Theatertipps: Oper Frankfurt

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IOLANTA

18.11.2018 | Peter I. Tschaikowskis letzte Oper (1892) ist ein Ereignis. Der Bruder des Komponisten Modest gestaltete den Text nach dem märchenhaften Drama 'König Renés Tochter' von Henrik Hertz.
Diese einaktige Oper wird im Frankfurter Opernhaus in russischer Sprache gemeinsam mit Ödipus Rex aufgeführt.
Das Publikum spendet spontan Beifall, als es den Bühnenraum sieht. Regisseurin Lydia Steier läßt von ihrer Bühnenbildnerin Barbara Ehnes ein großes rosa Puppenhaus bauen. Das Mädchenzimmer ist an den hohen Wänden mit rosa Puppen voll gestellt. Alle Puppen und weibliche Personen der Handlung haben eine blonde Perücke und rosa Kleider, so wie die Tochter des Königs.

Dort lebt Iolante, Tochter des Königs René; sie ist blind. Der König schirmt seine Tochter von der Umwelt ab. Niemand soll von der Krankheit erfahren, ist sie doch dem Herzog von Burgund als Frau versprochen; selbst die Tochter darf von dem Makel nichts wissen. Sie wird in dem Glauben aufgezogen, die Blindheit sei ein Normalzustand.

Der König kontrolliert sein Haus mit harter Hand. Selbst folkloristische Darbietungen für die Tochter werden von ihn bewacht. Ist er nicht im Land, befreien sich die Frauen von den aufgezwungenen blonden Perücken.

Unter dem rosa Puppenhaus im grauen Keller sieht man die Produktionsstätte von weiteren rosa Puppen; dort und vor dem Haus spielt sich das wahre Leben der Leute ab. Die Arbeiter tragen graue Kleidung.

Der König läßt den orientalischen Arzt Ibn-Hakia kommen, der Iolanta sehend machen soll. Ibn-Hakia erkennt schnell, daß Iolanta zur Hilfe selbst den Wunsch haben muß, sehen zu wollen. Aber wenn sie den Unterschied nicht kennt!?

Das weiß Vater René aber zu verhindern!? Die Inszenierung zeigt, warum Iolanta nicht sehen kann oder will. Das Mädchen wird seit Kindesbeinen vom Vater missbraucht. Immer, wenn alle schlafen, schleicht er sich in das Zimmer von Iolanta und vergeht sich an seiner schlafenden Tochter.

Zum Glück gibt es den burgundischen Ritter Vaudémont, der sich in das Schlafzimmer verirrt. Iolanta ahnt ihre Rettung und verliebt sich in ihn; sie legt ihr rosa Kleidchen und die blonde Perücke ab.

Alle bejubeln das wieder erlangte Sehvermögen. Nur darf Iolanta nicht Vaudémont heiraten, gibt es doch das Heiratsversprechen an den Herzog von Burgund. Der stellt sich aber als Freund vom Landsmann Vaudémont heraus und es könnte zum glücklichen Ende für alle kommen, wäre da nicht Iolanta.

Sie rächt sich für ihre vom Vater angetane Scham. Während er sich dem Kreis der Jubler anschließt, verstößt sie ihn; ihre Blindheit war nur gespielt. Sie nötigt Vater König René, sich mit seinem Revolver zu erschießen.

Regisseurin Lydia Steier erzählt diese Geschichte klar und spannend. Sie hat dazu ein hochkarätiges Ensemble. Asmik Grigorian ist eine phänomenale Iolanta in Stimme und Spiel. Allein sie zu sehen und zu hören ist ein Genuß. Ihre Stimme leuchtet und wird sicher gestaltet.
Robert Pomakov ist König René mit heldischem Bass-Bariton, der an Stimm- und Rollengestaltung keine Wünsche offen läßt.

AJ Glueckert als Vaudémont gelingt es, die Tenorpartie mit seinem leichten Tenor sicher zu gestalten; seine Darstellung ist alles andere als ein jugendlicher Held.
Aus dem Ensemble ist besonders Andreas Bauer als Ibn-Hakia zu loben, der mit großer sicherer Stimme in Höhe und Tiefe die Rolle des Arztes mit seinem Bass gestalten konnte.

Nikolai Petersen am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters läßt die Partitur von Tschaikowsky aufleuchten. Er erzielt mit den Sängern einen musikalischen Gesamteindruck, der schöner nicht sein kann.
Da stelle ich meine deutsche CD-Aufnahme ganz hinten in den Schrank. Die 'russische Seele' von Musik und Gesang wurde in Frankfurt bestens realisiert. Das Publikum geizte nicht mit kräftigem Beifall für die viel zu selten gespielte Tschaikowski-Oper. Diese Aufführung darf man nicht versäumen.


OEDIPUS REX

18.11.2018 | Igor Strawinsky hat seine Ödipus-Bearbeitung als Opernoratorium komponiert. Jean Cocteau hat den lateinischen Text dazu geschaffen.
Unter der musikalischen Leitung von Nikolai Petersen konnte sich das Werk im Frankfurter Opernhaus sehen und hören lassen.

Lydia Steuer inszenierte die Tragödie effektvoll im Bühnenbild von Barbara Ehnes. Die Handlung spielt in einem Plenarsaal Anfang der 30 Jahre d.v.J.. Dort besprechen die Politiker die drohende Gefahr einer Pest, die nur die Götter noch beeinflussen können.

Ödipus stellt sich dieser Aufgabe; zu spät merkt er, daß er der Grund dieser Bedrohung ist. Peter Marsh gelingt es, mit seinem hohen Tenor, sicher in Stimme und Spiel diese Rolle im Gespräch mit dem Parlament zu gestalten.
Lydia Steuer läßt die Anwesenden immer in Aktion agieren, gestaltet Charaktere der Personen und es gelingt ihr so, mit Spannung die Szene zu erklären. Die Anwesenden sind alle schwarz gekleidet (Alfred Mayerhofer) und nehmen so das tragische Ende voraus.

Tanja Ariane Baumgartner ist Jokaste; sie beherrscht mit schöner, großer Stimme die Situation. Hochschwanger, mit einem Baby auf dem Arm und einer größeren Tochter im Schlepptau erscheint sie im knallroten Kleid; auch das Töchterchen hat ein rotes Kleid. Die Mutter ist eine 'Geburtsmaschine'!

Zum bitteren Ende dreht sich der Plenarsaal und man sieht Jokaste aufgehängt am Galgen. Das Publikum ist beeindruckt und spart nicht mit Beifall.
Nach der Pause geht es auf der Bühne mit einem anderen Opernwerk weiter.


LOHENGRIN

6.11.16 | Da hat im Frankfurter Opernhaus Jens-Daniel Herzog eine Inszenierung hinterlassen, die sich weniger an der Interpretation als mehr an der szenischen Realisierung seiner Ideen messen kann. Hans Walter Richter richtete für die Wiederaufnahme Herzogs Ideenreichtum präzise und spannend für die Bühne ein. Stefan Blunier sorgte mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester für eine eigene Interpretation mit langsamen aber auch oft schnell anziehenden Tempi, die einen neuen Hörgenuß der Wagnerschen Partitur bescherten. Selten schön und sicher habe ich einen so großen Chor gehört, dem auch alle offenen Stellen nichts ausmachten. Da hat sich zu recht Tilman Michael beim Schlußapplaus mit dem Chor gezeigt.

Die Geschichte bei Herzog spielt in einem Kinosaal; optische Ähnlichkeiten mit dem Zuschauerraum sind wahrscheinlich beabsichtigt. Eine Kinoleinwand trennt zuerst die Bühne von den Zuschauern. Erst langsam werden im Vorspiel die darstellenden Kinozuschauer sichtbar, die der sphärisch-gleißenden Musik der Gralswelt lauschen. Elsa sitzt mit Brüderchen Gottfried in der ersten Reihe. Der Staatsgast König Heinrich verfolgt den Film vom Rang. Der Heerrufer ist im grauen Arbeitsmantel als Hausmeister des Kinos leicht gehbehindert aktiv. Ortrud ist Eisverkäuferin und lockt klein Gottfried aus den Saal, während Schwester Elsa unaufmerksam sich dem besonderen Gast zuwendet. Da ist die Welt noch in Ordnung.
Auf einmal wird die Kinogeschichte für alle im Saal real; die Grenze vom Sehen und Dabeisein verwischt. Telramund ist einer von den Besuchern, ein ganz normaler Bürger, dem andere beistehen. Ortrud ohne weiße Verkaufsschürze hat sich unter die Kino-Besucher gemischt. Keiner von ihnen steht der angeklagten Elsa bei. Lohengrin ist ein Außenseiter der Anwesenden. In langen speckigen Lederhosen entledigt er sich seines Hemdes und stellt barfuß mit nackter Brust seine verhängnisvollen Bedingungen. Der Gotteskampf ist schon genial gelöst. Russisches Roulette ist angesagt und Telramund freut sich schon tierisch, als er sieht, daß Lohengrin als erster die Pistole nutzen muß. Der Gralsritter geht das cool an, während sein Gegner Nerzen zeigt. Ihm obliegt der sechste Schuß, den Telramund aber verweigert. So hat Lohengrin gewonnen - Sieg-Sieg-Sieg. Die Massen huldigen den neuen Helden, verwehren sogar Elsa, sich ihrem Mann zu nähern. Sie ist unwichtig.
Der zweite und dritte Akt beginnt so mit der Personenkonstellation, wie die Akte zuvor endeten; als ob man für den Betrachter nur den Film angehalten hat.
Da man in Frankfurt ja einen so prächtigen Chor hat, wird die Szene mit Heerrufer komplett gespielt und gesungen; das hat den Vorteil, daß die Helfer des Hausmeisters die Kinostühle für die geplante Hochzeit neu einrichten können.
Als Albtraum erscheinen Elsa beim Kirchgang viele kleine Gottfrieds. Die Herren der Gesellschaft schaffen mit ihren Sakkos eine weiche Grundlage für die Hochzeitsnacht. Doch findet dort später der tote Telramund Platz. Feige und unfähig versuchte er, Lohengrin zu erschießen. Der nimmt ihm einfach die Pistole ab und erschlägt seinen Gegenspieler.
Die Gralserzählung wurde einfach genial gelöst und realisiert. Lohengrin kniet vor Elsa und mit direkten Blickkontakt erzählt er nur ihr eindringlich, was ihr entgeht und was sie angerichtet hat. Das ist der stärkste szenische Eindruck einer an Ideen reichen Interpretation dieser Aufführung vom Schwanenritter. Die Geschichte im Kinosaal endet, wie sie begann - man guckt Kino. Gottfried wird vom Hausmeister zurückgebracht. Lohengrins Schwert und Horn sind für Elsas kleinen Bruder Kinder-Spielzeug. Ortrud und Lohengrin sind einige von vielen im Kinosaal.
Diese Geschichte wird von den Sängern musikalisch und darstellerisch aller bestens umgesetzt. Da hat die Frankfurter Oper auch Sänger der ersten Güteklasse aufzubieten. Annette Dasch ist Elsa; mit dieser Partie Bayreuth erfahren wird sie jetzt von anderen Bühnen groß angekündigt. Hier nimmt sie die Rolleninterpretation des Regisseurs für diese Wiederaufnahmen-Serie eindrucksvoll an.
Vincent Wolfsteiner ist ein heldischer Lohengrin. Scheinbar ohne Probleme gestaltet er musikalisch diese Rolle; die strichlose Fassung nach der Gralserzählung ist für ihn kein Problem. Daß er ein exzellenter Sänger-Schauspieler ist, hat man bei ihm ja schon in Nürnberg als Siegfried erleben können. Mit vollem Einsatz wirft er sich in seine Rolleninterpretation. Das allein ist ein Reise nach Frankfurt wert.
Andreas Bauer ist Heinrich der Vogler mit schönem großen Bass, der auch die kräftigen Passagen klangvoll meistert. James Rutherford ist der hinkende Heerrufer. Sein Bariton hat tiefe Grundlagen. Wie bei ihm der Wotan kommt, erweckt bei mir Zwiespalt. Ihm gelingt es aber, vor allem szenisch dieser Figur Profil zu geben.
Besonders beeindruckend gestaltet Robert Hayward den Telramund. Er besitzt eine große helle Bariton-Stimme mit Durchsetzungskraft. Sein Spiel als unsicherer Ankläger dominiert ebenso mit diesem Rollenprofil die Szene.
Ihm zu Seite ist Sabine Hogrefe, die ich vorher als Isolde und Walküre kennenlernen durfte. Es tut gut, eine Ortrud zu erleben, die nicht nur mit musikalischer Kraft diese Rolle gestalten kann. Ihr heller Sopran verfügt über eine gesunde Mittellage; sie kann so eindrucksvoll und kantabel Elsas Gegenspielerin gestalten.
Alles in allem - eine Reise nach Frankfurt in die Oper lohnt sich auf jeden Fall, vor allem, wenn man eine so grandiose Lohengrin-Aufführung erleben kann. Da verzichte ich gerne auf den Vergleich mit ähnlichem am Rhein.


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