Theatertipps: Komische OPER BERLIN

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DIE SCHÖNE HELENA

19.12.2017 | Barrie Koskys Inszenierung fing schon bewundernswert mit einer Ansage vom Band an; Anny Schlemm erinnerte an ihre Offenbach-Auftritte in der Komischen Oper und natürlich daran, daß der Besucher solch einen schönen Offenbachabend nicht mit eigener Ton- und Bildtechnik aufzeichnen soll. Mindestens der Besitzer eines aufleuchtenden Smart-Phones hielt sich nicht daran.
Stefan Soltesz leitete das Orchester der Komischen Oper Berlin und lies mit großen Impulsen die wunderbare Offenbach-Musik erschallen. Zu seiner Zeit als GMD und Intendant in Essen wäre das ein kurzer Abend geworden: Pause nach einer Stunde. Nicht aber an der Spree, wo durch eine rasante Regie und Choreographie es gar nicht auffiel, daß die Pause erst nach 1h45 war. Ich hatte sowieso den Eindruck, daß alle Arien, Couplets und Szenen dieser Operette hier aufgeführt wurden. Es entstand so eine flotte Mischung zwischen Tanz, Gesang, Choreinlagen und Dialogen; anders hätte es nicht sein dürfen. Bei Gelegenheit trumpfte das Orchester mächtig auf oder der Dirigent hielt die Musiker mit der Lautstärke so zurück, daß das gesprochene Wort zu seinem Recht kam. Trotzdem hatte ich ab und zu ein akustisches Problem mit der Verständlichkeit; vielleicht liegt es auch an dem Innenraum des ehrwürdigen Hauses.

Geboten wurde in dem farbvollen, griechisch angehauchten Bühnenbild von Rufus Didwiszus. Die Kostüme von Buki Shiff waren allesamt kunstvoll gestaltet; auch die Chorsolisten wurden optisch bestens ausgesattet.

So hatte Regisseur Barrie Kosky keine Mühe, mit der Choreographie von Otto Pichler einen rasanten Offenbach-Abend rund um die schöne Helena bis zum großen Finale mit ihrer Entführung durch den schönen Liebhaber Paris zu entwickeln. Jeder Auftritt der handelnden Akteure geriet zu einem optischen Höhepunkt, sei es daß Ajax I + II auf Rollschuhen über die Bühne fegten oder Menelaus und Agamemnon auf ihren Rollstühlen wirbelten. Die Figuren wurden aber auch durch den jeweiligen Protagonisten besonders aufgewertet; Stefan Sevenich scheute sich nicht, seine körperliche Opulenz in die Waagschale seines Rollenspiels zu werfen - eine köstliche Leistung mit Stimme und Spiel.

Es ging ja alles um die schönste Frau der Welt, von der die Männer schwärmen. Dazu gab es nur ein Ballett mit feschen Männern, die in knapper Kleidung auch ihr Hinterteil optisch aufreizend in Szene setzten durften. Chor, Ballett und Solisten brachten so immer Schwung in die Handlung.

Gesungen und gespielt wurde dazu prächtig. Allen voran Nicole Chevalier als Helena mit schön timbrierten Sopran und Tansel Akzeybek als Paris, der seine Partie mit glanzvollen Höhen adelte. Kein Wunder, daß er auch im fränkischen Festspielhaus aktiv ist.
Aber auch alle anderen Mitwirkenden konnten sich sehen und hören lassen; so z.B. habe ich den Ajax I alias Tom Erik Lie noch in Erinnerung, als er als Wolfram von Eschenbach in Gelsenkirchen gefeiert wurde.

Der ganze Abend entwickelte auch einen travestieartigen Charme, der dem Werk von Offenbach gut tat. Wer will nicht mit der schönsten Frau der Welt gemessen werden?! Etwas Ruhe im großen Spiel gönnte man sich durch "Non, je ne regrette rien", begleitet auf dem Bandoneon von Juri Tarasenok; ein Credo für den ganzen Ablauf der Handlung.

Das Publikum ging begeistert mit und sparte nicht mit Beifall. Auffallend, daß diese TheaterShow von Barrie Kosky auch von vielen jungen Leuten besucht wurde. Da muß man sich über die Zukunft des Musiktheaters keine Sorgen machen. Wenn das Angebot stimmt, gibt es auch die Nachfrage. Weiter so!!!


Les Contes d'Hoffmann

4.3.2017 | Diese Aufführung beginnt und endet mit gesprochenen Zitaten von E.T.A.Hoffmann und der Musik von W.A.Mozart. Das ist die Klammer und Idee von Barrie Kosky für seine 2015 fertig gestellte Inszenierung. Drei Personen spielen den Dichter Hoffmann. Uwe Schönbeck spricht in deutsch als Hoffmann I die Zitate; manchmal wirkt das zu lang. Einige Stellen darf er durch Sprechgesang mitgestalten. Der Bariton Dominik Köninger ist Hoffmann II im Vorspiel des Weinkellers und bei Olympia. Der lyrische Tenor Alexander Lewis ist Hoffmann III bei Antonia und Giulietta. Gesungen wird in französischer Sprache.
Es vermischen sich die Hoffmann Darsteller in den Bildern. Nahezu immer präsent ist Hoffmann I mit seinen Kommentaren von E.T.A. Hoffmann und er agiert auch mit seinen jeweiligen Hoffmann-Partnern. Das ergibt spannenden Momente und erspart für die musikalische Fassung manch schöne oder nicht so schöne Rezitative. Die von Kaye|Keck ergänzte neue Fassung von Offenbach Fragmenten ermöglicht eine eigene Zusammenstellung der musikalischen Struktur. Vieles wird temporeicher, was man besonders im Antonia-Akt bemerkt. Das Lied des Franz, eigentlich immer ein Hemmnis der Ereignisse, fehlt dort, das macht so diesen Akt kompakter, drängender. Es wird hier im darauffolgenden Venedig-Akt vor Giuliettas Gesellschaft vorgetragen. Das wirkt logischer, wenn danach Hoffmann mit seinem Vortrag über die Liebe fortfährt.
Die Idee, die Titelfigur mit drei Darstellern zu zeigen, wirkt anfangs sehr spannend. Es ist auch musikalisch interessant, wenn diese Partie von einem Bariton gesungen wird. Das macht Dominik Köninger mit seiner lyrischen Stimme sehr eindrucksvoll. Schade nur, daß das Regie-Konzept dann doch nicht ganz aufgeht. Während Hoffmann I immer präsent ist, hat Hoffmann II zur Pause Feierabend; beim Schlußapplaus ist er schon nicht mehr dabei. Es hätte spannender sein können, wenn alle drei Darsteller sich durch die Handlung aller Akte bewegen, um das Phantastische zu verdeutlichen.
Durch seinen lyrischen geführten Tenor gelingt es Alexander Lewis, eine aufregende helle Farbe in dem Hoffmann-Trio zu entwickeln, während zu dem warmen Bariton von Dominik Köninger ein schnoddriger, sich verhaspelnder Sprecher durch Uwe Schönbeck entwickelt wird.
Im Bühnenbild von Katrin Lea Tag -von ihr kommen auch die Kostüme- dominiert eine drehbare quadratische helle Scheibe, die auch nach den Seiten kippen kann. Mehr Kulisse wird vor schwarzem Aushang für ein beeindruckendes, sich veränderndes Bild nicht benötigt. Opulente Kostüme ergänzen die Optik. Der Gag, daß unter wallenden Kostüm-Gewändern Darsteller hervorquellen, wird dann doch etwas zu stark strapaziert.
Musikalisch wurde diese Aufführung von Stefan Soltesz geleitet. Zu seiner Zeit als Intendant und GMD in Essen hatte er eine zahme und kürzere Stückinterpretation geleitet. Jetzt in Berlin folgte er der Bühne und setzt kräftige Akzente; Orchester, Chor und Solisten der Komischen Oper folgen ihm makellos. Das wird vom Publikum durch kräftigen Beifall belohnt.

Hoffmanns drei geliebte Frauen werden von einer Sänger-Darstellerin exzellent gespielt und gesungen. Nicole Chevalier gelingen die eindrucksvollen Koloraturen der Puppe Olympia, der lyrische Schmerz der kranken Sängerin Antonia und die sinnlich verführerische Giulietta. Sie hat die Lacher des Publikums auf ihrer Seite, wenn sie in einem Schubladenschrank Olympias Lied vorträgt. Selten habe ich die Verführungskunst der Kurtisane so prickelnd wie bei ihr erlebt.
Karolina Gumos kann auf einen leicht geführten Mezzo zurückgreifen. Im Mozartkostüm ist sie eher die optische Dominanz des Regie-Konzepts, als die Muse, die um das Seelenheil des Freundes Hoffmann kämpft. Dazu hat sie noch einen Auftritt als Antonias Mutter; diese Partie verlangt aber eher nach einem dramatischen Mezzo|Alt.
Je länger er sich auf der Bühne bewegt, umso eindrucksvoller in Spiel und Gesang bewegt sich Oliver Zwarg in den Rollen der Bösewichter. Da fehlt in keiner Weise die sonst gern gebrachte 'Spiegelarie', wenn man hört und sieht, wie die alternative Arie vom Diamanten von ihm gestaltet wird.
Philipp Meierhöfer hatte als travestieartiger Cochenille die Lacher auf seiner Seite. Als Crespel konnte er in der Kurzfassung des Antonia-Aktes seinen Bass ansprechend zu Geltung bringen, ebenso als schattenloser Schlémil in Venedig.
Ivan Tursic wird neben dem Puppenvater Spalanzani auch bestens in den Dienerrollen eingesetzt. Besonders in der Arie des Franz darf er zeigen, daß er über einen schönen Tenor mit sicherer Höhe verfügt. Im Weinkeller teilt er sich mit Oliver Zwarg die Sätze, die eigentlich von Hoffmanns Kollegen oder vom Gastronomen Lutter gesungen werden müßten.

Geboten wurde dem Publikum von allen eine immer interessant wirkende Geschichte um E.T.A. Hoffmann, der eine Vorliebe für W.A.Mozarts Figur der Donna Anna nicht verheimlicht. Die Inszenierung von Barrie Kosky verfügt über eine spannende Personenführung mit wirkungsvollen Bildern und wird von allen Sänger-Darstellern zu einem Ereignis gemacht. So kommt auch die wunderbare Musik von Jaques Offenbach zur Geltung, selbst wenn der Aufführungs-Abend mit der Giovanni-Ouvertüre beginnt und mit dem Giovanni-Zerlina-Duett endet. Ein Schelm, der sich darüber seine Gedanken macht.


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