Theatertipps: Freie Szene Essen

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DIE ZWÖLF GESCHWORENEN

14.4.2018 | Seit der Gründung im Jahr 1875 betrachten sich die Mitglieder der Essener Volksbühne als wohl älteste freie Bühne der Essener Theaterszene und gehen selbstbewußt in jede Neuproduktion. Vorwiegend aus dem Amateurbereich gewinnt das Theater seine Mitglieder, die neben Technik, Bühnenbild, Licht und Schauspielerei, alles selbst organisieren und machen. Eine feste Bleibestätte ist für Kulissenbau, Aufbewahrung und Probenphase vorhanden. Gespielt wird auf vielen Bühnen in Essen; so kann auch in den Stadtteilen jeder Theaterinteressierte angesprochen werden.
Als Spielstätte für die Premiere der neuesten Produktion wurde gleich eine mehr als optimale Theaterbühne in Essen ausgesucht. Die Bühne des Katakomben-Theaters in Essen Rüttenscheid ist auch für eine Theateraufführung ideal. Es gibt ausreichend Raum für den Zuschauer mit klarer Sicht auf die Bühne, die technisch bestens ausgestattet; Scheinwerfer und Tonanlage ist ausreichend vorhanden - was will man noch mehr für eine professionell orientiere Produktion; mit eigener Technik werden weitere Wünsche möglich.

Zur Premiere gab es von Reginald Rose 'Die zwölf Geschworenen'. Da ist jedes Theater gefordert, dieses Stück wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen. Zwölf Schauspieler stehen die ganze Zeit im Mittelpunkt, um das vielschichtig gebaute Stück über Schuld oder Unschuld verständnis- und wirkungsvoll zu vermitteln. Für diese Inszenierung zeichneten Geli Stückradt und Maike Wich verantwortlich.
Gefordert wurde das Regie-Duo, um allen anwesenden Schöffen einen speziellen Charakter zu geben, der im Laufe der Handlung sich erklärend vom bekennenden 'Ist-Schuldig-Schöffen' zum 'Nicht-Schuldig-Schöffen' wandelt. Die große Katakomben-Bühne gab den Schauspielern genügend Raum, beweglich zu agieren, wenn sie nicht alle am Tisch saßen, der im Mittelpunkt des Bühnenbildes stand. Das wurde von der Regie gut gelöst und niemand stand nur rum.
Die Geschichte spielt in einem Gerichtssaal, in dem brütend heiße Temperaturen herrschen. Ein Ventilator und ein Wasserspender gibt den Mitwirkenden die Möglichkeit zu verdeutlichen, wie diese Hitze ihren Aufenthalt dort und ihre Entscheidung beeinflußt; eine Vorlage für die Inszenierung. Nicht verständlich war, daß zu Beginn ein Schal noch lange Zeit als Kleidungsstück diente und bis zuletzt einige Schauspieler ihre Jacken nicht ausgezogen haben.

Sprachtechnisch sind natürlich alle Schauspieler gefordert. Da fällt besonders Sascha Vajnstein angenehm auf, der neben einer perfekten Sprachgestaltung auch spielerisch mit dem Thema Hitze eine schöne Charakterstudie zeigte und den Bühnenraum für sich gekonnt nutzen konnte.
Simone Barbi zeigte die Studie einer verhuschten, erst unsicheren Frau mit osteuropäischem Akzent; auch sie spielte sich -immer gut zu verstehend- mit ihrem sympathischen Spiel in die Herzen der Zuschauer. Aber auch Ulrike Kapitanek und Gisa Nachtwey konnten vor allem in ihren Monologszenen überzeugen.

Geli Stückradt und Maike Wich spielten auch zwei im Mittelpunkt stehende Rollen in diesem Gerichtsdrama. Wenn man selbst auf der Bühne steht, kann man natürlich nicht durchgehend jeden Schauspieler führen. Besonders fiel bei beiden eine überstarke Sprachgestaltung aus; da wurde doch die ganze Zeit zuviel Druck auf die Stimme ausgeübt. Da fehlt dann die Textverständlichkeit, wenn geschrien wurde - schade vor allem in der Schlußszene.

Alle dreizehn Schauspieler boten ein spannendes Drama, bei dem der 13. neben seiner Funktion als Wachmann auch mit seiner Soufflage zum Gelingen der Aufführung beitrug. Lang anhaltender Beifall mit großen Blumensträußen für das Regie-Duo honorierten die Leistung aller.


Die freie Szene versteht sich zu Recht als Plattform und Bindeglied zwischen professionell orientierten Theatermachern und Amateuren, die auch aus biographischen Gründen das Ziel eines Theaterschaffenden nicht weiter verfolgen können. Bühnenbildner, Schauspieler und Regisseure finden sich unter ihnen, die sich auch weiterentwickeln können und wollen. Was aus ihnen letztlich wird, zeigt die Zeit, ist aber oft höchst erfreulich, wenn man diese Arbeit beobachten kann.
In Essen gibt es seit Jahrzehnten eine große freie Theaterszene. Einige haben sich Dank langjährig aufgebauter Kontakte ein 'eigenes Haus' erarbeitet, das im Laufe der Zeit alt und marode wurde. Notwendiges Geld zur Substanzerhaltung fehlt; verbissen wehrt man sich mit 'Händen und Füssen' gegen Sparbeschlüsse der Kommune. Andere Bühnen haben sich erst ein technisch attraktives Haus aufgebaut, das sich nun mit den Einnahmen und so mit der künstlerischen Leistung behaupten muß; kaufmännisches Geschick und künstlerisches Können ist gefragt, nicht nur Wollen. Und - andere wieder sind in dem 'Haus', in dem sie zum Theaterspielen untergekommen sind, ein ungern gesehener Gast; räumliche und organisatorische Ansprüche der Theater belasten den örtlichen Rahmen. Die raumtechnische Umsetzung zum Theatermachen belastet alle und setzt Grenzen für die künstlerische Realisierung. Gefördert wird das alles, so gut sie es kann, von der Kommune.

ESSENER VOLKSBÜHNE

Die Essener Volksbühne hat die räumlichen Voraussetzungen anders gelöst. Gespielt wird grundsätzlich im Gastspielbetrieb. Praktikable Kulissen sorgen dafür, daß auf den bespielten Theaterbühnen eine gewünschte Dekoration aufgestellt werden kann. Daß das funktioniert, zeigen sie ihrem Publikum; ein großes Ensemble agiert. Viele fleißige Hände sind dabei. Man ist gern gesehener Gast "Oh Gott, die Familie!" von Bernd Gombold hat sich die Essener Volksbühne 2016 ausgesucht, um diese Komödie im wunderschönen Katakomben-Theater zu Essen-Rüttenscheid erstmals aufzuführen.
Die von mir besuchte Aufführung am 4.6.2016 in einem Pfarrsaal hat sich bestens eingespielt. Das siebenköpfige Ensemble spielte sich schnell frei. Die Inszenierung von Sascha Weinstein sorgte dafür, daß Tempo und Typisierung der Figuren nicht zu kurz kamen und der Zuschauer immer gern geneigt war, der volkstümlichen Handlung zu folgen. Der Regisseur übernahm auch zu Ende des Stücks eine Rolle und machte so die Aufführung zum Höhepunkt; spontaner Szenenbeifall belohnte ihn und seine Mitstreiter. Das Publikum geizte auch nicht mit dem Schlußbeifall; es ist doch schön, wenn in seinem Stadtteil unterhaltsames Theater geboten wird.

Diese Arbeit des jungen Sascha Weinstein weist eindrucksvoll auf seine Theater-Zukunft hin und zeigt, welch' positive Hilfe die Bühne einer freien Theatertruppe für einen hoffnungsvollen Theatermacher sein kann.


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