Theatertipps: Deutsches Nationaltheater Weimar

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HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

9.11.2019 | Durch die erfolgreiche Suche nach verlorenem Notenmaterial von Michael Kayne und Jean-Christophe Keck ist es für jedes Musiktheater reizvoll, eine Fassung mit diesem Notenmaterial als Neuinszenierung dem Publikum zu präsentieren. Eine besonders beeindruckende Aufführung in deutscher Sprache kann man im Nationaltheater Weimar erleben.
Die Frage, ob Dialog und|oder die nachkomponierte Rezitativ-Fassung, stellt sich eigentlich immer, vor allem wenn man ein internationales Ensemble auf der Bühne versammelt. Die Inszenierung von Christian Weise unter der musikalischen Leitung von Stefan Lano gelingt es auf außerordentlicher Weise, Offenbachs Oper zu präsentieren.

Die Oper beginnt mit der Muse, Sayaka Shigeshima mit groß tönender Stimme; sie leiert einen blechtönenden Plattenspieler mit Trichter an. Über diese kratzige Tonquelle ertönen -natürlich mittels der Tontechnik des Hauses- die Dialoge, die die Darsteller lautlos mitsprechen. Das hat nicht nur den Vorteil, daß man jedes Wort versteht, sondern es ermöglicht der Inszenierung auch mit der musikalischen Fassung, schnelle Anschlüsse im Geschehen zu schaffen. Ein realistischer Ablauf wird so nicht unbedingt gewollt. Daran muß sich das an 'das Alte' gewöhnte Ohr erst etwas gewöhnen; aber man findet schnell auf angenehmste Weise daran gefallen.

Viele Stellen im Dialog oder mit der Musik, die die nächste Szene vorbereiten, wurden einfach weggelassen; es kam nie das Gefühl auf, daß etwas fehlt. Das hatte den unbestreitbaren Vorteil, daß die ersten drei Akte nur 1h35 dauerten. Da bin ich schon erst nach 2 Stunden nach dem Antonia Akt zur Pause gegangen und viele Besucher nach Hause. In Weimar geht alles Schlag auf Schlag.

Paula Wellmann schafft eine surreales farbenfrohes Bühnenbild; unterstützt wird diese farbige Optik durch die phantasievollen Kostüme von Lana Schäfer.

Die Titelfigur Hoffmann wird gespielt von zwei Darstellern. Eric Fennell singt mit leichtem, immer sicher und klangschön eingesetzten Tenor die eine Figur. Jan Krauter ist der andere Hoffmann, der den singenden durch Spiel und Slapstick ergänzt und so beide zu einem wunderbaren Duo formt.

Der Höhepunkt in der surrealen Gestaltung ist auf jeden Fall die singende Puppe Olympia. Wir sehen tatsächlich eine kleine weibliche Puppe mit großen Augen, die von zwei Spielerinnen perfekt geführt wird. Getarnt im Kostüm der Gesellschaft und dort verborgen, singt Ylva Stenberg mit schöner Stimme und sicher. Man kann seine Augen kaum von der Puppe lassen.

Hoffmanns zweite Geliebte Antonia leidet an Fettsucht. Im großen aufgeschwemmten Körper spielt und singt Emma Moore diese leidenschaftliche Sängerin. Mutter und Vater beobachten aus Fenstern das Geschehen. Als Dr.Mirakel mit seinen Assistentinnen im weißen Kittel Antonia durch den Einsatz der Mutter überzeugt, daß sie weiter singen soll, fällt der Tochter das Fettgewebe ab. Antonia stirbt auf dem Höhepunkt ihres Glücks als Sängerin in schlanker Gestalt.

Heike Porstein ist zu Beginn Stella und darf sich als Sängerin der Pamina präsentieren, während die Originalfassung die Donna Anna vorsieht; aber warum nicht, so konnte auch kurz ein Thema der Feuer- und Wasserprobe angespielt werden.
Als dritte Geliebte der Erzählung ist Heike Porstein Giulietta, ein Zwitterwesen und damit auch optisch die Attraktion im venezianischen Bordell. Vor ihrem Duett mit Niklaus denkt man bei dem langen Vorspiel schon, der Gesang würde nicht kommen; doch mit hellem Sopran gelingt es ihr, auch die sinnliche Seite dieser Kurtisane zu zeigen; auch Guilettas spät entdeckte Arie liegt ihrem schönen Sopran.

Oleksandr Pushniak ist der Bösewicht mit dämonischer Wirkung. Er darf mit einem Diamanten auf dem Gehstock Giulietta locken, allerdings mit der Arie, die Offenbach für diese Szene vorgesehen hat und die früher gerne als 'Augenarie' bei Olympia eingesetzt wurde. Die ansonsten gespielte 'Siegelarie' entfällt dadurch, war auch für "Hoffmanns Erzählungen" nicht vorgesehen.

Alexander Günther ist in den Dienerrollen in den skurrilsten Figuren immer präsent und darf als Franz auch über seine Singkunst berichten und diese gestalten.

Mit großer Spiellust wird von allen das Inszenierungskonzept umgesetzt und das Publikum hat seine helle Freude daran und zur Freude des Nationaltheaters. Schade, daß in der bereits sehr gut besuchten Einführung in den Abend zwei inhaltliche Fehler auftauchten, die bei einer fachkundigen Vorbereitung nicht hätten passieren dürften.
Die von mir besuchte Vorstellung war nahezu ausverkauft. Man sparte nicht mit Beifall für alle Mitwirkenden und es empfiehlt sich, eine Reise zu dieser außergewöhnlichen Aufführung zu machen.


LULU

26.2.2017 | Auf traditionellem Grund in Weimar gab es Alban Bergs "Lulu" in der von Friedrich Cerha 1979 mit dem III.Akt vervollständigten Fassung. Dort, wo Wagners Lohengrin einst uraufgeführt wurde, erbaute man gleich nach dem Krieg 1948 das jetzige Nationaltheater-Gebäude.
Unter durchaus tragischen Vorboten gab es dort am 21.1.2017 unter der musikalischen Leitung von Stefan Lano die Premiere dieser Weimarer Erstaufführung, die der verstorbene Martin Hoff vorbereitet hat und eigentlich dirigieren sollte.

Die Inszenierung von Elisabeth Stöppler besticht durch eine auch optisch helle, klare Sicht der Geschichte um die junge Frau, die bereits als Mädchen die Männerphantasien beflügelt hat. Das Mädchen macht aus der jeweiligen Situation das beste für sich daraus; sie akzeptiert das als gegeben. Die sie begehrenden Männer und die Gräfin nehmen mit ihren Ansprüchen an dieses attraktive Objekt der Begierde in keiner Weise Rücksicht auf Lulu; Lulu? - nur Schigolch nennt sie so, die anderen geben dem Mädchen je einen eigenen Namen. Nach Schigolch beobachtet Dr.Schön und begleitet alle Phasen Lulus, bis zu ihrem bitteren Ende. Selten habe ich das Paris-Bild so klar gezeichnet gesehen wie unter der Regie von Elisabeth Stöppler. Erschreckend, wie Lulu selbst mit den London-Freiern sensibel liebend umgeht.
Lulu genießt immer die Situation mit den Männern. So verwundert es nicht, daß im London-Bild, nicht Jack der Massenmörder auftaucht, sondern Dr.Schön ruhig, beinahe emotionslos wie so oft an seinem Schreibtisch sitzt. Wie und ob Lulu stirbt wird durch die Regie bewußt nicht deutlich gezeigt; Gräfin Geschwitz und Lulu, beide laut Textheft tot, verlassen in trauter Zweisamkeit die Szene zum dunklen Hintergrund.
Das Bühnenbild von Hermann Feuchter ist ein großes durchschaubares, mehrstöckig bespielbares Gestell auf der Drehbühne mit weißen Wänden, die die Räume symbolisieren. Im London-Bild werden einige dieser Flächen durch schwarze ausgetauscht. Die Bühne wird in der Regel hell ausgeleuchtet und durch Video-Einspielungen auf dem Bühnenbild ergänzt. Lulus Bild gibt es in Form einer Video-Aufnahme; auch der Maler ist Videokünstler. Die Kostüme von Nicole Pleuler sind neutral, chic aus der Jetztzeit.
Die Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Stefan Lano spielt präzise, spannend und auf Tempo; nahtlos reihen sich Akt auf Akt, da keine Umbauten notwendig sind. Die Theater-Pause kommt im Zwischenspiel des 2.Aktes, was auch die Spannung hält. Daß auf einmal die Cerha-Fassung erklingt, merkt man kaum; seine Musik geht mit den Berg-Vorlagen geschickt um, ohne allerdings neue Akzente zu setzen.
Marisol Montalvo hat kurzfristig die Titelpartie in Weimar übernommen. Umso mehr positiv ist ihre Leistung einzuordnen; so viele Sängerinnen von Format gibt es nicht, die die vollendete Fassung abrufen können. Ihre Stimme klingt in allen Lagen sicher, schön und durchaus textverständlich. Ihr Spiel zeigt, sie ist unschuldig und nie die treibenden Kraft im Geschehen.
Björn Waag ist Dr.Schön und es ist ein Genuß, seinen hellen Bariton in allen Lagen textverständlich zu erleben. Sein Spiel ist kein väterlicher Galan, sondern ein inzwischen distanzierter Liebhaber, der auch nach Jahren nicht lassen kann und seinen Anspruch nur durch Präsenz verdeutlicht.
Aus dem Ensemble fällt Artjom Korotkov als Alwa mit seinem schönen, immer sicher eingesetzten Tenor auf. Jörn Eichler als Maler/Marquis kann mit seinem Tenor fast überzeugen, auch wenn er an der einen oder anderen Stelle die Stimme schont. Alexander Günther konnte wirkungsvoll seinen schön ansprechenden Tenor als Prinz/Neger einsetzen.
Zwei dunkle Stimmen fallen im Männerensemble auf. Damon Nestor Ploumis ist Tierbändiger/Direktor/Rodrigo mit kräftiger, sicherer und textverständlicher Stimme, ebenso der junge Christoph Stegemann als Schigolch. Er ist kein alter Tattergreis, sondern eine stattliche Erscheinung in Stimme, Statur und Spiel.
Sayaka Shigeshima ist Gräfin Geschwitz mit schönem, auch in den dramatischen Stellen geführten Mezzo. Das alle Sänger-Darsteller vorbildlich spielen, ist der Personenführung der Regisseurin zu verdanken.

So konnte das Publikum spannendes Musiktheater erleben.


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