Theatertipps: Aalto Theater Essen

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RIGOLETTO

19.11.2017 | Die Wiederaufnahme in dieser Spielzeit hat sich musikalisch sehr gesteigert. Unter der genauen und glutvollen musikalischen Leitung von Matteo Beltrami spielten die Essener Philharmoniker sicher auf. Auch der Chor des Aalto-Theaters Essen unter der Leitung von Patrick Jaskolka gliederte sich in das feurige musikalische Konzept bestens ein; es wurde von ihm immer schön gesungen und nicht wie in der Nähe - forciert dargeboten.

Eindeutig hochwertig war die Titelpartie mit Nikoloz Lagvilava auf der Bühne präsent. Mit großer Stimme, glanzvollen Höhen war er musikalisch und szenisch Garant für eine großartige Rollendarstellung.
Carlos Cardoso gestaltete mit leichter sicherer Höhe und Kraft seinen Herzog bis zum bitteren Ende von Rigolettos Tochter. Auch optisch bot er mit Olesya Golovneva ein junges schlankes Paar. Ihre Gilda gestaltete sie mir sicherem Sopran, der neben der notwendigern Leichtigkeit auch Kraft besaß, immer schön und gefühlvoll klang.
Tijl Faveyts gab einen gefährlichen Sparafucile. Toll, wie er als schwarzer Doppelgänger zu Rigoletto die Szene betrat und dessen zweites Ich verkörperte. Musikalisch verkörperte er diese Figur mit brennender Höhe und klarer böser Tiefe.
In den weiteren Rolllen fiel vor allem Bettina Ranch als Maddalena mit kräftigem Mezzo und Baurzhan Anderzhanov als volltönender Monterone mit rundem Bass auf.

Im Bühnenbild von Volker Thiele entwickelte Regisseur Frank Hilbrich einen schnellen Wechsel der Spielorte; nur der Wechsel zum Schlußbild brauchte etwas Zeit. Auf schwarzen Lackflächen fielen die roten Vorhänge für die Schlußphase ins Auge; wie ein Theaterspektakel schaute sich der Chor als sitzender Zuschauer das 'bad end' an. Die Personenführung war genau und führt durch die Handlung. Schon schlimm, wie der Herzog Gilda einfach nach Gebrauch rauswirft. Alle bisher missbrauchten Frauen klagen ihn und die Männergesellschaft an. Die Herren versprühen mit Clowns-Masken einen dekadenten Charme.

Die zu Kostüm und Bühnenbild eingesetzten Luftballons sieht man dann doch etwas zu oft; eindrucksvoll ist, wie zum ersten Finale eine Ballon-Puppe klagend aus Gilda's Bett aufsteigt. Aber auch Ballons und Lackflächen schmälerten auf Dauer den optischen Glanz dieser Aufführung, deren Handlung spannend bis zum bitteren Ende mit wunderbarem Gesang und Orchesterbegleitung abläuft.

Das Publikum bedankte sich mit kräftigem Beifall im gut besuchten Essener Opernhaus. Die, die bisher diese Produktion nicht besuchen konnten, sollten auf eine weitere Wiederaufnahme hoffen.


HÄNSEL UND GRETEL

11 | 2017 | Pünktlich vor Weihnachten wurde im Essener Aalto-Theater eine Neuproduktion des Opern-Klassikers vorgestellt. Musikalisch kamen die Besucher voll auf 'ihre Kosten', gab es auf der Bühne teilweise eine hervorragende Besetzung zu hören. Die Essener Philharmoniker spielten unter Friedrich Haider einen wunderbaren Humperdinck. Nicht dick aufgetragen sondern, schlank klangvoll. Die Hörner boten bereits im Vorspiel sauberstes Spiel.
Die Eltern waren mit Rebecca Teem und Heiko Trinsinger so optimal besetzt, daß man sich schon jetzt auf deren Wagner-Interpretationen im nächsten Jahr freut; Humperdinck hat schließlich für große Stimmen diese Partien geschrieben. Heiko Trinsinger singt diesmal ohne große Kraftanstrengung und Rebecca Teem gestaltet eindrucksvoll die Mutter mit großer Stimme.

Die Titelfiguren sind ebenso optimal zu hören. Karin Strobos bietet einen schlanken Hänsel und ihre Bühnenschwester Elbenita Kajtazi ist eine Gretel mit hellem, klaren Sopran, der wunderschön zu berühren weiß.
Christina Clark als Sand- und Taumännchen kann ebenso ihren klaren Sopran sicher einsetzen. Albrecht Kludszuweit als Knusperhexe begann mit schön klingendem schlanken Tenor, während ihm später in der Charakterzeichnung Schärfe fehlte.

Die Inszenierung stammt von Marie-Helen Joel. In anderen Produktionen kümmert sie sich neben kleinen Rollen auf der Bühne um Stückeinführungen für Groß und Klein und gestaltet szenische Beiträge für den Zuschauernachwuchs. Das scheint sie für die szenische Verantwortung einer großen Oper zu prädestinieren.

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck ist nun mal keine Kinderoper, selbst wenn Kinder die Hauptrollen spielen. Die Musik ist groß romantisch komponiert und die Handlung ist voller sozialkritischer Hinweise, die die Kinder von zu Hause wegbringen, während die Eltern für den Lebensunterhalt aufkommen müssen. Das wird deutlich durch Handlung und Text.
Da zeigen sich die Besucher in vielen Aufführungen immer überrascht, daß für die Kleinen gar nicht so viel dabei ist und diese unruhig auf den Sitzkissen herumrutschen. Gerade die Diskussion bei den Vorbereitungen um die aktuelle Produktion in Stuttgart kann das deutlich machen.

Die Essener Inszenierung tut alles, um das Manko der Kinderferne zu beseitigen. Bereits in der Ouvertüre sieht man ein modernes Kinderzimmer. Aus einem großen Märchenbuch kommend wird von der Figur Sand- und Taumännchen ein kleines Märchenbuch auf ein Regal gestellt. Die gar nicht so armen Eltern bringen die Kinder ins Bett; der Vater liest nun aus diesem Buch die Geschichte von Hänsel und Gretel vor, wie sie eben im bekannten Märchenbuch steht. Und im Schlaf träumen die beiden Kinder dieses Märchen weiter und verändern es mit ihrer kindlichen -sorry der Phantasie der Regisseurin- weiter.

Alle Figuren des Traumes kommen und gehen durch das große Märchenbuch. Es wird eine eigenwillige Interpretation des Märchens gezeigt, in der das Zielpublikum der kleinen Theaterbesucher immer was zu sehen bekommt, egal, was gerade gesungen wird. Armut, Hunger und Elend spielen da keine Rolle. Das Hexenhaus wird aus großen Kekstafeln gebaut, die Hexe selbst wirkt nicht so hexenhaft. Ulrich Lott hat teilweise schöne Kostüme geschaffen. Nur bei den Engeln müssen ihm Flügel gefehlt haben, was zu seltsamen Regielösungen führte.
Dem Bühnenbild fehlt viel an optischer Präsenz. Die größtmögliche Portalbreite bietet nur Raum für großflächige Tristesse; einige Weihnachtsbäume, Sterne und Möbelstücke finden dort Platz. Die Unterbühne hatte Platz für einen großen Hexen-Herd wo auch die Kinderchen des Chores mit ihren Backfiguren hantieren durften.
Je länger die Aufführung dauerte, um so mehr unausgereifte Aktionen liefen vor dem Zuschauerauge ab.

Nicht desto trotz, allein wegen der tollen Sänger, der tollen Orchestermusik und auch wegen der kindgerechten Umsetzung sparte das Publikum nicht mit Beifall, was wohl im Sinne aller ist.


DIE VERKAUFTE BRAUT

14.10.17 | Ein tschechisches Leitungsteam war für die Neuproduktion im Essener Aalto-Theater verantwortlich. Martin Kukucka und Lukas Trpisovsky zeichnen sich als SKUTR für die Regie verantwortlich. Das Bühnenbild entwarf Martin Chocholousek und die wunderbar phantastischen Kostüme entwarf Simona Rybáková. Die Ausstattungstechnik des Hauses baute einen wunderbar bespielbaren Bühnenraum; die hauseigene Maske und Schneiderei sorgte mit tollen Kostüme für die Optik der Protagonisten. Die Essener Philharmoniker spielten präzise und mit Elan unter der Leitung von Tomás Netopil.

Für die Besucher wäre es ein Fehler gewesen, der exzellent aufgespielten Ouvertüre mit geschlossenen Augen zu folgen. Es ist wirklich ein Hörgenuß, diesen schnellen Tempi zu lauschen. Aber bereits in der Ouvertüre wurde der szenischen Grundstein für die Geschichte um die verkaufte Braut gelegt.

Alles spielt in einer Turnhalle, in der das gesellschaftliche Leben des Landes oft gespielt hat. Die Mitglieder der Komödiantentruppe entwickeln die Geschichte um Marie. Aus einem Wald wird der Traummann Hans herbeigezaubert. Beide sind auch optisch ein gepflegtes Paar, das zusammen gehört.

Alle anderen Mitglieder der Gesellschaft sind Dank wunderschön typisierender Masken und Kostüme eine Augenweide und bieten den Solisten und den Mitgliedern des Chores jedwede Gelegenheit zu skurrilen Bewegungen; hier zeigt sich die ausgezeichnete Personenführung, z.B. beim Chor.

Die Inszenierung entwirft mit den Bildern kein klassisch folkloristisches Geschehen, sondern zeigt eher eine in der Jetztzeit angesiedelte Handlung. Die Turnhalle bietet durch kleine Veränderungen immer wieder neue überraschende Lichtpunkte, die das Geschehen auch optisch erweitern.

Gerade die Aktionen des Chores sind nicht nur realistisches Verhalten; aber auch die Solisten erarbeiten über schöne, oft aufgesetzte Gesten, eine optisch wirksame Typisierung. Da werden die beschaulichen folkloristischen Momente nicht mehr vermißt. So hat es mir auch nicht gefehlt, daß die 'Tanzeinlagen' durch gut erdachte Situationen und dem daraus ergebenen Spiel ersetzt wurden. Die Personenführung der Regie ist präzise und immer nah an der Handlung, die von allen Mitwirkenden mit viel Freude umgesetzt wird.

Zu dem phantastischen klaren, leichten Orchesterspiel gesellte sich ein Sänger-Ensemble, das nahezu keine Wünsche übrig lies. Jessica Muirhead ist eine Marie mit leuchtendem leichten Sopran, der auch in den dramatischen Momenten aufblüht. Ihr Tenorpartner Richard Samek ist ein junger smarter Liebhaber, dessen leichte Stimme auch in heldischen Höhen glänzt. Tijl Faveyts glänzt als Kezal vor allem mit seiner wunderschönen Höhe; eine satte Tiefe fehlt ihm leider.

Die Überraschung für mich ist Dmitry Ivanchey als Wenzel. In Essen hat er schon große Tenorpartien gesungen; jetzt adelt er mit seinem leichten, lyrischen Tenor die Rolle des unglücklichen Bewerbers; dazu sein sympathisches Spiel, das Michas 2.Sohn in den Vordergrund katapultiert.

Aber auch einige Eltern können sich durchaus hören lassen. Bettina Ranch und Peter Paul sind Maries Eltern. Karel Martin Ludvik nutzt wenige Passagen der Partie, um seine große Stimme mit Wohlklang zu füllen.

Nicht zu vergessen die Komödianten, die mit Christina Clark, Rainer Maria Röhr und Norbert Kumpf von Beginn an präsent sind, um das Geschehen voranzutreiben. Gerade hier fällt die deutliche deutsche Aussprache angenehm auf. In Essen wird ja diese "tschechische Nationaloper" in deutscher Sprache gegeben, wg. der deutschen Tradition. Die anderen Kollegen hatten, der eine mehr, die andere weniger, schon artikulatorische Einschränkungen zu bieten.

Schade, daß das Publikum, in den Zwischenszenen und beim Schlußapplaus, sich zurückhaltend zeigte. Gerade die schön erarbeiteten Szenen, dazu der musikalische Genuß, hätten mehr euphorische Reaktionen verdient. Unverständlich für mich, daß das szenische Leitungsteam für seine Leistung nicht mit stärkerem Applaus honoriert wurde. Denn ich könnte mir durchaus eine weitere Arbeit der Tschechen im Aalto-Theater vorstellen.

Einen starken Zuschauerzuspruch ist dieser Smetana-Produktion in Essen auf jeden Fall zu wünschen.


DER LIEBESTRANK - L'elisir d'amore

12.5.2017|Donizettis Oper behauptet sich seit sechs Jahren auf dem Essener Spielplan. Zu Recht, wenn man an die Möglichkeiten denkt, den hauseigenen Sängern eine Plattform zur musikalischen Profilierung zu bieten. An der unglücklichen Inszenierung von Andreas Baesler kann es daher nicht liegen, selbst wenn sich Spielleiterin Marijke Malitius bemühte, auf der optisch angenehme Bühne von Harald Thor ein lustiges Geschehen zu organisieren.
Musikalisch kann sich die Aufführung auf jeden Fall hören lassen. Francesco Lanzillotta leitete die Essener Philharmoniker leicht, locker und durchsichtig in der Partitur; nur manchmal mußte der Zuhörer die allesamt schönen Stimmen suchen, die das Orchester zu übertönen suchte.
Der hauseigene Dulcamara war erkrankt und er wurde vom Essener Premieren-Kollegen aus dem Jahre 2011 durchaus würdig ersetzt. Es war ein großes Vergnügen Roman Astakhov, wieder auf der Bühne präzis und mit starker Spiellust zu erleben. Dazu sein in jeder Lage durchsetzungsfähiger Bass, der in der Höhe besonders glänzte, der mit der satten Tiefe ebenfalls in den Parlando-Passagen die Donizetti-Partitur ausfüllen konnte.
Die weiteren Hauptpartien wurden von neuen Mitgliedern des Essener Ensembles gestaltet und da konnte sich das Aalto-Publikum über die neuen Stimmen freuen.
Elbenita Kajtazi, die ich in Berlin als Waldvogel erleben konnte. ist die neue Adina mit immer sicheren, leicht geführten Sopran, der auch in der Höhe glänzen konnte. In dem Kostüm von Gabriele Heimann war die junge Sängerin dazu noch eine Augenweide.
Ihr zur Seite eine weitere mehr als angenehme Überraschung. Der junge Dimitry Ivanchey lies seinen in allen Lagen sicher klingenden, immer schönen Tenor erklingen. Dazu seine auffallende Spielfreude, die in dieser braven Inszenierung angenehm zur Kenntnis genommen. Zusammen mit dem Kollegen Asthakhov waren beide nicht nur im Spiel eine weitere Augenweide.
Ein neuer Belcore komplettierte die neue Hausbesetzung. Ivan Thirion hatte mit seiner leichten Stimme vor allem in der Höhe mit seiner charmanten Art keine Sorgen, die Partie des Sergeanten mustergültig auszufüllen.
Christina Clark als Giannetta war Garant für strahlenden Soprantöne in den Ensembles; ihr Spieltalent, das sie in den Produktionen für Kinder des Hauses unter Beweis stellen darf, war auch für diese nicht großen Partie erfreulich.

Mit dieser aktuellen Besetzung bietet das Essener Musiktheater eine mustergültige musikalische Umsetzung.
Mit einer unbefriedigenden Szene muß sich nicht nur das Essener Haus zufrieden geben. Das passiert auch an Häusern der allerersten Liga, wenn mal wieder die Wiederaufnahme eines beliebten Werkes realisiert werden darf.
Die wenigen Zuschauer honorierten auch durch Szenenbeifall die Leistung aller und sie sind sicher gespannt auf weitere Rolleninterpretationen der neuen Sänger auf der Aalto-Bühne. Ein weitere Anreiz dazu, Roman Astakhov auf einer anderen oder der Essener Bühne zu erleben.


LOHENGRIN

4.12.2016 | Solch einen einhelligen Jubel hat das Aalto-Theater in Essen seit langem nicht erlebt - und das zu recht!!! Wagners Geschichte vom Gralsritter mit dem Schwan wurde in einer Neuinszenierung erstmals in der Ära Mulders aufgeführt. In einer Besetzung, die kaum woanders besser geboten wird und in einer Inszenierung, die mehr als eine interessante Sicht zu bieten hat, Fragen stellt und die immer -manchmal beim Chor zu viel- etwas für das Auge bietet und nie langweilig wird. Was will man da noch mehr.
Tatjana Gürbaca ist für diese genau erarbeitete Inszenierung verantwortlich. Marc Weeger schuf ein praktikables und in der optischen Wirkung eindrucksvolles Bühnenbild, bei dem er sich von Leopold Jeßners Ideen oder von denen der aktuellen Regisseurin inspirieren ließ. Eine weiße Treppe, eingerahmt von zwei hohen weißen Wänden bildet einen nach hinten immer mehr einengenden Rahmen. Die Stufen sind viel zu hoch, als daß man diese einfach begehen kann.
Silke Willrett entwarf die Kostüme. Hier auf dieser neutral gehaltene Szene leben eingeengt die Brabanter, schick angezogen mit Hemd, Bluse, gepflegter Stoffhose oder Rock, aber ohne Jacke. König Heinrich erscheint im teuren Anzug mit Pelzschärpe, seine Soldaten im eleganten grauen Militäranzug; sein smarter Heerrufer unterscheidet sich von den Mannen nur durch sein rotes Barett. Ortrud und Telramund betonen durch ihre Kleidung schon ihre herausragende Position im Lande, sie im blauen Merkel-Blazer und schwarzer Hose, er im dunklen Blazeranzug; Orden zieren als Auszeichnung für das bisherige erfolgreiche Wirken Telramunds Revers. Bei der Begrüßung des Königs zeigt Ortrud gleich, wer hier das Sagen hat - nämlich sie.
Lohengrins Erscheinungsbild wirkt nicht so elegant. In Hut und Mantel in braun gehalten hat er sich von außen kommend auf einmal unter die Leute gemischt; er sieht anders aus als die anderen, aber er ist keine strahlende Erscheinung, wirkt eher drittklassig. Elsa wird zu Beginn gleich als Hexe gekennzeichnet und zum Scheiterhaufen gezerrt. Erst als der König ihr das Hexenkleid entfernen läßt, sieht man Elsas reines weißes Kleid.
Treppen und Wände des Bühnenraums sind weiß, weißer geht's nicht. Die nächtliche Stimmung des beginnenden zweiten Aktes wird nur durch erleuchtete Fenster der Häuser erläutert; es ist also schön hell und man sieht, was zwischen den Handelnden passiert. Kleine 'Spielzeughäuser' und eine Kirche sind zu Beginn zu sehen, ehe Soldaten zum Einzug ins Münster die kleinen Häuser zu Stufen umfunktionieren, damit man überhaupt die hohen Stufen hoch kommt. Die Gesellschaft in Brabant lebt so klaustrophobisch eingeengt in schönem Weiß.
Als Volk wirkt manipulierbar - von welcher Seite her auch immer. Erst als Telramund verbannt wird, sehen alle, daß es auch eine Welt außerhalb der ihnen bekannten in Weiß gibt, aus der übrigens auch Lohengrin gekommen ist. Telramund, inzwischen auch in einer schlichten Kleidung, verschiebt bei seiner Anklage während der Hochzeit die das weiß einengenden schwarzen Portalwände. Auf einmal wird die Konstruktion der weißen Wände sichtbar; darum sieht man einen Raum, in dem sich dieses Weiß befindet und das gar nicht so standfest wirkt. Voller Staunen betrachtet die Gesellschaft diese neue Welt.
Im Vorspiel zum dritten Akt sieht man das architektonisch wunderbare Gebilde des weißen Jeßner-Weeger-Raumes. In der Verwandlung im dritten Akt zum Heeresaufmarsch dreht sich das ganze und man sieht auf der Rückseite die dunkle andere Seite der brabantischen Welt. Auf einer schwarzen Treppe wartet wieder einen Scheiterhaufen, auf dem später Elsa mit dem Tortenmesser Selbstmord begeht. Ein Rednerpult wird für König Heinrich bereit gestellt.
Die Vorgeschichte des Geschehens sieht man als Szenen bereits im Vorspiel des 1.Aktes. In einer heilen Welt kümmern sich Ortrud und Telramund um die Waisen Elsa und Gottfried. Es wird klar, Telramund will Elsa als Frau, Elsa aber nicht, sie liest lieber ein Buch und etwas von ihrem Helden.
Es wird nicht klar, warum auf einmal der Knabe Gottfried vermißt wird, er ist einfach weg. Er ist nach Lohengrins Ankunft während des Geschehens immer präsent; er ist eine gekennzeichnete Knabenfigur, die immer die Nähe zu seinem Lohengrin sucht und auch schon mal eifersüchtig wird. Bei Lohengrins Ankunft wird er von den Anwesenden als 'Schwanenfigur' auf Händen über die Köpfe aller von oben nach unten zu Lohengrin getragen. Im Brautgemach wird Gottfried vom Bräutigam dazu geholt: das kann ja nichts werden mit der ersten Nacht. Da hilft es auch nichts, wenn Elsa dieser Schwanengestalt die Bettdecke über den Kopf hängt. Als Schützer von Brabant wird Gottfried wieder im Knabenanzug den Brabantern vorgeführt. Aber das ist für den Jungen in seiner Entwicklung zu früh; er ist kaum in der Lage, richtig zu gehen; er versucht schon zu marschieren.
Musikalisch liegt alles in den Händen von Tomás Netopil. Er wählt einen wunderbar klar gegliederten Klang auch in den Übergängen, schafft riesige 'silberblaue' Klangräume, ohne derb zu wirken. Die Essener Philharmoniker folgen ihm bravourös, während zum Chor der eine oder andere Kontakt noch verbessert werden könnte. Da hat der neue Chordirektor Jens Bingert noch ein hörbares Einarbeitungsdefizit.
Die Spitzenpositionen unter den Solisten bewegen sich auf aller höchstem internationalen Niveau. Allen voran ist Daniel Johansson als Lohengrin zu nennen; es ist für ihn ein Rollendebüt. Sein lyrisch ausgestatteter Tenor ist geradezu prädestiniert für diese Rolle. Er klingt immer schön und edel; auch die dramatisch-heldischen Phasen kommen ihm scheinbar mühelos über die Lippen. Anfängliche Unsicherheiten sind schnell verziehen. Sein jugendliches Erscheinungsbild ist mehr als attraktiv; er ist ein großes schlanker Held. Die zahlreichen Aufführungen in Essen geben ihm Gelegenheit, in diese Partie 'hinein zu wachsen'; hoffentlich läßt er sich danach nicht von weiteren Angeboten für dies Partie 'verheizen' und schont seine wunderschönes 'Tenormaterial'.
Dem Titelhelden zur Seite präsentiert das Essener Haus eine Elsa aus dem Ensemble - Jessica Muirhead. Lange ist es her, daß ich eine Elsa von Brabant gehört und gesehen habe, die mit so einem schönen klaren lyrischen Sopran diese Partie gestalten kann. Sie erreicht die dramatischen Stellen ohne störendes Vibrato. Dazu ihr Erscheinungsbild und Spiel, das sie zu einem weiteren Ereignis in der Aufführung macht.
Die Gegenspieler sind 'aus gleichem Holz geschnitzt'. Heiko Trinsinger ist mit großer Stimme auch im Spiel optimal besetzt. Katrin Kapplusch ist seine Gattin Ortrud. Sie setzt ihren klaren Sopran mit schöner großer dramatischer Wirkung immer sicher ein und ist so eine würdige Gegenspielerin zum Titelhelden.
Almas Svilpa ist König Heinrich und kann seinen kernigen Helden-Bass vor allem im 3.Akt optimal einsetzen. Leider hat ihn die Regie mit seinem schönen Anzug und der dicken Brille ein wenig allein gelassen, was man von seinem Heerrufer Martijn Cornet nicht sagen kann. Der bekommt schon mal von Telramund 'eins auf die Nase'. Musikalisch konnte Martijn Cornet seinen hellen lyrischen Bariton erstaunlich gut einsetzen.

Lohengrin verschwindet verärgert und läßt alle ratlos zurück. Ortrud trauert um Elsa.
Das Publikum hat eine erstklassige Aufführung von Wagners Jugendwerk erlebt, bei der es so viel zu hören und zu sehen gibt, daß man durchaus nochmals das Aalto-Theater in Essen besuchen sollte, um die Geschichte vom Schwanenritter zu verfolgen.


HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

18.9.16 | Die Neuedition von Offenbachs phantastischer Oper ist vielerorts auf deutschen Bühnen zu sehen und hat die Theatermacher zu neuen Taten im Orchestergraben und auf der Bühne inspiriert. Viel opulentes Neues gab es seither zu sehen und zu hören.
Die Essener Fassung von Soltesz / Hilsdorf macht bereits nach dem Olympia-Akt nach einer Stunde die Pause - gute Idee. Andere Häuser warten, bis einen Akt später Antonia ihre letzten Töne ausgehaucht hat. Das hat schon mal zur Folge, daß der Zuschauer erst nach 2 Stunden in die Pause gehen kann. Bei Wagner ist man das ja schon gewöhnt; bei der Götterdämmerung habe ich da auch noch nie einen Strich erlebt.
Bei Offenbachs neuem Notenmaterial geht man lockerer mit dem Rotstift um. Scheinbar Unermeßliches der Key|Keck-Edition steht den Theatermachern zur Verfügung und verwöhnt so den Zuhörer, der manch für ihn betörend Neues hört. In Stuttgart bot man eine musikalische Fassung von ca. 158 Minuten, in Krefeld etwas 152 Minuten, in Münster ca. 135 Minuten. Da wurde fürs Auge und Ohr viel geboten.
In Essen kam man auf eine 'reduzierte' Fassung von 122 Minuten und verzichtete dazu auf die Rezitative. Gewählt wurden ausufernde französische Dialoge, was manchmal einen harten Übergang zur Musik zur Folge hat. Aber warum überhaupt die gesprochene französische Sprache? In Deutsch hätte man zumindest etwas vom Inhalt verstanden und Spannung erzeugt. Der Blick zu den Übertiteln bliebe erspart, der auch noch von der Bühne ablenkt.
Claudia Isabel Martin war für die präzise Wiederaufnahme der Dietrich-Hilsdorf-Inszenierung verantwortlich und die Protagonisten haben das mit viel Spieltalent umgesetzt. Rainer-Maria Röhr in den Dienerrollen und Marie-Belle Sandis als Muse konnten auf ihre Erfahrungen aus früheren Jahren bauen; auch musikalisch boten beide Wohlklang.
Alle anderen Hauptrollen waren neu besetzt. Umso höher ist die Arbeit aller zu werten. Besonderer Lichtblick war der junge Sébastian Guèze in der Titelrolle. Seine große und doch leichte Stimme setzt er wunderschön ein und er verzichtet nicht auf wohlklingende Spitzentöne. Mit großer Spielfreude setzt er die szenischen Anforderungen um. Es macht eine Riesenfreude, ihn in seinen Erzählungen zu verfolgen.
Baurzhan Anderzhanov ist der Bösewicht. Seine große Bass-Stimme erklimmt scheinbar mühelos jede Höhe und Tiefe; leider muß er auf die "Spiegelarie" verzichten -sie gehört ja nicht in diese Neuedition- und singt dafür aber diabolisch schön die "Brillenarie" im Venedig-Akt. Auch dieser junge Sänger ist ein weiterer Höhepunkt in dieser Wiederaufnahme.
Karel Martin Ludvik kann mit seiner leicht beweglichen Baritonstimme vor allem als Spalanzani, aber auch als Schlémil, Crespel oder Lutter punkten.
Elena Sancho Pereg besticht als Olympia mit schönen und sicheren Koloraturen und hat bei ihrem technischen Missgeschick die Lacher auf ihrer Seite.
Jessica Muirhead glänzt mit lyrischem Schmelz als Antonia; in der dramatischen Phase macht man sich etwas Sorgen, wenn man an die Elsa von Brabant denkt.
Katrin Kapplusch als Kurtisane verströmt großen Wohlklang sowohl in den dramatischen als auch in den leichten Passagen; da können sich die Essener freuen, diese Sängerin am Haus zu haben.
Friedrich Haider dirigiert die 2h02 zügig und doch locker; die Essener Philharmoniker folgen ihm mit einem großen Klangerlebnis, ohne die Sänger 'zuzudecken'. Der Opernchor meistert auch die sehr schnellen Tempi ohne Probleme und ist neben dem Orchester Garant für eine optimale Umsetzung der Offenbachschen Musik.
Die Inszenierung von Dietrich Hilsdorf in der Ausstattung von Johannes Leiacker erzählt genau mit einigen individuellen Ideen die Geschichte von Hoffmanns Erzählungen. Das Verhältnis Muse-Hoffmann interessiert ihn weniger. Bühnenbild und Kostüme verzichten auf opulente Bilder und Umsetzungen; nur kurz kommen phantastische Momente auf. Alles wirkt etwas karg, dafür aber klar.
Die von mir besuchte Aufführung -die zweite nach der Wiederaufnahme- war nicht besonders gut besucht. Schade!


IL BARBIERE DI SIVIGLIA

Als letzte Premiere der Spielzeit 2015/16 kam Rossinis 'Barbier' Anfang Juni auf die große Bühne des Aalto-Theaters. Bereits zur Ouvertüre ging es auf der Bühne zur Sache. Figaro zeigte sich gleich zu Beginn als Strippenzieher der ganzen Geschichte und dirigiert auf dem Souffleurkasten das Orchester. Aber das Publikum sollte lieber dem 'echten' Dirigenten zusehen. Denn im Orchestergraben mit den Essener Philharmonikern gab es unter der musikalischen Leitung von Giacomo Sagripanti den wirklichen Höhepunkt dieser Essener Neuproduktion.
Dem Dirigenten zuzusehen ist schon ein Genuß; aber was er aus der Partitur herausholt ist allen Lobes wert. Die Essener musikalische Fassung verzichtet auf die -für mich narkotisierenden- Wiederholungen. Aber das dauert eben alles irgendwann zu lang und man hat es, wie woanders auch, weggelassen; aber wunderbar, daß in einigen Soli und Ensembles 'kleine Striche' aufgemacht wurden. So bekam auch das geübte 'Barbier-Gehör' etwas neues. Das Orchester deckte die Solisten nie zu; jede Farbe schien der musikalische Leiter 'herauszukitzeln' und gab so den Solisten die Gelegenheit, die Stimme sicher zu führen und so ihr Können unter Beweis zu stellen. Musikalischer Höhepunkt allein durch die Orchestermusik war die 'Gewittermusik'. So differenziert habe ich das noch nie gehört; scheinbar jede Orchestergruppe lies das Wetterereignis erklingen. Die Steigerung bis zum Höhepunkt war so enorm.
Die Sänger auf der Bühne waren vom Dirigenten Giacomo Sagripanti bestens inspiriert. Allen voran die beiden Bässe Bartolo und Basilio. Der junge Baurzhan Anderzhanov als Arzt führt seinen Bass leicht und kultiviert ohne jegliche Anstrengung; seine Umsetzung der schnellen Passagen ist ein Hochgenuß. Und er fand Zeit, die Figur des Dr. Bartolo differenziert auch spielerisch zu gestalten, was ihn zur Hauptfigur der Männer-Riege macht.
Tijl Faveyts ist der Musiklehrer und stand ihn kaum in seinen Leistungen nach; sein Bass glänzt mit einer bestechenden schönen Höhe. Sein skurriles Spiel ist immer ein Hingucker.
Der junge Juan José de León ist der Graf Almaviva und glänzt mit einem sicher geführten kräftigen Tenor. Seine Stimme ist nicht optimal für Rossini, der auch locker leichte Koloraturen verlangt. Das schmälert aber nicht seinen Gesamteindruck; man hat nie Angst, daß die Stimme versagt und man hört ihm gern zu.
Georgios Iatrou ist Figaro mit einem schönen Bariton in der Mittellage. Aber seine Stimme hat zu wenig Kraft für diese Partie. Die geforderten strahlenden Töne -vor allem am Ende einer musikalischen Nummer in der Höhe- kommen kaum an. Bei den Ensembles fällt das besonders auf, da seine Kollegen ihr Bestes geben.
Kai Preußker als Fiorello machte mit seiner kleinen Bariton-Partie sehr angenehm auf sich aufmerksam; er bot eine schöne präsente Stimme, die man gerne in größeren Partien hören möchte. Karin Strobos ist Rosina, um die alles geht. Sie führt ihre schöne Mezzostimme leicht und locker durch alle Koloraturen und Arien. An de Ridder ist für den Sopran als Berta zuständig. Ihre Arie fügt sich ein in die Gesamtqualität des Ensembles; ihr Spiel als verrückte Haushälterin wertet diese Rolle enorm auf.
Jan Philipp Gloger inszeniert die Vorgeschichte zu 'Figaros Hochzeit'. Mit der Bühne von Ben Baur verzichtet er auf eine realistische Optik. Kisten, große und kleine, bestimmen den Raum. Wunderschön, wenn zu Beginn eine kleine Kiste mit roter Schleife auf der schwarzen Riesenbühne des Aaltotheaters steht, in der Rosina verschwindet und dann sich zu einer Riesenkiste mit Schleife wandelt. Fiorello hat dann Gelegenheit, in der zu überbrückenden Umbauphase sich etwas zu profilieren; daß macht Kai Preußker höchst souverän. Denn danach sieht man den Innenraum einer großen Kiste, in der sich wieder kleine Kisten tummeln - größere, in denen man sich verstecken kann, winzige für Requisiten. Lichteffekte werfen große Schatten auf die beiden großen sichtbaren Kistenwände.
Nur das 2.Finale verliert an optischer Attraktivität. Die beiden Kistenwände des Hauses öffnen sich nach hinten, was als Aktion sehr beeindruckend ist. Dort im Hintergrund stehen viele, zu viele Kisten herum und der Chor als Handwerker mit Helm posiert im Hintergrund als Handlanger von Figaro. Da waren die Herren als Musikanten eine doch schönere Augenweide in den Kostümen von Marie Roth, die auch die Solisten phantasievoll ausstaffierte.
Die Personenführung der Solisten war sehr präzise und führte erklärend durch das Geschehen in modernem Gewand. In skurrilen Posen bleiben die Solisten stehen, 'kleben' an der Wand und lassen auch 'die Zeit stehen'. Basilio taucht mit seinem mobilen Keyboard in langem Ledermantel als 'Gruftie' auf, eine Steilvorlage für Almaviva, der im 2.Teil seinen Schüler mimt.
Rosina im roten Kleid hantiert oft mit ihrer Schleife. Höhepunkt für sie ist -nachdem sie für die Hochzeit mit Bartolo dieses Kleid mit einer Abendrobe ergänzt hat-, wenn sie diese Entscheidung während der Gewittermusik durchleidet. Beeindruckend, wie Karin Strobos die Bühne dominiert.

Grundsätzlich fällt auf, daß jeder Sänger vom Regisseur sehr gut in Rolle und Spiel eingestellt ist. Leichtigkeit und Charme wird bei den Solisten im Laufe der zahlreichen Vorstellungen hinzukommen. Denn das ist der Essener Rossini-Produktion zu wünschen, die sicherlich erfolgreich für einige Jahre den Spielplan zieren wird.


ELEKTRA

Nicht vor allzu langer Zeit stand Richard Strauss' Musikdrama sehr erfolgreich auf Essens Opernbühne. Die 'Opernsängerin des Jahres' gab die Titelpartie. Auch die anderen Mitwirkenden aus dem Haus konnten sich unter Leitung des damaligen Hausherrn Soltesz sehen und hören lassen. Unter neuer Leitung muß sich dieses Werk auf der Aalto-Bühne neu beweisen.
Aber - sehr beeindruckend leitete GMD Tomas Netopil die Essener Philharmoniker im rappelvollen Orchestergraben. Nicht Tuttikraft, sondern langsam gewählte Tempi bestimmten den opulenten Musikklang. Das gab dem Hörer Gelegenheit, auch kleinere Schattierungen der Partitur zu genießen; die dramatischen Passagen knallten umso mehr in den Klangraum hinein. Ohne Fehl und Tadel folgten die Essener Philharmoniker dem Dirigat und machten so den Musiktheaterabend zu einem Erlebnis.
Aber da gab es auf der Bühne auch noch Sänger, die in der Regie von David Bösch agierten. Da das eine Kooperation mit der Oper Antwerpen|Gent ist, durfte der Essener Spielleiter Frederic Buhr die Essener Szeneneinstudierung leiten; hatte er doch in Belgien dem Regisseur assistiert.
Irgendwie hatte man das Gefühl, daß der letzte Feinschliff in der Personenführung und die Einstellung der Sänger fehlte. Die größten Akzente für die Inszenierung kamen von dem Ausstattungsteam Bannwart|Wolgast und dem Lichtdesign von Michael Bauer. Leichen fallen vom Himmel und hängen in einer blutrot beengt wirkenden Halle; sie bestimmen nun die Atmosphäre in dem großen Einheitsraum. Elektras Kinderzimmer nebst Bett ist dort untergebracht. Eine große Treppe zu Klytämnestras Tür bildet den Hintergrund in der riesigen Rückwand, an der zu Ende Blut herab rinnt. Nicht das Beil, sondern Messer sorgen für den Tod fast aller Protagisten. Endlich mal ein Bühnenraum, der meist hell war und kein Einheitsdunkel bot.

Gut, daß Übertitel für den gesungenen Text parat waren; denn kaum jemand glänzte durch Textverständlichkeit.
Rebecca Teem profilierte sich in der Titelrolle, je länger sie sich in die Rolle hineinfand. Sie wirkte wie ein kleines zartes Wesen mit großer Stimme, an dem auch die Kostümbildnerin Meentje Nielsen erheblichen Anteil hatte. Sowohl in den stillen Phasen, als auch in den dramatischen Momenten konnte sie ihre schöne Stimme als Elektra entsprechend einsetzen.
Den Kostümvorteil konnte ihre Bühnenschwester Katrin Kapplusch für die Rolle als Chrysothemis nicht ausspielen. Sie wurde im Stil der 50er Jahre mit Petticoat ausstaffiert, was ihrer Physiognomie im Zusammenspiel mit ihrer Bühnenschwester nicht entgegenkam; da hätte man sich für die Rollenträgerin in Essen etwas anderes ausdenken können. Sie setzte ihren klaren Sopran sicher für diese Partie ein; eine Paradepartie für diese Strauss-Oper ist das für sie aber nicht.
Aber da gibt es ja noch Doris Soffel als Klytämnestra. Ihr Auftritt war das Ereignis des Abends auf der Bühne. Sie dominierte durch Stimme und Spiel die Szene. Die herabhängenden Nabelschnüre der Leichen gaben ihr Nahrung für ihre grausamen Taten; aber diese Opfer rächten sich bei ihr ja bereits durch qualvolle Träume. Die Szene mit Elektra wurde durch Doris Soffel zum spannenden Höhepunkt des Abends.
Da konnte Almas Svilpa als ersehnter Orest noch so seine bewährte Stimme für diese Partie einsetzen; die Regie lies diesen wichtigen Rollenträger ein wenig blass wirken. Bart Driessen als sein Pfleger wirkte in Stimme und Spiel sehr präsent. Auch Rainer Maria Röhr als neuer Hausherr Aegisth konnte sich sehr gut behaupten. Wie bei ihm, bei Bart Driessen und dem alten Diener von Michael Haag fiel die Textverständlichkeit positiv auf.

Dem Musiktheaterfreund sei diese Aalto-Aufführung gerade dann empfohlen, wenn er die Eindrücke der alten Inszenierung noch ein wenig in Erinnerung hat. Die Essener Philharmoniker sind dazu neben Doris Soffel der Höhepunkt im Essener Opernhaus.


DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

Die Inszenierung von Jetske Mijnssen hält sich nicht an die inhaltliche Vorgabe von Mozarts Librettisten Gottlieb Stephanie dem Jüngeren. Kein damals populärer orientalischer Handlungsrahmen, sondern ein neuer Ansatz, um die komplizierte Beziehung zwischen Mann und Frau aufzurollen. Zwei Frauen stehen im Beziehungs-Konflikt zu jeweils zwei Männern. Konstanze zieht ein in Bassa-Selims Haus mit voll gepackter Tasche; diese bleibt aber unausgepackt bis zum Schluß an der Rampe stehen. Bassa Selim feiert seinen 40. Geburtstag; in seiner Midlifecrisis genießt er seine Beziehung zu Konstanze; diese Liebe wird von ihr erwidert. Belmonte hat eigentlich nur die älteren Recht an seine Partnerin, auf die sie scheinbar Rücksicht nimmt.
Auch bei Blonde und Osmin: sie will ihn. Der Anspruch Pedrillos an ihre Freundschaft und Liebe wird nur so weit erfüllt, daß ihre andere Beziehung nicht aufgegeben wird. Bei der "Flucht" im Finale verschwindet sie doch lieber mit Osmin.
Musikalisch liegt die Wiederaufnahme aus dem Jahre 2012 nun im Jahre 2015 in den Händen des jungen Jonathan Cohen. Selten hat man einen Dirigenten gesehen, der mit so viel Spaß an der Partitur sein Orchester führt. Die Essener Philharmoniker folgen ihm leicht und präzise und decken nie die Bühne zu.
Das Problem bei vielen Mozart-Partien ist ja leider, daß Stimmführung und Stimme die Qualität des Protagonisten offenbaren.
Auf der Bühne gibt es hör- und sichtbar ein Tenorproblem. Michael Smallwoods Stimm-Material ist zu leicht für den Belmonte; dafür kann er nichts, wenn er besetzt wird. Bei ihm muß man immer Angst haben, daß die Stimme weg bricht. Aber an der Artikulation muß er arbeiten; es heißt nicht "Leiten" und "Freuten"; da gehört ein weiches "d" gesungen. Was auch in dieser Partie auffällt, darstellerisch wirkt er oft übertrieben und unbeholfen.
Als Gast aus Gelsenkirchen durfte sich nach seinem Pedrillo 2009 dort in Essen E. Mark Murphy bewähren. Darstellerisch machte er seine Sache mehr als ordentlich. Aber bei seiner Paradearie "Auf zum Kampfe" bricht ihm die Stimme weg; auch sonst machte seine Stimme keinen nachhaltig positiven Eindruck. Nach einem Vorsingen wäre er damit nicht engagiert worden.
Tijl Faveyts gibt den Osmin und ist eine auch optisch junge und ansprechende Figur in Stimme und Spiel. Bei seiner wunderschönen Höhe vermißt man kaum die profunde Tiefe, die diese Partie leider auch hat.
Das machen die beiden Kolleginnen hörbar besser. Christina Clark als Blonde bewegt sich in der Partie und auf der Bühne souverän, auch wenn ihre Stimme etwas klein ist.
Immer noch ein Höhepunkt ist Simona Saturová als Konstanze, die höchste Mozart-Ansprüche erfüllt. Auch vermag sie in der Darstellung das Regiekonzept glaubwürdig zu gestalten.
Maik Solbach spielt wieder Bassa Selim, ein in die Jahre gekommener Softie. Gut, daß diese Rolle mit einem Schauspieler besetzt wurde, konnte so doch die Regie-Intention klar verdeutlicht werden.
Es ist für den Zuschauer hilfreich, mindestens zwei Mal sich diese Inszenierung anzusehen. Die weiß gehaltene Bühne von Sanne Danz mit ihren verschachtelten Portalöffnungen ist ein optischer Genuß. Aber man sieht und hört eine andere 'Entführung', an die man sich gewöhnen muß. Die Dialoge sind neu gefaßt und die Musiknummern finden in der Reihenfolge der Handlung einen anderen Platz, alles um die andere Geschichte zu verdeutlichen. Zum guten Schluß ertönt noch einmal die Ouvertüre und man sieht Konstanze. Wohin geht sie mit ihrer vollgepackten Tasche? Fängt die ganze Geschichte wieder von vorne an oder was?
Mehr als ein Grund, damit 'Die Entführung aus dem Serail' auf dem Spielplan des Essener Opernhauses erhalten bleibt.


COSI FAN TUTTE

Es wurde versucht, eine arg verstaubte Inszenierung aus dem vorigen Jahrhundert mit neuen Sängern (bis auf Despina, die hat das schon mal gemacht) wieder zu entstauben. Vor allem lohnt sich ein Besuch, um Sharon Kempton als Fiordiligi zu erleben. In Stimme und Spiel beherrschte der Gast die Bühne und bekam entsprechend umjubelten Applaus. Die Damenriege mit Christina Clark als Despina und Karin Strobos als Dorabella konnte ein wenig mit ihr mithalten. Die Herren müssen noch -einer vor allem stimmlich- in die Rollen hineinwachsen; Martijn Cornet war ein ansehnlicher Guglielmo und Michael Smallwood Ferrando. Baurzhan Anderzhanov als Don Alfonso ließ wieder mit seinem herrlichen Bass aufhorchen.


FIDELIO

Je länger die Aufführung dauerte, umso mehr fragte man sich, warum denn diese tolle Inszenierung von Dietrich Hilsdorf vom Spielplan des Essener Opernhauses verschwand. Nun gut, da gab es die nackten weiblichen Brüste, der Priester der eine Nonne begattete, aber das konnte man von Hilsdorf in früherer Zeit erwarten, aber gleich jahrelang nicht mehr spielen?

Bei der Furtwängler-Einspielung konnte man schon einen Eindruck haben wie das klingt, wenn ohne Dialoge Beethovens Werk aufgeführt wird. Umso packender die Wirkung auf der Theaterbühne im Essener Aalto-Theater; dort fehlten so gut wie alle Dialoge, kein in schlechtem Deutsch gesprochener Text und trotzdem wurde die Geschichte von Florestan und seiner Leonore spannend erzählt. Eine Musik-Nummer folgte der nächsten. Nur minimal mußte die Regie erläuternd eingreifen und etwas zu viel Phantasie walten lassen; etwa, wenn Florestan sich für eine von ihm gefundene Flasche Schnaps bedankt, wo von der Dialogvorlage eigentlich Leonore ihm etwas zu trinken gibt. Zu Beginn während der Ouvertüre wurde schon der Geschlechtertausch offensichtlich. Leonore war verkleidet als Mann und Florestan mußte in Frauenkleidern ausharren. In Obertiteln wurde das Geschehen in Zitaten und Hinweisen kommentiert. Auf der Szene fehlen nahezu inszenatorisch jegliche Vergleiche zu totalitären Staaten und deren Dienern. Der Mensch und sein Handeln steht im Mittelpunkt der Handlung.
Bühnenbild und Kostüme von Johannes Leiacker bleiben historisch. Eine schönes Landschaftsgemälde als Hintergrund in Roccos Stube mit offenem Fenster, durch das man beobachtet wurde. Eine Zahlenkolonne als Streifen umrahmt diesen Raum. Zum zweiten Akt hebt sich diese Wand und man sieht einen riesengroßen Kerkerraum, in dem Körper liegen - und wieder diese Zahlenkolonne. Die Regie in dieser Wiederaufnahme wirkt mit vielen Neubesetzungen sehr frisch. Rainer Maria Röhr ist auch ein musikalisch guter Original-Jacquino mit auffallend detailliertem Spiel. Christina Clark spielt frisch mit ihrem schönen kleinen Sopran. Jeffrey Dowd ist Don Florestan, damals und heute wieder eindrucksvoll in Stimme und Spiel.
Katrin Kapplusch ist nach der Lady Macbeth und der ersten Dame nun Leonore Florestan und das macht sie hervorragend. Ihre Stimme hat die notwendig dunkle Farbe in der Mittellage. Da stört es nicht, wenn sich die dramatischen Spitzentöne nicht ganz abrunden. Sie ist eine Bereicherung für das Aalto-Ensemble.
Heiko Trinsinger ist nun der Bösewicht Fernando, eine Partie, die ihm in Stimme und Spiel bestens liegt. Zum Schluß darf er an das weibliche Publikum Lilien verteilen. Zwei Wotan-Darsteller durfte man auf der Bühne erleben. Almas Svilpa im tiefen Fach des Rocco; hier durfte er seine Stimme in einer seriösen Basspartie einsetzen. Sicherlich eine gute Idee, seine Stimme nicht nur mit Kraft im Heldischen zu bewegen; das ist ausbaufähig. Für den erkrankten Kollegen sprang ohne Fehl und Tadel Ralf Lukas als Minister ein. Das befreite Volk führt diese Figur anklagend als Karikatur vor.
Stefan Klingele leitete die Essener Philharmoniker und führte sie zu einem inspirierenden Beethoven-Klang; die Hörner hatten allerdings nicht ihren besten Tag. Ach ja, warum wurde dieser tolle Fidelio so lange nicht aufgeführt: Im großen Finale schloß sich auf einmal der eiserne Vorhang und beendete scheinbar die Handlung. Doch dann ging es weiter. Alle, Chor, Soli, standen an der Rampe, das Orchester war auf Bühnenniveau hochgefahren und man brachte so konzertant noch einmal den finalen Jubelchor. Diese Regie-Idee muß wohl später jemandem, z.B. einem Dirigenten, nicht gefallen haben.
Das Publikum war zurecht begeistert. Ein Fidelio ohne Pause bei einer Spielzeit von 1h50, der sicherlich nicht wieder so lange in der Versenkung verschwunden bleibt


WERTHER

Die Original-Vorlage von Goethe wird im nächsten Jahr vom Essener Schauspiel gezeigt. Massenets lyrisches Drama wird selten gespielt, wurde aber auch bereits im Grillo-Opernhaus gezeigt und nun neu im Aalto.
Die Regie von Carlos Wagner, wirkte etwas altbacken. Er erzählt genau, ohne aber szenisch und durch Personenführung die Tiefe der Gefühle ausloten zu können. Die realistische Ausstattung von Frank Philipp Schlößmann wurde immer wieder durch weite Öffnungen in die Natur vergrößert, was den romantischen Aspekt des Sujets wunderschön unterstützte.
Musikalisch war die Aufführung bei Sébastien Rouland in den besten Händen. Die Essener Philharmoniker schwelgten unter seinem Dirigat. Abdellah Lasri ist Werther und er singt diese Partie famos und nahezu makellos; darstellerisch könnte er noch mit dem Regisseur etwas arbeiten. Michaela Selinger ist Charlotte mit weichem Mezzo; leider hört man in dramatischen Phasen in der Höhe ihre Grenzen. Auch die kleinen Rollen waren bestens besetzt mit Christina Clark als Schwester und Tijl Faveyts als ihr Vater. Heiko Trinsingers Albert fehlte ein wenig der Glanz.
Auf jeden Fall ist diese Aufführung hörenswert und sicherlich auch sehenswert; wann bekommt man das schon mal ohne große Einschränkungen auf der Bühne geboten.


UN BALLO IN MASCHERA - Ein Maskenball

Es sind schon 15 Jahre her im Aalto-Theater, daß Dietrich Hilsdorf Inszenierungs - Deutung von Verdis 'Maskenball' dort Premiere hatte. Viel hatte ich nach der langen Zeit nicht mehr in Erinnerung, außer die baumelnde Leiche am grauenvollen Ort und die Übertitel, die keine waren. Meine Verdi-Lieblingsaufführung wurde das nie. Da konnte so gut wie nichts an den enormen Eindruck des "Don Carlos" aus dem Jahre 1988 anschließen; auch die Aida nicht, zu der auch Johannes Leiacker ein atemberaubendes Bühnenbild schuf; für den Maskenball schuf ein mit schönen Malereinen ausstaffierten Einheitsraum. Zu manch anderem jetzt auf der Opernbühne ist diese Inszenierung auf jeden Fall ein Gewinn.

Carolin Steffen-Maaß war für die szenische Wiederaufnahme verantwortlich und gab dem Betrachter den Eindruck, daß präzise agiert wird, obwohl doch fast jeder neu besetzt wurde; sie hat das alles schön 'entstaubt'. Hilsdorf zeigte 'Theater auf dem Theater', erzählte irgendwie die Handlung und inszenierte nach dem Königs-Mord noch den Applaus, den der 'Ermordete' strahlend in Damengarderobe auskostete. Da schienen selbst die beiden Verschwörer im Zuschauerraum erstaunt, als aus dem 'off' ein Pistolenschuß ertönte und der König tot umfiel. Politisiert wurde in dieser Inszenierung nicht, eher das Triviale der Liebesgeschichte mit dem gehörnten Ehemann heraus gearbeitet.
Das unterstützten auch die Übertitel von Norbert Grote, zu denen ich nur mal schaute, wenn das Publikum stärker lachte. Denn in der Überschrift gab es keine wörtliche Übersetzung des aktuellen Gesangs, sondern eine humorvolle Inhaltsangabe.
Musikalisch war die Wiederaufnahme am 27.11.2015 bei Matteo Beltrami in guten Händen. Die Essener Philharmoniker boten einen schlanken, durchsichtigen Klang, der Chor und Solisten nie zudeckte; alle boten so für mich auch einige schöne neue Höreindrücke.
Katrin Kapplusch als Amelia zeigte sich in Stimme und Spiel wieder in bester Form und zeigte dem Publikum mit ihrem schönen klaren Sopran, daß diese Partie durchaus von einer 'deutschen dramatischen Stimme' besetzt werden kann. Sehr lustig - im Foyer gab es einen CD-Mitschnitt anno 1955 in deutscher Sprache mit Birgit Nillson.
Einen ungetrübten Genuss bot Ieva Prudnikovaite als Ulrica. Mit voller, großer und schöner Stimme füllte sie ihre Rolle mit engagiertem Spiel zur Freude aller aus. Schade, daß sie dem Essener Haus inzwischen nur noch als Gast zur Verfügung steht.
Christina Clark als Page Oscar hielt das hohe Niveau bei den Protagonistinnen. Sie hatte auch Glück, daß ihre etwas 'kleine' aber feine Stimme nie vom Orchester zugedeckt wurde; selbst in den großen Szene war sie präsent.
Ohne Fehl und Tadel bei den Herren waren die beiden Verschwörer. Mit Bart Driessen und Baurzhan Anderzhanov waren die ersten Kräfte des Hauses besetzt; die tiefen Bässe sind in Essen ja mit ausgezeichneten Solisten sortiert.
Michael Wade-Lee konnte seinen guten Eindruck als Kalaf beim Riccardo an diesem Abend nicht wiederholen, da man immer wieder den Eindruck hatte, daß das eine schwere Partie ist: zu wenig schön gesungene Phasen, Kraft in der Stimme mit Schärfe; manchmal gelang das angepeilte Ziel nicht.
Luca Grassi ist den Essenern aus der sensationellen "La Straniera" bekannt und konnte mit seiner wohl tönenden Stimme die Zuschauer erfreuen. Leider 'kippte' in seiner zweiten Arie zu Anfang kurz die Stimme weg; das war wohl eher ein Problem der Konzentration. Das Publikum hat das vergessen und seine Leistung beim inszenierten Beifall gebührend honoriert.
Die kleineren Partien waren ansprechend aus dem Haus besetzt. Georgios Iatrou als Silvano wirkte auch in dieser Partie mit seiner klein wirkenden Stimme etwas blass. Wie soll er in großen Partien über die Rampe kommen?
Alles in allem ist die Wiederaufnahme auf der Opernbühne des Essener Stadttheaters eine Bereicherung des aktuellen Spielplans.


DIE ZAUBERFLÖTE

Die Essener Oper war am 10.1.2016 im sprichwörtlichen Sinn das Stadttheater, denn viele junge Zuschauer waren im ausverkauften Aalto-Theater dabei, als Mozarts Oper an einem Sonntag-Nachmittag aufgeführt wurde. Bis auf einige wenige Hartnäckige war man konzentriert bei dieser doch langen Oper bei der Sache.
Das lag vor allem an der Inszenierung von Ezio Toffolutti, der auch die Ausstattung entwarf. Es gab immer was zu sehen, die Szene änderte sich, kaum merklich oder beeindruckend mit verschiebbaren Wänden, Böden und Inventar. Seine Kostüme waren unaufdringlich, ausgefallen und bunt.
Die Deutung des Werkes kam ohne psychologische Kniffe zwischen Gut und Böse aus. Alles passierte als Taminos Traum und da konnte passieren was wollte, mit vielen Tieren wie Schlangen, Löwen oder Clowns und anderen lustigen Figuren. Feuer und Wasser wurde mit naiven, theatralischen Mitteln gezeigt. Die Welt der Erwachsenen waren Taminos Umfeld. Da gab es viel zu sehen und zu hören.
Held des Abends -und das zu recht- war Martijn Cornet als Papageno. Selten habe ich eine so sensible Darstellung für diese Rolle erlebt. Kein grober Heldenbariton, sondern ein junger sympathischer Sänger mit riesengroßem Spieltalent und einer schönen lyrischen Stimme. Bei seinen Dialogen verstand man jedes Wort, das immer wohl gesetzt war.
Als Königin der Nacht brachte Hila Fahimi ihren leichten Sopran mit allen Koloraturen perfekt zu Gehör; ihre beiden Arien waren so ein musikalischer Höhepunkt des Abends. Maartje Rammeloo als Pamina kam mit Stimme und Spiel mit ihrer Rolle gut zurecht. Von den drei Damen fiel vor allem Jessica Muirhead als 1. mit schön geführtem Sopran auf.
Wo viel Licht ist, ist leider auch Schatten. Selten in einer Aufführung habe ich ein Tenorproblem so offensichtlich wahrgenommen wie an diesem Abend. Da glänzten die zwei Sänger mit den kleineren Partien im direkten Hörvergleich zu ihrem Kollegen vom ersten Fach, dessen Stimme unangenehm flach klingt.
Der Tamino von Michael Smallwood konnte nur durch sein Spiel Akzente für diese Hauptrolle setzen. Selbst der Tenor des ersten Priesters von Joo Youp Lee kam ansprechender über die Rampe.
Und dann gab es ja noch den bösen Monostatos. Der war bei Fritz Steinbacher aller bestens aufgehoben. Er verstand es, die Figur mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz in seinen kurzen Szenen in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Sowohl sein großer, schöner ansprechender Tenor als auch seine deutliche Dialoggestaltung bezeugten seine großartige Leistung.
Die Essener Philharmoniker wurden von Johannes Witt sicher geleitet. Der junge Kapellmeister verstand es zudem, vor allem in der Ouvertüre eigene Akzente zu setzen. Die Farben der Partitur und die Sänger brachte er wunderbar zu Gehör, was zu dem Erfolg dieser 12-jährigen Inszenierung beitrug.


DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Die Premiere der Inszenierung von Barrie Kosky im Essener Opernhaus liegt nahezu 10 Jahre zurück. Erfreulich, daß die Wiederaufnahme am 9.1.2016 wieder spannend und frisch präsentiert wurde; Ed Spanjaard leitete diesmal die Essener Philharmoniker, die sich schnell mit seinem Dirigat anfreunden konnten.

Marijke Malitius war für die szenischen Wiederaufnahme verantwortlich und konnte auf Almas Svilpa in der Titelrolle bauen, der neben anderen bereits in der Premiere mit Stimme und Spiel auftrumpfen konnte. Der Holländer ist eine Parade-Partie für ihn, bei der er seinen tiefen Bass und unangestrengte Höhen einsetzen konnte.
Das Stück wird aus Sentas Sicht gezeigt. Ort der Handlung ist hier irgendwo in der Jetztzeit. Nur zur beruhigenden Einstimmung des Zuschauers sieht man vor geschlossenem Vorhang beim Einlaß auf der Vorbühne graue Felsen. Öffnet sich der Vorhang, geht der Blick auf eine Hausfassade mit vielen Fenstern, aus denen Männer Senta begaffen; Seefahrer Romantik mit Schiff und Natur entfällt.
Von Beginn an verfolgt die rotköpfige Senta als Objekt der Begierde mit zwei Doubles das Geschehen; selbst die Angestellten im Haus Daland gehen grob mit ihr um. Senta träumt sich ihren Helden herbei, der durch ein Betonloch in das Geschehen hinein bricht. Die Seemanns-Szene des dritten Aktes ist ihr Albtraum. Viele Sentas treiben es bunt, zu bunt mit Gerippe als Sexpartner und Geburt eines Gnoms. Die Bühne wimmelt voller Senta-Figuren. Senta rettet sich aus dieser Traum-Situation mit der Ermordung des Holländers und verharrt mit verklärendem Blick.
Magdalena Anna Hofmann war die neue Senta auf der Aalto-Bühne und bewältigte diese Aufgabe mit faszinierendem Spiel. Auch musikalisch konnte sie mit ihrer vollen Sopranstimme diese Partie wohl klingend gestalten; leider fehlten ihr für einige Momente in den Spitzenlagen die notwendigen Mittel.
Tijl Faveyts war wieder ein wohl tönender Daland mit großer heller Stimme; er konnte besonders mit seinem Spieltalent in dieser Rolle auftrumpfen und es war ein Vergnügen, ihn zu erleben.
Schade, daß das Essener Opernhaus nicht voll besetzt war; denn diese Aufführung hebt Essen über das Stadttheater-Niveau hinaus und wurde dementsprechend mit Beifall gefeiert. Richard Wagner ist für viele das Maß aller Dinge.


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