Theatertipps: Theater an der Wien

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MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 / Wiener Festwochen 2017

6-2017 | Zu den Wiener Festwochen wurde heuer diese Produktion mit Fug und Recht als spektakulärer Beitrag angekündigt. Die Musik komponierte Bernhard Lang. Jonathan Meese inszenierte im eigenen Bühnenbild und selbst kreierten Kostümen.
Ausgangspunkt dieser Parsifal-Idee war ja Meeses abgesagte Produktion in Bayreuth. Mit dieser neuen Idee eines anderen Parsifal konnte sich der Berliner Regisseur und bildender Künstler schnell anfreunden. Die Musik von Bernhard Lang hat ihren eigenen Stil, ist moderner, enthält Jazz-Elemente und nutzt immer wieder Wagner-Zitate. Text und Wagner-Noten rangeln sich am Original, so daß der kundige Betrachter immer weiß, wo man gerade ist; die dreiaktige Fassung wurde auch beibehalten.

Der Besucher konnte sich also ganz und gar auf das großartig Neue auf der Bühne und im Gaben einlassen und er wurde nicht enttäuscht, vom Mythenschlamm der Vorlagen entzaubert zu werden.

Mit scheinbar überbordender Phantasie wird die Geschichte vom kommenden Gralsritter erzählt. Der Künstler Meese legt selbst Hand an und skizziert live vom Proszenium rechts Spiralfiguren, die auf das Bühnenbild übertragen werden. Auf der Obertitelanlage kommen zum gesungenen Text seine eigenen Assoziationen dazu. Viel und auch zuviel hat Methode: Im 3.Akt läuft auf großer Leinwand Fritz Langs wunderbar rekonstruierter Stummfilmepos "Die Nibelungen", während davor die Parsifal-Handlung weiter fortschreitet. Verbindungen zu beiden Inhalten versucht der Betrachter zu finden. Da muß sich der Besucher oft entscheiden, wohin sein Interesse geht.
Das Bühnenbild ist futuristisch, die Kostüme lehnen sich oft an Figuren aus der Medienwelt jüngster Zeit an. Die Mondlandschaft zu Beginn erinnert an Caspar David Friedrich, in der Kundry im Gehrock, mit Barett und Gehstock die Silhouette bildet. Eine große Strohpuppe ist Klingsors Alternativ-Welt.

Simone Young dirigiert das Klangforum zupackend die scheinbar immer wieder 'stehend-aufgehängte' Partitur von Lang. Höhepunkte für mich waren das Vorspiel zum II.Akt mit einem wundervollen Saxophon-Solo oder die drängende Zwischenmusik im 3.Akt. Der Arnold-Schoenberg-Chor sorgte für Wohlklang.

Für manche ist es sicherlich schon eine Frechheit, den Parsifal mit einem wohlklingenden Counter-Tenor zu besetzen. Aber wer dann Daniel Gloger erlebt merkt, daß das in dieser Fassung gar nicht anders sein kann. Der schlanke Sänger war in seiner engen Latexkluft immer Garant für unterhaltsames Theater.

Die anderen Sänger|innen -allesamt exzellent- könnten ebenso in Wagners Original-Partien bestehen, wird bei Lang doch noch viel mehr verlang, als nur schön zu singen.
Tómas Tómasson als Amfortas macht fast eine lustige Figur aus diesem Leidenden. Martin Winkler ist sein Gegenspieler Klingsor, der mit viel Spaß die Ideen des Regisseurs umsetzt. Wolfgang Bankel ist ein sonorer Gurnemanz in Stimme und Spiel.
Magdalena Anna Hofmann, die ich in Essen noch 'leicht schwanger' als Senta erleben konnte, präsentiert sich mit großer Stimme als eindrucksvolle Kundry.

Gerade für den Wagner unkundigen 'Opernbesucher' ist diese Lang|Meese Fassung ein großartiges Ereignis und macht Lust auf mehr - auch auf das Wagner-Werk im Original. Und ich habe es sehr bedauert, daß Meister Messe nicht in Meister Wagners Festival-Stadt mit seiner Arbeit zu erleben war. Aber vielleicht bekommt Jonathan Meese noch einmal woanders Gelegenheit dazu - wenn er will; das wäre was...

Diese Meese | Lang Produktion ist auf jeden Fall nach Wien noch einmal in Berlin zu bewundern. Also, nichts wie hin!


CAPRICCIO

In Wiens alt-ehrwürdigem Opernhaus in der Papagenogasse gab es am 18.4.2016 eine Neuinszenierung von Richards Strauss letztem musikdramatischen Werk "Capriccio". Wo einst Ludwig van Beethovens "Fidelio" seine Uraufführung fand, gab es unter der musikalischen Leitung von Bertrand de Billy eine hörens- und sehenswerte Aufführung zu erleben. Die Wiener Symphoniker boten eine Bestleistung an musikalischer Ausgestaltung.
Anders als in der Münchener Uraufführung 1942 war der Schauplatz der Handlung jetzt kein 'Gartensaal eines Rokokoschlosses'; eine Jessner-Treppe durfte Henrik Ahr aufbauen, um einen möglichst neutralen Ort für dieses Konversations-Stück über Musik und Dichtung herzustellen. Einige Requisiten, wie Cembali lagen umher. Auch die Sänger ergänzten das Bild einer defekten Landschaft; sie sollten die Zeit nach der Entstehung des Werkes vorausahnen lassen, so wie es Richard Strauss damals tat???
Die Inszenierung von Tatjana Gürbaca war musikalisch und szenisch präzise geführt; bunte Kostüme und Masken von Barbara Drosihn ergänzten den spielerischen Charakter.
Die Sängerdarsteller waren 'durch die Bank' auf hohem Niveau besetzt. Maria Bengtsson war die Gräfin, die -nicht nur optisch- optimal in Spiel und Gesang diese Rolle realisierte. Ihr ebenso stark zur Seite Andrè Schuen als ihr Bruder der Graf. Daniel Behle als Musiker und Daniel Schmutzhard als Dichter machten es der Gräfin Dank musikalischer und szenischer Leistung schwer zu entscheiden, wem von beiden sie denn ihre Gunst schenken sollte. Besonders profilieren konnte sich Lars Woldt als Theaterdirektor durch präzises Spiel und Textverständlichkeit.
Je länger die über zweistündige Diskussion um kulturästhetische Themen ging, umso mehr sehenswerte Bilder konnte Regie und Ausstattung dem interessierten Publikum bieten, unterstützt von der immer schöner werdenden Musik von Richard Strauss. Wem der Herren die Gräfin mehr als zugeneigt ist, wurde nicht verraten; es schien aber ein Außenseiter, der Haushofmeister (Christoph Seidl) zu sein.
Nicht nur Richard-Strauss-Freunde kommen in dieser Aufführung, die en suite in Wien gespielt wird, mehr als auf ihre Kosten.


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