Theatertipps: Staatstheater Kassel

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DIE WALKÜRE

31.3.2019 |Die Oper in Kassel arbeitet weiter an seiner zyklischen Aufführung von Wagners Ring. Nach einem überraschenden 'Rheingold' gab es nun eine sehr sehens-, hörenswerte und herausragende 'Walküre'.
Markus Dietz entwickelt in dem jetzt von Mayke Hegger entworfenen Bühnenbild eine klare, spannende Geschichte, die vor allem durch die genaue Personenführung auffiel. Er entwickelte die von Wagner vorgegebenen Szenenangaben weiter zu weiteren neuen Handlungen und Bildern, die einen Spannungsbogen aufbauen und so den Blick immer auf das Geschehen lenken.

Das weiße Bühnenbild ist klar und das Konzept mit den Neonröhren wird nicht überladen weiter verfolgt. Hundings Hütte wird auf der Vorbühne durch moderne, elegante Wandvitrinen und einem langen Tisch mit einem Stuhl für den Hausherrn und durch die mit den Neon-Licht perspektivisch angedeuteten Wänden gezeigt. Das hat Tiefe, in der man Hundings Mannen nebst Schäferhunden wirken sieht; dort dürfen alle Sieglindes Schlaftrunk genießen. Am Ende von Akt 1 wird die Lunte dort angelegt und das Haus wird zerstört, was man ab Akt 2 nur noch schwarz-verkohlt wahrnimmt.
Es dominiert im Hintergrund das aus Lichtröhren bestehende große 'W' wie Wagner, Walküre, Wälsungen usw., das nach vorn gefahren werden kann. Durch den unterschiedlichen Einsatz einzelner Lichtelemente dieses 'W' ergeben sich verblüffend eindrucksvolle Formen, bei denen man dieses 'W' nur erahnen kann.
Video-Sequenzen aus der Rheingold-Aufführung erläutern Wotans-Erzählung in Akt 2. Diese wurde so 'geschnitten', daß ein Verfremdungseffekt eine zu genaue Wiedergabe vermied; es machte auch nichts, wenn man den anderen Wotan-Darsteller erkannte.

Der weiter Einsatz der Hubpodien reicht, um ansehnliche und wirkungsvolle Spielstätten zu gestalten. Ein Steg um den Orchestergraben ermöglicht weitere Entfaltung für die Sänger.

Es schien mir, als ob sich dieser Steg für den Orchesterklang positiv auswirkte. Das perfekt disponierte Staatsorchester Kassel spielte unter der Leitung von Francesco Angelico klar und durchsichtig und entwickelte im Saal mit seinen meist schnellen Tempi einen großen Wagnerklang. Brünnhilde durfte ihre Todesverkündung vom Rang beginnen, um nach einem Spurt hinter den Kulissen, diese auf der Bühne zu beenden. Der Raumklang war enorm; die Sängerstimmen waren präsent. Sieglinde durfte dieses Gespräch bewußt -sie war also nicht ohnmächtig- mit anhören, was dieser Szene eine weitere Spannung verlieh.

Es war grundsätzlich eine Freude, die Sänger zu sehen und zu hören. Nadja Stefanoff und Martin Iliev waren das Zwillingspaar und überzeugten auch mit ihren Stimmen. Nadja Stefanoff konnte mit ihrem warmen Sopran als Sieglinde auch in den dramatsichen Situationen glänzen; da verzieh man ihr, daß in der Erzählung des ersten Aktes die tiefen Stellen schwach erreicht wurden.
Martin Iliev konnte mit einem großen baritonal grundierten Tenor aufwarten. Seine Höhen klangen strahlend hell und auch seine Wälserufe hatten Kraft; dazu kam seine schlanke Gestalt. Das alles machte ihn zu einem idealen Siegmund. Da hoffe ich sehr, ihn in anderen Rollen erleben zu können.

Eine großartige Brünnhilde bot Nancy Weißbach. Sie verfügt über eine wohlklingende Mittellage, die keine Probleme in den Tiefen hat und auch mit einem strahlenden Sopran in den dramatischen Stellen glänzen kann. Auch spielerisch setzt sie ihre Rolle gefühlvoll um; ihre schlanke Gestalt hilft ihr dabei, für das Publikum eine wunderbare Figur der Wotans-Tochter zu entwickeln.

Mit Egils Silins hat sie einen Göttervater, der mit ihr in den großen gemeinsamen Szenen weitere Höhepunkte der Aufführung bietet. Da tat die Theaterleitung gut dran, den inzwischen zu Bayreuth-Ehren gekommenen Heldenbariton zu verpflichten, den ich schon oft als Wotan erleben durfte. Seine Stimme verströmt vor allem in der Höhe Glanz und Würde. Er teilt seine Kraft gut ein und garantiert so ein phänomenales Ende mit dem Feuerzauber.

Eine weitere große Überraschung des Abends bot der Hunding von Yorck Felix Speer. Selten habe ich eine so große klare Bass-Stimme in allen Lagen gehört, die ohne die sonst gern eingesetzten Manierismen auskommt. Da freut man sich schon jetzt auf seinen Hagen.

Ulrike Schneider als Fricka darf auf einer Harley-Davidson mitfahren, um das Streitgespräch mit ihrem Ehemann zu führen. Ihre schöne klare Mezzo-Stimme setzt sie ohne zu forcieren ein und ist auch spielerisch beeindruckend präsent. Als Schwertleite darf sie später weiterhin glänzen, um mit ihren Schwestern eine Sekt-Party mit launiger Spiellust auf dem Walkürenfelsen mit den Helden zu feiern.
Homogen erklingen die Stimmen der acht Walküren. Besonders Doris Neidig als Helmwige fällt mit ihrem strahlenden, dramatischen Sopran auf und Marta Herman als Grimgerde mit großer, präsenter Altstimme. Mit launiger Spiellust feiern alle die toten Helden, die nun als Kämpfer nach Walhall einziehen dürfen.

Das Publikum zeigte sich zu Recht begeistert und ist schon gespannt auf die Fortsetzung des Kasseler Rings.


DAS RHEINGOLD

7.10.2018 | Da fahrt man viel in der Welt herum, freut sich auf ein 'neues Haus' um dann feststellen zu müssen, bei einem Staatstheater doch in der entlegenen Provinz zu landen, zumindest zu Anfang des Besuchs. Es fängt schon an mit der arroganten Information einer Mitarbeiterin aus dem Vorderhaus, daß man seit 20 Jahren keine Besetzungszettel ohne Programmheft ausgebe. Aber nach etwa 50 Jahren Theaterbesuchen hat der Theaterbesucher einfach keinen Platz für noch ein Heft, in dem die Dramaturgie keine neuen Erkenntnisse aus ihrer Forschung zu Werk und Autor bieten kann. Interpretationen zur Inszenierung will ich auf der Bühne erfahren und nicht nachlesen müssen. Verkaufszahlen sind sicherlich für das Haus von Interesse. Wenn man solch ein Werk musikalisch leiten möchte, bereitet man sich langsam den ganzen Tag darauf vor und ist mehr als rechtzeitig vor Ort; man fährt daher auch nicht zu weit weg vom Aufführungsort. Besonders für den musikalischen Leiter des Hauses, der auch eine Vorbildfunktion hat, ist es nicht nachvollziehbar, wenn er wg. des Autos zu spät zur Arbeit kommt und so den Vorstellungsbeginn verzögert.

Man hatte fast das Gefühl, daß vor allem einige Bläser des Staatsorchesters Kassel sich für das Warten gerächt haben; sie brauchten doch einige Zeit, um ohne hörbare Fehler die Partitur zu spielen. Francesco Angelico sorgte mit seiner Verspätung und seinem Dirigat für einen langen Wagner-Abend. Selten, daß man für Wagners Ring-Vorabend deutlich mehr als 2 Stunden 30 Minuten Musik gestaltet. Es wirkte aber keineswegs spannungsarm und man hörte oft einiges 'Neues'. Er gestaltete einen klaren Klangkosmos, ohne die präsenten Sänger zu übertönen.

Kassel erinnert an seine lange Tradition als Aufführungs-Theater für Wagners Ring-Trilogie. Für die jetzige 5. Produktion wurden neben den 8 Hausmitgliedern 6 Gäste eingesetzt.
Ulrike Schneider als Fricka und Marta Herman als Floßhilde fielen durch eine große ausgeglichene Stimme klangschön auf; auch Edna Prochnik als Erda gefiel durch ihren klangschönen Mezzo-Sopran.
Bei den Herren konnten vor allem die hellen Stimmen punkten. Lothar Odinius als Loge und Arnold Bezuyen als Mime (den ich schon mal in Essen als Loge gehört habe) waren mit klangschöner Stimme und Spiel mehr als herausragend; die Textverständlichkeit ist bei beiden zu loben.
Bereits beim ersten Auftritt fiel der hauseigene Tenor Tobias Hächler als Froh angenehm auf. Sowohl in Statur und Spiel, aber auch mit sicherer, großer, klarer Stimme war der ehemalige Bariton in der Götterriege ein Glanzpunkt; da freute man sich, ihn in der kleinen Partie zu erleben. Ebenso sein Götter-Bruder; Hansung Yoo ist ein Donner mit schöner, heller Baritonstimme, der auch die Kraft dazu mitbringt, um im Finale glänzen zu können.

Rúni Brattaberg hatte ich in Leipzig noch als Fasolt gehört. Als Fafner gefiel er mir mit satter Tiefe deutlich besser. Marc-Oliver Oetterli hatte mit seiner hellen Bass-Stimme als Fasolt keine Probleme, diese dominante Rollen zu füllen.
Der Alberich von Thomas Gazheli ist mit Stimme und Spiel fehlerfrei; ihm fehlt aber an einigen Stellen oft die große dämonische Kraft und Wirkung, was eigentlich Voraussetzung für den Gegenspieler zu den Göttern sein sollte.
Aber der Göttervater wirkte auch nicht als großer Gegenspieler. Bjarni Thor Kristinsson sang seine Partie als Wotan fehlerfrei und textsicher; auffallend klangschön war das aber nicht immer. Da fehlte neben einem herausragenden Volumen ein attraktives Timbre und das machte ihn manchmal fast zur Nebenfigur. Er wird in Kassel diese Rolle in den anderen Ring-Teilen ebenfalls gestalten.

Für die Inszenierung von Markus Dietz gestaltet Ines Nadler eine klare Bühne mit Leichtröhren, einen großes Gerüst mit einem großen W (das kann Walhall oder Wagner heißen) und einem Wasserbecken für den Rhein. Henrike Bromber entwarf die realistisch gehaltenen Kostüme; Erda darf phantasievoller mit einem mit Leuchtröhren glänzenden Reifrock agieren.

Zu Beginn der Erzählung sieht man im Hintergrund Wotan mit einem Leuchtröhren-Speer. Die Idee, daß er von Beginn an das Geschehen verfolgt oder dieses sogar beeinflußt, wird im Verlauf der Handlung nicht weiter verfolgt; auch der Speer wird nicht benutzt. Noch eine tolle Idee, einige Textpassagen der Sänger nicht singen zu lassen, sondern als Projektion zu zeigen, damit ja alle merken, was los ist!?
Das Volk ist beim Raub des Rheingolds dabei. Die Bühnenpodeste heben und senken sich, lassen Leute verschwinden oder erscheinen. Der Gerüstwagen mit dem "W" fährt vor und zurück. Es passiert immer was zu Nebel und Leuchteffekten. So wird durchaus der Handlungsverlauf deutlich illustriert. Große interpretatorische Erkenntnisse lassen sich auch durch die Masse des Volkes nicht gewinnen, die durch ihre Anwesenheit und Verhalten das Geschehen unterstützen sollen. Und - das Volk in weißer Unterwäsche zu zeigen, erhöht zumindest nicht die optische Brillanz.

Das Publikum bedankte sich bei allen mit lang anhaltendem Beifall; die Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel hofften, ihren Anschluß noch zu bekommen.


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