Theatertipps: Schauspiel Essen

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LEBEN DES GALILEI

9.7.2017 | Zu Ende der Spielzeit 16|17 gibt es auf der Essener Grillo-Bühne noch einen absoluten Höhepunkt zu sehen. Konstanze Lauterbach erarbeitete mit 12!!! Mitgliedern des Essener Schauspielensembles Bert Brechts Schauspiel so unterhaltsam und spannend, daß es eine Augen- und Ohrenweide ist, den Handelnden zu folgen. Es wird nicht nur eine Rolle 'heruntergespielt'; vielmehr verstehen es die Schauspieler, Typisierungen der einzelnen Rollen exzellent herzustellen.
Die Bühne von Ann Heine, die schräge Fläche wirkt wie eine offene Schale, erlaubt es den Mimen zu rutschen, zu klettern, sich nicht einfach von Ort zu Ort zu bewegen. Eine realistische Ortsbestimmung ist nur durch wenige Requisiten möglich; der fehlende optische Realismus ist gut so. Die stilisierten Kostüme von Claudia Charlotte Burchard sind ebenfalls eine Augenweide. Eingespielte Musik von Verdi, Puccini? und Eisler läßt eine Zeitbestimmung für die im 17.Jahrhunderts spielende Geschichte ebenfalls nicht zu. So wird mit Text, Spiel und Handlung ein aktueller Zeitbezug hergestellt. BB würde es freuen.

Axel Holst ist Galilei, ein herausragender Leistungsträger unter seinen hervorragenden Kollegen|innen; er stellt die Entwicklung eines jungen, agilen Wissenschaftlers her, der um seine Sache willen auch kämpft. Der scheinbar resignierende Schluß mit Alexey Ekimov als ehemaliger Schüler Andrea ist ein Höhepunkt der Aufführung.

Jan Pröhl, Thomas Büchel und Jens Winterstein fallen durch Präsenz, Spielfreude und Wandlungsfähigkeit auf und sind ein weiterer positiver Effekt der zu gestaltenden Rollen. Philipp Noack ist Galileis Schüler und der junge Mönch und ergänzt mit Stefan Migge als Virginias Verlobter das starke Ensemble.

Stephanie Schönfeld ist Virginia und versteht es, die Entwicklung von dem jungen Mädchen zur erwachsenen Frau beeindruckend darzustellen. Ines Krug als ihre Mutter Frau Sarti ist immer präsent.

Was vor allem in dieser Aufführung auffällt ist die exzellente Sprechtechnik aller Schauspieler. Selbst Rezo T. verstand es, seinen Text pointiert zu setzen. Denkt man an die unsägliche Sprachbehandlung in der Maria- Stuart-Inszenierung durch E-Technik, war man richtig verwundert, daß das Essener Ensemble noch in der Lage ist, anständig zu sprechen und dann noch sehr gut.

Die Theaterbesucher im Grillo kommen zu Hauf in die Aufführung und bedanken sich mit kräftigen, lang anhaltendem Beifall, um eine der besten Inszenierungen in der jetzigen Zeit zu erleben. Auch Brecht kann daneben gehe, in Essen aber ist es genau das Gegenteil. Diese Produktion wird in die nächste Spielzeit 17|18 übernommen und das ist gut so.


MARIA STUART

Am 25.6.2016 schien Schillers Trauerspiel um die Königin Elisabeth I. und der Königin von Schottland Maria Stuart besonders aktuell zu sein für die Premiere im Essener Schauspiel. Gott sei es gedankt, kam niemand auf die Idee Brexit und die aktuelle politische Situation auf der Insel für diese Neuinszenierung zu nutzen. Das Vorhaben des Regie-Teams, der Schillerschen Vorlage das Trauerspiel auszutreiben, reichte schon.
Regisseurin Anna Bergmann zeichnete für die Inszenierung verantwortlich. Forian Etti baute ihr auf der Drehscheibe zwei große Wände, eine mit vier Durchlässen, eins mit großem Durchblick. Nicht nur mit der Scheibe, sondern auch darauf veränderten -durch unsichtbare Hände der Technik- die beiden großen bespielbaren Flächen ihre Position und boten dem Zuschauer immer neue optische Einblicke und dem Schauspieler variable Spielmöglichkeiten. Schwarzer glänzender Lack beherrschte die Bühne, die Dank der Lichttechnik von Michael Hälker wunderbar stimmig ausgeleuchtet war. Im Hintergrund wirkte eine große kreisrunde Scheibe auf schwarzem Grund, wo später das grausame Finale auf einer Leinwand stattfand.
Heiko Schnurpel lieferte unter dem Titel Sounddesign modern wirkende Musik und eben Sound, was wohl alle dazu brachte, auch die Sprache der Protagonisten unaufdringlich leicht tontechnisch zu verstärken. Ganz selten hatte man das Gefühl, das die Schauspieler ohne Zusatzerstärkung auskamen. Alles mit dem Ziel, einen aktuellen 'modernen' Inszenierungsstil zu bieten. Das gesprochene Wort trat so in den Hintergrund.
Da fing bei mir das Problem dieser Aufführung an. Wieso konnte man sich nicht auf die Sprechtechnik der sechs Schauspieler verlassen? Die Besetzung war hochkarätig. Stephanie Schönfeld ist Elisabeth und dominierte durch ihr Spiel und Dank der Rolle das Geschehen. Janina Sachau als Titelfigur war ihr ebenbürtig, aber war trotz häufiger Bühnenpräsenz nur zweite.
Umgeben waren beide von einem starken Männerensemble mit Axel Holst, Thomas Meczele, Philipp Noack und Jens Winterstein. Alle hatten ihren großen Anteil an der Aufführung. Die Personenführung war immer stimmig und erklärend für Auge und Ohr auch Dank des flexiblen Bühnenortes.
Je länger der zweistündige Abend ohne Pause dauerte, umso mehr fehlte mir die Präsenz der Sprache; sie stand nicht im Mittelpunkt dieser Aufführung, sie erklärte kaum und trieb die Handlung nicht nach vorn; da fehlte einfach die Spannung. Das lag nicht an den Fähigkeiten der Schauspieler. Bühnenwirksame Bildveränderungen und leider die sprachtechnische Behandlung durch den Ton lenkten von der Macht des Wortes und der Geschichte unnötig ab und nahmen viel von der Vorlage von Friedrich Schiller.
Unangenehmer Höhepunkt war die Ermordung der Maria Stuart, die in dieser Essener Aufführung eigentlich als 'nicht jugendfrei' eingestuft werden sollte. Ein Film auf der hinteren Leinwand vermittelte den Eindruck einer grausamen Folter mit Todesfolge. Da mochte selbst ich nicht hinschauen.
Kräftiger, aber nicht tosender Beifall honorierte die Leistung aller.


DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

Brechts Parabel über die Schizophrenie des Menschen im 'kapitalistischen Alltag' wurde in der Neuinszenierung des Essener Schauspiels auf die heutige Zeit überprüft. Und siehe da - die Inszenierung von Moritz Peters machte auf erschreckende Weise das 'Heute' deutlich. Die Textwächter des Suhrkamp-Verlages haben mit Sicherheit die Aufführung 'abgenommen' - doch gelang es dem Regisseur in dem Bühnenbild von Lisa Maria Rohde, zeitliche Akzente zu setzen, ohne am Text zu korrigieren.
Shen Te -wunderbar eindrucksvoll Stephanie Schönfeld- wohnt in einem engen Container. Auf der Bühne regnet es 'in echt' nahezu pausenlos und macht so das trostlose Leben der Gesellschaft eindrucksvoll deutlich, den Job des Wasserträgers sinnlos. Die Mitbürger, die die Gutherzigkeit der Shen Te ausnutzen und ihr Haus aus Not "besetzen", geben gleich einen Bezug zur Gegenwart. Philipp Noack ist der Flieger, der ihr Wechselspiel zwischen dem skrupellosen Vetter und der gutmütigen Prostituierten auf sehr persönlicher Ebene erleiden muß.
Vor allem sind alle Schauspieler in den verschiedenen Rollen sehr präsent. Sven Seeburg als Wasserträger kann beeindruckend aufspielen. Die drei Götter sind Ines Krug, Thomas Meczele und Thomas Anzenhofer, die auf der Videoleinwand im Hintergrund projiziert werden; Floriane Kleinpaß ergänzt eindrucksvoll das Team. Eine großartige -auch sprachliche- Leistung des Essener Schauspielensembles, vor allem wenn man bedenkt, daß der Dauerregen für sie eine physische Belastung ist. Man konnte Mitleid mit ihnen bekommen und der Zuschauer war froh, wenn er sich etwas Warmes angezogen hatte; denn die Feuchtigkeit schlich sich von der Bühne in den Zuschauerraum ein.
Die Zuschauer honorierten in der Premiere am 29.4.2016 die Leistung aller mit kräftigem Beifall: eine sehenswerte Leistung im Schauspielhaus Essen. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.


FRANKENSTEIN

Zur Spielzeiteröffnung 2015/16 gab es im Grillo-Theater als Deutschsprachige Erstaufführung "Frankenstein" von Nick Dear. Die Inszenierung von Gustav Rueb erzählt die Geschichte von Frankenstein und seinem Geschöpf in atemberaubenden Bildern. Die Bühne von Daniel Roskamp zeigte auf der Drehscheibe eine große Wand mit großen rechteckigen Kästen und deren Rückseite. Daraus fällt das erste produzierte Wesen. Viel Atmosphäre wurde mit Licht und Nebel erzeugt. Warum aber tatsächlich weitere nackte Figuren dort bewegungslos liegen durften, wurde auch nach dem Ende der sehr sehenswerten Aufführung nicht klar. Diese Besetzung war wohl eher in der Vorbereitung für die Presse eine PR-Idee, als inszenatorisch notwendig; das hätten durchaus Produkte des Malersaals mit seiner Kaschierabteilung sein können.
Nicht nackt aber nahezu war das von Frankenstein produzierte Wesen. Für Axel Holst ist das eine Paraderolle, die er sprachlich und körperlich in atemberaubender Weise umsetzt. Thomas Meczele ist sein Schöpfer, der vor allem im zweiten Teil seinen großen Anteil an der Aufführung gestalten konnte. Sein Koflikt, er will sein Lieblingsprojekt wieder loswerden.
Das Wesen entflieht und wird von dem Blinden de Lacy aufgezogen. Jetzt kann das Wesen seine Wünsche artikulieren, merkt aber schnell, daß es von der Umwelt nur durch sein Aussehen nicht akzeptiert wird. Es wird zum Mörder. Jens Winterstein ist auch durch seine Sprachkultur ein grandioser de Lacy. Als Frankensteins Vater ist er dann weiter auf der Szene.

Lebens-Partnerin für Frankenstein soll Elizabeth werden, die die zuverlässige Siliva Weiskopf eindrucksvoll darstellt. Wieder zurück, fordert das Wesen von Frankenstein für sich eine Partnerin. So wird im fernen England von Frankenstein diese Partnerin hergestellt. Für einen kurzen Auftritt darf auch Silvia Weiskopf dieses Wesen darstellen, ehe der verzweifelte Frankenstein es wieder zerstört, hat es doch so viel Ähnlichkeit mit seiner Frau.

Der große Konflikt zwischen Schöpfer und Wesen scheint beide zu zerbrechen. Sie wollen sich zerstören, können aber nicht existieren ohne den anderen. Der Schluß bleibt in dieser eindrucksvollen Aufführung offen.
Der Schlußbeifall in der von mir am 6.11.15 besuchten Aufführung war riesig; viele junge Theaterbesucher freuten sich zurecht über den eindrucksvollen Abend. Eine Inszenierung, die eine Bereichung in dem manchmal sehr zeitaktuellen Spielplan darstellt.


KUNST

Die Autorin Yasmina Reza hat sich mit diesem Stück sofort in die erste Liga vielgespielter Dramatiker geschrieben. Schon kurz nach dem Erscheinen ihres "Kunstwerkes" stand es auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters. Damals vom Hausherrn Jürgen Bosse erfolgreich, routiniert und abgeklärt auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht, mußte sich der damalige Hausherr Bosse zur jetzigen Grillo-Premiere bemühen, im ausverkauften Haus einen Platz auf dem Rang zu ergattern.
Nach zwei Essener Regiearbeiten im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters, bewies sich nun Anne Spaeter erneut als Regisseurin und ließ das Stück im flotten Tempo ablaufen; vielleicht manchmal etwas zu flott, gab es doch häufig Situationen, bei denen Ruhe für die Erkenntnis der tieferen Bedeutung dieses "Freundschaftsstückes" hilfreich wäre. So, wenn Yvan über seine Ruhe philosophiert, die er scheinbar verloren hat. So ließen  auch die Tempi etwas an der Textverständlichkeit der drei Protagonisten nagen. Für das 'kleine' Stück um das weiße Bild gab es auf der Vorderbühne ein abstraktes Bühnenbild von Fabian Lüdecke; Dank einer Scheibe drehten sich die weißen Qudader und Gerüste und ermöglichten schnell neue Spielorte, die vielleicht für dieses Stück gar nicht notwendig waren. Erst als zuletzt nur die Ansicht mit großem 'Tisch' bespielt wurde, kehrte auch für's Auge des Zuschauers Ruhe ein. Vor allem zu Beginn zeigte die Regisseurin neben den Ortswechseln einen inszenatorischen Gag nach dem nächsten, um dem Publikum zu zeigen, das ist hier eine Komödie.

Das hätte sie vielleicht gar nicht gebraucht, hätte sie sich auf die drei fabelhaften Schauspieler verlassen und ihnen Gelegenheit zum ausspielen des Wortes gegeben. Thomas Büchel ist Serge, der Kunstfreund - oder ist er Banause, der mit seinem Bildkauf -weiß auf weiß- seine Freunde in Bedrängnis bringt, sollen sie sich doch dazu äußern. Jan Pöhl als Marc bringt das mit seiner direkten Art gleich auf den Punkt, das ist Scheiße. So wird die 15-jährige Freundschaft schnell auf die Probe gestellt. Der dritte im Bunde Yvan soll zwar vermitteln, hat aber mit seiner bevorstehenden Hochzeit genug andere Probleme; vielleicht wirkt Gregor Henze mit dieser Rolle doch etwas zu jung, sollten sich doch alle drei Freunde in einer 'Midlifecrisis' befinden und auf eine schon lange Bekanntschaft mit deren Höhen und Tiefen zurückblicken.
Dem Publikum gefiel's, es lachte viel und geizte nicht zu unrecht mit lang anhaltendem Beifall. Etwas opulent viel der erste 'schwarze Vorhang' aus, zeigten sich zu den drei Darstellern gleich fünf vom Leitungsteam.


ICH HABE NICHTS ZU VERBERGEN -MEIN LEBEN MIT BIG DATA
(Ein Projekt von Hermann Schmidt-Rahmer)

Und am 3.10.2015 gab's im Essener Schauspiel wieder eine Uraufführung, diesmal im Grillo-Theater. Bereits für die vorige Spielzeit vorgesehen, ist das Thema immer noch höchst aktuell. Die technologische Welt beeinflußt und überwacht unser Leben, suggeriert uns, daß wir das brauchen, daß es gut ist, daß es uns Spaß macht...
In einer sehr einfach gehaltenen -amerikanischen- Familie wächst bereits als Monster-Baby Big Data (Jan Pröhl) auf und beherrscht dort das Leben. Der vollbeleibte Vater (Daniel Christensen) und seine leicht schlampigen Ehefrau (Ines Krug) bekommen ihre Tochter (Lisa Henrici), der bereits ihre Hosen zu eng werden, nicht mehr in den Griff. Sie hängt nur noch am Smart-Phone und ist von ihm abhänging. Raphaela Möst ist der personifizierte Einfluß dieser technischen Errungenschaft auf das junge Mädchen und zeigt, welche Vorteile die Nutzung mit ihr hat; sie wird zu ihrer wahre Freundin und gewinnt so Einfluß auf die gesamte Persönlichkeit.

Big Data entwächst schnell dem Elternhaus und macht in der Überwachungswelt seinen Weg. Der Vater kämpft zu spät dagegen an.

In einer Interaktion mit dem Theaterpublikum wird anschaulich verdeutlicht, wie die Video-Technik nach dem Scannen eines Theaterbesuchers dessen Verhalten analysiert, um so Rückschlüsse auf Aktivitäten und finanzielle Aspekte zu bekommen.
Die Grenzen von wissenschaftlicher und futuristischer Dokumentation sind auf der Bühne fließend und ermöglichen eine meist kurzweilige Szenenfolge, die eins auf jeden Fall dem auch teilweise sehr jungen Zuschauern zeigt: habt Acht.

Die Schauspieler sind engagiert bei der Sache und machen die Uraufführung zu einem aktuellen Ereignis.


DAS BESTE ALLER MÖGLICHEN LEBEN

Noah Haidle

Einen besseren Start konnte sich das Schauspiel Essen in die neue Spielzeit gar nicht wünschen. In der Casa gab es am 2.10.15 eine Uraufführung. Regie führte Thomas Krupa, der auch sein wunderbar ausgeleuchtetes Bühnenbild entwarf, was dezent künstlich wirkte - ebenso Kostüme und Maske von Johanna Denzel. Leicht glänzende Lackfolie auf den Flächen mit einer zu kleinen Tür für die Auftritte, in Brauntönen ausgeleuchtet. Der so aufgebaute Guckkasten in der Raumbühne der Casa wirkte leicht verloren; die Decke senkte sich, je älter das Kleinkind wurde. Es wird so für die Eltern zur Enge, zur Bedrohung, ehe die Decke das Ende für das erwachsene Kind wird. Es gibt keine unnötigen Requisiten und dergleichen; ein sehr stimmiger Raum, der nicht von der Leistung der drei Protagonisten ablenkte.
Und die drei Schauspieler geben ihr Bestes, von dem sie viel haben. Das Kind ist Stefan Diekmann, welches seine neuen Eltern noch im Korb vorfinden. In kürzester Zeit wächst der Junge, was eindrucksvoll von ihm gestaltet wird, ergänzt durch das Senken der Decke und Tonfrequenzen. Ein ganzes Leben wird vorgeführt. Der Junge fragt, lernt das Leben, ist in der Pubertät, stellt Wünsche und Ansprüche, spielt früh Klavier und vergewaltigt Mutter und Vater. Der Junge wird so akzeptiert, lebt sein Leben und verrät vor seinem Tod seinen Eltern, daß sie endlich ein Kind erwarten, aber nicht von ihm.

Die Eltern werden durch ihr Kind in ihren Stärken vor allem aber Schwachen vorgeführt und sie lernen von ihrem Findelkind, dem sie den Namen Christoph geben. Stephanie Schönfeld ist die junge Mutter und beweist mit ihrer Darstellung das hohe Niveau des Essener Schauspiels.
Eine mehr als angenehme Überraschung auf der Bühne ist Marcus Staab als schnöseliger Vater. Wie er seine Rolle mit großem körperlichen Einsatz gestaltet ist höchsten Lobes wert. Schön wäre es, ihn in weiteren Rollen in Essen zu erleben.

Das Publikum war nach 100 Minuten begeistert und sparte zu Recht nicht mit Applaus, nahm man doch an der Geburt eines wirklich guten Werkes teil. Dieses Stück wird nach seiner Essener Uraufführung seinen Weg über die Theater-Bühnen machen.


MY FAIR LADY

Das ist schon eine hochinteressante und ansehenswerte Neuinszenierung im Essener Grillo-Theater, die am 5.12.2015 sehr erfolgreiche Premiere feierte. Besonders bekannt aus dem Kino gab es 'My Fair Lady' in der Schauspiel-Fassung und Regie von Robert Gerloff; Carola Hannusch war für die Dramaturgie verantwortlich.
Schon der Einstieg mit dem stimmungsvollen Bühnenbild von Maximilian Lindner von Londons Covent Garden war großartig; da brauchte man keinen Regen, vor denen die Schauspieler an der Wand Schutz suchten. Videoeinspielungen von Heta Multanen auf Werbeflächen ergänzten die Optik des Bühnenraums und erklärten immer wieder auch in anderen Szenen ergänzend die Situation. Dank der Drehbühne gab es schnelle Ortswechsel; auch für das Haus Higgins gab es eine Videoleinwand. Die Feuerstelle für die Frierenden auf der Straße war ein Requisit aus der Vergangenheit des alten Essener Opernhauses, der letzten Inszenierung dieses Musicals auf der damaligen Opernbühne von anno dazumal.
Perfekt unterstützt wurde die Inszenierung Robert Gerloffs durch die gestalteten choreographischen Einlagen von Stephan Brauer. Das war schon beachtlich, wie die elf Schauspieler | Sänger und fünf Orchestermitglieder sich seinen phantasievollen Ideen annahmen und diese umsetzten. Es gab immer was zu sehen; Tanz, Bewegung auf der Bühne oder auf der Videoleinwand; nichts wirkte aufgesetzt. Das ist eine mehr als lobenswerte Leistung.
Und dann haben ja noch die Schauspieler gespielt was das Zeug hält. Denn der Vorteil der Essener Neuinszenierung ist, daß man die Shaw | Gilbert | Pasacal-Vorlage ernst nahm und deutlich interpretierte. Anne Schirmacher ist Eliza Doolittle. Zuerst ist sie ein pralles Straßenkind, dem sie nicht zu sehr aufgesetzten Dialekt gibt; besonders als Dame glänzt sie mit dem gewonnen Selbstbewußtsein der ehemaligen Blumenverkäuferin.
Ihr zur Seite konnte Jan Pröhl wunderbar kauzig den Sprachforscher Henry Higgins entwickeln. Ihm gehört der Stückschluß, da er der Verlierer der Geschichte ist. Eliza Doolitte verläßt ihn und macht mit Freddy eine eigene Sprachschule auf, nicht ohne vorher Higgins ihre Meinung über sein selbstsüchtiges Verhalten zu sagen. Das ist eine der großen Facetten dieser Aufführung im Schauspiel, da man Zeit und Raum für den erklärenden Schluß gibt.
Thomas Büchel ist ein schlanker Vater Doolittle, der -wie die anderen notleidenden Slumbewohner auch- nicht wie ein Penner rum rennt. Dann hat der Regisseur Mut und läßt den zu Geld gekommenen auf offener Bühne an seiner Trinksucht sterben; die sogenannten Freunde kennen keine Trauer und plündern den Toten aus.
Auch die anderen Rollen sind effektiv besetzt. Die meisten spielen verschiedene Rollen, wie Stephan Brauer und Laura Kiehne als Straßenkinder oder Dienstboten im Hause Higgins. Sven Seeburg versteht es als Oberst Pickering, der Rolle Profil zu geben; auch er lässt zu Ende Higgins vorwurfsvoll allein. Ingrid Dohmann ist eine pointiert klare Mutter Higgins, die Eliza unterstützt.
Musikalisch lag alles in den bewährten Piano-Händen von Hajo Wiesemann, der mit seinen Musikanten -Streicher, Gitarre, Klarinette- den musikalischen Teppich gab. Da spielte es auch keine Rolle, ob die singenden Schauspieler immer den richtigen Ton trafen. Da sang auch schon mal das Orchester mit.

Zu wünschen bleibt dieser Musical-Produktion mit Schauspielern, daß das Publikum diese Qualität der Aufführung 'mit den Füßen' unterstützt und "My Fair Lady" von Frederick Loewe die nächste Spielzeit weiterhin auf dem Spielplan steht. Das ist nicht nur dem Kassenwart des Hauses, sondern vor allem allen toll auftrumpfenden Mitwirkenden zu wünschen.


CASPAR HAUSER

Da mußte ich nach der Essener Premiere am 4.12.2015 in der Casa-Nova doch in meinen Erinnerungen kramen: In seiner Kritik schrieb damals Hans Jansen am 8.3.72 über die Essener Premiere, wie sie "mit Ovationen gefeiert wurde". Im Essener ehrwürdigen Opernhaus gab es damals Andreas Gerstenbergs Inszenierung von Peter Handkes "Kaspar". Vergleichbares sah der Rezensent hierzulande noch nicht.

Gleich vier Kaspar-Darsteller standen auf der Grillo-Bühne; es wurde vor dem Eisernen gespielt. Die beiden Fernsehapparate stellte die Firma Jasper freundlicher Weise zur Verfügung. Die Gebührenkarte für Mitglieder des Hauses kostete damals 0,80 DM. Das waren Zeiten. Diese Aufführung löste nicht nur Riesen-Beifall, sondern auch böse Ablehnung der Abonnementen aus, so daß der Kaspar nur 'im freien Verkauf', vor allem vormittags 'lief'. Das jugendliche und theaterinteressierte Publikum kam und sah dieses Schauspiel-Spektakel.

Dieses Schicksal wird die Inszenierung nach der Konzeption von polasek&grau in der Casa erspart bleiben. Jana Milena Polasek führte Regie, den Bühnenraum entwarf Stefanie Grau; Vorlage für beide war der Roman von Jakob Wassermann. Im dunkelgrauem Raum der Casabühne, es wurde außer einem runden Wasserbecken kaum etwas hinzugebaut, was wieder den Ausstattungsetat entlastete, spielte sich das Geschehen um das "Findelkind" Caspar Hauser ab.
Silvia Weiskopf spielte den 16-jährigen Jungen zum erwachsen werdenden Mann Caspar mit einer beachtlichen Intensität. Mitglieder der Gesellschaft sind Ines Krug, Stefan Diekmann und Jens Winterstein, weitere 'starke Säulen des Essener Ensembles'. Das "Findelkind" lernt sprechen, wird bestens erzogen und von einer Familie zur anderen aus Interesse an den vermuteten Hintergründen gereicht. Die persönlichen Interessen Caspars nach seiner Herkunft interessieren da nicht; man ist gierig nach seinem Tagebuch, welches die Geheimnisse von Caspar Hauser preisgeben könnte. Es bleibt nicht aus, Caspar wird ermordet.
Die Regie erzählt diese Geschichte gradlinig. Die vier Schauspieler spielen das wirklich prima. Es gab freundlichen Beifall; doch geht man mit einem "warum" nach Hause.


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