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Theater – TIPPS


VOLXBÜHNE Mülheim

www.volxsbuehne.de

DAS LETZTE BAND - Krapps last tape

Da unterhält das Theater an der Ruhr in Mülheim ein Ensemble der Generationen im Theaterstudio; dort sind die Räumlichkeiten für ein Theater- Ensemble vorbildlich. Andreas Beutner, neues Mitglied dort, hat sich zu seinem Einstand Beckets 'letztes Band' ausgesucht, was nun durchaus eine gute Idee für solch ein Theaterkonzept sein kann.

Samuel Becket fabriziert eine Idee, sie ist furchtbar und auch komisch. Er stellt bei Krapp fest, daß unsere Gedanken nur Spulen auf einem Tonbandgerät sind. Andreas Beutner als Krapp hat mit Jörg Fürst einen Regisseur, der ihn in seiner Inszenierung wunderbar führt. Die Inszenierung findet mit Zeitmaß, Ton, Licht und Spiel leicht surreale Elemente, um die Figur von einem normalen Leben abzuheben. Krapp reflektiert seine Vergangenheit über alte Tonbänder. Atemberaubend zum Ende die Idee, den Text geschrieben als einen schmalen Lichtstreifen über die Bühne und das Gesicht des Darstellers 'laufen' zu lassen. Spätestens hier sieht man, welch hochkarätiges Niveau Jörg Först mit seinen Mitarbeitern umsetzt.

Das Konzept des Theaters an der Ruhr, die Erfahrungen der älteren Generation zu nutzen, um das Leben mit seinen bunten Schattierungen zu zeigen, geht eindrucksvoll auf. Man darf auf die nächste Produktion gespannt sein, bei der die Generationen unterschiedlichen Alters nicht nur auf der Bühne mitwirken, sondern auch ihre Erfahrungen bei dem Probenprozess mit einbringen werden.


 WINTERREISE
Elfriede Jelinek

Da fährt man ohne große Erwartung am 11.10.15 zum Theater der Generationen nach Mülheim a.d.R. zu einer Aufführung von Elfriede Jelineks "Winterreise" und dann das. Man muß ja kein Jelinek-Fan sein, aber Ev Stoldt hat mich dazu eingeladen, doch zu kommen; was sie mit ihren Mitstreitern dargeboten hat, war sensationell. Die Kluft zu den sogenannten Profis war augenscheinlich, hatte ich doch am Vorabend die bescheidene "Kunst"-Premiere in Essen miterlebt.
Regisseur der "Winterreise" war Jörg Fürst, ein Mann aus der Kölner Theaterszene. Er bot mit seinem Ensemble in seinem sehr praktikablen und atmosphärisch wirksam ausgeleuchteten Bühnenbild nahezu überbordende Einfälle, Ideen und szenische Lösungen für den Jelinek-Text; unterstützt wurde das mit Musik- und Videoeinspielungen von Valerij Lisac. Und das alles wurde von den Akteuren perfekt genau umgesetzt. Eine großartige Leistung aller.
Themen wie Bankenskandal, Flüchtlinge und auch die wohl berühmteste Entführung aus Österreich waren dabei, ehe Jelinek ihre biographischen Aspekte anspielen läßt. Durch die neun Mitglieder des Mülheimer Generationentheaters werden auch deren biographischen Erfahrungen mit in die Darstellung eingebracht. Die drei Mitglieder des Kölner A.Tonal.Theaters ergänzen das Ensemble auf höchst professionelle Weise.
Ich wurde zwar nicht zu einem Jelinek-Fan geläutert - aber, die tolle Art und Weise der Umsetzung in der Inszenierung von Jörg Fürst macht einfach Spaß auf mehr, auf seine Arbeit und auf die der Mülheimer. Übrigens, diese "Winterreise" wurde u.a. für den Kölner-Theaterpreis 2015 nominiert.

traumA
THEATERPROJEKT - URAUFFÜHRUNG

Ein Theaterprojekt über die Träume und Traumata unterschiedlicher Generationen wurde eindrucksvoll vom Theater der Generationen in Mülheim a.d.R. als Uraufführung auf die Bühne gebracht. Die ältere Generation brachte Erinnerungen, Erfahrungen und traumatische Erlebnisse der letzten 50 Jahre zu Gehör. Wenn man diese Zeit Revue passiert, Krieg, Flucht, Kindheit und die Zeit danach bis heute, kann man erahnen, aus welchem Erfahrungsschatz aus berufenem Munde von 13 Schauspielern berichtet wurde. Aber auch die anderen Generationen, ein junges Mädchen, selbst der Regisseur kamen zu Wort. Die sprachliche Umsetzung und Präsenz aller Schauspieler war vorbildhaft.
Daß der lange Abend nicht langweilig, sondern immer spannender wurde, dafür sorgte Regisseur Jörg Fürst mit seiner Inszenierung, unterstützt von der Video-Technik von Valerij Lisac und der Bühne von Jana Denhoven. Auf der Hinterbühne und selbst im Foyer des Hauses wurde gespielt, gefilmt und so wurden immer wieder neue Seh- und Hörweisen für den Besucher eröffnet.
Nach der Aufführungsserie in Mülheim a.d.R. sind weitere Vorstellungen in Köln am Rhein vorgesehen. Ein Besuch dieser außergewöhnlichen Aufführung sollte man nicht versäumen.



T
HEATER MÜNSTER


HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

Zum Spielzeitbeginn 15|16 bescherte der Intendant des Hauses Ulrich Peters eine mehr als sehens- und hörenswerte Neuinszenierung von Offenbachs einziger Oper. Das Haus wählte eine Neufassung ohne große Striche in der Rezitativfassung in französischer Sprache. Das hatte zur schönen Folge, daß man scheinbar vieles neu hörte; die Pause nach dem II.Akt war dann allerdings erst nach knapp zwei Stunden. Aber besser, als wenn man auf Kürze drängte. Es wurde so auch zu einem musikalischen Erlebnis, für das das Sinfonieorchester Münster am 4.10.15 unter Stefan Veselka die Grundlage legte. Leicht, locker, durchsichtig und flott war das Dirigat. Die Lautstärke wurde manchmal stark zurückgenommen, um beim Crescendo die Sänger nicht zuzudecken.

Die Solisten boten auf der Bühne manch angenehme Überraschung. Allen voran Adrian Xhema mit leichtem, französisch geführten Tenor in der Titelpartie. Er verzichtete auf heldentenoralen Druck und konnte so seinen Hoffmann hörbar schön gestalten. Sein Bösewicht-Gegenspieler Gregor Dalal konnte mit kräftigem Heldenbass optimal auftrumpfen; das war ein weiterer Pluspunkt auf der Bühne. Die Dienerrollen waren bei Boris Leisenheimer in bester "Kehle"; auch darstellerisch konnte er Profil zeigen.

Bei den Sängerinnen viel vor allem Lisa Wedekind als Muse/Nicklausse mit leicht geführtem Mezzosopran sofort positiv auf. Danach erlebte man mit Antje Bitterlich als Olympia einen weiteren Höhepunkt; in der Höhe sicher, gestaltete sie ihre Verzierungen mehr als ansprechend. Als Gast von der Deutschen Oper am Rhein sprang Anke Krabbe als Antonia ein und konnte vor der Pause eindrucksvoll musikalisch und darstellerisch unter Beweis stellen, welch phantastische Sängerin auf der Bühne steht.

Die Inszenierung von Ulrich Peters in dem Bühnenbild Bernd Franke bot Phantastisches, was eine reine realistische Erzählweise vermeiden konnte. Die Muse ist Drahtzieherin der Erzählung, um Hoffmann nicht von seiner Kunst als Dichter abzulenken; so führt sie die Bösewicht-Figur ein. Das ermöglicht eine immer klar wirkende Erzählweise auf der Bühne. Das Bühnenbild hat mit den Kostümen eine 'glänzende' Wirkung. Die Enge von Lutters dunklem Weinkeller, der Facetten der weiteren phantastischen Bilder beinhaltet, weitet sich zu einem großen tiefen Raum mit wechselnden Projektionen im Hintergrund aus. Es müssen nur sichtbar einige Teile verändert werden. Alles ist sofort wieder schnell bespielbar. Nur der Chor tummelt sich im Vor- und Nachspiel etwas in der Enge; vielleicht hätte man nur den Hauschor einsetzen sollen.

Auch die weiteren Rollen waren ansprechend eingesetzt. Für die Stella hätte man vielleicht eine andere Lösung finden sollen, als sie von der Statisterie zu besetzen.

Mit einem glücklichen Gefühl verließ man nach 180 Minuten einen phantastischen Offenbachabend in Münster. Eine Reise, die sich gelohnt hat!


Schloßspiele HOHENLIMBURG

HEXENJAGD
Es war schon mutig, Arthur Millers immer noch so aktuelles Schauspiel auf den Spielplan der diesjährigen Schloßspiele in Hagen-Hohenlimburg zu setzen. Dieser Mut wurde nach der mehr als erfolgreichen Premiere am 15.8.2015 im Lindenhof des historischen Schloß-Gemäuers belohnt. Der Wettergott meinte es gut mit den Gästen und dem großen Schauspiel-Ensemble; die Mauern des Innenhofes und die große Linde schützten alle vor stürmischen Widrigkeiten und die Inszenierung von Dario Weberg konnte die Zuschauer bei lauer Sommerluft von Anfang an in den Bann ziehen. Es zeigte sich, daß der kleinere Innenhof dieser Schloßanlage ideal für eine Freilichtaufführung war. In der Vergangenheit waren dort auf dem großen Schloßhof vor allem Komödien und andere boulevardeske Inszenierungen Tradition, die die Besucher begeisterten. In seiner ersten Spielzeit hier bewies aber Dario Weberg mit seinem Team, daß auch spannende interessante Themen vom Publikum angenommen werden; man war ja sehr nahe am Geschehen.
Eine Aufführung steht und fällt mit einem guten Ensemble. Dario Weberg konnte mit seiner Co-Regisseurin Indra Janorschke aus dem Vollen schöpfen. Das 15-köpfige Ensemble zeigte dank der Regie kaum Unterschiede, um die Geschichte der Hexenjagd in Salem glaubwürdig auf die Bühne zu bringen; einige Strohballen und der vorhandene historische Hintergrund reichten für Spiel und Optik.
Dario Weberg war eindrucksvoll den Geisterjäger John Hale, der später im Laufe der Handlung immer mehr Gewissensbisse bei seiner Tätigkeit bekam. Lars Lienen als John Proctor entwickelte immer stärker einen männlich markanten Kämpfer für seine Rechte und die seiner Frau Elisabeth (Indra Janorschke). Er gestaltete beeindruckend den Schluß der Geschichte.
Ariane Raspe als Mary Warren steht beispielhaft für das weibliche Ensemble; sie baute spannend die Frage nach Glaubwürdigkeit einer Hexenjagd auf.
Peter Schütze als Vizegouverneur Danforth dominierte geradezu die Bühne während der Gerichtsverhandlung; das war schon eine große Leistung, die die Situation in den tragischen Schluß treibt.
Alle Mitwirkenden, auch die tatkräftigen Helfer des "Freundeskreis Schloß-Spiele Hohenlimburg e.V." hatten Grund, sich über den kräftigen Schlußbeifall zu freuen. Das macht Mut und die Vorbereitungen für die nächste Spielzeit können beginnen. Ein Besuch lohnt sich dort immer.
   


BREGENZER FEST SPIELE

Spiel auf dem See 2015

TURANDOT
Ein riesengroßes Musiktheaterspektakel wird den diesjährigen Seebühnen-Besuchern in Bregenz auf höchstem musikalischen und optischen Niveau geboten.
Puccinis letzte Oper bietet sich für diesen Ort geradezu an. Man kann aber vieles falsch machen oder - gerade die optimale Mischung zwischen Spektakel und spannendem Musiktheater finden. Letzteres hat Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli mit seinem team unter der musikalischen Leitung von Paolo Carignani gefunden.
Eine riesige chinesische Mauer mit zwei Türmen zu den Seiten füllt den Hintergrund aus und versinkt in den Bodensee. In der Mitte eine drehbare schräge Bühne, die mit ihrer variablen Funktion beeindruckt; davor und im Hintergrund eine goße Statuen-Armee von Terrakotta-Soldaten. In unermeßlicher Höhe werden die Türme und der Weg dorthin bespielt; zu Beginn wird die Mauer in der Mitte scheinbar von der Terrakotta-Armee durchbrochen, die nach vorne weiter marschierend in den See versinkt. Mit den Stakkato-Takten der Mandarin-Musik kommen mit dem Chor weitere dieser Figuren hinzu.
Chor, Statisten und Artisten kommen in dieser Inszenierung eine große Bedeutung zu. Volk, Soldaten, folkloristische Künstler werden immer genau im richtigen Moment und Ausmaß eingesetzt. Schwingende Fahnen, mit Schwertern kämpfende Soldaten, mit Feuer jonglierende Artisten, mondähnliche weiße Ballons oder riesige chinesische Drachen, die zuletzt sich als Liebespaar finden, bilden eindrucksvoll ein optisches highlight nach dem anderen.
Optischer Höhepunkt ist für mich der Auftritt des Kaisers, wo sich zum ersten Mal eine kreisrunde Scheibe in der drehbaren Schräge öffnet und nach oben kippt. Oben auf der hochgefahrenen Kante wird später Turandot stehend dominieren. Farben und Figuren sind auf der Innenseite der Scheibe per Videotechnik zu sehen, die den Inhalt der Geschichte erläutern; eine beeindruckende Leistung von Video-Künstler Aron Kitzig. Neben reinen Farbspielen, wird ein chinesischer Drache dort für den Kaiser Altoum ausdrucksstark schweben. Bei Turandots-Erzählung und dann bei den Rätseln kommen Portraitmasken zum Einsatz. Die Fassade der Turandot bröckelt immer mehr, wenn eins nach dem anderen der Rätsel gelöst wird.
Auch der Bodensee in China wird geschickt eingesetzt. Der Prinz von Persien kommt per Schiff zum Schafott, um auf der höchsten Zinne seinen Kopf zu verlieren um dann tief ins Wasser zu fallen. Die chinesische Prinzessin wird per Schiff zum ersten Auftritt wirkungsvoll eingesetzt. Zum Finale zeigen die Feuerkünstler dort ihre Kunst.
Das drehbare Bühnenrund gibt Einblick in die chinesische Unterwelt. Zuerst wird dort das Henkerbeil geschmiedet, später ist es Büro, Bibliothek und Labor der drei Minister, die dort die Häupter der ehemaligen Rateprinzen sammeln.
Und die Geschichte beginnt ganz dezent ohne Musik. Prinz Calaf ist Giacomo Puccini; er betritt den Bühnenraum; ein kleiner blauer Raum ist vorne links mit Klavier, Bett und Sesseln, in dem er scheinbar mit seiner noch nicht beendeten Oper beschäftigt ist. Später kommen zwei Krankenschwester hinzu, um sein Bett zuzubereiten. Ein Clown positioniert sich in der Scheibenmitte. Puccini beschäftigt sich mit seinen Noten, bedient eine Spieluhr -die seine Turandot-Musik anklingen läßt- und seine Erinnerung | das Stück beginnt.
Die genaue Inszenierung von Marelli zeigt sehr viel Feingefühl, um in der Personenführung die Figuren zu zeichnen und oder aber gerade um auf dieser großen Bühne zu bestehen. Denn Mimik, Geste und große Aktion ist hier in Bregenz eine gelungene Realisierung. Zu den inhaltlichen Erläuterungen gibt es immer wieder Aktionen, die das Geschehen illustrieren. Masken kommen zum Einsatz, ebenso bunte grelle Kostüme, aber auch graue Anzüge der Minister aus der Jetztzeit; wie genau die Regie gearbeitet hat, sieht man z.B. bei Ping-Pang-Pong.
Die 'Liebe' steht im Mittelpunkt des Finales, alles ist in weiß gewandet, natürlich auch das neue Liebespaar. Ein wunderschönes Detail ist zuvor zu sehen; die 'neue Liebe' wird von Turandot erwiedert und es ist keine zwanghafte Aktion von Calaf. Von ihr kommt ein Kuss. Alfano hatte in seiner vollendeten Puccini-Fassung dem Duett mehr lyrischen Raum gegeben, als Toscanini es dann in seiner Strich-Fassung aufführte. Der Regisseur hatte so die Zeit, diese Zuneigung zu entwickeln. Es gibt noch viele schöne Details, die in der Regie und Inszenierung von Marco Arturo Marelli auffallen. Nichts ist zuviel oder zu wenig.
Aber auch musikalisch bewegt alles auf höchstem Niveau. Das ist zuerst eine technische Leistung der Tonabteilung. Hat doch jeder Sänger auf der Bühne ein Microport und Orchester und Chor sitzen nebenan im Theaterhaus; die Musik hören die Sänger über 'unsichtbare' Monitore, die über die Bühne verteilt sind. Gemischt und über die Lautsprecher verteilt wird ein Klang für die Besucher erzeugt, der für jede andere Musik-Bühnenproduktion ähnlicher Art Vorbild sein kann.
Zusammengehalten und geleitet wird das eindrucksvoll von Paolo Carignani am Pult. Die Wiener Symphoniker folgen seinem Dirigat mit weichem differenzierten Klang, ohne harte Akzente setzen zu müssen. Durch die Teilung der Chöre, der Prager Philharmonische Chor im Saal, der Bregenzer Festspielchor auf der Bühne, ist auch hier eine optimale musikalische Leistung garantiert.
Für die diesjährigen Aufführungen sind die Hauptpartien dreifach besetzt. Wer wann und die Premiere singen soll, war sicherlich für die Leitung eine schwere Entscheidung. Jede|r zeigte Außergewöhnliches. Mlada Khudoley brachte für die Premiere ihren jugendlichen Sopran nebst Aussehen für die Titelpartie mit. Erika Sunnegardh ist alles andere als eine Zweitbesetzung, da sie vor allem neben der Stimme auch im Spiel die Rolleninterpretation einer jugendlichen Prinzessin sehr gut umsetzte. Katrin Kapplusch glänzte vor allem mit ihrem famosen stahlharten, doch jugendlichen Sopran, der viele Turandot-Fans das Herz hat höher schlagen lassen.
Riccardo Massi war der Premieren-Prinz mit jugendlichem Aussehen und unverbrauchter Stimme, der nicht nur die Arie weltmeisterlich beherrschte. Arnold Rawls und Rafael Rojas werden in den weiteren Aufführungen ebenfalls in der Rolle des Calaf mit sicherem Tenor begeistern.
Die drei Minister sind 'nur' doppelt besetzt. Egal wer - musikalisch und optisch sind auch diese Herren ein Genuß, wenn sie spielerisch leicht ihre Rolle umsetzen.
Liu ist zweimal mit einer Asiatin, einmal mit einer Sängerin aus Skandinavien besetzt. Da fällt es schwer, eine heraus zu heben. Allen Sängern kam ja zu Gute, daß sie nicht gegen ein besonders hartnäckig lautes Orchester im Graben ansingen mußten. Man sang aus, die Stimme wurde aber Dank der Tontechnik in das orchestrale Klangerlebnis integriert.
Diese wunderbare Aufführung steht auch nächstes Jahr auf dem Bregenzer Spielplan. Eine Reise an den Bodensee lohnt sich daher nicht nur wegen der schönen Gegend, die man im Hintergrund der Seebühne mit einem glühenden Sonnenuntergang sieht. Das ist ein einmaliges Erlebnis!  Hoffentlich bleibt es trocken und die Aufführung wird nicht wegen hartnäckigen Regens in das Festspielhaus verlegt.

staatstheater: oper NÜRNBERG


DIE GÖTTERDÄMMERUNG

Die Gegenwart hat den Endkampf um den Ring in Georg Schmiedleitners Nürnberger Inszenierung grausam erreicht. Die Welt steht für die frisch verliebte Brünnhilde Kopf in dem Bühnenbild von Stefan Brandtmayr. Die wunderschöne Glitzerwelt der Gibichungen wird von der untersten Schicht der Gesellschaft sprichwörtlich unterwandert. Flüchtlinge, auf einem Schlauchboot kommend, gehören nun zur Gesellschaft. Die Nornen, die die Vergangenheit auf alten Tonbändern reflektieren, brauchen sich nicht zu wundern, daß solch antikes Aufzeichnungsmaterial reißt. Die heile Wasserwelt der Rheintöchter gibt es nur noch aus Plastikflaschen. Gunther und Gutrune machen sich ihr Leben chic und leben genauso blauäugig partnerlos in dieser Welt wie ihr neuer Freund der junge Held, der naiv in Lederhosen mit seinem Stofftier Grane dorthin kommt. Schnell wird Siegfried umgedreht und im gleichen Zwirn wie Gunther gekleidet; sein Pferd schmeißt Gutrune einfach weg. Gelenkt werden diese Figuren am Rhein von Hagen, der sympathisch-gemütlich wirkt und dekorativ den Schlips über seine Plautze drapiert. Aber das macht er nicht so freiwillig; er steht unter brutal strenger Kontrolle seines Vaters. Alberich greift auch schon mal zur Peitsche, um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen; da wirkt Sohn Hagen nur noch wie ein Häufchen Elend. Der will den Ring für sich?

Umgesetzt wird das Regiekonzept von den Sängerdarstellern sehr beeindruckend. Wie schon im 'Siegfried' schön zu erleben, ist Vincent Wolfsteiner nicht nur ein sehr guter Sänger, sondern auch ein hochbegabter Schauspieler, der die Intentionen des Regisseurs umsetzen kann. Besonders positiv auffallend auch Jochen Kupfer als Gunther, der als Softie-Figur durch die Situationen geistert. Lange her, daß ich den Trauermarsch darstellerisch so beeindruckend erleben konnte; daran hatte vor allem Jochen Kupfer großen Anteil. Im Wasserbassin wird Siegfried brutal mit seinem Schwert von Hagen abgestochen. Gunther versucht mit einer tragischen Hilflosigkeit die Umstehenden zu bewegen, sich um den Helden zu kümmern. Ganz allein gelassen, richtet Gunther nun den blutüberströmten Siegfried wieder auf. Stehend blickt der Erschlagene klagend in den Zuschauerraum, ehe er sich zum Sterben auf das Podest legt. Hagen bricht seinem Halbbruder das Genick. Wunderbar, daß Siegfried seine Hand mit dem Ring drohend hebt, als Hagen danach greift; eigentlich macht man das inzwischen woanders immer anders. Hier ist Wagners Anweisung großartig erfüllt.

Brünnhilde gehört das Ende und es ist ein Ende in der heutigen Welt ohne Götter. Die Rheintöchter kommen mit Laptop und unterstützen per Twitter Brünnhildes Botschaft, die rasant im Netz verbreitet wird; Medien berichten. Das Volk zeigt als Digitalbild im Handy das Feuer der untergehenden Götter. Ein positiver Schluß.
Musikalisch liegt das in den Händen von Marcus Bosch, der mit schnellen Tempi durch die Partitur geht; selten gönnt er der Musik Ruhe, um auch Klangräume und Strukturen aufblühen zu lassen. Ob daher Solisten auf der Bühne oder das Orchester musikalische 'Wackler' haben, kann man nur vermuten.
Rachael Tovey ließ sich zu Beginn der Vorstellung am 18.10.15 wegen einer Indisposition entschuldigen. Ihre erwähnte Ingwer-Therapie scheint gefruchtet zu haben; nur zum Schluß ermüdete die Stimme. Diese Partie paßt deutlich besser zu ihrem schön klingenden, volltönenden Sopran; da verzeiht man gern, wenn ein Spitzenton erst gar nicht angesetzt wird. So was passiert auch 70 km östlich von Nürnberg.

Vincent Wolfsteiners sängerische Leistung als Siegfried zu preisen hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Er ist einer der führenden Heldentenöre seiner Zeit; er hat eine schön klingend gesund geführte Stimme, die in jeder Lage sicher ist. Da muß man nie Angst um einen Ton haben. Szenen, die Kraft und|oder Höhe benötigen, scheinen für ihn kein Problem zu sein.
Woong-Jo Choi gestaltet seinen Hagen mit einer nobel geführten Stimme; er hat keinen besonders tiefen Bass, aber eine kräftige Stimme. Alles klingt bei ihm schön gesungen. Antonia Yang ist Alberich, der seine Wotan-Stimmqualitäten auch in dieser Partie eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Besonders erwähnenswert ist die Waltraute von Roswitha Christina Müller, die mit ihrem großen Mezzo eindrucksvoll die Szene gestaltet.
Ekaterina Godovanets macht aus der undankbaren Gutrune-Rolle eine sehens- und hörenswerte Figur. Neben seiner schauspielerischen Präsenz konnte Jochen Kupfer auch musikalisch den Gunther auf hohes Niveau heben. Ein Figaro-Graf, der mit schöner Stimme auch Wagner singen kann.
Die Nornen und Rheintöchter wurden jeweils von den gleichen Sängerinnen vorbildhaft verkörpert. Erstaunlich, daß eine 3.Norn musikalisch so beeindruckend sein kann, um sich dann noch als Woglinde wohl klingend durch die Partie zu bewegen; besonderes Lob daher an Anne Ellersiek, die kurzfristig beide Partien übernahm. Solgerd Isalv als 2.Norn und Wellgunde fällt durch einen schöne großen Mezzo auf und - ist Mitglied des Opernstudios. Ida Aldrian als 1.Norn und Flosshilde komplettiert dieses sehr homogen klingende Terzett.

Alle geben mit ihrem Gesang und Spiel das beste, um die Inszenierung von Georg Schmiedleitner zum Erfolg zu führen. Das Publikum honoriert das mit kräftigen Beifall. 2017 kommt der Nürnberger Ring als zyklische Aufführung. Die Götterdämmerung dieses Jahr sollte man schon mal genießen. Das ganze dann noch mal beim Ring-Zyklus. Nürnberg ist eine Reise wert.



SIEGFRIED

Eine so wunderbar auf die Opernbühne gebrachte Siegfried-Aufführung habe ich lange nicht mehr erlebt. Wo hat man denn gesehen, daß der Schluß echt lustig wird, wann hing man einigen Sängern an den Lippen, da man von Stimme und Artikulation begeistert war, wann hat man die Partitur mit neuen Farben und Akzenten so schön flott transparent gehört, ohne daß die Sänger 'zugedeckt' wurden??? Unweit von Bayreuth: in Nürnberg in einer genauen Inszenierung von Georg Schmiedleitner unter der musikalischen Leitung von Marcus Bosch.

Ein Siegfried steht und fällt mit der Besetzung in der Titelpartie. Häufig bemüht sich der Siegfried-Darsteller und wird von seinem Mime-Partner in den Schatten gestellt. In Nürnberg war das umgekehrt. Vincent Wolfsteiner heißt der junge Held. Er spielt den naiv-jugendlichen Helden so glaubwürdig, er singt die lyrischen Passagen so schön, hat mit den kraftvollen Schmiedliedern gar keine Probleme und im dritten Akt hat er noch so viel Kraft, daß auch seine Partnerin kaum mithalten kann.

Mit dem jungen Antonio Yang erlebte man einen Wotan-Wanderer mit wunderschöner Baritonstimme, dessen Stimme in jeder Passage aufblühte; und man verstand den Text, weil er auch genau die Situation spielt. Das war für mich der weitere Höhepunkt in der ansonsten auch stark besetzten Nürnberger Aufführung.

Rachael Tovey ist die zu weckende Brünnhilde und ist Garant dafür, daß es in der Inszenierung noch richtig lustig wird. Ein kleines Küsschen von Siegfried reicht ihr, um sofort mitten im ihrem prallen Leben zu sein. Aber bis sie auf ihrem Felsen munter wird, ihr Arme und Beine zum Aufstehen gehorchen, ist es schon ein Paradebeispiel für Situationskomik. Sie läßt keinen Zweifel daran, daß sie Siegfried erwartet hat und ihn als Mann will und Siegfried geht es nicht schnell genug.

Regisseur Schmiedleitner läßt sich in den drei Akten viel einfallen, um auch gegen das erwartete bei der Musik, seine Interpretation zu erläutern. Sehr genau gelingt ihm die Personenführung. Stefan Brandtmayr schuf das Bühnenbild. Im ersten Akt ist es ein heruntergekommener Fabrikraum mit Doppelbett und Kühlschrank, in dem viel gekocht wird. Siegfried kommt mit seinen Freunden den Bären und man versteht, warum er später wieder mit ihnen in Welt zieht. Fafners Höhle verbirgt sich unter einem eingestürzten Autobahnteilstück mit Industrie-Rutsche; hier hat der Krieg kräftig gewütet. Sehr schön -auch in Stimme und Spiel- Leah Gordon als Waldvogel mit Luftballons, die das Geschehen sichtbar die ganze Zeit beobachtet. Nicolai Karnolsky gestaltet Fafner mit verstärkter Stimme schön bedrohlich.

Martin Winkler - mit leichten Stimmproblemen - ist eindrucksvoll Alberich und Peter Galliard sein Bruder, der gar nicht so gefährlich wirkt, weil er viel kocht.

Wotans Tarnung ist die eines kiffenden abgeklärten Wanderers. Mit einem Trolly und Baseball-Kappe zieht er durch die Welt, läßt sich einen Joint klauen, ehe er zu seiner neuen Behausung im dritten Akt zurückkehrt. Das ist ein schmuddeliges Pissoir, in dem sich nackte Männer an gleichgeschlechtlichen Praktiken erfreuen; Nürnbergs schönste Statisten wurden dafür eingesetzt. Erda holt Wotan aus der Versenkung; Rita Kapfham(m)er aus Dessau konnte am 21.6.2015 als Gast ihre wunderbare Stimme zu Gehör bringen und spielte die durch Drogen verbrauchte Erda stimmig zur Szene.
Leuchtende Liebe, lachender Tod am Ende der Liebeszene zwischen Siegfried und Brünnhilde endet mit einem deutlichen Bild: der Tod im Brautkleid hält einen Hochzeitsfrack für Siegfried bereit.

Nur noch in der Spielzeit 2014/15 steht der 2.Tag des Bühnenfestspiels von Richard Wagner auf dem Spielplan. Das sollten auch die Fachleute aus dem nahen Bayreuth nicht versäumen. In der nächsten Spielzeit kommt der 3.Tag, die 'Götterdämmerung'. Das ist auf jeden Fall eine Reise wert ins Frankenland nach Nürnberg. Man will ja wissen, wie es weitergeht.



DIE JÜDIN - La Juive

Nach seiner Pariser Uraufführung 1835 war Fromental Halévys Oper schnell so beliebt, daß diese sich lange auf den Bühnen behaupten konnte. Auch Nürnberg konnte bereits 1840 eine erste Aufführung dieses beliebten Werkes auf seiner Bühne als Erfolg verzeichnen. Von 1905 bis 1930 gab es in der Frankenstadt regelmäßig Aufführungen.
Erst viel später brachte damals der besonders rege Regisseur Jon Dew 'Die Jüdin' in Bielefeld, dann sogleich in Dortmund und danach 1994 in Nürnberg in nahezu gleicher Inszenierung zur Aufführung, wieder in deutscher Sprache.

Eine Renaissance erlebt nun Halévys Meisterwerk zur Zeit wieder auf deutschen Bühnen: vor einigen Tagen in Mannheim, bald in Stuttgart und dann in München. Da ist es nur zu loben, daß am 17.1.2016 auch das Staatstheater Nürnberg 'Die Jüdin', diesmal in französischer Sprache, wieder auf die Bühne brachte; in Kooperation mit der 'Opéra de Nice' wurde das Riesenwerk realisiert. Eine große Choroper mit Paraderollen für Tenor, Sopran und Bass und einer komplizierten Geschichte, die hier nur 'angerissen' wird, um die Spannung auf das Werk nicht ganz zu nehmen. Das von Eugène Scribe verfaßte Libretto erzählt in fünf Akten von zwei fanatisch miteinander kämpfenden Religionsrichtungen, denen der Juden und der Christen. Die Christen haben mit dem Reichsfürsten Léopold die weltliche Macht und unterdrücken die Minderheit der Juden durch Gesetz und Militär brutal. Und da setzt die Dramatik der Handlung auf der Opernbühne an; denn Léopold hat ein inniges Liebesverhältnis mit Rachel, der Tochter des jüdischen Goldschmiedes Eléazar. Komplizierter macht diese Geschichte dann noch, daß Léopold eigentlich die Prinzessin Eudoxie heiraten soll und will und Rachel keine Jüdin ist, was sie nicht weiß.
Eléazars direkter Gegenspieler ist Kardinal Brogni; beide haben unter grausamen Umständen Frau und Kinder in vergangener Zeit in Rom verloren und das knüpft sie noch jetzt erbarmungslos zusammen.
Das alles und viel mehr ist eine Steilvorlage für die Bühne, von der wunderbaren Musik von Fromental Halévy ganz abgesehen. Die Inszenierung von Gabriele Rech zeichnete sich vor allem durch die genaue Zeichnung der intimen Szenen des Stückes aus. Dieter Richter ließ dafür ein schönes praktikables Bühnenbild bauen. Auf Treppen fanden die Massen des Volkes Platz, ohne daß dem Chor große Bewegungen abverlangt wurden. Das stolze Heim des Goldschmieds wird später zum verwüsteten Kerker. In der großen Hinrichtungsszene im Schlußbild verfolgen die Hüter des Gesetztes von einer Galerie das Spektakel, während die Massen hinter Gittern verbleiben. Auf die Statisterie des Staatstheaters war wieder Verlass, wenn es um die präzise Verdeutlichung des Geschehens geht.
Dem Zuschauer ist der religiöse Fanatismus und die Unterdrückung und Tötung Andersgläubiger von der Vergangenheit bis zur heutigen Zeit nichts Unbekanntes. Da hat sich kaum eine Religionsrichtung mit Ruhm in die Annalen der Geschichte eingeprägt.
Einen direkter Verweis auf heute wird in der Nürnberger Neuinszenierung so gut wie vermieden. Brav wirken die 'Charlie-Zitat-Schilder' mit den Aufschriften "Je suis Juif" und "J'ai chouché avec un Juif". Für die religiös-fanatischen Gewalttaten der Jetztzeit scheint es auf der Bühne für eine Geschichte, die die Spaltung der Kirche aus dem 14.Jahrhundert zeigt, sonst kaum vergleichenden Bilder zu geben.
Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf allerhöchstem Niveau. Guido Johannes Rumstadt leitete die Staatsphilharmonie Nürnberg und konnte so die fast vergessene Partitur von Fromental Halévy wieder aufblühen lassen, dramatisch und lyrisch mit französischer Schwermut. Die Chöre unter der Leitung von Tarmo Vaask waren dabei ein wohlklingender sicherer Partner.
Alle Partien des Abends sind nicht leicht zu realisieren, benötigen die Sänger doch Leichtigkeit im Gesang, ohne den dramatischen Ausdruck zu vernachlässigen; von extremen Lagen in Höhe und Tiefe gar nicht zu reden. Leah Gordon ist die 'Jüdin' Rachel. Ihr leichter, schön klingender Sopran versteht es, auch die dramatischen Passagen eindrucksvoll zu gestalten. Ihr Spiel einer stolzen Tochter fesselt den Zuschauer und -hörer von Anfang an; eine junge Verliebte, die bis zu ihrem bitteren Ende Mut zeigt. Ebenfalls beeindrucked ist Banu Böke als ihre Gegenspielerin Prinzessin Eudoxie, die mit ihrem mezzo-timbrierten Sopran mehr als nur einen hörbaren Akzent setzen konnte.
Luca Lombardo ist der Jude Eléazar, der diese vielschichtige Rolle bereits für Nizza erarbeitete; er besitzt einen durchschlagkräftigen Charaktertenor, der auch die lyrischen Passagen wohlklingend gestalten konnte. Dagegen hatte es der lyrische Tenor von Uwe Stickert als Reichsfürst Léopold manchmal schwer, unbeschwert mit der großen Rolle des Liebhabers einen Gegenpol zu setzen.
Nicolai Karnolsky singt Kardinal Brogni mit sauber geführten Bass als Gegenspieler zu Eléazar; ihm gelingt es mit kleinen Gesten wieder Ruhe in das Geschehen zu bringen. Ebenso stimmlich und darstellerisch stark präsent waren Jens Waldig als Feldwebel und Kay Stiefermann als Schultheiß der Stadt Konstanz.
Zu erleben ist in Nürnberg ein großartiger Opernabend den es gilt, nicht zu versäumen. Nicht nur um die vielschichtige Geschichte mit vielen Überraschungen zu verfolgen, sondern um eine wunderbares französisches Opernwerk zu genießen.



LES INDES GALANTES
Die Galanten Indien

Selten hat man Gelegenheit, ein Werk von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) auf der Bühne zu sehen und zu hören. Umso angespannter war meine Erwartung, die Premiere seiner 'Ballett-Oper' am 3. April 2016 im Staatstheater Nürnberg zu erleben, ein Werk, der französischen Barockmusik. Ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil.
Rameau, ein Komponist der Aufklärung, und sein Texter Fuzelier siedeln ihr Thema, das Verhältnis zwischen Mann und Frau in unterschiedlichen Variationen, Situationen und Länder an; sie legten damals schon den Finger in viele Wunden der damaligen Zeit und boten so für das Produktionsteam der heutigen Zeit ein Steilvorlage. Als Koproduktion mit den Theatern in Toulouse und Bordeaux nahm nun Nürnberg diese Vorlage auf und realisierte sie genüßlich mit teilweise bitterbösen kritischen Bildern.
Die Ballett-Oper zeigt im Prolog einen Art 'Garten Eden'. Das freizügige Leben dort wird durch die Göttin des Krieges gestört, die erfolgreich Männer als Soldaten rekrutiert. Die Göttin der Jugend Hébé und Amour ahnen Schlimmes. Sie senden drei 'Amoretten' zur Erde, um dort vier Liebesgeschichten zu beobachten und gegebenenfalls auch dort einzugreifen.

In "Der grosszügige Türke" ähnelt die Geschichte Mozarts 'Entführung', nur - daß hier die von Piraten verschleppte Emilie sich für Osman, den Türken entscheidet, und ihren Freund Valère ziehen läßt, nach Griechenland!!!
In "Die Inkas in Peru" gibt es den religiösen Eiferer Huascar, der um Phani wirbt, die aber einen anderen, Carlos, liebt; Phani will sich und ihr Volk vom Tyrannen Huascar befreien. Während Phani mit Carlos fliehen kann, wählt Huascar den Feuertod.
In "Die Blumen, persisches Fest" geht es oberflächlich um Fatime, die vor Eifersucht vergeht. Sie glaubt, daß ihr Freund Tacmas jetzt Atalide als neue Geliebt hat. Als Mann verkleidet erfährt Fatime im Gespräch mit Atalide, daß ihre Eifersucht grundlos ist; Tacmas findet das aber nicht lustig und feiert mit seinen Freunden.
In "Die Wilden" spielt die Geschichte in einem 'nordamerikanischen Wald' mit Natur pur. Dort buhlen zwei reiche Ausländer nicht nur um Zima, sondern auch um den Wald, den sie in ihren Besitz bringen und ausbeuten möchten. Doch Zima lehnt das Kaufangebot und die Anträge der Männer ab und entscheidet sich für einen anderen Mann und damit für die zu schützende Heimat.
Im Epilog kehren die drei Amoretten als Beobachterinnen der vier Geschichten in das Paradies zurück und erfreuen sich mit den Menschen dort ihres Daseins.

Für die Inszenierung und Choreographie war Laura Scozzi verantwortlich. Das was sie mit Sängern und Tänzern umgesetzt hat, war einfach großartig; die Personenführung war präzise und wurde von jedem Einzelnen mit großer Spiellust umgesetzt.
Die Tänzer hatten Dank der Musik einen großen Anteil an dem Bühnengeschehen, vor allem im Prolog. Splitterfasernackt unterstützten diese mit so viel Spielfreude fern von klassischen Tanzposen das Geschehen. Die drei Amoretten sorgten allein durch ihren optischen Anteil an der Bühnenhandlung und durch ihr schelmisches Spiel dafür, daß das Publikum sich prächtig amüsierte und nicht mit Zwischenbeifall sparte.
Die einzelnen Bilder wurden in der Jetztzeit angesiedelt und diese Idee ging ohne Einschränkung und ohne billige Aktualität auf und wurde mit der vorgegebnen Handlung verknüpft.
Im ersten Akt sind es Flüchtlinge, die von der Türkei per Boot nach Griechenland wollen. Im Peru-Akt kommt die Hilfe aus der Luft durch amerikanische Retter. Der dritte Akt wirkt durch seine Deutlichkeit besonders eindrucksvoll, zeigt es doch das Verhältnis des arabischen Mannes zu den Frauen, den Dienenden und den Gespielinnen, die als 'Blumen' mit blonden Perücken für den persischen Mann die Attraktion sind. Im vierten Akt ist das ökologische Thema brisant. Die reichen Ausländer wollen nicht nur eine andere Kultur in dieses Baumparadies bringen, sondern auch durch Abholzung die Natur vernichten.

Die Staatsphilharmonie Nürnberg wurde von Paul Agnew geleitet. Es wurde so zu einem musikalischen Vergnügen und Grundlage für ein großartiges Sängerensemble, an dem besonders der Chor unter der Leitung von Tarmo Vaask Anteil hat. Flott und leicht bringen alle Rameaus Musik präzise zu Gehör; auch der dramatische Impuls der Musik konnte so auf die Bühne übertragen werden.
Von den im Vorfeld angekündigten Einschränkungen durch Indisposition bei zwei Sängern hat man nichts gemerkt. Michaela Maria Mayer und Hrachuhí Bassénz konnten wunderbar die Sopran-Partien gestalten. Besonders die Arie im 3.Akt von Hrachuhi Bassénz war ein Ereignis. Martin Platz konnte mit seinem leichten, ansprechenden Tenor seine Rollen sowohl als Liebhaber als auch als MachoMann musikalisch und darstellerisch gewinnend gestalten; er war immer für den Zuschauer ein 'Hingucker'. Vikrant Subramanian vom internationalen Opernstudio Nürnberg konnte sich mit seiner angenehmen lyrischen Baritonstimme im Laufe des Abends immer mehr steigern. Besonders eindrucksvoll in Stimme und Spiel fiel aber Marcell Bakonyi als Inka-Tyrann Huascar auf, der mit seinem schönen kräftigen Bass kultiviert auftrumpfen konnte; da darf man in Zukunft auf weitere Partien von ihm gespannt sein. Csilla Csövari und Florian Spiess runden das sehr ausgewogene Ensemble, das meist verschiedene Rollen in dieser Rameau-Oper verkörperte, mit ihren Partien so schön ab, daß der Abend auch ein Sängerfest wurde. Alle haben nicht nur schön gesungen, sondern sich auf die Ideen der Regie eingelassen und adäquat ihre Rollen gestaltet; so war es rundum ein Vergnügen, der Handlung auf der Bühne zu folgen.

Auf Laura Scozzi sollte man in Zukunft achten; schade daß ich ihre anderen Inszenierungen in Nürnberg zuvor nicht gesehen habe. Es ist zu erwarten, daß der Nürnberger Hausherr Theiler solch ein Regisseurin auch an seiner neuen Wirkungsstätte an der Elbe arbeiten läßt.

Eine Reise an das Nürnberger Musiktheater ist dringend zu empfehlen.




THEATER DORTMUND

theaterdo.de

TRISTAN UND ISOLDE

Da bietet doch das Theater Dortmund im gut besuchten Haus eine glanzvolle und diskussionswürdige Spielzeiteröffnung. Der Hausherr Jens-Daniel Herzog inszenierte eine gar nicht so romantische Liebesgeschichte. Das fängt schon im Vorspiel an; Tristan unterschreibt im trist-grauen Büro ein Todesurteil, der Delinquent darf noch eine rauchen und wird im off erschossen. Reisende kommen mit Koffern und werden vom militärischen Personal unfreundlich begrüßt, begrapscht und weitergeleitet zur Einreise in den nächsten ähnlichen Raum, so auch Isolde und Brangäne. Die Drehbühne schafft scheinbar neue Bilder und ähneln sich doch; in jedem Büro des Militärstaates hängen Bilder des Herrschers König Marke. Der junge Seemann und Kurwenal sind funktionierende Soldaten dieses Systems. Da merkt man sofort, daß Liebe dort nicht entstehen kann. Man merkt seine gewissen Zuneigung Tristans zu Isolde; den Trank kostet er schon mal vorab; Brangänes Mix zeigt eine berauschende Wirkung.
Im zweiten Akt wird es brutal. Beim Liebestreffen ist das Militär immer präsent, so daß Tristan sich anfangs sehr zurückhält, ehe man zuletzt doch beginnt, die Kleidung abzulegen. Immer wieder bewegt sich die Bühne, eröffnet scheinbar neue Räume für das Paar, ehe man im holzvertäfelten Raum landet, in dem Marke mit seinem Personal schon wartet. Kurwenals Warnung kommt zu spät; er wird von Melot gefoltert.
Der dritte Akt wirkt vom Raum noch trauriger. Markes Bilder fehlen zu den grauen Wänden und der Holzvertäfelung; den Hintergrund bildet der eiserne Vorhang. Der angeschossene Tristan schleppt sich in seinem Fieberwahn durch die sich Dank Drehscheibe verändernden Räume. Der verletzte Kurwenal kann da nicht mehr helfen. Der Hirt will nicht helfen, denn er gehört zum militärischen Personal; er bringt schon Kränze und Tristans Bild mit Trauerflor in Markes holzvertäfelten Raum. Dort wartet man auf Tristans Tod; Brangäne ist bei Marke, die sich auch durch ihre Kleidung angepaßt hat. Kurwenal wird nun von Melot im Hintergrund erschossen. Während Tristan aufgebahrt wird, erlebt Isolde an der Rampe den Liebestod. Der Raum verändert sich wieder, der letzte Hinweis auf Realität schwindet und Tristan erwartet im Hintergrund auf seine Isolde.

Die narkotisch wirkende Wagner-Musik wird durch Regie und Inszenierung kaum aufgenommen. Die Personenregie wirkt sehr realistisch; der sich immer wieder ändernde Raum schafft nur optische Bewegung und keine neue Dimensionen.
Musikalisch ist der Dortmunder Tristan bestens aufgestellt Dank der musikalischen Leitung von GMD Gabriel Feltz und den Dortmunder Philharmonikern drängen schnelle Tempi die Handlung nach vorn, ohne die Sänger zuzudecken; auch schwelgerische Höhepunkte werden zugelassen und ruhende Momente.

Bei den Sängern greift man auf Bayreuth - Erfahrung zurück. Lance Ryan ist ein Tristan mit schöner klarer Stimme, dem die Partie keinerlei Probleme bereitet. Allison Oakes ist eine in Spiel und Stimme sehr jugendlich wirkende Isolde mit klarem Sopran; eine ausgezeichnete Leistung. Martina Dike als Brangäne ist phänomenal. Zu Recht bekommt Karl-Heinz Lehner vom Dortmunder Ensemble als Marke tosenden Schlußapplaus für seine Leistung. Sangmin Lee ist ein in Stimme und Spiel beeindruckender Kurwenal. Lucian Krasznec setzt seinen schönen kräftigen lyrischen Tenor für den jungen Seemann/Hirt als Militärfigur ein.

Dem Premieren-Publikum am 6.9.15 gefiel vor allem die musikalische Realisation, während die Regie einige Buhs abbekam.

Ein Besuch in Dortmund lohnt sich auf jeden Fall; auch einige Neubesetzungen sind vorgesehen.


Am 22. November 2015 gab es im Dortmunder Musiktheater eine sehens- und hörenswerte Repertoire-Vorstellung. Rebecca Team sang eine beeindruckende Isolde. Als ob diese Partie auf ihre Stimme geschrieben wurde, glänzte sie in allen Facetten, ob dramatisch oder lyrisch. Immer sprang ihre Stimme schön, kräftig oder dezent an. In nichts stand sie ihrer Premieren-Kollegin nach. Auch ihre Darstellung fügte sich in die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog bestens ein; sie fand wunderbar den Charakter für ihre Isolde.
Man sollte diese Inszenierung mehrmals sehen. Zum ersten Mal verstand ich Tristans - Todessehnung. Hatte er doch im Vorspiel das Todesurteil eines Mannes unterschrieben, der dann im 2.Akt rauchend wieder erschien. Von Markes Militärdiktatur geht eine Todes-Atmosphäre aus, die alle beeinflußt.
Eine weitere Überraschung des Abends war Fritz Steinbacher als Seemann und Hirt. Sein schöner leichter Tenor war immer präsent und sicher geführt ohne vokale Tricks. Seine Bühnenpräsenz und sein Spiel sind vorbildhaft.
Blazej Grek durfte für den erkrankten Kollegen einspringen und konnte seinen kräftigen Tenor neben dem Steuermann auch als Melot (den die Abendansage als Merlot bezeichnete) einsetzen. Die ebenfalls entschuldigte Martina Dike gestaltete ihre Brangäne ohne Einschränkung auf bekanntem hohen Niveau; lediglich ein Taschentuch im 1.Akt zeugte von einer Indisposition.

DREI STREIFEN:TANZ

Es ist kein Geheimnis, daß die Dortmunder Ballett-Companie zu den besten zählt, in NRW sowieso und darüber hinaus. Das hat sich mit der neuesten Ballett-Produktion der Spielzeit 2014|15 "Drei Streifen:Tanz" wieder bewiesen.

Das liegt schon an der Qualität der Choreographen. Von Benjamin Millepied, inzwischen Ballettdirektor in Paris, wurde 'Closer' wieder aufgenommen. Nach der Live-Klaviermusik von Philip Glass zeigten ausdrucksstark Monica Fotescu-Uta und Mark Radjapov, daß auch das Tanzensemble auf gleich hohem Niveau in der Lage ist, die erstklassige Choreographie umzusetzen.

Danach gab es drei Arbeiten von Demis Volpi. Kurzweilig und perfekt erläuternd umgesetzt wurden die Elvis-Titel bei 'Little Monsters'. Besonders gefühlsstark erwies sich die Choreographie 'Privat Light' mit Clara Sorzano und Andrei Morairu. Da gegen konnte die Uraufführung 'Ebony Concerto' nicht mithalten, obwohl Denis Chiarioni und Giuseppe Ragona auch hier tänzerisch die choreographischen Einfälle einfühlsam umsetzten. Der erste Teil des Ballett-Abends wurde so zum Höhepunkt, da die choreographische Bildsprache der Beziehungen im Mittelpunkt stand und dementsprechend mit höchster Intensität und Gefühl umgesetzt wurde.

Da hatte es nach der Pause das Handlungsballett 'The Piano' nach Jane Campion von Jìrí Bubenícek schon schwerer; der Choreograph setzte neben tänzerisch-choreographischen Höhepunkten viel auf nur erläuternde Gesten und Handlungsabläufe. Ergänzt wurde die Erzählung durch das Videodesign seines Bruders Otto. Hinzukommt, daß die Musikuntermalungen von Strawinski bis Brahms einen zu vielschichtig musikalischen Teppich boten. Hier bot es aber dem großen Dortmunder Ensemble Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen, selbst beim Umbau. Emilie Nguyen als Ehefrau Ada und Dmitry Semionov konnten sich solistisch ebenso profilieren wie Arsen Mehrabyan als Liebhaber George. Volles Haus zeigt, daß erstklassig choreographisch umgesetzte Arbeit von den Besuchern honoriert wird.


DON GIOVANNI

Da haben Mozart und sein Liberettist da Ponte in der damaligen Zeit das Thema der Handlung schön in Musik und Text 'versteckt'. Da gehen die Theatermacher in Dortmund schon offener zu Werke. Da sieht und hört man gern, was da gewollt wird.

Die handelnden Personen stehen im Vordergrund. Das Orchester spielt hinten auf der Hauptbühne, häufig durch Gaze kaum sichtbar. Auf der Vorbühne ist für die Rezitative ein Hammerklavier und ein Cello. Der Orchestergraben ist hochgefahren, die ersten Reihen im Saal sind noch überbaut, so daß der Zuschauer sein Kinn auf die Bühne legen kann; ein Steg führt in die Mitte des Saals und wird oft genutzt. Dort vorn wird also gespielt und man ist also nah dran. Der Nachteil, daß der Orchesterklang sekundär wahrgenommen wird; glänzender Mozart-Sound kommt so kaum auf. Der Vorteil, daß die Handelnden immer präsent sind. GMD Gabriel Feltz macht mit seinem Orchester das beste draus, hält alle zusammen und die Sänger kann er so nicht zudecken. Und - der Übergang vom Rezitativ zur Orchester-Nummer ist unmerklich fließend; das wird von allen toll gemacht. Oft hört man Giovannis Credo der Champagner-Arie durch das Hammerklavier -je nach Situation- angedeutet.

Zur Ouvertüre sitzen alle Sänger-Darsteller -wie bei einem Konzert- in einer Reihe an der Rampe und schnell wird vieles klar. Elvira sucht Körperkontakt zu Giovanni, der aber nicht will. Da wechselt er doch lieber seinen Platz und setzt sich neben Anna, die das gut findet. Ottavio interessiert eher sein Handy und Annas Vater der Komtur schläft während des Konzertes ein. Beste Gelegenheit für Giovanni und Anna, einvernehmlich hinter den Stühlen gleich zur Sache zu kommen. Der Komtur stirbt durch einen Sturz, nicht durch die Hand eines anderen.

Jeder steht in irgendeiner Weise in Abhängigkeit zu Don Giovanni, der eigentlich nur seinem Trieb nachgeht, den er in der Champagner-Arie äußert und so etwas von seiner Persönlichkeit preis gibt. Denn alle seine anderen musikalischen Äußerungen sind Kommunikation und | oder gelten dem Ziel, einer Beziehung näher zu kommen.

Gespielt wird von den Sängern genau und mit viel Spielfreude, die sofort auf den Zuschauer überspringt; von Regisseur Jens-Daniel Herzog werden sie so geführt, daß die Intentionen der Einzelnen erkennbar werden. Don Giovanni will nur "spielen". Sein Problem ist nicht, daß die anderen auch das mit ihm nicht wollen; diese anderen haben das Problem, das zu verheimlichen oder sich von ihm zu lösen. Wunderbar wenn klar wird, daß Don Ottavio sich von Don Giovanni angezogen fühlt; ein Kuß von Giovanni erschreckt ihn so sehr, daß er seine Liebe zu Anna in einer Arie reflektieren muß; Bisexualität ist sein Problem.

Und so rächen sich alle an Don Giovanni, der durch die Ereignisse nicht mehr Herr all seiner Sinne ist. Mit Masettos Messer wird dieser von jedem nieder gestreckt. Mit dem Mord des Objekts ihrer Begierde lösen sie ihr Problem.
Gesungen wird auf der Dortmunder Bühne quer durch die Bank ausgezeichnet. Allen voran für mich als Überraschung, die Reaktivierung von Karl-Heinz Lehner als Don Giovanni. In meiner letzten Giovanni-Aufführung in Dortmund vor Jahren wurde er während der Aufführung durch einen Kollegen ausgewechselt. Eine langwierige Krankheit hinderte ihn am Weitermachen. Und jetzt meldet er sich grandios zurück mit einer großen, in allen Lagen wohlklingenden Stimme.
Welches hervorragend junges Sängerpotential das Dortmunder Musiktheater aufzubieten hat, kann man an den Damen feststellen: Ashley Thouret ist eine Donna Anna mit leuchtend klarer Stimme in allen Lagen; dramatisch schön Emily Newton als Donna Anna. Julia Amos als Zerlina profiliert sich stark.
Ein zweite, vielleicht noch größere Überraschung ist der junge Lucian Krasznec mit seinem Rollendebüt als Don Ottavio. Er besitzt eine schön klingende, in allen Lagen sicher geführte -auch kräftige- Stimme, bei der auch die Piani aufhorchen lassen. Das ein Haus solch einen Tenor hat, ist ein dickes Pfund. Morgan Moody ist ein perfekter Leporello; Ian Siddeq als Masetto ist ein weiterer Pluspunkt der tiefen Stimmen. In diesem Zusammenhang nicht zu vergessen ist Christian Sist als wohl und voll klingender Komtur.

Nur noch wenige Aufführungen stehen in Dortmund auf dem Spielplan; das sollte man sich nicht entgehen lassen. Eine mustergültige Inszenierung ist zu erleben mit einem starken Ensemble, das man auf anderen Revierbühnen nicht so erleben kann.

Zum Abschluß der Spielzeit 14|15 gab es noch einmal den Don Giovanni am 28.6.15 - und das vor vollem Haus. Das Publikum zeigte sich enthusiasmiert - und das zu recht.
Gerardo Garciacano war wieder die Titelfigur. Ihm beim Spiel zuzusehen in der genauen Inszenierung von Jens-Daniel Herzog war eine Wonne. Schade, daß er mit seiner Kraft nicht mit den Kollegen|innen mithalten konnte, die alle auf allerhöchstem internationalen Niveau ihre Rollen gestalteten. Karl-Heinz Lehner, der ja auch fulminant den Giovanni in der gleichen Inszenierung gibt, war wieder eindrucksvoll mit großer Stimme der Komtur. Morgan Moody ist sehr spielfreudig der Leporello; das scheint eine Paradepartie für ihn zu sein. Neu für mich war Eleonore Marguerre als Donna Anna - mit ihrem sicheren klaren immer schön klingenden Sopran war sie so was von ausgezeichnet. Ebenfalls auf allerhöchstem Niveau Lucian Krasznec als Don Ottavio, der mit dieser Rolle auf internationalen Bühnen seinen Weg machen wird. Emily Newton (Elvira) und Julia Amos (Zerlina) bewegten sich ebenfalls auf hohem Niveau, so wie Sangmin Lee als Masetto.
Eigentlich sollte das die letzte Aufführung sein; nun ist sie es nur 'in dieser Spielzeit' und wird wohl wieder aufgenommen. Das wäre ja auch mehr als schade. Neubesetzungen stehen an und werden weiterhin für wunderbares Musiktheater sorgen; Dortmund katapultiert sich mit dieser Produktion im Revier und darüber hinaus an vorderste Stelle. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

KISS ME KATE

Das Dortmunder Musiktheater kann sich vor 'Rennern' wohl scheinbar kaum retten. Das Musical von Cole Porter mit eigenen Kräften in den Hauptpartien auf den Spielplan zu nehmen ist nicht unbedingt Garant für den Erfolg, daß muß man noch realisieren. Doch mit dieser Produktion spielt sich die Westfalen-Metropole weiterhin ins Zentrum der führenden Bühnen in diesem unseren NRW-Lande.

Unter der Regie von Martin Duncan unterstützt von der Choreographie von Nick Winston entsteht keine Sekunde Langeweile. Der Rotstift an der Partitur wurde sparsam eingesetzt. Bereits in der Ouvertüre wurde durch die ausgefeilte Inszenierung das Thema der Geschichte eingeführt.
Und dazu noch das beeindruckende Bühnenbild von Francis O'Connor, der dazu die geschmackvoll farbenfrohe Kostüme entwarf. Beginnend mit einem großen LKW-Rolltor, eingerahmt von einem Lichterrahmen, aus dem die Kostüme und Requisiten ausgeladen wurden, wirft man später seinen Blick auf eine scheinbar riesengroße in den Himmel ragende schräge Hinterhof-fassade, die den Backstage-Bereich der Handlung bildet. Das Bild der Shakespeare-Handlung ist nicht nur praktikabel, sondern dazu schön mit seinen Farben anzusehen. Die notwendigen Umbauten erledigen sichtbar Chor, Ballett und Technik oder es fällt mal eben der Zwischenvorhang vom Opening. Das geht alles wie am Schnürchen.
Gespielt wird differenziert und präzise, gesprochen und gesungen wird über Microport. Die Aussprache ist so bei allen deutlich und verständlich; der Dialog wird deutsch gesprochen, die Musiknummern werden im englischen Original gesungen, was den beiden Hauptprotagnisten besonders liegt.
Emily Newton ist Lilli Vanessi und Morgan Moody ist Fred Graham. Beide Sänger gehören zur ersten Garde im Dortmunder Ensemble - und sie singen und spielen das mit ihren großen Stimmen wunderbar. Alle, ob Solisten, Chor oder Ballett singen, spielen und tanzen ihre Rollen auf hohem Niveau. Publikumslieblinge sind aber die beiden Ganoven. Da nutzt das Haus die Gunst der Stunde, besetzt diese beiden Figuren mit waschechten Österreichern und die Regie lässt die beiden mit ihrem Dialekt granteln. Fritz Steinbacher und Karl Walter Sprungala heimsen den kräftigsten Applaus vom teilweise sehr jungen Publikum am 2.12.2015 ein.
Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster sorgen für eine flotte, schön klingenden Umsetzung von Cole Porters Komposition. Dank der Tontechnik klingt alles rund. Dazu läßt sich prima singen und tanzen. Ein schöner 3-stündiger Abend mit so großem Unterhaltungswert, daß man nur hoffen kann, diese Inszenierung noch lange auf dem Dortmunder Spielplan zu sehen.

HÄNSEL UND GRETEL

Es ist ja nicht garantiert, daß ein Haus zu Weihnachten voll wird, wenn man nur Humperdincks bekannteste Oper spielt. Aber das Dortmunder Musiktheater hat mit seiner Neuinszenierung so gut wie alles richtig gemacht. Nur zu Anfang in Peter Besenbinders Hütte mußte man sich an das Werk gewöhnen.
Aber je länger es dauerte, um so mehr konnte man Gefallen an der Inszenierung von Erik Petersen finden. Bühne und Kostüme von Tatjana Ivschina taten das ihrige für das Gelingen; ohne auf Kitsch zu setzen sorgten viele Lämpchen für die Engelatmosphäre im nächtlichen Wald. Vielmehr schaute man immer gerne hin, entdeckte neues; Fangorns Wald mit seinen Geistern fiel einem ein; das Hexenhaus war diesmal kein überdimensionierter Lebkuchen. Auf einmal sah man dort in das Innere und konnte sich schon mal auf den großen Auftritt der Hexe freuen.
Musikalisch war die Aufführung am 18.12.2015 bestens aufgestellt. Philipp Armbruster sorgte mit den Dortmunder Philharmonikern dafür, daß die Musik, nie bombastisch-süßlich wirkte, sondern schlank und durchschaubar war. Selbst der Kinderchor zum Schluß hatte seine verdient schöne optisch und musikalische Wirkung.
Die Solisten waren mit Dortmunds ersten Kräften besetzt. Ileana Mateescu als Händel gestaltete musikalisch und auch optisch keinen aufgesetzten Bengel und konnte so nicht nur bei den jungen Zuschauern punkten; Tamara Weimerich hatte als Gretel nicht nur einen sehr schön klingenden Sopran zu bieten, sondern zeigte auch eine eindrucksvoll warm-herzliche Bühnenpräsenz.
Deren Eltern waren mit Martina Dike und Sangmin Lee optimal eingesetzt. Beide waren mit viel Spielfreude dabei und man merkte nicht, daß diese beiden Partien schweres Kaliber sind.
Star des Abends war aber wohl für alle Fritz Steinbacher als Hexe. Im Morgenrock bei seiner Zeitungs-Lektüre erwartete er die beiden Kinder listig, die auf seinem Dach herumturnten; ein Kochlöffel als Haarspange diente als Zauberstab. Chic im engen hochgeschlossenen Kleid verborg die Hexe mit ihrer tollen, schlanken Figur ihre Gefährlichkeit. Die ließ sie immer nur sekundenweise durchblicken. Die schön geführte Tenorstimme von Fritz Steinbacher klang in allen Phasen so verführerisch, daß das Titelpaar damit eingelullt werden mußte.
Das Ende der Geschichte kennt der Zuschauer; aus der Hexe wurde adäquat in Dortmund eine schöne Torte.
Viele jugendliche Zuschauer waren an diesem Abend Gäste im Dortmunder Zuschauerraum. Das diese auch ruhig blieben und alles aufmerksam verfolgten, war neben dem kräftigen Applaus ein besonderes Lob an das Leitungsteam und alle Mitwirkenden.


NACHWUCHS

FOLKWANG - UNIVERSITÄT DER KÜNSTE
Physical Theatre

Das Physical Theatre versteht sich als genreübergreifend. Blickt man tief in die Vergangenheit dieses Studiengangs an der Folkwang Hochschule, so fällt sofort Milan Sladek auf, der mit seiner Kunst lange seinen Stempel auf den Studiengang Pantomime gedrückt hat. Das ist eine Zeit lang her. Die Leiter in der Nachfolge und die Absolventen haben mit ihrer künstlerischen Tätigkeit  die Richtung der Arbeit nachhaltig verändernd geprägt. Nun heißt es Physical Theatre und sieht jetzt die Körpersprache "nur" als Ausgangspunkt zur Schöpfung eigener Themen.
Physical Companies kommen aus dieser Arbeit hervor und arbeiten mit ihren Programmen international. National wäre für diese Art von Performance ein zu kleines Tätigkeitsfeld; öffentlich subventionierte Theater sind für diese Art von Kunst sicherlich nur an Gastspielen interessiert.
Ich kann mich noch an die Dauerbesetzung der alten Aula erinnern, bei der durchgehend Tag und Nacht Programm geboten wurde, um den drohenden Abriss zu verhindern. Dabei war der Student Thomas Stich mit einer klassischen Pantomime. Noch immer stark in Erinnerung die Maskenpantomime von Habbe und Meik, die auch international Kultstatus erlangte. Bis heute ist deren Arbeit prägend und beide sind auch 2015 auf der Bühne präsent, wenn auch meist getrennt. Nachfolger mit ähnlicher Maskenarbeit sind immer noch aktiv und werden auch gern vom Physical Theatre lobend erwähnt und zu Gastspielen eingeladen.
Als Auftaktveranstaltung zum 50. Jubiläum des Studiengangs wurden im März 2015 zwei aktuelle Diplom-Arbeiten präsentiert, die ihre eigenen Geschichten erzählten.
"Schluckreiz in paradise" heißt die 'Artist Diploma' von Anina Büchenbacher und Michael Zier. Bereits zur Einstimmung wurden auf der Vorhangfolie statistische Fakten zum Thema Porno projiziert. Tierisch mittels Masken ging es am Anfang zu; mit dezenten Körperbewegungen bot jeder seine Porno-Phantasien. Schön, wie sich alle zum Schluß davon befreiten und durch die Theater-Tür ins Freie entschlüpften.

Studiengang Regie

RUMMS! DIE WERKSCHAU
 
Da wurde mit der Schauspielklasse im vergangenen Semester fleißig probiert, damit die Regie-Klasse mit den Studenten des 3.|4.Semesters Anfang des Semesters 15|16 seine Arbeiten vor begeisterten Mitstudenten und Besuchern präsentieren konnte. Schön ist es, daß in dieser Phase alle Mitwirkenden ihre Phantasie freien Lauf lassen, Idee ausprobieren und mit ihren Kollegen|innen umsetzen können.
Besonders auffallend ist die Produktion von Beckets "Warten auf Godot" unter der Regie von Remo Philipp. Cynthia Cosima ist Estragon und Denis Grafe ist Wladimir. Die Schauspieler wurden präzise geführt und sie setzen das alles mit einer Spiellust um, daß man Lust auf die Zukunft dieser jungen Leute bekommt. Remo Phillip macht aus Becket ein Parabelspiel zwischen Mann und Frau. Als Adam und Eva lernen sich beide mit ihrer Sexualität kennen. Vom Warten auf Godot kommen sie immer wieder auf sich selbst zurück. Für mich ist das der Höhepunkt der von mir gesehenen Präsentationen.
Viel Regie-Phantasie und Humor wurde in der Textcollage "Das Tote Meer" von den sechs Schauspielern gezeigt. Auch hier das eine Arbeit von Regisseur Remo Philipp.
In der Regie von Jabok Arnold wurde ein Szenenfragment von Shakespeares "Macbeth" gezeigt. Linus Schütz konnte vor allem mit seinem körperlichen Einsatz glänzen und zeugte auch von seiner Musikalität am Flügel.
Trotz einer kleinen Durchhängephase zu Anfang war die Regiearbeit von Daniel Kunze von Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" sehr dicht erarbeitet. Hanni Lorenz und Marie-Paulina Schendel zeigten ein beeindruckendes Ensemblespiel.
Alle Mitwirkenden können sich beweisen. Schade, daß immer noch Nacktheit auf der Bühne herhalten muß, um bestimmte Interpretationen auszuprobieren. Aber auch so was droht den Schauspiel-Studenten später im Engagement.


Universität der Künste - Zeitgenössischer Tanz

Die Kaderschmiede an der Folkwang-Hochschule in Essen-Werden bot am 26.2.2015 wieder Einblick in den Ausbildungsstand. Schon, der Name des Ausbildungszweigs zeigt, daß man keinen klassischen Tanz erwarten darf.
Studierende aus dem 4.Semester -teilweise 2. und 3. Semester- stellten sich als Choreographen und als Tänzer ihrer eigenen choreographischen Arbeit vor. Insgesamt 17 kleine Werke durfte das Publikum begutachten. Viele Beitrage waren Soli oder mit Partner|in.
Ein Höhepunkt war für mich 'Daliokijua' von Celine Bellut. Ein großes Stück mit 5 Tänzern, die sich individuell mit ihren Bewegungen immer mehr steigern. Bis auf einen, der nur ein Lied singt und summt und langsam seinen Weg vor und zurück geht und so sich von den vier anderen auch optisch unterscheidet. Doch dann hört er auf zu singen und schließt sich mit seinen immer stärker werdenden Bewegungsformen an. Das Stück endet so wie es begann, fünf Personen bleiben isoliert in ihrem Dasein.
Auffallend, daß die ersten drei Beträge auch mit der Stimme der Tänzer arbeiten. Sehr schön wie Luisa Saraiva mit Gesten und Stimme arbeitet. Bei Eva Pageix übernimmt die Ton-|Musikuntermalung ihren Schrei.
Bewegung und Tanz zeigen sich bei den Studierenden auf hohem Niveau, wie bei Laura Susanne und Hauke Martens in 'Cirren'. Schön wie Liliana Ferri in 'Pelisse' mit einem Mantel als Korsett kämpft oder wie Léonor Clary mit ihrem Stuhl umgeht. Lustig wird es zum Schluß bei Uwe Brauns und Eva Pageix.
Über 30 Mitwirkende stellten sich dem stürmischen Beifall des sachkundigen Publikums. Bereits jetzt suchen viele Engagements, um mit ihrem Können die Tanzwelt zu erobern. Städtische subventionierte Kompanien, wie z.B. die besonders erfolgreichen in Dortmund oder Düsseldorf, bauen auf klassische Tanzformen. Für zeitgenössischen Tanz bleiben dann erst mal nur tourende Gruppen.


BUNDESWETTBEWERB gesang BERLIN

Konzert der Preisträger Musical und Chanson

Im Friedrichstadt-Palast zu Berlin trafen sich am 2.12.13 wieder die besten der Ausbildungsinstitute für die Fächer Musical und Chanson. Was man sah, konnte sich vor allem hören und auch sehen lassen. Für den erkrankten Dominique Horwitz sprang kurzfristig Katharine Mehrling ein, eine Kennerin des Metiers; und das machte schon Spaß, sie bei der Moderation durch den wunderbaren Abend zu erleben.
Neben den Pianisten Lena Sophia Schmidt und Jürgen Beyer, sowie Liviu Petcu und Nikolai Orloff, nahm Adam Benzwi mit seiner Combo die musikalische Begleitung in die Hand; auch er begleitete am Piano.

Die 18 Preisträgerinnen und Preisträger kamen von deutschen privaten und staatlichen Ausbildungsinstituten und boten ein sehr hohes Niveau in ihren Beiträgen.
Der erste Förderpreisträger mit einem Jahresstipendium, der in Spiel, Sprache, Gesang und Tanz besonders talentierte Philipp Büttner aus München, brachte seine beiden Beiträge vor der Pause, was schon ein Höhepunkt des Abends war. Aber auch z.B. die zweiten Preisträger, wie Paula Skorupa oder Moritz Schulze, fielen angenehm auf. Vor allem die sprachliche und darstellerische Präsenz der meisten Preisträger in den unterschiedlichsten Kategorien, wie die Chansons von Vladimir Korneev oder Christophe Vetter, er machte seinen Beitrag 'Hotel Mama' zu einem Hit, zeigte vom hohen Können der Protagonisten. Die Preisträgerinnen mit großer Stimme aber bescheidener Präsenz blieben so etwas blass.
Alle 18 Künstler waren beispielhaft für die Qualität der Ausbildungsinstitute und haben schon ihre ersten Engagements im professionellen Theaterbereich erfolgreich bestritten. Da kann man gespannt sein, wie sich alle Preisträger auf internationalen Bühnen bewähren, gibt es doch inzwischen viele Möglichkeiten für einen Einsatz, sowohl in reinen Musicalhäusern oder aber auch bei städtischen und staatlichen Häusern.

Ich werde versuchen, die Entwicklung der jungen Künstler zu verfolgen und freue mich schon jetzt, den einen oder die andere wieder auf der Bühne zu erleben.


Im Friedrichstadt-Palast zu Berlin standen am 7.12.2015 wieder die Preisträger des Bundeswettbewerbs Gesang auf Europas größter Revue-Bühne. Nach einer anstrengenden Vorentscheidung der Tage zuvor, zeigten 17 Preisträger ihr erstklassiges Können.
In immer schönerem Stoff gehüllt, führte Gayle Tufts kurzweilig und launig durch das Programm. Adam Benzwi am Flügel begleitete mit seinem Quartett wieder die Künstler und garantierte so eine perfekte musikalische Darbietung aller.
Nicolai Schwab zu Beginn legte mit dem "Kameramann" die Messlatte für alle seiner Mitpreisträger|innen sehr hoch; nicht alle kamen an die musikalischen und darstellerischen Leistungen des jungen Mannes heran. Vor der Pause boten aber Theresa Weber mit ihrer Darstellung einer Musicalszene und Devi-Ananda Dahm, sie erhielt ein Jahresstipendium mit dem 1.Förderpreis, mehr als ansprechende Leistungen in Stimme und Präsenz. Mit seinem Chanson-Medley am Flügel zeigte Florian Wagner sehr eindrucksvoll, daß man nur durch seine Stimme und Gesangspräsentation zu recht unter die Preisträger kommt.
Nach der Pause steppte Peter Schmid seine "Kalte Füße" erfrischend weg und ist bereits jetzt in einer Hauptrolle in Zürich zu erleben. Sophia Euskirchen ist mit ihrem Chanson "Die Nachtclubsängerin" eine ebenso würdige Preisträgerin wie Benjamin Vinnen als 1.Chanson-Preisträger, der mit "Die Einsamkeit" und "Enerw" das Publikum sofort in seinen Bann zog. "Mit dir" war ein ebenso gelungener Musicalbeitrag von Linda Toh wie "Flieg mit mir zum Mond" von Hanna Mall.
Doch der erste Preisträger für die Sparte Musical mit seinen Beiträgen "Manchmal" und "Glory" zeigte, warum er diesen Preis erhielt. Es kamen keine Zweifel auf, warum Benjamin Weißert diese tolle Auszeichnung für seine großartige Leistung erhielt. Das Publikum jubelte.
Ich bin gespannt, wann ich die jungen Preisträger auf irgendeiner Bühne wieder erlebe.


OPER LEIPZIG


DAS LIEBESVERBOT

Auf dem Spielplan in Sachsen stand eine Kooperation mit den Bayreuther Festspielen. Denn auf dem grünen Hügel in Franken darf man ja das Frühwerk des 21-jährigen Komponisten nicht aufführen. So mußte eine Zusammenarbeit beider Städte her; von Leipzig produziert, wurde das Werk auch in der Stadthalle Bayreuth aufgeführt. Diese Co-Produktion hat sich auf jeden Fall gelohnt. Besucht wurde die 9.Aufführung am 23.5.15 in Leipzig.

Hört man sich nur die Komposition des jungen Wagners an, ist man überrascht. Da tönen schon Stellen aus Tannhäuser, da gibt es große Chorszenen und ergreifende Melodien. Aber es ist auch ein zusammenhangloses Konglomerat von stilistischen Mitteln. Der große melodische Bogen fehlt. Eine besondere Stärke sind die Buffo-Szenen. Was sich da der Komponist und Autor schon hat einfallen lassen, ist im Vergleich auch zu seinen späteren Werken, mehr als sehens- und hörenswert.
Hört man sich die Produktionen der Ton-Industrie an, so klingt dort manches sehr trivial und klanglich nicht ausgereift. In Leipzig auf der Bühne und im Graben wirkt es schön geschlossen; da hilft der Orchesterklang und eine genau erzählte und gesungene Geschichte auf der Bühne. Dazu hilft die sehr gute Akustik des Hauses.
Bereits bei den ersten Takten der Ouvertüre hörte man: da ist ein Spitzenorchester am Werk. Das Gewandhaus Orchester unter der Leitung von Jeremy Carnall ließ alle musikalischen Farben nur so leuchten und sezierte die Komposition auf das Feinste zu einem wunderbarem Hörerlebnis.
Die 11-köpfige Sänger-Besetzung mühte sich ebenso, die Komposition zum Klingen zu bringen. Die zahlreichen Tenöre quäken nicht, die Hauptpartien waren mit großen Stimmen besetzt. Man hört aber doch, daß der alte Richard auch hier schon nicht alles mit Rücksicht auf die Sängerstimme geschrieben hat.

Mark Adler, den ich als Mozart-Tenor noch aus Gelsenkirchen kenne, ist Luzio; eine kräftige aber leicht zu führende Stimme ist für dies Partie notwendig und er muß eine Buffo-Figur spielen. Das setzt er alles prima um. Guy Mannheim, eine Woche später ist er für mich Siegmund, ist Claudio. Er verfügt über eine baritonal gefärbte Stimme ohne Höhenprobleme. Allein Tuomas Pursio als Friedrich hätte man etwas mehr Schmelz in seiner Bariton-Stimme mit stärkerer Tiefe für den Abend gewünscht.
Christiane Libor, eine Woche später für mich die Sieglinde, ist die Isabella mit einem kräftigen Sopran, der mehr im Piano als im Forte leuchtet. Magdalena Hinterdobler kommt mit der Buffa-Figur der Dorella musikalisch und szenisch bestens zurecht. Auch bei Marika Schönberg als Mariana merkt man, daß der Komponist nicht alle Partien mit seiner Orchesterbegleitung trägt; doch auch sie singt ohne Fehl und Tadel.
Das muß man auch allen etwas kleineren Rollenträgern attestieren, die mit besten Stimmen in den Ensembles und kleinen Solo-Szenen aufwarten. Nur schade, daß die Optik durch die Kostüme, die an die Hippie-Zeit erinnern,  bei dem einen oder anderen etwas füllend wirkte.

Der ehemalige MTR-Schüler aus Hamburg Aron Stiehl inszenierte dieses doch schwere Stück bravourös. Da steht keiner dumm rum; der Chor wird geschickt geführt. Die Bühne von Jürgen Kirner erlaubt schnelle Wechsel durch verschiebbare Wände, die mal Büro, mal Gerichtssaal, mal Kloster, mal Straße waren. Für den Wechsel zum Gerichtssaal macht die Regie aus der Not eine Tugend, mußten doch zahlreiche Sitzgelegenheiten auf die Bühne getragen werden. Da half Reinhard Dorn mit seiner wunderbaren Buffo-Figur des Brighella aus, um durch Dialog die Szene zu halten. Gerade in der Gerichtsszene fällt dann auf, daß die Comedia-Szenen eine Stärke des Stücks und der Inszenierung sind. Da wird in den Dialogen auch schon mal Lokales eingeschmuggelt, obwohl es ja in Palermo spielt.
Die Geschichte von Isabella, die ihren Bruder Claudio retten will, wird mit allen Facetten der einzelnen Figuren von der Regie klar erzählt. Den doch etwas schnellen positiven Schluß der Vorlage übernimmt Aron Stiehl nur teilweise. Während alle sich über die Aufhebung des Liebes- und Karnevalverbotes freuen, hat Friedrich aus dem Geschehen scheinbar nichts gelernt. Wieder in Zivil, erwartet er den ankommenden König, während seine Ehefrau Mariana von ihm immer noch allein gelassen wird.

Die Aufführung in dem großen Leipziger Opernhaus ist so zu einem Ereignis geworden; nicht nur, weil "Das Liebesverbot" woanders so gut wie nicht aufgeführt wird. Da sollten die Intendanten der anderen Opernhäuser es den Leipzigern mal nachtun. Solange das Stück noch aufgeführt wird, ist eine Reise nach Leipzig auf jeden Fall empfehlenswert; dort steht es auch in der Spielzeit 2015/2016 auf der Bühne.

 
DIE WALKÜRE


Leipzig ist die Geburtsstadt des großen Meisters. Es gibt dort ein wunderschönes Opernhaus mit opulentem Foyer und einer ganz großen Garderobe. Ein großer Zuschauerraum mit Platz, der auch jedem Besucher in der Reihe Beinfreiheit garantiert. Eine große Bühne und ein großer Orchestergraben, der auch voll besetzt für jeden Musiker Raum bietet. Die Akustik ist ausgesprochen gut. Leider war auch am 29.5.15 der Saal nur gut zur Hälfte besetzt. Vielleicht hat man gewußt, was einen erwartet. Der große Meister wäre enttäuscht.
Rosamund Gilmore war für die Regie verantwortlich. Selten habe ich gesehen, daß eine Inszenierung keine detaillierte Personenregie bietet. Da verließ die Regisseurin sich lieber auf neun Tänzer/Statisten, die mit ihrer Bewegung etwas fürs Auge bieten sollten. Aber diese Idee ging meist nach hinten los. Einzig Ziv Frenkel als Ross Grane konnte man in seiner Darstellung noch etwas zur Erklärung der Szene abgewinnen. Die anderen boten bewegend - erklärende  Unterstützung zur Musik. Die beiden Fricka-Stiere erhielten auf offener Szene ein ärgerliches "buh". Höhepunkt für die nicht stimmige Regie-Idee der Tänzer waren die Figuren im II.Akt. Im stark nach einem Krieg zerstörten Saal zu Walhall lagen sie unter weißen Tüchern; man konnte sie bereits als tote Helden ansehen. Scheinbar unbeweglich, bewegten sie sich doch sehr langsam; denn auf der Bühne mußte ja was passieren, da die Sänger meist am Tisch saßen, mal nach links, mal nach rechts und dann in die Mitte gingen. Doch als der Ortswechsel zum Auftritt des Zwillingspaare kam, wußte man, warum die 'Tänzer' da waren: sie räumten Requisiten weg, denn ein neues Bild mußte ja her.
Rumsitzen tat man viel, vor allem im I.Akt, der in einem kargen Betonhaus spielte, auf dem sich auch die Tänzer tummelten. Allein der III.Akt mit dem Walkürenfelsen versprühte optische Attraktivität. Eine Hausfassade mit vielen Etagen und Rundbögen dominierte das Bild. Der Boden erinnerte mit seinen vielen weißen Schuhen eher an die Meistersinger. Um den Felsen, der zur Verbannung diente, loderten echte Flammen. Da stapften nun die neun Walküren herum.
Musikalisch war die Aufführung alles andere als rund. Man hatte das Gefühl, daß das tolle Orchester unter der Leitung von Ulf Schirmer bei den breiten Tempi zu Beginn uninspiriert spielte. Das färbte wohl auf die Bühne ab, da die Sänger nicht spielten sondern meist nur sangen. Der III.Akt mußte her, um den Hörer zu versöhnen.
Vor allem Iain Paterson kam als Wotan mit dem breiten Tempo in der für ihn sehr tiefen Monologszene des II.Aktes nicht zurecht. Seine baritonale Höhe und Kraft, vor allem im III.Akt, war mehr als hörenswert. Sein Kollege Guy Mannheim als Siegmund hatte für diese Partie aller bestes Stimm-Material. Schade nur, daß die Regie ihn ganz alleine ließ. Rúni Brattaberg war ein nobler Hunding mit schöner, tiefer Stimme.
Höhepunkt der Aufführung war das Damenensemble. Allen voran Irene Theorin als Titelfigur. Stimme und Spiel waren festivalwürdig. Mit ihrer Erfahrung konnte sie sich auch in dieser mageren Inszenierung mehr als positiv in Szene setzen; die breiten Tempi des GMD machten ihr nichts aus, hat sie doch eine sehr ansprechende Mittellage. Der III.Akt war ja dann Gott sei Dank etwas flotter für alle.
Christiane Libor als Sieglinde war in Stimme und Spiel ihre adäquate Partnerin auf der Bühne. Auch sie verfügt über eine gute Mittellage mit strahlender Höhe. Beide Stimmen ergänzten sich auf dem Walkürenfelsen. Bei den acht Walküren gab es erfreulich hochdramatische Sängerinnen. Besonders hörenswert das "hojotoho" der Helmwige von Josephine Weber. Kathrin Görings Fricka blieb da etwas bescheidener und konnte auch den II.Akt nicht aufwerten, wo allein die Todesverkündung heraus ragte.
Wäre nicht Irene Theorin gewesen, wäre für mich die Reise nach Leipzig nicht befriedigend gewesen.


NABUCCO


Für Giuseppe Verdi ist es ein Meilenstein in seinem künstlerischen Schaffen; für mich bewegt sich diese Oper eher im musikalischen Mittel und vor allem das Geschehen auf der Bühne ist mit einer verqueren Geschichte sehr problematisch. Umso mehr war ich auf die Realisierung in dem wunderschönen Opernhaus in Leipzig gespannt.
Zum 20.mal gab es nun Nabucco dort am 28.1.2016 zu sehen und zu hören. Allein die Akustik im Leipziger Opernhaus ist phänomenal. Liegt es daran, an dem Dirigat von Anthony Bramall oder an der besonderen Qualität der Musiker des Gewandhausorchesters, daß schon nach den ersten Takten der Orchesterklang glänzte und die Musik so schön erscholl? Er war differenziert und mehr als wohl tönend, selbst bei den groben Tutti-Tönen von Verdi. Allein für das hätte sich ein Besuch dieser Aufführung gelohnt.

Aber da gab es ja noch die Szenerie mit den Sängern. Dietrich Hilsdorf als Regisseur und Dieter Richter als Bühnenbildner waren ein ideales Gespann. Die Geschichte um Unterdrückung des Volkes einer Glaubensrichtung durch eine andere, die darin gesponnene Liebesgeschichte, der politische Machtkampf und der vom Wahn befallene Herrscher Nabucco galt es, möglichst verständlich zu erzählen. Dazu gab das Libretto von Solera aber wenig Hilfen.
Hilsdorf und Richter machten aus der Not eine Tugend und erzählten die Geschichte als Theater auf dem Theater; die Zeit ist irgendwann in der Vergangenheit. Die Kostüme schienen aus dem Theaterfundus bunt zusammen gewürfelt zu sein. Allein die Genossen Widerstandskämpfer der Hebräer unter der Leitung von Zaccaria waren in schwarz erkennbar.
Dieter Richter baute vor dem Portal einen Bühnenrahmen mit Anblick auf alte, leicht lädierte Steine aus der Historie. Doch auf der Bühne gab es noch einmal ein Bühnenportal mit Bühne und backstage-Bereich. Das alles veränderte seinen Anblick nicht nur durch die Drehscheibe; sondern auch auf Schienen wurde das zweite Portal bewegt und bot für den Betrachter immer wieder neue Sichtweisen.
Ein Gaze-Theatervorhang war Ziel für wunderschöne Projektionen mit verblüffenden Effekten. Man sah einen Zuschauerraum mit Stühlen, auf denen Zuschauer zu sitzen schienen und sangen. Beim berühmten Gefangenenchor saßen tatsächlich dort Menschen auf Stühlen, der Vorhang hob sich und die Menschen klagten ihr Leid bis hin zur Rampe. Eine eindrucksvolle Leistung des Chores der Oper Leipzig, verstärkt vom Zusatzchor; alles unter der Einstudierung von Alessandro Zuppardo.
Auch die Sänger schienen in Leipzig optimal mit Gästen und Hausmitgliedern besetzt zu sein. Tuomas Pursio als politisch kämpfender Hohepriester der Hebräer tat das mit kräftigem Heldenbariton; da hörte man, daß sich diese Partie eher im hohen Bassfach entfalten kann als mit einem tiefen Bass mit Höhe. Sein Spiel war auch optisch beeindruckend.
In der Titelpartie war Francesco Landolfi ein idealer Vertreter des Fachs. Besonders sein Spiel als verwirrter König von Babylon beeindruckte. Gaston Rivero als Liebhaber und Neffe des Königs Sedecia -der auch zu sehen war- machte aus der 'kleinen Tenorpartie' eine wirkungsvolle Figur.
Bei Hilsdorf gab es zum Finale kein 'happy end' auf seiner Theaterbühne. Nabonid, der Oberpriester der Babyloner, lässt sich trotz der Genesung von Nabucco die Macht nicht mehr nehmen. Sejong Chang verkörpert das in Stimme und Spiel unaufdringlich glaubwürdig mit schönem Bass.

Ein Nabucco wird natürlich auch durch eine Abigaille musikalisch getragen. Anna Pirozzi macht das mit ihrem großen Sopran wundervoll; auch die Koloraturen ihrer schweren Stimme setzt sie ohne Kraftaufwand ein und die Pianostellen gestaltet sie mit schön geführter Stimme. Sandra Maxheimer ist Nabuccos Tochter Fenena, die sich mit ansprechender Stimme und glaubwürdigem Spiel auf dem 'Theater-im-Theater-Geschehen' behaupten kann.
Diese Aufführung ist eine mehr als sehenswerte Produktion in Leipzig Dank der optischen Opulenz von Dieter Richters Bühnenbild und der präzisen Personenführung von Dietrich Hilsdorf. Dieser Nabucco sollte lange Zeit angeboten werden, wenn dieses hohe musikalische und szenische Niveau gehalten wird.


BÜHNEN HALLE

buehnen-halle.de

DIE WALKÜRE


Hansgünter Heyme gönnt sich keine Ruhe. 2010 hat er angefangen mit seinem 'Ring' in Ludwigshafen als Kooperation mit den Bühnen Halle. 2013 wurde Wagners Mammutwerk fertig. Im vollbesetzten Haus gab es im Rahmen einer zyklischen Aufführung des 'Ring' am 1.11.2015 eine umjubelte Wiederaufnahme der 'Walküre' an der Saale. Der quicklebendige Regisseur und Ausstatter Heyme ließ sich den Riesenbeifall für seine Interpretation des Wagner-Werkes nicht entgehen.
Heyme siedelt die Geschichte in der Jetztzeit an. DAHINTER DIE TAGTRAUMWELT EINE IMMERHIN GESTALTBARE MÖGLICHKEIT steht in großen Lettern auf einen immer wieder eingesetzten Gaze-Vorhang. Die Personenführung ist auch in der Wiederaufnahme sehr genau und offenbart eine spannende Geschichte; die Sängerdarsteller setzen das präzise um. Plastikvorhänge, Mobiliar von heute mit Feuer- und Wasserstelle, zeichnen das Haus bei Hunding aus. Bereits im Vorspiel sehen wir den Kampf zweier Motorradgangs. Walhall ist immer präsent: neun Walküren beobachten das. Die "Wölfe" gegen die "Hunde". Der Wölfing Siegmund betritt im ihn verratenden Mantel mit Wolfsgesicht das Haus seines Gegners.
Im zweiten Akt langweilt sich Wotan in einer Nachtbar bei leichten Mädchen an Spielautomaten, zu der sich auch Brünnhilde gesellt. Seine Leidenschaft für Frauen ist auch nicht seiner Ehefrau Fricka verborgen geblieben, die dort als Hüterin der Ehe die Szene dominiert und den Ehestreit gewinnt. Wotan hat vor den Bar-Mädchen keine Geheimnisse und enthüllt vor ihnen und seiner Lieblingstochter seine jetzt nicht mehr verborgenen Gedanken.
Auf dem Walkürenfelsen werden in nummerierten kleinen Kästen die Utensilien der gefallenen Helden gesammelt. Wotans acht Walküren-Töchter trauen ihren Vater nicht über den Weg; so bleibt nichts geheim, was dort Wotan mit Brünnhilde als Bestrafung vor hat. Im Gegenteil, sie beobachten alle die Schluß-Situation, bis Wotan Brünnhildes Flehen für ihren Schutz erhört; es gibt echtes Feuer. Es bleibt nichts unter den beiden geheim - kein intimer Abschied. Da macht es den Walküren auch nichts aus, daß Wotan vor Wut eine der ihren sexuell belästigt. Gerade der dritte Akt zeigt hier Heymes Interpretation eine aus dem Ruder geratenen Götterwelt.
Die Staatskapelle Halle stand unter der Leitung ihres neuen GMD Josep Caballé-Domenech. Mit dem großen Orchester versuchte er, Wagners Partitur flott und gefühlvoll zu Gehör zu bringen. Da gab es aber einige bauliche Probleme des Hauses zu überwinden, was nicht immer gelingen konnte. Um fehlenden Platz im Graben zu begegnen wurden einige Streicher links und rechts auf ein Podest erhöht gesetzt, um so über den Kollegen als '1.Etage' dem Dirigat zu folgen. Ihre gespielten Noten konnten so nicht vollkommen im Gesamtklang des Orchesters verschmelzen. Hinzu kam, daß einige Töne sich unter den Logen des ersten Ranges tummelten, die man eigentlich von der Bühne oder aus dem Orchestergraben erwartete; vielleicht lag es auch an meinem Hörplatz. Die Partitur wurde für mein Ohr nicht orchestral entschlüsselt, vielmehr nur als 'Brei' vernommen.
Alle Beteiligten waren meist konzentriert bei der Sache. Auffallend die Textverständlickeit der Sänger. Die Patzer der Bläser sind natürlich leicht hörbar; die Walküren und auch Hunding hatten in ihrer Szene Wackler und Aussätze. Das schmälerte aber keineswegs den positiven Gesamteindruck; man stellte sich aber doch die Frage, woran das lag.
Der mit internationalen Erfahrungen auftrumpfende Thomas Mohr als Siegmund machte mir im 1.Akt etwas Angst, da er seine Stimme zwischendurch mit Husten 'frei hielt'. Eine Ingwer-Therapie half ihm wohl in der ersten Pause und Brünnhildes Todesverkündung wurde so zu einem der musikalischen Höhepunkte des Abends. Anke Berndt als Sieglinde glänzte vor allem im 2. und 3.Akt. Zu Beginn klang ihr heller Sopran etwas grob; sie wurde zu einem der musikalischen Höhepunkte des Abends.
Lisa Livingston als Brünnhilde mit ihrem etwas dunkler gefärbten Sopran war da eine ideale Ergänzung. Vor allem im dritten Akt war das eine ideale Verbindung mit den Stimmen der acht Walküren und des hellen Soprans von Anke Berndt. Nur der regelmäßige Registerwechel in die tieferen Stimmlagen der Brünnhilde waren da manchmal unangenehm hörbar. Das hätte der leuchtende Sopran von Lisa Livingston gesangstechnisch anders lösen können, wenn sie wollte. Denn die in der Partie verlangten Töne in der Mittellage hätte sie vielleicht besser für mein Ohr mit der oberen Sopranlage herstellen können. Aber sie weiß schon, warum sie das so lieber macht; nicht nur ihr 'hojotoho' klang in der Höhe wohltuend leuchtend kräftig.
Neben ihr war Gérard Kim als Wotan eine ebenso sichere Bank in der Besetzung an der Saale. Sein Bariton war auch in der Tiefe ansprechend für die hohe Basspartie; alles leuchtete und hatte Glanz. Was will man von einem jung wirkenden Wotan noch mehr.
Gundula Hintz als Fricka gestaltete ihre Figur mit so einer Textsicherheit, daß vor dieser Figur einem Angst und Bange wurde. Bei den acht Walküren gab es auch hochdramatisches Potential zu hören. Christoph Stegemann als Hunding war mit seiner kräftigen und jung wirkenden Bass-Stimme sehr angenehm präsent und wurde auch darstellerisch ein Gegenspieler.
Für so eine Walküre brauchen sich alle Beteiligten der Bühnen Halle nicht zu verstecken. Gerade die Inszenierung von Hansgünther Heye macht das alles über die Stadtgrenzen hinaus sehens- und hörenswert. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Nachbarstadt oder Halle, würde ich immer nach Halle fahren. Das bleibt den Wagner Freunden in Leipzig, Dresden oder weiter hinaus, sogar Berlin, hoffentlich lange erhalten. Bei der nächsten Wiederaufnahme sind viele musikalischen Abstimmungspunkte sicherlich gelöst.

DIE GÖTTERDÄMMERUNG


Eine Woche später gab es für mich am 8.11.15 den dritten Tag von Richard Wagners "Ring". Die hohe Erwartung nach der "Walküre" konnte für mich nicht immer erfüllt werden.
Hansgünther Heyme hatte wieder ein sehr praktikables Bühnenbild für seine Inszenierung entwickelt. Auf dem Gazevorhang stand jetzt HOFFNUNG DAHINTER DIE TAGTRAUMWELT EINER IMMER ARBEIT GESTALTBAREN ERSTATTUNG HKEIT ÜBERDAUERN in unterschiedlichen Farbtönen. Die Worte wurden beim Einsatz des Vorhangs durch Lichtfelder hervorgehoben. Ein Lotterbett im Vorspiel, viele Vorhänge die die Szenen trennten und es gab wieder die Zählkästen der toten Krieger im Hintergrund; zwei dunkelgraue Tribünen bestimmten die Bilder bei den Gibichungen, die auch verschieden positioniert wurden. Auf großen Fotos waren die Götter auf Seitenschals links zu sehen; sehr lustig, wenn Gutrune das Freia-Bild anspielte, denn beide Figuren wurden ja von der gleichen Sängerin verkörpert. Auch zum Rhein zu seinen Bewohnern führten die Tribünentreppen. Zum Schluß gab es zu echtem Feuer auf einem Gazevorhang Wotan und Brünnhilde, zuvor dort noch in Persona zu sehen. Zum großen Finale des dritten Aktes drehte sich alles. Alle schauten fragend ins Publikum - 'tolle Idee'...
Die Personenführung war wieder präzise mit vielen schönen neuen Ideen. Zwei jugendliche Todesfiguren wurden in der Nornenszene eingeführt; sie verwandelten eine Wotan-Figur in das Ross Grane mit schwarzen Rabenfedern. Diese Figuren beendeten auch das Stück mit dem Volk; Wotans Raben fanden bereits vorher den Tod: "errätst Du der Raben geraun". Der tote Siegfried hob drohend beide Arme zur Faust und verwies mit der einen auf die rechtmäßige Erbin des Rings.
Nur mit dem Chor war es bei der Regie nicht so gut bestellt. Da wurde doch die Masse zu sehr geschoben, als das individuelle Personenzeichnung die Ideen erläuterte. So gab es z.B. zum Finale ein Personenknäuel zu sehen; erst einige heruntergelassenen Hosen ließen nach einiger Zeit irgendwelche Praktiken vermuten. Auch das normale hin und her war nicht differenziert genug geführt; vielleicht fehlte die Zeit, das vorher erarbeitete wieder herzustellen. Das schmälerte ein wenig den Gesamteindruck der ansonsten sehr sehenswerten Inszenierung.
Musikalisch unter der Leitung von GMD Josep Caballé-Domenech hatte der Abend einige Schwächen. Die Bläser der Staatskapelle Halle patzten oft hörbar. Viele Einsätze der Sänger auf der Bühne waren nicht präzise oder fehlten; warum, mögen die Beteiligten wissen. Inwieweit an den Backstage-Seiten Monitore mit dem Dirigenten Hilfe boten, konnte man vom Zuschauerraum nicht sehen. Einen helfenden Souffleur im Kasten gab es nicht.
Die Sänger gaben ihr bestes. Lisa Livingston war die Brünnhilde und gestaltete nach der Walküre mit Stimme und Spiel diese Partie wieder eindrucksvoll.
Michael Baba war Siegfried mit einem sehr baritonal gefärbten Tenor. Die Höhe strahlte mit leichter Kraftanstrengung, konnte aber einige exponierte Stellen nicht erreichen; dafür war seine Stimme 'zu schwer'. Oft hatte man den Eindruck bei ihm, daß er 1/2-Ton 'zu tief' sang. Das ist schade, wenn man immer Angst um einen Ton hat; die Stimme sollte glänzen.
Gerd Vogel gestaltet sowohl Alberich als auch Gunter eindrucksvoll. Seine Stimme glänzt vor allem als Nibelung. Christoph Stegemann als Halbbruder konnte seinen sehr positiven Eindruck nach der Walküre wieder bestätigen. Mit seinem sicheren kernigen Bass dominierte er auch mit seiner Gestaltung als Hagen die Szene.
Es war wieder ein wunderbares Wiedersehen und -hören bei Anke Berndt. Als dritte Norn durfte sie sich für die Gutrune mit ihrem klaren ansprechenden Sopran 'einsingen' und hat auch darstellerisch in beiden Rollen mehr als überzeugt. Gundula Hintz war sowohl wohltönend die zweite Norn als auch Waltraute und konnte mit klarer Diktion und Spiel glänzen. Leider war der gemeinsame Wohlklang bei den Rheintöchtern nicht immer gegeben, da manchmal der Sopran zu stark war und sich nicht mit den tieferen Stimmen vermischte. Vielleicht war das auch akustisch bedingt.
Selbst, wenn der letzte Tag im Zyklus mich nicht so sehr überzeugte, zeigt er mir doch, daß die Inszenierung von Hansgünther Heyme und seinem Team auch weiterhin auf dem Spielplan -nahe Leipzig- in Halle an der Saale stehen sollte. Es gibt keine bessere Inszenierung in der Gegend. Die musikalischen Probleme sind eher ein Zeitproblem bei der Vorbereitung. Allein schon aus dem Grund, da ich ja noch den Vorabend und den 2.Tag des Ring-Zyklus sehen und hören möchte, sollte "Der Ring des Nibelungen" auch weiterhin in Halle auf dem Spielplan stehen. Ich wünsche dem neuen Opern-Direktor Florian Lutz damit viel Erfolg.


DEUTSCHE OPER BERLIN

deutscheoperberlin.de

LOHENGRIN


Seit 2012 steht die Inszenierung von Kaspar Holten auf dem Spielplan des alt ehrwürdigen Hauses an der Richard-Wagner-Straße in Berlin-West, das Anfang der 60er Jahre d.v.J. neu erbaut wurde. Ein schönes großes Haus mit dem Charme der damaligen Zeit, das dem internationalen Anspruch auch heute noch gerecht wird, obwohl man schon die Altsubstanz des Gebäudes sieht. Zuletzt sah ich dort Marita Napier als Senta mit Hans Beirer, der auch mal dort für mich den Tannhäuser sang. Regisseur Kaspar Holten war für mich ein guter Grund, meine Wagner-Eindrucke dort zu erneuern; seinen Kopenhagen-Ring gilt es schließlich, auf you-toube zu bestaunen. Am 14.2.2016 gab es nun die 16.Aufführung seiner Inszenierung von dem Schwanenritter.
Für mich fehlte das szenische Ereignis auf der Bühne. Bereits im Vorspiel sieht man eine braun-triste Landschaft mit vielen Toten; Frauen betrauern diese. Im Hintergrund naht ein Komet; hat er für dieses Unheil gesorgt oder ist er Hoffnung? Die Erwartung an einen spannenden Abend wurde genährt, leider aber nicht erfüllt. Ein dunkler Schleier mit der Aufschrift 'Lohengrin' und zwei weißen Kometpunkten fällt langsam zu den letzten Takten des Vorspiels über dieses Bild.
Der Schleier öffnet sich pünktlich zum 1.Akt und auf brauner Landschaft mit seinem tristen Charme sieht man Chor und Solisten das Stück beginnen, wie es im Buche steht. Eine intelligente Personenregie vermag, die Menge geschickt von Ort zu Ort zu positionieren, mal sitzend, mal stehend; man vermeidet das rum stehen. Dazwischen die Solisten mit dem Tipp, die Rampe nicht aus den Augen zu lassen; eine präzise Charakterzeichnung ist das aber nicht. So wirkt alles von der Choreographie als bekannt bieder. Zu wenig kommen von der Regie erhellende Aspekte zur Interpretation der Aufführung; eine genaue Zeichnung der Figuren ist nicht ersichtlich. Da wirkt es schon fast brutal, wenn die Mannen nach dem letzten Ruf nach einem Streiter für Elsa, diese gleich vor Gott und der Welt köpfen wollen. Mit großem theatralischen Effekt erscheint der Retter aus dem Hintergrund, auf dem ein Schwan projektiert wird. Aus Schwanenfedern gefertigt trägt Lohengrin zwei große Flügel, die ihn als rettenden Engel ausweisen. Seinen Kampf mit Telramund gewinnt er durch theatralische Tricks. Durch plötzlich aufkommende Nebel verliert Telramund die Übersicht und Lohengrin triumphiert.
Der 2.Akt wird von einem großen Kreuz dominiert, das im Raum hängt. Zu Beginn ragen blaue Lichtröhren gen Himmel; das ist Ortruds magische Welt. Auf dem Kreuz kann auch Elsa ihr Gespräch mit Ortrud 'von oben' starten. Auch Lohengrin mit König und Heerrufer erscheinen dort; Lohengrin muß noch mal zurück, hatte er doch seine Schwanenflügel vergessen. Im Hintergrund ist ein Theaterportal; nachdem dort der rote Vorhang sich öffnet, sieht man als Bild ein Kirchenportal. Über dem inzwischen auf dem Boden liegenden großen Holzkreuz zieht man nun ein zur Hochzeit. Alles Theater auf dem Theater?
Für die Hochzeitsnacht steht im 3.Akt ein zu kleines Ehebett - da paßte gerade mal der Lohengrin des Abends drauf. Das Bild wechselt mit dem Blick auf unzählige Sarkophage. Den Herzog von Brabant bringt Lohengrin in einem grauen Bündel und legt ihn auf einem Sarkophag ab. Elsa wickelt dort ihren toten Bruder aus, der vorher als Schützer angekündigt wurde. Elsa ist die einzige, die noch Gefühle zeigt, Lohengrin verabschiedet sich von allen, von Elsa, von Ortrud wie nach einer verlorenen Theater-Wette.
Musikalisch war alles auf höchstem 'Staatsopern-Niveau'. GMD Donald Runnicles leitete inspiriert mit eigenen Akzenten die Aufführung; und das Orchester der Deutschen Oper Berlin folgte ihm grandios. Der Chor des Hauses war ohne Fehl und Tadel. Selten erlebt man, daß im 2.Akt die Szene mit dem Heerrufer 'offen' ist; so konnte der Herrenchor seine Qualität zu Gehör bringen. Im 3.Akt gab es den beliebten Strich, der oft aber eher als Rücksicht auf Lohengrin als auf den Chor gemacht wird. Aber dem Regisseur wäre auch nicht viel erhellendes eingefallen.
Eine Aufführung steht und fällt mit der Titelpartie. Der Eindruck war ein wenig zwiespältig. Michael Weinius singt den Lohengrin sicher und schön in jeder Lage wie kaum ein anderer; schwierige Phasen meistert er bravourös. Da ich 2013 schon seine Stimme als Siegmund hören konnte, war ich auf seinen Lohengrin sehr gespannt. Meine Wahl für Berlin viel auf eine Aufführung mit ihm und nicht mit dem Star-Kollegen, der im Mai eingeplant ist.
Kräftig ist die Stimme von Michael Weinius, wenn es sein muß, oder sie klingt zart, was gerade gebraucht wird und natürlich wohlklingend schön und textverständlich; 98% ohne hörbare Anstrengungen; wann erlebt man das denn noch?! Er ist für die Deutsche Oper am Rhein der Siegfried in der Neuinszenierung im nächsten Jahr. Bei seinem Duisburger Siegmund dachte ich schon, 'der junge Mann muß aber mit seiner Figur aufpassen'. Das Gegenteil ist eingetreten. Eine große volle runde Gestalt in einem für diese mollige Figur unattraktiven Kostüm bewegte sich über die Berliner Bühne. Musiktheater wird da schwierig.
Gertenschlank dagegen wirkte Rachel Willis-Sorensen als Elsa. Sie machte diese Partie mit zartem Piano oder kräftiger Mittellage zu einem Hörerlebnis. Grenzen hörte man nur ansatzweise im 3.Akt in den dramatischen Phasen.
Da die vorgesehene Ortrud Visaprobleme in Moskau hatte, kam die auch im Haus bestens geschätzte Petra Lang kurzfristig zum Einsatz. Mit klaren, kräftigen Sopran und der notwendigen Tiefe war sie wieder ein Ereignis. Ihr Bühnenpartner Telramund alias Thomas J. Mayer war für sie ein adäquater Partner; beide habe ich in diesen Partien in Bayreuth erlebt. Besser geht es kaum.
Von der bei Albert Pesendorfer angekündigten Indisposition war nichts zu hören; sein König Heinrich war souverän. Ebenso dessen ständiger Begleiter der Heerrufer alias Bastiaan Everink, der ebenso für das hohe Niveau des Berliner Ensembles zeugte.
Erstaunlich, daß der Zuschauerraum einige leere Plätze bot. Die Schlange an der Kasse war wohl eher einem Preisvorteil kurz vor Beginn geschuldet. Das Schild eines Interessenten "suche Karte" wirkte so etwas verlogen. Vielleicht sollte es ja auch eine Freikarte sein; das Schild sah schon alt aus. Musikalisch wird in Berlin Welt-Niveau geboten.

DIE SACHE MAKROPULOS


Karel Capek schrieb auch heute noch erschreckend aktuelle Science-Fiction-Geschichten für seine damalige Zeitkritik. In R.U.R. (1921) ging es ihm um die Welt der Roboter, in "Die weiße Krankheit" (1937) um einen tödlichen, nicht heilbaren Virus!!! "Die Sache Makropulos" (1922) erzählt vom medizinischen Projekt der 'ewigen Jugend' oder sogar Unsterblichkeit. Leos Janacek machte (1926) aus dieser Komödienvorlage mit seiner Musik einen spannenden Krimi.
Eine Musiktheater-Aufführung steht und fällt mit einer spannend genauen Inszenierung und einer musikdramatischen Umsetzung der Sängerdarsteller. Die Neuinszenierung in Berlin konnte mit allem erfreuen.
David Hermann inszenierte eine sehenswerte Aufführung. Er beschränkte sich nicht nur auf einen realistischen Ablauf. Gleich zu Beginn laufen als Schnellfilm auf einem weißen Vorhang die verschiedenen Namen der Elena Makropulos, um als Initialen E.M. zu enden. Der erste Bühnenraum (Christof Hetzer) ist zweigeteilt, in dem die Vergangenheit im linken Bereich zu sehen ist mit einem modrigen Hintergrund. Hier werden die Erzählungen von Emilia Marty mit Personen der Vergangenheit erläutert. Diese wechseln die Räume; E.M.'s Figur der Vergangenheit ist auch im Raum der Gegenwart, ohne von den Akteuren als solche wahrgenommen zu werden - Emilia geht zurück in den Raum der Vergangenheit. Eine große Treppe führt in den Hintergrund, in den die Figuren der Elena Makropulos ziehen. Hauk-Sendorf (Robert Gambill) ist ein Harlekin, der immer wieder auftaucht, wenn es um das medizinische Geheimnis der Unsterblichkeit geht. Der Raum scheint sich dann optisch Dank Lichttechnik 'aufzulösen'. Der zweite Akt ist ein feudaler Salon bei Prus. Der dritte Akt zeigt im Hintergrund eine breite Treppe, abgeschlossen mit weißem Vorhang. Dieser öffnet sich zum Schluß wie der Spielvorhang vorn und man erblickt den gleichen Bühnenraum mit Treppe vom ersten Akt in eine Unendlichkeit, in der auch Emilia Marty verschwinden wird.
Als Dienerpaar im 2.Akt bieten der Andrew Harris und Rebecca Raffell als Prus' Angestellte pointierte Gestalten. Eigentlich sind alle Personen der Handlung wunderbar genau geführt und sind bis zum Ende auf der Bühne präsent. Sehr beeindruckend, wenn sie mit den Figuren der E.M. die Handlung erläutern. Derek Welton macht als Jaroslav Prus musikalisch und darstellerisch mehr als eine gute Figur, so - wenn er z.B. in seinem Haus eine Party feiert und es mit Krista -Jana Kurucová ist auch musikalisch sehr stark- 'treiben' will. Da spielt es keine Rolle, wenn sein Sohn Janek (Gideon Poppe) dabei ist und eigentlich Kristas Freund ist. Aber der Sohn bringt sich später ja sowieso um - aus Liebe zur berühmten Sängerin Emilia Marty.

Zentrale Figur der Handlung ist natürlich Emilia Marty. Bei Evelyn Herlitzius ist diese Partie aller bestens aufgehoben. Musikalisch großartig mit großer Stimme versteht sie es auch, der tragischen Hauptfigur Profil zu verleihen: eine Sängerdarstellerin erster Klasse, die auch mit Ladislav Elgr einen achtbaren Tenorkollegen als Albert Gregor zu Seite hat.

Donald Runnicles gestaltete mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin einen wunderbaren Klang der Janacek-Partitur. Mit der ausgezeichneten Leistung aller Sänger gelang ihm ein musikalischer Hochgenuß.
Das Publikum am 30. April 2016 sparte für die 5. Vorstellung nach der Premiere nicht mit jubelndem Beifall. Wer spannendes Musiktheater auf höchstem Niveau liebt, sollte nach Berlin fahren.



THEATER AN DER WIEN

theater-wien.at

CAPRICCIO


In Wiens alt-ehrwürdigem Opernhaus in der Papagenogasse gab es am 18.4.2016 eine Neuinszenierung von Richards Strauss letztem musikdramatischen Werk "Capriccio". Wo einst Ludwig van Beethovens "Fidelio" seine Uraufführung fand, gab es unter der musikalischen Leitung von Bertrand de Billy eine hörens- und sehenswerte Aufführung zu erleben. Die Wiener Symphoniker boten eine Bestleistung an musikalischer Ausgestaltung.
Anders als in der Münchener Uraufführung 1942 war der Schauplatz der Handlung jetzt kein 'Gartensaal eines Rokokoschlosses'; eine Jessner-Treppe durfte Henrik Ahr aufbauen, um einen möglichst neutralen Ort für dieses Konversations-Stück über Musik und Dichtung herzustellen. Einige Requisiten, wie Cembali lagen umher. Auch die Sänger ergänzten das Bild einer defekten Landschaft; sie sollten die Zeit nach der Entstehung des Werkes vorausahnen lassen, so wie es Richard Strauss damals tat???
Die Inszenierung von Tatjana Gürbaca war musikalisch und szenisch präzise geführt; bunte Kostüme und Masken von Barbara Drosihn ergänzten den spielerischen Charakter.
Die Sängerdarsteller waren 'durch die Bank' auf hohem Niveau besetzt. Maria Bengtsson war die Gräfin, die -nicht nur optisch- optimal in Spiel und Gesang diese Rolle realisierte. Ihr ebenso stark zur Seite Andrè Schuen als ihr Bruder der Graf. Daniel Behle als Musiker und Daniel Schmutzhard als Dichter machten es der Gräfin Dank musikalischer und szenischer Leistung schwer zu entscheiden, wem von beiden sie denn ihre Gunst schenken sollte. Besonders profilieren konnte sich Lars Woldt als Theaterdirektor durch präzises Spiel und Textverständlichkeit.
Je länger die über zweistündige Diskussion um kulturästhetische Themen ging, umso mehr sehenswerte Bilder konnte Regie und Ausstattung dem interessierten Publikum bieten, unterstützt von der immer schöner werdenden Musik von Richard Strauss. Wem der Herren die Gräfin mehr als zugeneigt ist, wurde nicht verraten; es schien aber ein Außenseiter, der Haushofmeister (Christoph Seidl) zu sein.
Nicht nur Richard-Strauss-Freunde kommen in dieser Aufführung, die en suite in Wien gespielt wird, mehr als auf ihre Kosten.


WIENER STAATSOPER

wiener-staatsoper.at

JENUFA


Am Herbert-von-Karajan-Platz gab es am 17.4.2016 die 35. Aufführung von Janáceks Meisterwerk in der Inszenierung von David Poutney. Ingo Metzmacher leitete das Orchester der Wiener Staatsoper. Einige Sänger hatten ihr Rollendebüt.
Robert Israel baute für die Bühne ein großes Holzgerüst, das im 1.Akt die Mühle mit Mahlwerk überwältigend erscheinen läßt. Für den 2.Akt verkleinern viele Säcke den Blick in die Tiefe -aber nicht in die Höhe-; sie bilden den tristen Raum, das Haus der Küsterin. Auf der Vorbühne agieren die Solisten; Chor und Statisterie dürfen die Ebenen des Gerüstes bevölkern. Im 3.Akt fehlt das Gebälk; nur die Wände einer riesigen Scheune lassen den Raum riesig erscheinen. Ein langer Tisch wird für die Hochzeitsfeier vorbereitet. Hier wird der Raum ein wenig sinnvoller genutzt.
Dorothea Röschmann ist die Jenufa mit ansprechendem Spiel und Gesang. Angela Denoke ist die Küsterin, die die Partie ohne Anstrengung mit schönem metallischen Sopran meistert. Bei der Titelfigur hätte ich mir ein wenig mehr Schmelz gewünscht.
Christian Franz gab mit seinem sicheren Tenor einen spielerisch und musikalisch sehr ansprechenden Laca. Der Gegenpart zu ihm war Marian Talaba als Laca, der ebenso ohne Fehl und Tadel die schwierige Partie meisterte. Alle 13 Rollen waren im Haus der Wiener Staatsoper musikalisch optimal besetzt.
Über die darstellerische Umsetzung kann Dank der Bühnenferne des Betrachters nicht viel berichtet werden.
Vielen Besuchern, besonders weit oben in der Galerie, reichte es, dem Klang eines der besten Opernorchester und international agierenden Sängern zuzuhören. Ingo Metzmacher sorgte für einen durchsichtigen Klang, der die Sänger nie 'zudeckte' und die Musik so spannend schön erklingen ließ.
Mit der professionellen Routine dieses führenden Opernhauses, wird auch die 100. Aufführung ähnlich qualitativ hochwertig über die Bühne gehen können.