zum Schluß an der Rampe stehen. Bassa Selim feiert seinen 40. Geburtstag; in seiner Midlifecrisis genießt er seine Beziehung zu Konstanze; diese Liebe wird von ihr erwidert. Belmonte hat eigentlich nur die älteren Recht an seine Partnerin, auf die sie scheinbar Rücksicht nimmt.
Auch bei Blonde und Osmin: sie will ihn. Der Anspruch Pedrillos an ihre Freundschaft und Liebe wird nur so weit erfüllt, daß ihre andere Beziehung nicht aufgegeben wird. Bei der "Flucht" im Finale verschwindet sie doch lieber mit Osmin.
Musikalisch liegt die Wiederaufnahme aus dem Jahre 2012 nun im Jahre 2015 in den Händen des jungen Jonathan Cohen. Selten hat man einen Dirigenten gesehen, der mit so viel Spaß an der Partitur sein Orchester führt. Die Essener Philharmoniker folgen ihm leicht und präzise und decken nie die Bühne zu.
Das Problem bei vielen Mozart-Partien ist ja leider, daß Stimmführung und Stimme die Qualität des Protagonisten offenbaren.
Auf der Bühne gibt es hör- und sichtbar ein Tenorproblem. Michael Smallwoods Stimm-Material ist zu leicht für den Belmonte; dafür kann er nichts, wenn er besetzt wird. Bei ihm muß man immer Angst haben, daß die Stimme weg bricht. Aber an der Artikulation muß er arbeiten; es heißt nicht "Leiten" und "Freuten"; da gehört ein weiches "d" gesungen. Was auch in dieser Partie auffällt, darstellerisch wirkt er oft übertrieben und unbeholfen.
Als Gast aus Gelsenkirchen durfte sich nach seinem Pedrillo 2009 dort in Essen E. Mark Murphy bewähren. Darstellerisch machte er seine Sache mehr als ordentlich. Aber bei seiner Paradearie "Auf zum Kampfe" bricht ihm die Stimme weg; auch sonst machte seine Stimme keinen nachhaltig positiven Eindruck. Nach einem Vorsingen wäre er damit nicht engagiert worden.
Tijl Faveyts gibt den Osmin und ist eine auch optisch junge und ansprechende Figur in Stimme und Spiel. Bei seiner wunderschönen Höhe vermißt man kaum die profunde Tiefe, die diese Partie leider auch hat.
Das machen die beiden Kolleginnen hörbar besser. Christina Clark als Blonde bewegt sich in der Partie und auf der Bühne souverän, auch wenn ihre Stimme etwas klein ist.
Immer noch ein Höhepunkt ist Simona Saturová als Konstanze, die höchste Mozart-Ansprüche erfüllt. Auch vermag sie in der Darstellung das Regiekonzept glaubwürdig zu gestalten.
Maik Solbach spielt wieder Bassa Selim, ein in die Jahre gekommener Softie. Gut, daß diese Rolle mit einem Schauspieler besetzt wurde, konnte so doch die Regie-Intention klar verdeutlicht werden.
Es ist für den Zuschauer hilfreich, mindestens zwei Mal sich diese Inszenierung anzusehen. Die weiß gehaltene Bühne von Sanne Danz mit ihren verschachtelten Portalöffnungen ist ein optischer Genuß. Aber man sieht und hört eine andere 'Entführung', an die man sich gewöhnen muß. Die Dialoge sind neu gefaßt und die Musiknummern finden in der Reihenfolge der Handlung einen anderen Platz, alles um die andere Geschichte zu verdeutlichen. Zum guten Schluß ertönt noch einmal die Ouvertüre und man sieht Konstanze. Wohin geht sie mit ihrer vollgepackten Tasche? Fängt die ganze Geschichte wieder von vorne an oder was?
Mehr als ein Grund, damit 'Die Entführung aus dem Serail' auf dem Spielplan des Essener Opernhauses erhalten bleibt.


COSI FAN TUTTE

Es wurde versucht, eine arg verstaubte Inszenierung aus dem vorigen Jahrhundert mit neuen Sängern (bis auf Despina, die hat das schon mal gemacht) wieder zu entstauben. Vor allem lohnt sich ein Besuch, um Sharon Kempton als Fiordiligi zu erleben. In Stimme und Spiel beherrschte der Gast die Bühne und bekam entsprechend umjubelten Applaus. Die Damenriege mit Christina Clark als Despina und Karin Strobos als Dorabella konnte ein wenig mit ihr mithalten. Die Herren müssen noch -einer vor allem stimmlich- in die Rollen hineinwachsen; Martijn Cornet war ein ansehnlicher Guglielmo und Michael Smallwood Ferrando. Baurzhan Anderzhanov als Don Alfonso ließ wieder mit seinem herrlichen Bass aufhorchen.


FIDELIO

Je länger die Aufführung dauerte, umso mehr fragte man sich, warum denn diese tolle Inszenierung von Dietrich Hilsdorf vom Spielplan des Essener Opernhauses verschwand. Nun gut, da gab es die nackten weiblichen Brüste, der Priester der eine Nonne begattete, aber das konnte man von Hilsdorf in früherer Zeit erwarten, aber gleich jahrelang nicht mehr spielen?

Bei der Furtwängler-Einspielung konnte man schon einen Eindruck haben wie das klingt, wenn ohne Dialoge Beethovens Werk aufgeführt wird. Umso packender die Wirkung auf der Theaterbühne im Essener Aalto-Theater; dort fehlten so gut wie alle Dialoge, kein in schlechtem Deutsch gesprochener Text und trotzdem wurde die Geschichte von Florestan und seiner Leonore spannend erzählt. Eine Musik-Nummer folgte der nächsten. Nur minimal mußte die Regie erläuternd eingreifen und etwas zu viel Phantasie walten lassen; etwa, wenn Florestan sich für eine von ihm gefundene Flasche Schnaps bedankt, wo von der Dialogvorlage eigentlich Leonore ihm etwas zu trinken gibt. Zu Beginn während der Ouvertüre wurde schon der Geschlechtertausch offensichtlich. Leonore war verkleidet als Mann und Florestan mußte in Frauenkleidern ausharren. In Obertiteln wurde das Geschehen in Zitaten und Hinweisen kommentiert. Auf der Szene fehlen nahezu inszenatorisch jegliche Vergleiche zu totalitären Staaten und deren Dienern. Der Mensch und sein Handeln steht im Mittelpunkt der Handlung.
Bühnenbild und Kostüme von Johannes Leiacker bleiben historisch. Eine schönes Landschaftsgemälde als Hintergrund in Roccos Stube mit offenem Fenster, durch das man beobachtet wurde. Eine Zahlenkolonne als Streifen umrahmt diesen Raum. Zum zweiten Akt hebt sich diese Wand und man sieht einen riesengroßen Kerkerraum, in dem Körper liegen - und wieder diese Zahlenkolonne. Die Regie in dieser Wiederaufnahme wirkt mit vielen Neubesetzungen sehr frisch. Rainer Maria Röhr ist auch ein musikalisch guter Original-Jacquino mit auffallend detailliertem Spiel. Christina Clark spielt frisch mit ihrem schönen kleinen Sopran. Jeffrey Dowd ist Don Florestan, damals und heute wieder eindrucksvoll in Stimme und Spiel.
Katrin Kapplusch ist nach der Lady Macbeth und der ersten Dame nun Leonore Florestan und das macht sie hervorragend. Ihre Stimme hat die notwendig dunkle Farbe in der Mittellage. Da stört es nicht, wenn sich die dramatischen Spitzentöne nicht ganz abrunden. Sie ist eine Bereicherung für das Aalto-Ensemble.
Heiko Trinsinger ist nun der Bösewicht Fernando, eine Partie, die ihm in Stimme und Spiel bestens liegt. Zum Schluß darf er an das weibliche Publikum Lilien verteilen. Zwei Wotan-Darsteller durfte man auf der Bühne erleben. Almas Svilpa im tiefen Fach des Rocco; hier durfte er seine Stimme in einer seriösen Basspartie einsetzen. Sicherlich eine gute Idee, seine Stimme nicht nur mit Kraft im Heldischen zu bewegen; das ist ausbaufähig. Für den erkrankten Kollegen sprang ohne Fehl und Tadel Ralf Lukas als Minister ein. Das befreite Volk führt diese Figur anklagend als Karikatur vor.
Stefan Klingele leitete die Essener Philharmoniker und führte sie zu einem inspirierenden Beethoven-Klang; die Hörner hatten allerdings nicht ihren besten Tag. Ach ja, warum wurde dieser tolle Fidelio so lange nicht aufgeführt: Im großen Finale schloß sich auf einmal der eiserne Vorhang und beendete scheinbar die Handlung. Doch dann ging es weiter. Alle, Chor, Soli, standen an der Rampe, das Orchester war auf Bühnenniveau hochgefahren und man brachte so konzertant noch einmal den finalen Jubelchor. Diese Regie-Idee muß wohl später jemandem, z.B. einem Dirigenten, nicht gefallen haben.
Das Publikum war zurecht begeistert. Ein Fidelio ohne Pause bei einer Spielzeit von 1h50, der sicherlich nicht wieder so lange in der Versenkung verschwunden bleibt


WERTHER

Die Original-Vorlage von Goethe wird im nächsten Jahr vom Essener Schauspiel gezeigt. Massenets lyrisches Drama wird selten gespielt, wurde aber auch bereits im Grillo-Opernhaus gezeigt und nun neu im Aalto.
Die Regie von Carlos Wagner, wirkte etwas altbacken. Er erzählt genau, ohne aber szenisch und durch Personenführung die Tiefe der Gefühle ausloten zu können. Die realistische Ausstattung von Frank Philipp Schlößmann wurde immer wieder durch weite Öffnungen in die Natur vergrößert, was den romantischen Aspekt des Sujets wunderschön unterstützte.
Musikalisch war die Aufführung bei Sébastien Rouland in den besten Händen. Die Essener Philharmoniker schwelgten unter seinem Dirigat. Abdellah Lasri ist Werther und er singt diese Partie famos und nahezu makellos; darstellerisch könnte er noch mit dem Regisseur etwas arbeiten. Michaela Selinger ist Charlotte mit weichem Mezzo; leider hört man in dramatischen Phasen in der Höhe ihre Grenzen. Auch die kleinen Rollen waren bestens besetzt mit Christina Clark als Schwester und Tijl Faveyts als ihr Vater. Heiko Trinsingers Albert fehlte ein wenig der Glanz.
Auf jeden Fall ist diese Aufführung hörenswert und sicherlich auch sehenswert; wann bekommt man das schon mal ohne große Einschränkungen auf der Bühne geboten.


UN BALLO IN MASCHERA - Ein Maskenball

Es sind schon 15 Jahre her im Aalto-Theater, daß Dietrich Hilsdorf Inszenierungs - Deutung von Verdis 'Maskenball' dort Premiere hatte. Viel hatte ich nach der langen Zeit nicht mehr in Erinnerung, außer die baumelnde Leiche am grauenvollen Ort und die Übertitel, die keine waren. Meine Verdi-Lieblingsaufführung wurde das nie. Da konnte so gut wie nichts an den enormen Eindruck des "Don Carlos" aus dem Jahre 1988 anschließen; auch die Aida nicht, zu der auch Johannes Leiacker ein atemberaubendes Bühnenbild schuf; für den Maskenball schuf ein mit schönen Malereinen ausstaffierten Einheitsraum. Zu manch anderem jetzt auf der Opernbühne ist diese Inszenierung auf jeden Fall ein Gewinn.

Carolin Steffen-Maaß war für die szenische Wiederaufnahme verantwortlich und gab dem Betrachter den Eindruck, daß präzise agiert wird, obwohl doch fast jeder neu besetzt wurde; sie hat das alles schön 'entstaubt'. Hilsdorf zeigte 'Theater auf dem Theater', erzählte irgendwie die Handlung und inszenierte nach dem Königs-Mord noch den Applaus, den der 'Ermordete' strahlend in Damengarderobe auskostete. Da schienen selbst die beiden Verschwörer im Zuschauerraum erstaunt, als aus dem 'off' ein Pistolenschuß ertönte und der König tot umfiel. Politisiert wurde in dieser Inszenierung nicht, eher das Triviale der Liebesgeschichte mit dem gehörnten Ehemann heraus gearbeitet.
Das unterstützten auch die Übertitel von Norbert Grote, zu denen ich nur mal schaute, wenn das Publikum stärker lachte. Denn in der Überschrift gab es keine wörtliche Übersetzung des aktuellen Gesangs, sondern eine humorvolle Inhaltsangabe.
Musikalisch war die Wiederaufnahme am 27.11.2015 bei Matteo Beltrami in guten Händen. Die Essener Philharmoniker boten einen schlanken, durchsichtigen Klang, der Chor und Solisten nie zudeckte; alle boten so für mich auch einige schöne neue Höreindrücke.
Katrin Kapplusch als Amelia zeigte sich in Stimme und Spiel wieder in bester Form und zeigte dem Publikum mit ihrem schönen klaren Sopran, daß diese Partie durchaus von einer 'deutschen dramatischen Stimme' besetzt werden kann. Sehr lustig - im Foyer gab es einen CD-Mitschnitt anno 1955 in deutscher Sprache mit Birgit Nillson.
Einen ungetrübten Genuss bot Ieva Prudnikovaite als Ulrica. Mit voller, großer und schöner Stimme füllte sie ihre Rolle mit engagiertem Spiel zur Freude aller aus. Schade, daß sie dem Essener Haus inzwischen nur noch als Gast zur Verfügung steht.
Christina Clark als Page Oscar hielt das hohe Niveau bei den Protagonistinnen. Sie hatte auch Glück, daß ihre etwas 'kleine' aber feine Stimme nie vom Orchester zugedeckt wurde; selbst in den großen Szene war sie präsent.
Ohne Fehl und Tadel bei den Herren waren die beiden Verschwörer. Mit Bart Driessen und Baurzhan Anderzhanov waren die ersten Kräfte des Hauses besetzt; die tiefen Bässe sind in Essen ja mit ausgezeichneten Solisten sortiert.
Michael Wade-Lee konnte seinen guten Eindruck als Kalaf beim Riccardo an diesem Abend nicht wiederholen, da man immer wieder den Eindruck hatte, daß das eine schwere Partie ist: zu wenig schön gesungene Phasen, Kraft in der Stimme mit Schärfe; manchmal gelang das angepeilte Ziel nicht.
Luca Grassi ist den Essenern aus der sensationellen "La Straniera" bekannt und konnte mit seiner wohl tönenden Stimme die Zuschauer erfreuen. Leider 'kippte' in seiner zweiten Arie zu Anfang kurz die Stimme weg; das war wohl eher ein Problem der Konzentration. Das Publikum hat das vergessen und seine Leistung beim inszenierten Beifall gebührend honoriert.
Die kleineren Partien waren ansprechend aus dem Haus besetzt. Georgios Iatrou als Silvano wirkte auch in dieser Partie mit seiner klein wirkenden Stimme etwas blass. Wie soll er in großen Partien über die Rampe kommen?
Alles in allem ist die Wiederaufnahme auf der Opernbühne des Essener Stadttheaters eine Bereicherung des aktuellen Spielplans.


DIE ZAUBERFLÖTE

Die Essener Oper war am 10.1.2016 im sprichwörtlichen Sinn das Stadttheater, denn viele junge Zuschauer waren im ausverkauften Aalto-Theater dabei, als Mozarts Oper an einem Sonntag-Nachmittag aufgeführt wurde. Bis auf einige wenige Hartnäckige war man konzentriert bei dieser doch langen Oper bei der Sache.
Das lag vor allem an der Inszenierung von Ezio Toffolutti, der auch die Ausstattung entwarf. Es gab immer was zu sehen, die Szene änderte sich, kaum merklich oder beeindruckend mit verschiebbaren Wänden, Böden und Inventar. Seine Kostüme waren unaufdringlich, ausgefallen und bunt.
Die Deutung des Werkes kam ohne psychologische Kniffe zwischen Gut und Böse aus. Alles passierte als Taminos Traum und da konnte passieren was wollte, mit vielen Tieren wie Schlangen, Löwen oder Clowns und anderen lustigen Figuren. Feuer und Wasser wurde mit naiven, theatralischen Mitteln gezeigt. Die Welt der Erwachsenen waren Taminos Umfeld. Da gab es viel zu sehen und zu hören.
Held des Abends -und das zu recht- war Martijn Cornet als Papageno. Selten habe ich eine so sensible Darstellung für diese Rolle erlebt. Kein grober Heldenbariton, sondern ein junger sympathischer Sänger mit riesengroßem Spieltalent und einer schönen lyrischen Stimme. Bei seinen Dialogen verstand man jedes Wort, das immer wohl gesetzt war.
Als Königin der Nacht brachte Hila Fahimi ihren leichten Sopran mit allen Koloraturen perfekt zu Gehör; ihre beiden Arien waren so ein musikalischer Höhepunkt des Abends. Maartje Rammeloo als Pamina kam mit Stimme und Spiel mit ihrer Rolle gut zurecht. Von den drei Damen fiel vor allem Jessica Muirhead als 1. mit schön geführtem Sopran auf.
Wo viel Licht ist, ist leider auch Schatten. Selten in einer Aufführung habe ich ein Tenorproblem so offensichtlich wahrgenommen wie an diesem Abend. Da glänzten die zwei Sänger mit den kleineren Partien im direkten Hörvergleich zu ihrem Kollegen vom ersten Fach, dessen Stimme unangenehm flach klingt.
Der Tamino von Michael Smallwood konnte nur durch sein Spiel Akzente für diese Hauptrolle setzen. Selbst der Tenor des ersten Priesters von Joo Youp Lee kam ansprechender über die Rampe.
Und dann gab es ja noch den bösen Monostatos. Der war bei Fritz Steinbacher aller bestens aufgehoben. Er verstand es, die Figur mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz in seinen kurzen Szenen in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Sowohl sein großer, schöner ansprechender Tenor als auch seine deutliche Dialoggestaltung bezeugten seine großartige Leistung.
Die Essener Philharmoniker wurden von Johannes Witt sicher geleitet. Der junge Kapellmeister verstand es zudem, vor allem in der Ouvertüre eigene Akzente zu setzen. Die Farben der Partitur und die Sänger brachte er wunderbar zu Gehör, was zu dem Erfolg dieser 12-jährigen Inszenierung beitrug.


DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Die Premiere der Inszenierung von Barrie Kosky im Essener Opernhaus liegt nahezu 10 Jahre zurück. Erfreulich, daß die Wiederaufnahme am 9.1.2016 wieder spannend und frisch präsentiert wurde; Ed Spanjaard leitete diesmal die Essener Philharmoniker, die sich schnell mit seinem Dirigat anfreunden konnten.

Marijke Malitius war für die szenischen Wiederaufnahme verantwortlich und konnte auf Almas Svilpa in der Titelrolle bauen, der neben anderen bereits in der Premiere mit Stimme und Spiel auftrumpfen konnte. Der Holländer ist eine Parade-Partie für ihn, bei der er seinen tiefen Bass und unangestrengte Höhen einsetzen konnte.
Das Stück wird aus Sentas Sicht gezeigt. Ort der Handlung ist hier irgendwo in der Jetztzeit. Nur zur beruhigenden Einstimmung des Zuschauers sieht man vor geschlossenem Vorhang beim Einlaß auf der Vorbühne graue Felsen. Öffnet sich der Vorhang, geht der Blick auf eine Hausfassade mit vielen Fenstern, aus denen Männer Senta begaffen; Seefahrer Romantik mit Schiff und Natur entfällt.
Von Beginn an verfolgt die rotköpfige Senta als Objekt der Begierde mit zwei Doubles das Geschehen; selbst die Angestellten im Haus Daland gehen grob mit ihr um. Senta träumt sich ihren Helden herbei, der durch ein Betonloch in das Geschehen hinein bricht. Die Seemanns-Szene des dritten Aktes ist ihr Albtraum. Viele Sentas treiben es bunt, zu bunt mit Gerippe als Sexpartner und Geburt eines Gnoms. Die Bühne wimmelt voller Senta-Figuren. Senta rettet sich aus dieser Traum-Situation mit der Ermordung des Holländers und verharrt mit verklärendem Blick.
Magdalena Anna Hofmann war die neue Senta auf der Aalto-Bühne und bewältigte diese Aufgabe mit faszinierendem Spiel. Auch musikalisch konnte sie mit ihrer vollen Sopranstimme diese Partie wohl klingend gestalten; leider fehlten ihr für einige Momente in den Spitzenlagen die notwendigen Mittel.
Tijl Faveyts war wieder ein wohl tönender Daland mit großer heller Stimme; er konnte besonders mit seinem Spieltalent in dieser Rolle auftrumpfen und es war ein Vergnügen, ihn zu erleben.
Schade, daß das Essener Opernhaus nicht voll besetzt war; denn diese Aufführung hebt Essen über das Stadttheater-Niveau hinaus und wurde dementsprechend mit Beifall gefeiert. Richard Wagner ist für viele das Maß aller Dinge.


Aktuelle Theatertipps


Dezember

DER FREISCHÜTZ
Aalto Theater Essen

LES CONTES D'HOFFMANN
Deutsche Oper Berlin


November

IOLANTA
Oper Frankfurt

OEDIPUS REX
Oper Frankfurt

ELEKTRA
Oper Leipzig

LA FANCIULLA DEL WEST
Oper Leipzig

JAZZ FOR THE PEOPLE 2018
Katakomben-Theater Essen


Oktober

GÖTTERDÄMMERUNG
Deutsche Oper Am Rhein

CARMEN
Aalto Theater Essen

DAS RHEINGOLD
Staatstheater Kassel