Theatertipps: Theater Bremen

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DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN

17.10.2021 | Für die Regisseurin Tatjana Gürbaca ist die Geschichte von der Füchsin Schlaukopf keine Fabel im herkömmlichen Sinn, sondern eine Gegenüberstellung von Mensch und Tier, bei denen das Handeln gleichermaßen empfunden wird. Mit ihrem Ausstattungsteam entwickelt sie einen nahezu neutralen weißen Raum auf schwarzem Hintergrund; es gibt keine Tierkostüme. Wir sehen eine Geschichte über den Kreislauf von Geburt, Leben und Vergehen. Das Gleichgewicht in der Natur wird gestört, als der Mensch ein Mitglied der Tierwelt gefangen nimmt. Langsam erholen sich die Geschöpfe der Natur; Füchsin Schlaukopf kann sich zwar vom Förster befreien, wird aber später im Kreise ihrer Kinder erschossen.

Der Bühnenbildner Henrik Ahr entwarf eine runde und gekippte Scheibe für die Drehbühne. Unter der Sitzbank auf der kreisrunden Fläche konnte man sich auch prima verstecken. Drehte sich die Scheibe, sah man unter ihrem höchsten Stand den Dachsbau mit bürgerlichem Mobiliar.
Wald, Forsthaus, Wirtshaus und Gaststätte befinden sich auf oder vor der Scheibe, ohne jegliche Andeutungen.

Die Kostüme von Silke Willrett unterstützen diese Linie. Es ist normale Kleidung; bei der Füchsin ist es fuchsrot, falls es diese Farbe gibt. Sonst erinnert nichts an das darzustellende Tier; grelle Farben werden z.B. bei einer Blaskapelle eingesetzt. Die bürgerlichen Figuren tragen Kleidung entsprechend ihres Berufes; der Förster hat kariertes Hemd und Hose nebst Hosenträgern.

Das Stück beginnt und endet mit dem Förster, der im Wald schläft und träumt und mit einer Libelle (Nora Ronge), die sich an einem hängenden Seil rankt, das wie ein Teil der Natur wirkt. Die Personenregie der Regisseurin ist sehr genau, gefühlsvoll und ist in Bewegung; die gekippte Scheibe lädt geradezu zum Rutschen ein. Da aber, bis auf den Dachsbau, jegliche Ortsangaben fehlen, fragte sich der Betrachter manchmal, wo was passiert. Der persönliche Umgang miteinander steht immer im Vordergrund des Geschehens.

Gesungen und gespielt wurde auf hohem Niveau. Marysol Schalit als Schlaukopf gestaltet in Stimme und Spiel eine optimale Füchsin; da blieb kein Wunsch an der Gestaltung offen. Christoph Heinrich ist ein jugendlicher, stattlicher Förster; der Glanz in der Höhe seiner großen Stimme fehlte etwas.

Szenischer und musikalischer Höhepunkt ist die Begegnung zwischen Füchsin Schlaukopf und Fuchs Goldrücken, den eindrucksvoll Nadine Lehner mit großer, sicherer Stimme und leidenschaftlichem Spiel gestaltet.

Mehr durch Zufall erschießt der Landstreicher und Wilderer Harasta, sehr präsent mit großer Stimme Stephen Clark, das Füchslein Schlaukopf.

Mensch und Tier treffen sich mit ihren Sehnsüchten in der Natur. Janacek studierte in der Vorbereitung Naturklänge, um dem Seelenleben von Flora und Fauna näher zu kommen. In einer kammermusikalischen Fassung gelingt es Marko Letonja, harmonische Spannung und rhythmischen Klang mit den Bremer Philharmonikern zur Geltung zu bringen. Das große Solisten-Ensemble und der Kinderchor folgten der sicheren musikalischen Leitung; gesungen wurde in der Originalsprache.

Das Publikum bedankte sich zu Recht bei allen Beteiligten für diese großartige Produktion.


DON GIOVANNI

26.12.2019 |Selten erlebe ich Mozarts Oper so genial schlüssig erzählt mit Sängern, die musikalisch und szenisch die Intentionen der Regie umsetzen können. In der Inszenierung von Tatjana Gürbaca, im Bühnenbild von Klaus Grünberg, in den Kostümen von Silke Willrett und unter der musikalischen Leitung von Hartmut Keil gelang solch eine bravouröse Leistung in Bremen.

Die Bühne zeigt einen offenen Raum mit einer kargen Landschaft; auf dem Boden liegen verbrannte Kohlköpfe, die auch schon mal als Totenkopf herhalten dürfen. Der helle Hintergrund symbolisiert das Leben, um das sich alles dreht. Eine Grube vorn symbolisiert den Tod, in dem der Kontur verschwindet, aber auch zwischendurch wieder auftaucht und Giovanni dort vorab Kontakt aufnimmt. Zum Todesfinale für Giovanni fällt der helle Lebenshintergrund und der Tod bringende Komtur erscheint im blendenden Scheinwerferlicht.

Birger Radde als Don Giovanni ist optisch und musikalisch eine ideale Titelfigur. Seine große schlanke Gestalt wirkt auf alle seiner Umgebung attraktiv, sei es in grellen Strumpfhosen mit Stöckelschuhen, langem Mantel oder nur im weißen, offenen Hemd in Unterhosen. Nackte Haut wirkt auch bei Männern stimulierend; so verführt er nicht nur mit seiner runden wunderschönen Stimme, die er in allen Lagen wohl tönend einsetzten kann über den Bühnengraben hinaus. Die Damen Elvira, Anna oder Zerlina fühlen sich angesprochen. Sein ständiger Begleiter Leporello tut es ihm, seinem Vobild, mit nackten Beinen in Unterhose gleich. Christoph Heinrich mit leichtem Bass gelingt es, die emotionale Abhängigkeit zu Don Giovanni auch im genauen Spiel zu zeigen.

Doch bei Giovanni sieht man am Ende seines Lebenswandels eine grausame Realität, die er hinweisend auf den Tod bereits mit seinem körperlichen Zerfall bezahlt. Durch Drogen, Sex und Crime offenbaren sich an seinem vorher so ansehnlichen Körper blutende Wunden, die alles andere als attraktiv wirken. Man erschrickt, sollte man diesem Verführer verfallen sein.

Doch in der Schlußszene gehen die Beteiligten schnell wieder zur Tagesordnung über, räumen Giovannis Sachen weg und wenden sich ihrem zukünftigen Leben zu.

Die Bremer Philharmoniker folgen den meist schnellen Tempovorgaben des Dirigenten klangvoll, ohne die Sänger zu übertönen. Die Rezitative begleitet ebenfalls Hartmut Keil und schafft so zusätzlich Spannung für das Geschehen auf der Bühne.

Neben den ausgezeichneten Sängern des Giovanni und Leporello fällt Mima Millo als Donna Anna mit ihrem strahlenden, leichten Sopran auf. Hyojong Kim als Ottavio bot mit seinem schönen, sicheren Tenor eine erstklassige Leistung. Aber auch KaEun Kim als Zerlina konnte mit ihrem leichten Sopran überzeugen. Stephen Clark ist ihr Masetto und gibt stimmlich und darstellerisch dieser Rolle Profil.

Patricia Andress als Emilia zeigt sich hochschwanger in einem unglücklichen Kostüm; zum Finale war der Nachwuchs da. Ihrem wohlklingenden Sopran fehlte für diese Rolle ein wenig die Mittellage.

Das Publikum zeigte sich begeistert. Bremen ist eine Reise wert.



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