Theatertipps: Deutsches Nationaltheater Weimar

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LULU

26.2.2017 | Auf traditionellem Grund in Weimar gab es Alban Bergs "Lulu" in der von Friedrich Cerha 1979 mit dem III.Akt vervollständigten Fassung. Dort, wo Wagners Lohengrin einst uraufgeführt wurde, erbaute man gleich nach dem Krieg 1948 das jetzige Nationaltheater-Gebäude.
Unter durchaus tragischen Vorboten gab es dort am 21.1.2017 unter der musikalischen Leitung von Stefan Lano die Premiere dieser Weimarer Erstaufführung, die der verstorbene Martin Hoff vorbereitet hat und eigentlich dirigieren sollte.

Die Inszenierung von Elisabeth Stöppler besticht durch eine auch optisch helle, klare Sicht der Geschichte um die junge Frau, die bereits als Mädchen die Männerphantasien beflügelt hat. Das Mädchen macht aus der jeweiligen Situation das beste für sich daraus; sie akzeptiert das als gegeben. Die sie begehrenden Männer und die Gräfin nehmen mit ihren Ansprüchen an dieses attraktive Objekt der Begierde in keiner Weise Rücksicht auf Lulu; Lulu? - nur Schigolch nennt sie so, die anderen geben dem Mädchen je einen eigenen Namen. Nach Schigolch beobachtet Dr.Schön und begleitet alle Phasen Lulus, bis zu ihrem bitteren Ende. Selten habe ich das Paris-Bild so klar gezeichnet gesehen wie unter der Regie von Elisabeth Stöppler. Erschreckend, wie Lulu selbst mit den London-Freiern sensibel liebend umgeht.
Lulu genießt immer die Situation mit den Männern. So verwundert es nicht, daß im London-Bild, nicht Jack der Massenmörder auftaucht, sondern Dr.Schön ruhig, beinahe emotionslos wie so oft an seinem Schreibtisch sitzt. Wie und ob Lulu stirbt wird durch die Regie bewußt nicht deutlich gezeigt; Gräfin Geschwitz und Lulu, beide laut Textheft tot, verlassen in trauter Zweisamkeit die Szene zum dunklen Hintergrund.
Das Bühnenbild von Hermann Feuchter ist ein großes durchschaubares, mehrstöckig bespielbares Gestell auf der Drehbühne mit weißen Wänden, die die Räume symbolisieren. Im London-Bild werden einige dieser Flächen durch schwarze ausgetauscht. Die Bühne wird in der Regel hell ausgeleuchtet und durch Video-Einspielungen auf dem Bühnenbild ergänzt. Lulus Bild gibt es in Form einer Video-Aufnahme; auch der Maler ist Videokünstler. Die Kostüme von Nicole Pleuler sind neutral, chic aus der Jetztzeit.
Die Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Stefan Lano spielt präzise, spannend und auf Tempo; nahtlos reihen sich Akt auf Akt, da keine Umbauten notwendig sind. Die Theater-Pause kommt im Zwischenspiel des 2.Aktes, was auch die Spannung hält. Daß auf einmal die Cerha-Fassung erklingt, merkt man kaum; seine Musik geht mit den Berg-Vorlagen geschickt um, ohne allerdings neue Akzente zu setzen.
Marisol Montalvo hat kurzfristig die Titelpartie in Weimar übernommen. Umso mehr positiv ist ihre Leistung einzuordnen; so viele Sängerinnen von Format gibt es nicht, die die vollendete Fassung abrufen können. Ihre Stimme klingt in allen Lagen sicher, schön und durchaus textverständlich. Ihr Spiel zeigt, sie ist unschuldig und nie die treibenden Kraft im Geschehen.
Björn Waag ist Dr.Schön und es ist ein Genuß, seinen hellen Bariton in allen Lagen textverständlich zu erleben. Sein Spiel ist kein väterlicher Galan, sondern ein inzwischen distanzierter Liebhaber, der auch nach Jahren nicht lassen kann und seinen Anspruch nur durch Präsenz verdeutlicht.
Aus dem Ensemble fällt Artjom Korotkov als Alwa mit seinem schönen, immer sicher eingesetzten Tenor auf. Jörn Eichler als Maler/Marquis kann mit seinem Tenor fast überzeugen, auch wenn er an der einen oder anderen Stelle die Stimme schont. Alexander Günther konnte wirkungsvoll seinen schön ansprechenden Tenor als Prinz/Neger einsetzen.
Zwei dunkle Stimmen fallen im Männerensemble auf. Damon Nestor Ploumis ist Tierbändiger/Direktor/Rodrigo mit kräftiger, sicherer und textverständlicher Stimme, ebenso der junge Christoph Stegemann als Schigolch. Er ist kein alter Tattergreis, sondern eine stattliche Erscheinung in Stimme, Statur und Spiel.
Sayaka Shigeshima ist Gräfin Geschwitz mit schönem, auch in den dramatischen Stellen geführten Mezzo. Das alle Sänger-Darsteller vorbildlich spielen, ist der Personenführung der Regisseurin zu verdanken.

So konnte das Publikum spannendes Musiktheater erleben.


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