Theatertipps: Theater Aachen

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TANNHÄUSER

Da habe ich lange Zeit nicht so einen stimmigen, geschlossenen Tannhäuser auf der Bühne erlebt wie am 16. Mai 2016. Nicht wie zuletzt in der 'fränkischen Hauptstadt'; denn da war ich ziemlich enttäuscht, was einem da für's Aug' und Ohr geboten wurde. An Neuenfels Interpretation in Essen konnte man sich gewöhnen; ich 'liebte' dort geradezu die Szene mit 'Maria' im 3.Akt.
Nein - in Aachen, in dem wunderschönen kleinen Haus, in dem ich vor einiger Zeit eine achtbare 'Kiss me Kate' sah, dort passierte was großartiges. Daß dort die Tradition groß geschrieben wird ist bekannt, daß man am Pfingstmontag eine so hervorragenden Aufführung des Frühwerks von R.W. erleben konnte, war für mich überraschend.
Die Inszenierung in Aachen stammte von Mario Corradi. Er macht das sehr überzeugend, wenn er die Geschichte in einen kalten steinigen Kirchenraum stellt, mit Beichtstuhl, Altar und Kirchenbänken; das zeigt, wer hier das Sagen hat. In diesem Einheitsraum von Italo Grassi wird die Optik kaum verändert. Venus steigt aus dem Altar, das Duett Tannhäuser-Elisabeth findet im Beichtstuhl statt; im Finale fährt man den Altar mit Jungfrau Maria in den Mittelpunkt. Man könnte denken, die Personen wirken doch zu plakativ. Aber nein, Corradi findet eine Form, schlüssig seine Sicht zu erzählen; etwas mehr Zeit für die Personenführung hätte ich allen aber gegönnt, dann wäre z.B. die große Szene Venus-Tannhäuser noch eindrucksvoller geworden.

Tannhäuser ist Priester. Bereits in der Ouvertüre bereitet er eine Messe vor und bricht zusammen. Im Traum erfüllt er sich seine Sehnsucht mit Venus, die als Maryline Monroe optische Reize versprüht. Nach dem Traum wird vor dem Altar Tannhäuser bewußtlos aufgefunden und weggetragen. Der Landgraf ist Kardinal in roter Robe, die Minnesänger allesamt Priester. Tannhäuser ist nach der Krankheit nicht mehr einer der ihren und es fällt den kirchlichen Würdenträgern schwer, ihn wieder aufzunehmen. Tannhäuser verzichtet beim Kardinal auch auf den Handkuss und zeigt so seine Distanz zu früher. Die Gesellschaft sind Leute von heute, in bürgerlichem Gewand mit biederer Kleidung; Anzug oder Pullover werden bei den Pilgern nur mit Mantel und Koffer ergänzt.
Die katholische Kirche dominiert das Geschehen. Zum Vorspiel des 3.Aktes läuft auf einem Schleier ein Film, der zu Zeiten Papst Pius XII. Pilger auf den Weg nach Rom zeigt. Auch lustige Bilder ermunterten einige Zuschauer dazu, diesen Filmbeitrag während der Musik zu kommentieren.

Elisabeth -mit Nickelbrille- trägt über ihrem weißen Schwesternkleid eine Strickjacke. Beeindruckend ist es, wenn sie nach ihrem Gebet im 3.Akt von einer engelsgleichen Gestalt als 'Jungfrau Maria' verwandelt wird. Venus arbeitet im 3.Akt mir allen Tricks; im Kostüm dieser 'Jungfrau Maria' versucht sie, Tannhäuser ("mein Heil liegt in Maria") wieder für sich zu gewinnen. Doch dieser Traum erfüllt sich nicht. Tatsächlich rankt sich um den Altar das frisch erblühte Grün.

Musikalisch geleitet wurde alles vom GMD Kazem Abdullah. Ohne Fehl und Tadel folgte ihm das Sinfonieorchester Aachen. Abdullah setzte nicht auf schnelle Tempi; vielmehr gelang es ihm, die Vielschichtigkeit der Partitur mit seiner Tempowahl klangvoll zu verdeutlichen; er kam fast ohne die üblichen Striche aus. Nur der Landgraf mußte auf den Hinweis auf 'blutig ernste Kämpfe' in seiner Ansprache verzichten, hatten doch alle nur ein Kreuz als drohende Waffe.
Das Dirigat kam auch den Sängern zu gute, die allesamt bestens ihre Partien sangen. Sanja Radisic durfte die 'Pariser Fassung' der Venus ohne Ermüdungserscheinung mit ihrem schönen und kräftigen Mezzo gestalten. Sie hatte aber auch einen Partner zur Seite, der die Titelpartie mit einer sicheren jugendlichen Stimme bewältigte und der die Venusszene mit ihr so zum ersten Höhepunkt dieser Aufführung machte. Chris Lysack gestaltet einen jungen Tannhäuser mit ansprechender Stimme, der nie Kraft einsetzt und alles nur schön singt und spielt, ohne Ermüdungserscheinungen. Zur Not half auch das Orchester, wenn es ihn nicht 'zudeckte'. Die Romerzählung wurde von ihm grandios gestaltet und war ein weiterer Höhepunkt des Abends. Irina Popova war die Elisabeth mit großem Sopran, mit einer leuchtenden Höhe, vollen Mittellage und einem schönen Timbre; sie ist eine junge Sängerin, die auch im Spiel die Figur glaubhaft gestalten konnte und sich so in die erste Reihe der Sänger einreihte.
Aber auch die anderen Sänger|innen auf der Bühne konnten sich profilieren. Woong-jo Choi ist ein Landgraf Hermann, der seinesgleichen sucht. Lange habe ich nicht eine so schöne große runde Bass-Stimme gehört, bei der man sich auf jeden Einsatz freute. Hrólfur Saemundsson ist Wolfram, der nicht nur in 3.Akt seinen klangvollen Bariton verströmen konnte. Selten habe ich die Solisten-Ensemble so homogen gehört. Das liegt auch an Rodrigo Porras Garulo, dessen Walter von der Vogelweide die Sängerriege anführte; sein Liedbeitrag im 2.Akt hätte eigentlich zum Sängersieg führen müssen. Selbst der Hirt von Svenja Lehmann war hörenswert.
Der große Chor und Extrachor des Hauses gab alles in allem den stimmigen klangvollen Hintergrund für einen Musiktheater-Abend, den man nicht so schnell vergessen wird. Aachen ist eine Reise wert.


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