Theatertipps: Komische OPER BERLIN

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BLAUBART

13.7.2018 | J.Offenbachs 'opéra bouffe' Blaubart zählte zu Walter Felsensteins Höhenpunkten seines theatralischen Schaffens, wenn nicht alle seine Inszenierungen Musterbeispiele seiner Vorstellung von Musiktheater waren.

Der jetzige Hausherr der KOB Barrie Kosky überließ es Stefan Herheim und seinem team, eine Neuinszenierung zu realisieren. Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach entwickelte eine großzügige Text- und Dialogfassung. Da gehört es wohl dazu, aktuelle und zeitgeschichtliche Pointen 'en masse' zu entwickeln, die der Bühnenbildner Christof Hetzer mit Kräften unterstützte. Die Kostüme von Esther Bialas machte Anleihen an den Kostümen der 1963er Premiere. Clemens Frick nahm für die musikalische Umsetzung als Grundlage die Edition Keck und ergänzte diese mit einigen Zitaten.

Daraus machte Stefan Herheim eine schlüssige Fassung mit präziser Personenführung, die trotz besten Bemühens aller etwas lang wurde; da war man doch zu verliebt in viele Details.

Musikalisch lag diese Produktion bereits zur Premiere in den bewährten Händen von Stefan Soltesz, der mit Solisten, Chor und Orchester einen leichten Offenbach-Abend bot.

Die Sänger sangen alle ausgesprochen ansprechend, allen voran Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Ritter Blaubart. Aber nicht nur er mußte gut spielen und möglichst dazu adäquat singen, was ihm vorbildlich gelang. Peter Renz als König Bobèche oder Tom Erik Lie als Alchemist Popolani fielen nicht nur durch ihre Spiellaune auf, sondern ebenfalls durch ihre Gesangskultur.

Johannes Dunz ist der Liebhaber Prinz Saphir und Schäfer mit strahlend sicherem Tenor. Seine Partnerin Vera-Lotte Böcker als Prinzessin alias Fleurette war eine ebenbürtige Partnerin; beide machten eine gute Figur.

Die männlichen Rollenträger hatten spielerisch und gesanglich größeren Anteil am Geschehen, wie Philipp Meierhöfer als Königs Minister oder Christoph Späth als Graf Mariza. Dazu ergänzten die beiden Figuren Gevatter Tod (Wolfgang Häntsch) und Cupido (Manni Laudenbach) diese Präsenz mit großzügigen Dialog-Szenen.

Die Damen hatten es dagegen schwerer, sich zu profilieren, wie Stefanie Schaefer als Bäuerin Boulotte, eigentlich eine Paraderolle, oder Christiane Oertel als Königin Clémentine.

Aber in der Inszenierung von Stefan Herheim passierte auch so viel, gegen das man anspielen mußte. Immer wenn mein Sitznachbar lachte wußte ich, da gab es eine Anspielung auf die DDR-Zeit.

Der schönste Vergleich zu früher und jetzt war der optische Umgang mit 'Erichs Lampenladen' und dem dafür fast fertig gestellten Nachbau des Berliner Schlosses, in dem der König hier wohnt. Große Würfel waren, je nach Zusammensetzung und entsprechend gezeigter Seite, das neue Schloss oder der dafür abgerissene Palast der Republik. Aus Würfelseiten des Palastes wurde auch der Thron Bobèches; Herheim lies es sich nicht nehmen, die aktuelle Diskussion über ein Kreuz auf der Kuppel des Schlosses mit Mondsichel und Judenstern zu ergänzen.

Trotz der durchaus langen Aufführungszeit von 3h30 wurde es ein kurzweiliger Abend, den das Publikum dankbar honorierte.
Nach Vorstellungsende um 22h55 gab es noch eine Diskussion mit dem Dramaturgen und Sängern.


DIE NASE

14.7.2018 | Das war eine großzüg angelegte Kooperation der Bühnen Covent-Garden, Opera Australien und Teatro Real Madrid mit der Komischen Oper Berlin, um Dmitri D. Schostakowitschs Oper zu realisieren. Das große Vertrauen der Partner-Bühnen in den Produktions-Stab wurde nicht enttäuscht.

Berlins Hausherr Barrie Kosky inszenierte mit viel Spaß für Details und Humor Gogols Geschichte von Kowaljow, dessen Nase sich selbständig macht und ein eigenes Leben führt. Die Inszenierung zeigt eine skurrile Gesellschaft, die mit ihm und er mit ihr umgehen muß. Als die Nase von Platon Kusmitsch Kowaljow zurück kommt, ist sein Leben und seine Position in der Gesellschaft wieder in Ordnung!?

Im Bühnenbild von Klaus Grünberg dominierte vor allem ein großer runder Tisch, Bett und Stuhl und fertig war die Spielfläche. Alle Mitwirkende hatten eine große Nase, so daß Kowaljow mit seiner roten Stupsnase sofort auffiel. Die verselbständigte Nase ist groß, hat zwei Beine und darf mit weiteren acht Nasen eine schöne Steppnummer hinlegen. Die phantasievollen Kostüme von Buki Shiff machen den optischen Reiz dieser Aufführung perfekt.

Günter Papendell ist dieser Kowaljow mit erstaunlichem Spieltalent, der neben seiner musikalischen Leistung vor allem mit seinem Spiel die Szenerie beherrscht. Selten habe ich solch einen grandiosen Sänger-Darsteller erlebt.

Von den über 30 weiteren Mitwirkenden seien stellvertretend Jens Larsen, Tom Erik Lie, Rosie Aldrige, Ursula Hesse von den Steinen und Mirka Wagner lobend erwähnt.
Ainars Rubikis leitet Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin präzise und inspiriert zu klangvoller Gestaltung, so daß die 1930 komponierte Schostakowitsch-Musik mit seinen vielen Einfällen zu einem Hörgenuß wurde. Dazu ergänzend zu sehen gab es ja genug - Musiktheater 'at is best'.

Da war es kein Wunder, daß das Publikum nach 1h50 ohne Pause für begeisterten Schlußbeifall sorgte. Ob Kowaljow seine Nase behält, blieb aber offen...


DIE SCHÖNE HELENA

19.12.2017 | Barrie Koskys Inszenierung fing schon bewundernswert mit einer Ansage vom Band an; Anny Schlemm erinnerte an ihre Offenbach-Auftritte in der Komischen Oper und natürlich daran, daß der Besucher solch einen schönen Offenbachabend nicht mit eigener Ton- und Bildtechnik aufzeichnen soll. Mindestens der Besitzer eines aufleuchtenden Smart-Phones hielt sich nicht daran.
Stefan Soltesz leitete das Orchester der Komischen Oper Berlin und lies mit großen Impulsen die wunderbare Offenbach-Musik erschallen. Zu seiner Zeit als GMD und Intendant in Essen wäre das ein kurzer Abend geworden: Pause nach einer Stunde. Nicht aber an der Spree, wo durch eine rasante Regie und Choreographie es gar nicht auffiel, daß die Pause erst nach 1h45 war. Ich hatte sowieso den Eindruck, daß alle Arien, Couplets und Szenen dieser Operette hier aufgeführt wurden. Es entstand so eine flotte Mischung zwischen Tanz, Gesang, Choreinlagen und Dialogen; anders hätte es nicht sein dürfen. Bei Gelegenheit trumpfte das Orchester mächtig auf oder der Dirigent hielt die Musiker mit der Lautstärke so zurück, daß das gesprochene Wort zu seinem Recht kam. Trotzdem hatte ich ab und zu ein akustisches Problem mit der Verständlichkeit; vielleicht liegt es auch an dem Innenraum des ehrwürdigen Hauses.

Geboten wurde in dem farbvollen, griechisch angehauchten Bühnenbild von Rufus Didwiszus. Die Kostüme von Buki Shiff waren allesamt kunstvoll gestaltet; auch die Chorsolisten wurden optisch bestens ausgesattet.

So hatte Regisseur Barrie Kosky keine Mühe, mit der Choreographie von Otto Pichler einen rasanten Offenbach-Abend rund um die schöne Helena bis zum großen Finale mit ihrer Entführung durch den schönen Liebhaber Paris zu entwickeln. Jeder Auftritt der handelnden Akteure geriet zu einem optischen Höhepunkt, sei es daß Ajax I + II auf Rollschuhen über die Bühne fegten oder Menelaus und Agamemnon auf ihren Rollstühlen wirbelten. Die Figuren wurden aber auch durch den jeweiligen Protagonisten besonders aufgewertet; Stefan Sevenich scheute sich nicht, seine körperliche Opulenz in die Waagschale seines Rollenspiels zu werfen - eine köstliche Leistung mit Stimme und Spiel.

Es ging ja alles um die schönste Frau der Welt, von der die Männer schwärmen. Dazu gab es nur ein Ballett mit feschen Männern, die in knapper Kleidung auch ihr Hinterteil optisch aufreizend in Szene setzten durften. Chor, Ballett und Solisten brachten so immer Schwung in die Handlung.

Gesungen und gespielt wurde dazu prächtig. Allen voran Nicole Chevalier als Helena mit schön timbrierten Sopran und Tansel Akzeybek als Paris, der seine Partie mit glanzvollen Höhen adelte. Kein Wunder, daß er auch im fränkischen Festspielhaus aktiv ist.
Aber auch alle anderen Mitwirkenden konnten sich sehen und hören lassen; so z.B. habe ich den Ajax I alias Tom Erik Lie noch in Erinnerung, als er als Wolfram von Eschenbach in Gelsenkirchen gefeiert wurde.

Der ganze Abend entwickelte auch einen travestieartigen Charme, der dem Werk von Offenbach gut tat. Wer will nicht mit der schönsten Frau der Welt gemessen werden?! Etwas Ruhe im großen Spiel gönnte man sich durch "Non, je ne regrette rien", begleitet auf dem Bandoneon von Juri Tarasenok; ein Credo für den ganzen Ablauf der Handlung.

Das Publikum ging begeistert mit und sparte nicht mit Beifall. Auffallend, daß diese TheaterShow von Barrie Kosky auch von vielen jungen Leuten besucht wurde. Da muß man sich über die Zukunft des Musiktheaters keine Sorgen machen. Wenn das Angebot stimmt, gibt es auch die Nachfrage. Weiter so!!!


Les Contes d'Hoffmann

4.3.2017 | Diese Aufführung beginnt und endet mit gesprochenen Zitaten von E.T.A.Hoffmann und der Musik von W.A.Mozart. Das ist die Klammer und Idee von Barrie Kosky für seine 2015 fertig gestellte Inszenierung. Drei Personen spielen den Dichter Hoffmann. Uwe Schönbeck spricht in deutsch als Hoffmann I die Zitate; manchmal wirkt das zu lang. Einige Stellen darf er durch Sprechgesang mitgestalten. Der Bariton Dominik Köninger ist Hoffmann II im Vorspiel des Weinkellers und bei Olympia. Der lyrische Tenor Alexander Lewis ist Hoffmann III bei Antonia und Giulietta. Gesungen wird in französischer Sprache.
Es vermischen sich die Hoffmann Darsteller in den Bildern. Nahezu immer präsent ist Hoffmann I mit seinen Kommentaren von E.T.A. Hoffmann und er agiert auch mit seinen jeweiligen Hoffmann-Partnern. Das ergibt spannenden Momente und erspart für die musikalische Fassung manch schöne oder nicht so schöne Rezitative. Die von Kaye|Keck ergänzte neue Fassung von Offenbach Fragmenten ermöglicht eine eigene Zusammenstellung der musikalischen Struktur. Vieles wird temporeicher, was man besonders im Antonia-Akt bemerkt. Das Lied des Franz, eigentlich immer ein Hemmnis der Ereignisse, fehlt dort, das macht so diesen Akt kompakter, drängender. Es wird hier im darauffolgenden Venedig-Akt vor Giuliettas Gesellschaft vorgetragen. Das wirkt logischer, wenn danach Hoffmann mit seinem Vortrag über die Liebe fortfährt.
Die Idee, die Titelfigur mit drei Darstellern zu zeigen, wirkt anfangs sehr spannend. Es ist auch musikalisch interessant, wenn diese Partie von einem Bariton gesungen wird. Das macht Dominik Köninger mit seiner lyrischen Stimme sehr eindrucksvoll. Schade nur, daß das Regie-Konzept dann doch nicht ganz aufgeht. Während Hoffmann I immer präsent ist, hat Hoffmann II zur Pause Feierabend; beim Schlußapplaus ist er schon nicht mehr dabei. Es hätte spannender sein können, wenn alle drei Darsteller sich durch die Handlung aller Akte bewegen, um das Phantastische zu verdeutlichen.
Durch seinen lyrischen geführten Tenor gelingt es Alexander Lewis, eine aufregende helle Farbe in dem Hoffmann-Trio zu entwickeln, während zu dem warmen Bariton von Dominik Köninger ein schnoddriger, sich verhaspelnder Sprecher durch Uwe Schönbeck entwickelt wird.
Im Bühnenbild von Katrin Lea Tag -von ihr kommen auch die Kostüme- dominiert eine drehbare quadratische helle Scheibe, die auch nach den Seiten kippen kann. Mehr Kulisse wird vor schwarzem Aushang für ein beeindruckendes, sich veränderndes Bild nicht benötigt. Opulente Kostüme ergänzen die Optik. Der Gag, daß unter wallenden Kostüm-Gewändern Darsteller hervorquellen, wird dann doch etwas zu stark strapaziert.
Musikalisch wurde diese Aufführung von Stefan Soltesz geleitet. Zu seiner Zeit als Intendant und GMD in Essen hatte er eine zahme und kürzere Stückinterpretation geleitet. Jetzt in Berlin folgte er der Bühne und setzt kräftige Akzente; Orchester, Chor und Solisten der Komischen Oper folgen ihm makellos. Das wird vom Publikum durch kräftigen Beifall belohnt.

Hoffmanns drei geliebte Frauen werden von einer Sänger-Darstellerin exzellent gespielt und gesungen. Nicole Chevalier gelingen die eindrucksvollen Koloraturen der Puppe Olympia, der lyrische Schmerz der kranken Sängerin Antonia und die sinnlich verführerische Giulietta. Sie hat die Lacher des Publikums auf ihrer Seite, wenn sie in einem Schubladenschrank Olympias Lied vorträgt. Selten habe ich die Verführungskunst der Kurtisane so prickelnd wie bei ihr erlebt.
Karolina Gumos kann auf einen leicht geführten Mezzo zurückgreifen. Im Mozartkostüm ist sie eher die optische Dominanz des Regie-Konzepts, als die Muse, die um das Seelenheil des Freundes Hoffmann kämpft. Dazu hat sie noch einen Auftritt als Antonias Mutter; diese Partie verlangt aber eher nach einem dramatischen Mezzo|Alt.
Je länger er sich auf der Bühne bewegt, umso eindrucksvoller in Spiel und Gesang bewegt sich Oliver Zwarg in den Rollen der Bösewichter. Da fehlt in keiner Weise die sonst gern gebrachte 'Spiegelarie', wenn man hört und sieht, wie die alternative Arie vom Diamanten von ihm gestaltet wird.
Philipp Meierhöfer hatte als travestieartiger Cochenille die Lacher auf seiner Seite. Als Crespel konnte er in der Kurzfassung des Antonia-Aktes seinen Bass ansprechend zu Geltung bringen, ebenso als schattenloser Schlémil in Venedig.
Ivan Tursic wird neben dem Puppenvater Spalanzani auch bestens in den Dienerrollen eingesetzt. Besonders in der Arie des Franz darf er zeigen, daß er über einen schönen Tenor mit sicherer Höhe verfügt. Im Weinkeller teilt er sich mit Oliver Zwarg die Sätze, die eigentlich von Hoffmanns Kollegen oder vom Gastronomen Lutter gesungen werden müßten.

Geboten wurde dem Publikum von allen eine immer interessant wirkende Geschichte um E.T.A. Hoffmann, der eine Vorliebe für W.A.Mozarts Figur der Donna Anna nicht verheimlicht. Die Inszenierung von Barrie Kosky verfügt über eine spannende Personenführung mit wirkungsvollen Bildern und wird von allen Sänger-Darstellern zu einem Ereignis gemacht. So kommt auch die wunderbare Musik von Jaques Offenbach zur Geltung, selbst wenn der Aufführungs-Abend mit der Giovanni-Ouvertüre beginnt und mit dem Giovanni-Zerlina-Duett endet. Ein Schelm, der sich darüber seine Gedanken macht.


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